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Lux Ex Ternebris - Quietora

Carlotta di Rizzi

Quietora von Bjornaer wurde im Februar des Jahr des Herren 1160 als Carlotta di Rizzi, als zweite Tochter von Armino und Bruna di Rizzi, in Mailand geboren. Die Familie der di Rizzi galt als angesehenes Handelshaus, Mitglieder der Familie fand man in den höchsten Ämtern der Stadt. Armino di Rizzi selbst war einer der Hauptleute der Stadtgarde und somit auch einer der Offiziere, die Mailands Heer gegen Friedrich Barbarossa führten. Mailand war zu der Zeit die mächtigste der Lombardischen Handelsstädte und führte den Widerstand gegen den Deutschen Kaiser an. Nachdem es 1158 schon einmal durch Belagerung zur Kapitulation gezwungen war, griff das Mailändische Heer im Jahre 1160 Barbarossas Armee bei San Romano an. Armino di Rizzi selbst ritt an der Spitze einer der Reitereien Mailands, und gewann in jenen Tagen großen Ruhm für das Haus di Rizzi.
Nachdem Barbarossa 1161 Verstärkung aus Deutschland bekam, griff er erneut Mailand an und belagerte die Stadt. Viele aus der Einheit Armino di Rizzis verloren bei der Verteidigung der Stadtmauern das Leben, Armino selbst verlor in diesen Tagen der Kämpfe, des Hungers und der Verzweiflung den Verstand.
Als Mailand 1162 schließlich endgültig kapitulierte, seine Kirchen und Mauern geschliffen und seine Bevölkerung vertrieben wurde, floh die Familie di Rizzi, halbverhungert und mit einem Bruchteil ihres früheren Vermögens aus der Lombardei. In der Nähe von Parma fanden sie Unterschlupf bei entfernten Verwandten, doch während Ehrgeiz und Rachedurst, vor allem an den Familien Pavias, das Barbarossa gegen seinen alten Konkurrenten Mailand beigestanden hatte, den Großteil der Familie bald zurück in die Lombardei trieb, bleiben Armino, seine Frau Bruna, die Söhne Martino und Nicola und die Tochter Carlotta in Tuscien zurück (Ruggiero, der älteste Sohn, und Lia, die erste Tochter, waren in den Tagen der Belagerung gestorben). Bruna tat das beste, um die Familie zusammenzuhalten, gab ihrem Mann alle Liebe, der sie mächtig war, und erzog die Kinder, gottesfürchtig und tugendhaft zu sein. Doch konnte sie nicht verhindern, dass die Kinder, vom Leben auf dem Lande verlockt, unabhängig und wild wurden. Oft schlichen sie sich vom Landsitz der Verwandten, um in den umliegenden Wäldern auf Abenteuersuche zu gehen, wobei die kleine, zarte Carlotta geradezu aufzublühen schien, ihre älteren Brüder an Wildheit und Abenteuerlust um vieles zu übertreffen wusste. Sie entwickelte auch eine Lust daran, sich des Nachts aus dem Haus zu schleichen, um den Mond über den Feldern zu sehen und heimlich die Feen des Waldes bei ihrem geheimen Tun zu belauschen. Nichts schien sie aufhalten zu können, selbst als ihre Mutter aus Verzweiflung über das ungebührliche Treiben ihrer Tochter ihr Fenster vergittern lies, beendete dies ihre nächtlichen Ausflüge nicht. Doch eines Nachts ging sie zu weit - sie beobachtete die Dryade des Waldes beim nächtlichen Bade in dem kleinen Strom, der den Wald durchschnitt. Von ihrer Schönheit wie gefesselt bemerkte sie nicht, dass die Diener der Dryade sie längst entdeckt hatten. Sie wurde ergriffen und vor die zornige Dryade geführt, die Carlotta ihre Stimme nahm, auf das sie niemandem erzählen könne, was sie in dieser Nacht gesehen hat.
Dies geschah im Jahre 1168 des Herren. Mailand war inzwischen neu errichtet worden, und die reichen Stadtstaaten der Lombardei hatten einen Bund geschlossen und Barbarossa über die Alpen vertrieben. Armino jedoch, der die Schrecken der Belagerung nie hinter sich gelassen hatte, erhängte sich noch in diesem Herbst, und Nicola verstarb im Winter an einer Lungenentzündung. Von Gram zerfressen und selbst der Verzweiflung nahe schrieb Bruna an die di Rizzi Mailands in der Bitte um Hilfe und Aufnahme. Doch Corrado di Rizzi, Patriarch der Familie, fürchtete um den Ruf der Familie, war wenig gewillt, die Frau seines verrückten Neffen mitsamt ihrer seltsam verrohten Kinder in Mailand aufzunehmen. Daher schickte er einen Vetter Arminos mit Gefolgsleuten nach Parma, mit der Aufgabe, den Schandfleck der Familie auszuradieren. Die Männer blieben zwei Tage bei Bruna zu Gast und versprachen, sie und die Kinder zurück nach Mailand zu nehmen, doch in der zweiten Nacht schlichen sie sich in die Gemächer der Familie und erdolchten sie im Schlaf. Nur Carlotta gelang die Flucht, sie aber wurde an dem kleinen Strom von den Männern eingeholt und ertränkt.
Die Männer hielten sie jedenfalls für tot und ließen sie zurück, jedoch zog ein Luchs die ohnmächtige Carlotta aus dem Strom und schleppte sie auf eine trockene Lichtung. 
Bei Tagesanbruch erwachte die verängstigte Carlotta, nur um zu sehen, wie sich der Luchs vor ihren Augen in eine wunderschöne Frau verwandelte. Umbratica von Bjornaer hatte ihren Lehrling erwählt.
Nachdem Umbratica die kleine Carlotta mit ihrer Magie belegt und geheilt hatte, machten die beiden sich auf den Rückweg nach Doissetep. Wie die Magi der Tytalus in Doissetep kannte auch Umbratica wenig Mitleid mit den Schwachen, so musste Carlotta lernen, in der Wildnis zu überleben, und entwickelte schnell eine erstaunliche Zähigkeit, die ihre kleine Gestalt nicht vermuten ließe. Doch alles andere, ein Anflug von Schwäche oder Hilflosigkeit, und Umbratica hätte ihren jungen Schützling der Natur überlassen. So fand Carlotta auch mehrere Male auf dem Weg nach Doissetep beinahe den Tod, doch sie schaffte es bis in die Pyrenäen, ein Weg, den bisher keiner der potentiellen Lehrlinge Umbraticas überlebt hatte.
Umbratica benutzte Mentem-Magie, um in den Geist des stummen Mädchens einzudringen und ihre Geschichte zu erfahren. Es brauchte einige Zeit, aber mit dem Rat eines Merinita-Magus konnte sie schließlich den Fluch der Dryade entfernen. Carlotta hatte inzwischen aber bereits gelernt, ihre ersten Zauber auch stumm zu sprechen, und auch nach Bannen des Fluches blieb ihr dieses Talent.
Doch das Los Carlottas blieb ein Hartes. Umbratica war ein unbarmherziger Parens, der sie quälte, misshandelte und den strengsten und gefährlichsten Prüfungen unterzog. Carlotta überwand alles, was ihr ihr Parens in den Weg legte, doch nie erntete sie auch nur ein Wort des Lobes von ihr. Die Jahre der Qualen ließen Quietora sich tief in sich selbst zurückziehen - sie gewöhnte sich an, stets unauffällig und klein zu sein, kein Aufsehen zu erregen und nichts von sich preiszugeben. Ihr Parens behauptete stets, die Ausbildung diene einzig dem Ziel, sie auf das harte und erbarmungslose Leben eines Magus vorzubereiten, doch Carlotta glaubte manchmal fest daran, ihrem Parens bereitete es Vergnügen, seinen Lehrling zu quälen. So gab Umbratica ihr dann auch den Namen Quietora, aus Spott über Carlottas Furcht, die Stimme zu erheben.
All die Jahre lang, und trotz des Spottes und der Verbote ihres Parens hat sich Quietora eine tiefe, inbrünstige Religiosität erhalten. Sie glaubt fest an Gott und Christus. Zwar glaubt sie nicht mehr daran, ihre magische Gabe macht sie zu einer Kreatur Satans, einer Kreatur ohne Seele, doch lebt sie stets in Furcht um ihre unsterbliche Seele und betet jede Nacht zu Gott, er möge ihr gottloses Werken verzeihen. Dieser intensive Glauben macht sie auch verletzlicher gegenüber den Mächten der Kirche, lässt sie ihre Kräfte nicht gegen die Kirche oder Menschen im Dienste Gottes führen. Doch hat sie seit Jahren schon um so mehr zu beten, denn ihr Parens eröffnete ihr, sie selbst sei Mitglied eines geheimen Bundes innerhalb der Order, der Ordo Serpentis, und habe Quietora zur Initiation in diesen Bund vorgesehen. Groß war ihr Schrecken, als sie mehr über den Bund erfuhr. Es war ein Bund, der direkt den Quäsitorii unterstellt war und sich um die Fälle korrumpierter Magi "kümmerte", bei denen den Quäsitorii aus politischen oder anderen Gründen die Hände gebunden waren. Jedes Haus stellte einen Magus in diesem Bund, und keiner außer diesen elf Magi und einigen wenigen in Haus Quaesitor wusste von diesem Bund - einem Geheimbund aus Mördern und Spionen. Ihre leisen Proteste ignorierend wurde Quietora von ihrem Parens in diesen Bund eingeführt und als Mitglied gezeichnet, nachdem sie ihre Initiationsprüfung - den Mord an Magus Molestiam Ferrens - absolviert hatte. Die seltsame Magie des Elementaristen verletzte sie zwar, und es geschah etwas, was ihr später weder ihr Parens noch jener andere Magus, der ihre Initiation beobachtete, je erzählen oder erklären wollte, aber der Mord gelang. 
Fortan reiste sie mit ihrem Parens an viel Orte des Tribunals und auch darüber hinaus, spionierte und mordete, jedoch gab man ihr fortan keinen Auftrag mehr zum Morde an einem Magus, vielmehr waren Grogs und andere Sterbliche ihre Ziele. Quietora ist sich bewusst, das hinter diesen Morden und Taten ein Muster stecken muss, das ihr bisher jedoch verborgen blieb. Die Politik der Order sieht sie mit einer gewissen Besorgnis, denn sie weiß, das die wahre Politik nicht von all jenen Magi gemacht wird, die den Tribunalen und Convenants vorstehen, sondern von jenen, die hinter der Fassade von Gleichberechtigung und Demokratie agieren. Auch von der Welt der Sterblichen denkt sie nicht anders: Das, was man sieht, ist nur ein Schein, die Wirklichkeit wird von jenen schattenhaften Gestalten beherrscht, die man nicht sehen darf, und über die man nichts weiß.
Quietora hasst sich für das, was sie gezwungen ist, zu tun, hatte bisher aber nicht den Mut (oder die Möglichkeit), sich gegen ihren Parens oder die schattenhaften Herren hinter ihr aufzulehnen. So verrichtet sie ihr blutiges Handwerk und hofft, der Herrgott möge sich ihrer erbarmen, sie vielleicht an einem Fieber sterben lassen oder doch zumindest, wenn er sie dann nach viel zu vielen Jahren zu sich holt, ihr ihre Taten verzeihen. Die Jahre des Missbrauchs und der Qualen haben Quietora hart gemacht, ihr eine innere Stärke und Zähigkeit gegeben, die es so gut wie unmöglich macht, sie zu brechen oder zu demütigen. Auch wenn ihr Parens sie immer noch für ihre Schüchternheit und Zurückgezogenheit, ihren geringen Ehrgeiz und ihr mangelndes Durchsetzungsvermögen verachtet, so übersieht sie doch die ungeheure Willenskraft, mit der Quietora an ihrem Glauben, ihren Idealen, ihren Träumen festhält.
Nichts wünscht sich Quietora sehnlicher als Freiheit von den Banden und Fesseln, die ihr ihr Parens und die Ordo Serpentis aufgelegt haben. Jedoch fürchtet sie den langen Arm der Ordo und auch den der Quaesitorii oder ihrer Verbündeten, der Tremere und (wenn auch nicht immer) Tytalus. Statt dessen wartet sie auf die Zeit, in der sie Doissetep verlassen kann, um sich ein eigenes Leben, einen eigenen Convenant aufbauen kann. Vielleicht kann sie sogar fliehen - gen Norden vielleicht, wo die mysteriöse Order of Odin vorherrscht. Oder in den Osten, auch wenn dort die sagenumwobenen Gestaltwandler leben sollen. Vielleicht findet sie Hilfe unter den freiheitsliebenden Häusern, wie den anderen Björnaer, den Ex Miscellanea oder den Flambeau. Unter Umständen wäre sie sogar bereit, Hilfe von Haus Merinita zu suchen, auch wenn ihr Parens in ihr einen tiefen Hass auf das Haus des Verräters Quendalon verwurzelt hat. Letzten Endes aber wünscht sie sich nichts sehnlicher als frei zu sein, in die Wälder zu wandern und dort zwischen Tieren und der wilden Natur zu leben, wie sie es als kleines Kind getan hat.
Quietora ist in Vielem immer noch das ängstliche, kleine Kind, das sich vor den Mördern ihrer Familie zu retten sucht. Das Schicksal hat sie nun selbst zur Mörderein gemacht, hat sie zu dem gemacht, vor dem sie immer noch am meisten Furcht empfindet. Möge Gott ihre Gebete erhören und ihr die Möglichkeit geben, all dies hinter sich zu lassen und mit sich selbst ins Reine zu kommen, und möge er ihr Menschen zum Geleit schicken, die ihr den Respekt, das Vertrauen und die Liebe geben, die ihr all die Jahre vorenthalten wurden.

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