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Lily

 

Lily

Lily ist – war eine Agnesti. Eine junge Frau gerade zwanzig Sommer alt, mit langen dunkelblondem, glatten Haar, die bis auf ein paar widerspenstige Strähnen zu einem schulterlangen Pferdeschwanz zusammengebunden sind. Ihr weiblich runder, 1.70 m großer Körper ist durchaus athletisch, wenngleich auch etwas unterernährt. Ihre Haut, obwohl Sonne und Wetter ausgesetzt, eher blass und von unzähligen kleinen und größeren Narben übersäht, die aber gut und unscheinbar verheilt sind.

Als sie auf Hom ankam, glich sie einem unbeschriebenen Blatt – alle Tätowierungen waren entfernt worden, als sie verstoßen wurde, und hinterließen nicht nur oberflächlich schmerzende Narben, und sie kannte niemandem den sie sich anvertrauen konnte. Erst nach einigen Wochen entschied sie, sich den Rächern anzuschließen, boten sie ihr doch die Möglichkeit gegen die Z'bri zu kämpfen – etwas, was die von ihr bewunderten Johanni schon viel zu lange vernachlässigten. Lange versuchte sie die vom Stammeszeichen hinterlassene Narbe auf ihrer Stirn hinter langen ins Gesicht fallenden Strähnen zu verbergen, aber mit der Zeit bei den Rächern wuchs auch ihr Stolz. Schon bald, nachdem die Wunde vernarbt war, ließ sie sich ihr neues Zeichen stechen, aber die widerspenstigen Strähnen und das damit verbundene Nicken des Kopfes, um eine freie Sicht zu bekommen, blieben.
Es dauerte noch einige Zeit bis Lily Camillia Uhan'on, eine begnadete Schmiedin, und ihre etwas eigenartige Freundin Fiona kennen lernte, noch später auch Cal Grav'kin, einen bemerkenswerten Heiler. Es ist wohl einem Wink der Göttin zu verdanken, dass sie mit diesen dreien auszog, um das Verschwinden einiger Gefallener zu untersuchen und eh sie sich versah, fand sie sich mit ihren Gefährten in einem Kampf um Leben und Tod gegen einen Melanis und seine Lakaien wieder. Dieser war es auch der ihr ihre Erinnerungen an die Zeit vor der Verbannung raubte – nichts war geblieben – nichts bis auf den Schmerz, aus der Liebe der Fatima ausgestoßen zu sein. Bis heute bleiben ihr nur Indizien zu ihrer Vergangenheit, die eher neue Fragen aufwerfen, als Antworten zubringen. Wann und warum hatte sie den Osten der Wilden Lande besucht und dort ihr Zeichen gleich neben dem von Tania Berl'kin hinterlassen? Wieso ist der Z'bri Lord Kynit beim Durchqueren der Zitadelle auf sie aufmerksam geworden? Stimmt es, wie er behauptet, dass sie früher an seiner Seite stand? Hatte sie die Stämme verraten und ist deshalb verbannt worden? Fragen, die sie immer wieder in tiefe Zweifel stürzen.

Aber auch sie hat sich seit den frühen Tagen der Verbannung verändert. Neue Narben und Schrammen sind hinzugekommen, und es sähe wohl noch sehr viel böser aus, wäre Cal nicht in ihrer Nähe gewesen. Statt der erbärmlichen Kleidung, mit der sie über die Brücke der Gefallenen getrieben wurde, trägt sie nun eine Rüstung aus schwerem Leder, statt der Machete und Dolch, ein Lang- und ein Kurzschwert. Auf ihren Wangen ist nun unter zwei breiten Linien, die ihre blauen Augen betonen, dank Fiona das flammende Auge der Flammen der Wahrheit zu sehen. Als einzigen Schmuck trägt sie eine ca. 1.5-2 cm große, bewegliche Puppe aus kleinen auf Fäden aufgezogenen durchbohrten Kügelchen, die von ihrem linken Ohr herabhängt. Auch sie hätte gerne einen Onto als Ohrstecker, kann aber mangels Geduld nicht wirklich Schnitzen, weshalb sie wohl Fiona fragen wird, ob sie ihr einen anfertigen kann.
Was ihr Auftreten angeht, hatte sie immer ein Faible für die Johanni und das, wofür sie ihrer Meinung nach stehen sollten: Verteidigung der Schwachen, Durchsetzung von Gerechtigkeit (wobei ihre Definition ausschlaggebend ist) und der Kampf gegen die Z'bri. Sie hasst es, manipuliert zu werden, und kann einen erstaunlichen Dickkopf entwickeln, wenn etwas ihrer Meinung nach getan werden muss. Inzwischen hat sie jedoch gemerkt, dass zu schmollen oder wütend zu werden bei Erwachsenen meist wenig positive Effekte hat, weshalb sie jetzt eher diskutiert oder einfach handelt, je nachdem was ihr erfolgversprechender erscheint. Auch wenn sie es hasst, manipuliert zu werden, ist es nicht so, als würde es nicht leicht passieren, da sie bisweilen eine bemerkenswerte Naivität an den Tag legen kann. Merkt sie, dass sie ausgenutzt wurde, kann sie durchaus ein Verhalten an den Tag legen, das von bösen Zungen als Jähzorn bezeichnet werden könnte. Auch wenn es im Moment vielleicht nicht so klingt, ist sie stets bemüht, mit allen, vor allem mit denen, die sie mag, gut auszukommen und allen Facetten des Lebens etwas Gutes abzugewinnen.

Auch sie beginnt den Tag mit einem Gebet am Ontoschrein, um danach den alltäglichen Mühen wie Holzsammeln oder Schlingenlegen im Wald nachzugehen. Nach wie vor lässt sie sich pflichtbewusst mit anderen Rächern für Wachen zur Verteidigung Homs einteilen oder verbringt einfach so Zeit mit anderen Rächern in der Schrotte, wobei seit kurzem immer wieder die Nähe Porelyn sucht und auch findet. Von dem Tempel hält sie sich, wann immer es geht, fern, da die ihr die Dunklen Propheten trotz Fiona noch immer unheimlich sind. Auch das Gerede der Lichtbringer am Käfig empfindet sie bisweilen als zu anstrengend, als dass sie sich oft dort aufhalten würde. Seit der Ankunft von Lilith begibt sie sich aber immer wieder an ihr Feuer, um dort die Liebe der Fatima zu spüren.
Sie plagen zwiespältige Gefühle. Zum einen Sehnsucht nach der Wärme der Fatima, zum anderen noch immer die Wut und die Furcht vor den Z'bri und damit die Verbundenheit zu den Rächern. Zu gerne würde sie Lilith einfach folgen, aber haben das nicht schon zu viele getan? Wird dieses zerbrechliche Gefüge auf Hom nicht aus dem Gleichgewicht geraten? Was, wenn es die Rächer nicht mehr gibt? Werden dann nicht die Stämme oder Heriten ihre Chance nutzen? Oder werden gar die Z'bri über die Kinder des achten Stammes herfallen und sie vernichten - oder noch schlimmer versklaven? Sie hat die Macht und Kraft von Lilith mit eigenen Augen gesehen und am eigenen Leib gespürt, und doch ist sie sich nicht sicher, ob die Ankunft von Lilith die Gefallenen stärkt oder durch wachsende Zwietracht empfindlich schwächt. Nur in einem Punkt ist sie sich sicher; wenn es gegen die Z'bri geht, wird sie fest an Lilith Seite stehen. Bis zu diesem Tag wird sie aber versuchen, nicht ihren Sehnsüchten nach Geborgenheit nachzugeben.
Den letzten Besuch in den wilden Landen wird Lily nicht in allzu positiver Erinnerung behalten. Da war zum Beispiel die Begegnung mit den Magdaleni. Als Tania Berl'kin Lily erblickte, wirkte sie im ersten Moment freudig überrascht, im nächsten Moment war sie jedoch voller Wut und hätte sie wohl am liebsten getötet. Worte von Verrat wurden getuschelt. Woran Lily keine Erinnerung hat, stellt sich für Camillia ganz klar dar: Lily war mit Tania befreundet und hat die Magdaleni in die wilden Lande begleitet, weshalb die Zeichen in dem Garten zu finden waren - und dann hat Lily sie an die Z'bri verraten. Cal ist sich noch nicht völlig sicher, scheint aber der Theorie von Camillia Glauben zu schenken. Lily raubt dies fast den Verstand; wie kann Camillia glauben, dass sie mit den Z'bri kollaboriert hat, wo sie gemeinsam sooft füreinander das Leben im Kampf gegen die Z'bri riskiert haben? Im nächsten Moment nagen aber wieder Selbstzweifel an ihr; wie kann es nicht wahr sein, wenn Camillia es glaubt? Sie ist gerecht, clever und vor allem eine Freundin. Und es passt alles: die Zeichen im Garten, Tanias Reaktionen, der Z'bri Lord Kynit - ist sie wirklich als Verräterin aus Vimary verbannt worden? Im Traum werde sie keine Antworten finden, sagte ihr Fiona. Es gibt nur eine Lösung - nach H'lkar gehen, den Melanis finden und töten. Nur so wird sie ihre Erinnerungen zurück erhalten.
Sie hat Angst vor dem, was sie vergessen hat. Aber zugleich ist da die Neugier und die Furcht noch mehr oder endgültig zu vergessen. Daher lehnte sie ab, aus Marias Becher zu trinken, der Vergebung versprach und von allen Sünden rein waschen sollte. Sie wollte nicht schon wieder vergessen, ohne sich vorher richtig erinnert zu haben. Nur wenige Augenblicke später sollte sie diese Entscheidung wieder bereuen, als sie durch die Aura des Flammenmannes mit einem unmenschlichen Schamgefühl erfüllt wurde; sie hatte ihr Kind zurückgelassen – im Stich gelassen!
In Haven zurück, ist Lily niedergeschlagen. Die leichte Hoffnung dort draußen unter den Magdaleni vielleicht Freunde zu haben, ist verloschen. Ihre Kameraden, ja Freunde wenden sich von ihr ab und misstrauen ihr. Immerhin hat sie Puzzleteile ihrer Vergangenheit gefunden, aber das sich formende Bild will ihr nicht gefallen. Ihre Wut konzentriert sie auf ihr Training. Sie will bereit sein, wenn es gegen die Z’bri geht, wenn es Zeit ist, ihre Erinnerungen zurück zu holen und Rache an Kynit zu nehmen. Und sie benötigt einen starken Träumer – einen Freund, der ihr bei der Suche nach ihrem Kind helfen kann.