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Lux Ex Ternebris - Flamma

Elena Marie de Lyon

Der Comte de Lyon, ein treuer Gefolgsmann des Königs von Arelat (Burgund), bekam von diesem die Erlaubnis seine große Liebe, die dritte Tochter des Chevalier de Bouvée, eines treuen, aber uneinflussreichen Ritters des Königs, zu heiraten. Elise Anne war eine Schönheit, doch die Äußerlichkeiten gaben nur ihr Inneres wider: das seidene rote Haar ihre Zärtlichkeit und Liebe, die ruhigen, grünen Augen ihre weise Klugheit, die helle Haut ihre sanfte Art mit allen Geschöpfen Gottes umzugehen. Die beiden waren sehr glücklich zusammen. Und ihr Glück schien perfekt, als der Erbe Phillipe Jaques geboren wurde. Vier Jahre später jedoch starb Elise, als sie dem Comte eine Tochter gebar.
Die beiden Kinder konnten unterschiedlicher gar nicht sein: Beide ein Abbild ihrer toten Mutter, war Phillipe Jaques auch nach ihrer Wesensart gekommen: klug, ruhig, bestimmt und gerecht. Das Mädchen, Elena Marie, schien eher das Gegenteil zu sein: wild, jähzornig und mit einer ungesunden Liebe zu dem Feuer besessen. Ständig spielte sie damit herum, machte ihrer Amme und den Bediensteten Angst oder verletzte sie gar; ihr selber jedoch geschah nie etwas. Schon jetzt begannen die Bediensteten zu tuscheln. Der Comte verbot zwar jedes Gerede oder gar Schlechtbehandeln seiner Tochter, doch er selbst fühlte sich in ihrer Nähe auch nicht wohl. Und als sie etwas älter geworden war, mochte der Vater Elena noch weniger leiden. Wo Phillipe ein männliches Ebenbild seiner Mutter, sowohl in Aussehen als auch in Wesensart war und den Vater durch bloße Anwesenheit glücklich und stolz machen konnte, schien Elena das sanfte Bild ihrer Mutter zu verdrehen: das rote Haare flammte stets wie wütendes Feuer um ihren Kopf, sosehr sich die Kammerfrau auch bemühte einen ordentlichen Zopf zu flechten, in den grüne Augen loderte ein rasendes Feuer, das bei einer kleinen falschen Bemerkung zu einem Inferno der Wut und Raserei wurde, die helle Haut war nie makellos und glatt, sondern immer von Schrammen und Flecken übersät, die sie sich beim Streunen in der Burg und den Ställen geholt hatte. So schob der Comte seine Tochter ab, indem er ihr eine Freiheit zugestand, die sie meistens von ihm fern hielt, die ihrem Stande aber eigentlich nicht angemessen war. Der einzige, der sich nicht vor ihr zu fürchten schien und ihre Nähe regelmäßig suchte, war ihr älterer Bruder. Elena dankte es ihm mit einer innigen, verehrenden Liebe. Und der Tatsache, dass er der einzige war, der ihr finsteres Gesichtchen zum Lachen bringen konnte. Dann ging die Sonne auf, und mit einem Male schien sie doch ein genaues Abbild ihrer liebreizenden Mutter zu sein.
Als sie etwa neun war und die Gabe sich immer mehr zeigte, wurde sie immer verschlossener und finsterer. Ihr Vater fühlte sich mehr denn je in ihrer Gegenwart unwohl und erlaubte ihr, was sie wollte, solange es sie möglichst fern von ihm hielt. So verbrachte sie zunehmend mehr Zeit draußen auf dem Rücken ihres Hengstes oder bei der Falken- oder Hundejagd. Der einzige, den sie immer noch als ihren Vertrauten betrachtete, war Phillipe. Er begleitete sie auf ihren Ausflügen und brachte ihr bei, mit dem Schwert umzugehen. Er war es auch, der den Vater überredete, Elena an seinen Trainingsstunden teilnehmen zu lassen. Hier zeigte sie das erste mal ein Talent, in dem sie sich mit Ihrem Bruder nicht nur messen konnte, sondern ihn sogar weit übertraf. Und das erste und einzige Mal war der Comte stolz auf und freundlich zu seiner Tochter und versprach ihr sein eigenes Schwert, wenn sie erst groß genug sei, es zu führen.
Als Elena zwölf Jahre alt war, war für alle offensichtlich, dass sie zu etwas Seltsamen, zu einer Hybride geworden war: eine finstere, ungezügelte, mit einem Schwert kämpfende Frau aus dem Adel. Einen Gemahl zu finden, der dies alles tolerieren würde, schien aussichtslos. Für ein politisches Bündnis schien sie also kaum geeignet. So blieb nur eine Heirat mit einem niedrigem Adeligen, einem Lehnmannes ihres Vaters, der so aufsteigen konnte und durch die Heirat noch stärker an den Comte gebunden würde. Elena hasste den Gedanken, eine Ehefrau zu sein: Die Burg zu verwalten, zu Hause zu bleiben, während der Gemahl für sich in einem Kampf Ruhm und Ehre gewann. Und nur Phillipe konnte sie mit äußerster Mühe davon abbringen, dem ersten Kandidaten, der auf die Burg kam, mit dem Schwert entgegenzutreten...
Außerdem erkannte sie langsam, aber sicher die Gabe in sich. Sie konnte sich niemals am Feuer verbrennen und manchmal verfärbten sich Flammen in ihrer Gegenwart grün, so grün wie ihre Augen. Es machte ihr Angst, mehr Angst noch als den Bediensteten ihres Vaters.
Als sie eines Tages wieder in wilder Wut aus der Burg ritt und voller Angst vor sich und der Zukunft und eigentlich allem war, stürzte zu allem Überfluss auch noch ihr treuer Hengst und brach sich das Bein. Sie schnitt dem Tier die Halsschlagader auf, blieb bei ihm und hielt seinen Kopf bis es verendet war und brach dann weinend, voller Wut auf sich selber zusammen, als Phillipe, der ihr mal wieder in Sorge nachgeritten war, erschien. Er wollte seine kleine Schwester trösten; doch diesmal wollte und konnte sie nicht mehr. Die Wut in ihr, eigentlich gegen sich selbst gerichtet, brach wild aus ihr heraus, als er sie in den Arm nehmen wollte. Und zusammen mit dem Zorn und der Angst brach die Magie los: wild, ungezügelt und tödlich. Phillipe brach augenblicklich von innen verbrannt zusammen und Elena traf der Schock einer Vision:
Ich bin älter, erfahrener, mächtiger. Feuer, Feuer, mein innig geliebtes Feuer, überall. Kein Verzehren, kein Schmerz. Niemals für mich. Aber Wut, Macht, der Kitzel des Überlegenseins. Das Krachen, das Knistern. Alles ist laut, schreit, brennt. Alles und jeder rundherum in Flammen, in diesem tödlichen Inferno. So wunderschön, das Spiel des Feuers, so hinreißend schön die Stimme des Feuers. Diese tödliche Macht, die alles verschlingt. Alles verbrennt. Alles in Hitze badet. NEIN! Oh, nein! Nicht das, was ich liebe. Nicht die, die ich liebe. Nicht... Ein Blitz der Erkenntnis, erschreckende Genauigkeit. ICH, ich beherrsche, verschlinge, vernichte, verbrenne, töte. Dann rauschendes Feuer durch meinen Geist, die Macht, die Intensität, die Kraft. Hitze, Größe, Ekstase, Vereinigung mit dem Geliebten. Agonie der Freude. Plötzlich dann Stille und Eiseskälte. Verloren, verloren, verloren! Auf dem Grunde eines Gewässers ohne Ufer. Klein, hilflos und allein. Allein, ohne diese riesige Kraft. Allein, ohne die Intensität der Hitze. Allein, ohne die Ekstase mit dem Geliebten. Schreckliche Hilflosigkeit. Aber kein Ertrinken, kein Ersticken. Kein erlösender Tod. Nur Kälte, Stille und Einsamkeit. Immer noch in Flammen gehüllt. Und nur dieses riesige Gewässer hält die Essenz des Feuers in mir und um mich in Schach...
Zwei Tage später fanden der Comte und seine Leute die beiden: Phillipe tot, Elena in einer Art Koma. Der Comte trauerte sehr um seinen geliebten Sohn, aber er machte sich auch Sorgen und viele Gedanken um seine Grafschaft. Die Sache musste endgültig aus der Welt geschafft und geregelt werden. Und immerhin war Elena doch die Tochter seiner geliebten Elise. Eine Woche später, an Elenas Zustand hatte sich noch nichts geändert, schickte er Boten aus. Einen zum König, mit der Bitte Elena Marie de Lyon offiziell als seine Erbin anzuerkennen, und viele andere Boten, um die besten Ärzte des Landes aufzuspüren. Der König kam der Bitte seines alten, treuen Freundes nach, und sechs Wochen nach dem Tod von Phillipe Jaques de Lyon wurde Elena Marie de Lyon zur designierten Erbin der Grafschaft Lyon ausgerufen.
Nach etwa drei Monaten nahm Elena wieder die Dinge um sich herum wahr. Sie gab sich die Schuld an dem Tod von ihrem geliebten Phillipe. Doch als sie merkte wie nun die Aufmerksamkeit des Vaters ihr gehörten, sie die Erbin von Lyon war, sprach sie mit niemanden über das, was geschehen war. Sie verschwieg es, vergrub es tief in ihrer Seele. Und die Dienerschaft fand schnell zwei oder drei Geschichten, die erklärten, was geschehen waren. Auch wenn Elena sich langsam erholte, so ging es ihr immer noch schlecht. So schlecht, dass ihr Vater sich fast freute, als sie wieder ihren ersten Wutanfall bekam. Doch eigentlich nützten die ganzen Ärzte gar nichts. Niemand konnte helfen. Bis im nächsten Winter ein reisender Arzt, Magister Mercado Mondecar, sich scheinbar zufällig auf die Burg verirrte. Der Comte fragte auch ihn um Rat. Und schon nach den ersten Gesprächen mit Elena, fing sie an aufzublühen, denn dieser Arzt verstand ihre Faszination am Feuer. Er teilte sie sogar. Und dieses Interesse an ihr schaffte das, was kein Arzt zuvor vermocht hatte. Der Fremde blieb über den Winter; und im nächsten Frühjahr machte er dem Comte klar, dass er auf jeden Fall abreisen müsse, Elena aber noch dringend einer Kur unterzogen werden müsse. Zuerst weigerte sich der Comte seine Erbin, seine letzte Erinnerung an seine geliebte Elise gehen zu lassen. Doch schließlich willigte er ein, voller Angst, was sonst mit Elena geschähe.
So kam Elena nach Dossietep. Hier in dem großen Convenant, dem Domus Magnus der Flambeau begann ihre Ausbildung. Sie war ein bisschen erschreckt, als ihr der reisende Arzt, natürlich auch ein Flambeau und ihr zukünftiger Meister, enthüllte, was sie in Wahrheit war. Doch sobald sie erfuhr, dass die Flambeau sich mit Feuermagie und Kampf beschäftigten, begann sie sich langsam wohl zu fühlen. Außerdem stellte sie rasch fest, dass sie besonders gut, besser als andere Lehrlinge mit dem Ignem umgehen konnte.
Wie es sich für das Haus Flambeau gehörte war sie kämpferisch und hielt auf ihre Ehre. Vielleicht noch mehr, als die anderen aus dem Haus, denn für sie war es neu, ihre Ehre selber verteidigen zu dürfen. Auf einer Reise mit ihrem Meister geschah es, dass sich einige herumziehende Söldner über die Tatsache, dass sie, eine Frau, ein Schwert trage lustig machten. Ohne zu überlegen sprang Elena auf, zog die Waffe und forderte den Mann. Zuerst wollte er nicht gegen eine Frau kämpfen, als Elena ihn jedoch auch beleidigte, wollte er sie besiegen und danach besitzen. Unter dem Gejohle seiner Kameraden zog er seine Waffe und trat Elena entgegen. Er fühlte sich ihr überlegen; er nahm sie nicht ernst. Das bezahlte er mit seinem Leben. Und seine Kameraden konnten das nicht auf sich sitzen lassen. In Trunk und Zorn drangen sie auf Elena ein. Diese jedoch verfiel auch in Raserei und kam nicht einmal auf den Gedanken sich zurückzuziehen. Der Kampf war hart, aber kurz. Ein Schwerthieb ins Gesicht warf die junge Filia um. Im Fallen sah sie ihren Meister auf der Treppe stehen und hörte seine Stimme im Geist: Nutze die Gabe! Noch bevor sie auf die Erde aufschlug, sprangen den Männern Flammen entgegen und verzehrten sie. In der stinkenden, raucherfüllten Luft jedoch hingen eine lodernde, grüne Flame in der Form eines flammenden Auges. Elena hatte ihr Siegel gefunden. Magister Mondecar heilte zwar den Schwerthieb, doch das linke Auge war zerstört, und auch der Meister konnte oder wollte nichts tun.

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