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Balaklawa, Oktober 1854

Nat Forster sah den jungen Offizier schon von Weitem kommen. Er wirkte fehl am Platz, hier zwischen den Mannschaftszelten. Er schien zu jung, was nicht unbedingt an seinem Alter lag, obwohl Forster vermutete, dass er noch keine zwanzig war – jung, aber, rief sich Forster in Erinnerung, er war nicht älter gewesen, als er selbst zur Armee gekommen war. Allerdings hatte er da schon nicht mehr die Unschuld gehabt, die diesen Offizier umgab – falls er sie überhaupt je gehabt hatte.
Der Captain wirkte einfach zu unverbraucht, zu naiv, um hier zu sein. Aber als er näher trat, sah Forster die dunklen Schatten in seinen Augen. Offensichtlich hatte der Krieg doch schon seine Spuren hinterlassen.
Der junge Offizier kam zögernd auf ihn zu und fragte: „Sind Sie Forster?“
Forster erhob sich und salutierte. „Jawohl, Sir.“
„Sie sind der Freund von Jackson, nicht wahr?“
Forster nickte. „Jawohl, Sir.“ Er fragte sich noch immer, worauf dieses Gespräch hinauslaufen würde. Wenige Augenblicke später wurde es klar.
„Es tut mir leid", sagte der Captain, und sah überraschenderweise so aus, als meinte er das ernst, "aber ich muss Ihnen mitteilen, dass Jackson gestern bei einem seiner Ausflüge vor die Stadt erschossen wurde. Wissen Sie, ob er Familie hat, die man benachrichtigen sollte?“
Forster versuchte, jegliche Reaktion, nicht zuletzt seine Überraschung über die Frage, zu verbergen. „Nein, Sir“, antwortete er. „Jackson hatte niemanden.“
„Nun…“ Der junge Captain räusperte sich. „Da sie wohl Freunde waren, hätten Sie vielleicht gerne ein Andenken an ihn. Wenn Sie möchten, können Sie bei meinem Quartier“, er nannte eine Adresse, „vorbei kommen und seine Sachen abholen. Viel ist es nicht…“
„Sehr gerne, Sir. Danke, Sir.“
Der Captain nickte ihm etwas verlegen zu, drehte sich um und ging.
Forster setzte sich wieder und blinzelte einige Male. Das war also Captain Granville gewesen, von dem Jackson ihm in den letzten drei Wochen so viel erzählt hatte. Er war, laut Jackson, der Bruder des Herzogs von Richmond. Es war schon erstaunlich gewesen, dass er Jackson, der nach einer Verwundung ausgemustert worden war, als persönlichen Diener in seine Dienste genommen hatte. Aber noch viel erstaunlicher war es, dass er offenbar ein Offizier war, der sich tatsächlich um die einfachen Soldaten scherte. 
Forster hatte Jacksons Erzählungen stets als bloße Angeberei abgetan und vermutet, dass er sich nur mit seinem Herrn brüsten wollte. Denn wer hatte je von einem Offizier gehört, der eine Dienstmagd vor den Nachstellungen anderer Offiziere bewahrte? Oder tatsächlich regelmäßig und großzügig sein Quartier bezahlte?
Nun ja, vermutlich war es nur eine Frage der Zeit, bis seine Mitoffiziere ihm das austreiben würden. Entweder das – oder aus dem jungen Aristokraten würde vielleicht irgendwann ein richtig guter Offizier werden.
Auf jeden Fall schien es, als wenn sein alter Freund tatsächlich recht gehabt hatte. Forster schüttelte ungläubig den Kopf. Ein Offizier, der versuchte, die Familie eines gefallenen Ex-Soldaten zu finden. Jetzt hatte er wirklich alles gesehen. Er leistete schweigend Abbitte bei Jackson, dass er ihm nicht geglaubt hatte. 
Er versuchte, nicht zu sehr darüber nachzudenken, dass er Jackson nun nie wieder sehen würde. Er hatte schon zu viele Freunde verloren. Und jedes Mal wieder drängte sich ihm unwillkürlich die Frage nach dem Warum auf. Aber er wusste, dass sie sinnlos, vielleicht sogar gefährlich, war. Heute Abend in der Taverne würde er mit den Jungs ein Glas Whiskey auf Jackson trinken – und dann würde der Krieg weitergehen. Und er konnte nur hoffen, dass nicht schon morgen Abend jemand ein Glas auf ihn heben würde…


Zwei Tage später


Die Schlacht war schrecklich gewesen. Forster konnte kaum glauben, dass er sie tatsächlich bis auf ein paar Schrammen und Dellen unbeschadet überstanden hatte. Allerdings bedeutete das auch, dass er jetzt mit einigen anderen Unglücklichen über das Schlachtfeld wanderte, um ein letztes Mal nach Überlebenden zu suchen.
Die Stelle, wo der Drache abgestürzt war, hoben sie sich bis ganz zum Schluss auf. Keiner von ihnen war besonders begierig darauf, die Überreste dieser speziellen Katastrophe näher in Augenschein zu nehmen. Aber schließlich half es nichts mehr. Sie standen am Rande des abgefackelten Karrees und starrten zu der mächtigen grün-braunen Masse hinüber, die etwa zwanzig Meter entfernt vor ihnen lag.
„Also gut, Jungs. Packen wir’s an“, meinte Forster und ging los.
Wie befürchtet, erwartete sie ein Bild des Schreckens. Das massive Geschöpf war mit ungebremster Wucht durch die Reihen der Reiter gedonnert und hatte, offensichtlich in dem festen Willen, noch so viele gegnerische Soldaten wie möglich mitzunehmen, eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Keiner – weder Mensch noch Tier – hatte diesem Angriff standhalten können. Pferdekadaver und Leichen, häufig kaum noch erkennbar, breiteten sich in einem makabren Tableau vor ihnen aus. Über allem lag ein beinahe unerträglicher Gestank von verbranntem Fleisch, von Tod und Verwesung.
Forster schüttelte langsam den Kopf. Er hatte in seinen Jahren in der Armee schon viel gesehen, aber dies hier überstieg alles, was er sich selbst in seinen dunkelsten Alpträumen hätte vorstellen können. Es schien unmöglich, dass sie hier auch nur einen einzigen Überlebenden finden würden.
„Kommt, Jungs.“ Er winkte seinem Trupp zu, weiterzuziehen. Aber dann meinte er, ein leises Geräusch zu hören. Er war sich absolut nicht sicher, ob es nicht nur seiner Einbildung entsprungen war, aber er schwor sich, dass, falls es hier tatsächlich irgendjemanden gab, der dieses Inferno überlebt hatte, er ihn finden würde. Er stapfte über die aufgewühlte Erde, versuchte, die Blutlachen und alles andere um ihn herum zu ignorieren, nur darauf bedacht, das Geräusch noch einmal zu hören, und jemanden – irgendjemanden – zu finden.
Er näherte sich vorsichtig dem Drachen, der auch im Tod noch ein äußerst beeindruckender Anblick war. Und dann, halb verdeckt von einem mächtigen zerschmetterten Flügel, sah er ihn. Forster atmete tief ein und senkte kurz den Kopf, als er Captain Granville erkannte, genau den jungen Offizier, der ihm vor gerade zwei Tagen die Nachricht von Jacksons Tod überbracht hatte.
Er kniete sich neben den Captain in den Schlamm und sah, dass er noch immer halb unter seinem toten Pferd begraben war. Forster konnte keinen Puls finden, vermeinte aber ein kaum wahrnehmbares Heben und Senken seiner Brust zu sehen. Konnte es tatsächlich sein, dass er noch lebte? 
Forster legte seine Hand an das dreckige, blutverschmierte Gesicht. „Sir?“
Der junge Captain kam mit einem scharfen Einatmen zu sich. Er sah Forster mit wirrem Blick an. 
„Es ist alles in Ordnung“, log Forster. „Ich habe sie gefunden, Sir.“ 
Der Captain schluckte mühsam. Die Stimme, die über seine aufgeplatzten Lippen kam, war kaum mehr als ein Flüstern: „Es… es ist nur das Schlüsselbein… ich werde… die Jagd weiterreiten.“ 
„Natürlich werden Sie das, Sir“, beruhigte Forster ihn. Er hob vorsichtig den Kopf des Captains und flößte ihm etwas Wasser ein. Der junge Offizier brachte nur ein, zwei Schlucke hinunter. Dann verlor er wieder das Bewusstsein. Forster drehte sich um und winkte seine Kameraden heran. 
Zu dritt wuchteten sie das tote Pferd hoch, während Forster versuchte, den Captain unter dem Kadaver hervorzuziehen. Der Boden war aufgeweicht. Mit etwas Glück hatte er genug nachgegeben, und das Bein des Captains war nicht gebrochen. 
Aber sobald Forster Captain Granville unter dem Pferd hervorgezerrt hatte, wurde ihm schlagartig klar, dass ein gebrochenes Bein das geringste seiner Probleme sein dürfte. Die Klauen des Drachen hatten nicht nur die Seite seines Pferdes aufgerissen, sondern auch tiefe Furchen über seinen gesamten linken Oberschenkel gezogen. Es war ein Wunder, dass er bisher nicht verblutet war. Sie mussten ihn dringendst schnell ins Lazarett schaffen.
Der Captain war während der ganzen Prozedur glücklicherweise kaum bei Bewusstsein gewesen, aber als sie ihn auf den Karren hoben, stöhnte er leise auf und öffnete die Augen. Er griff schwach nach Forsters Ärmel. 
„Sagen Sie… meinem Bruder… es tut mir leid…“
„Das werden Sie ihm bald selber sagen können, Sir“, sagte Forster mit mehr Gewissheit in der Stimme, als er fühlte. „Aber erstmal bringen wir Sie jetzt ins Lager zurück.“ 

Als sie endlich im Lazarett angekommen waren, ging alles sehr schnell. Sobald der Verletzte als Offizier identifiziert wurde, wurde er in einen speziellen Teil des Lazaretts geschafft, und einer der Chirurgen eilte herbei. 
„Hat er einen eigenen Arzt?“, fragte er kurz.
Forster konnte nur mit den Schultern zucken. „Ich glaube nicht.“
„Gut.“ Dem Chirurg reichte ein Blick, und er winkte einen Helfer heran. „Morphium.“
Der Helfer zog eine Spritze auf und drückte den rechten Arm des Captains mit festem Griff auf den Operationstisch. Der Arzt griff nach einer Knochensäge.
Captain Granville, der unterdessen zwar halbwegs bei Bewusstsein, aber kaum wirklich bei klarem Verstand war, sah die Säge.
„Nein“, keuchte er. Er versuchte, sich gegen die Hand, die seinen Arm niederdrückte, zu wehren, aber er war viel zu schwach, um etwas ausrichten zu können. Der Arzt warf ihm einen kurzen Blick zu.
„Keine Sorge, Sir“, bemerkte er, als er sah, dass sein Patient bei Bewusstsein war. “Es geht ganz schnell.“
„Nein“, wiederholte der Captain. Der Helfer hatte unterdessen das Morphium injiziert und ließ den Arm des Captains wieder los. 
Captain Granville krallte seine Hand in Forsters Jacke. „Forster… Lassen Sie nicht zu… dass er mein Bein abnimmt.“
„Sir…“, begann Forster.
„Versprechen Sie es mir“, beharrte der Captain mit kaum verhüllter Panik in der Stimme.
„Aber dann werden Sie vermutlich sterben, Sir.“
„Das… ist mir egal…“, brachte Captain Granville noch heraus, bevor sich seine Lider flatternd senkten und seine Hand sich langsam aus dem Stoff von Forsters Jacke löste.
Forster blinzelte ein paar Mal. Er war sich nicht ganz sicher, was er jetzt tun sollte, aber dann hob der Arzt die Säge, und plötzlich gab es keine Frage mehr. Er würde die Bitte des jungen Captains erfüllen.
Forster konnte sehen, dass der Arzt es nicht fassen konnte, dass eine Routine-Prozedur, die kaum eine Minute in Anspruch nehmen sollte, durch einen wild entschlossenen Soldaten plötzlich zu einer scheinbar unüberwindlichen Schwierigkeit wurde.
Aber er war durchaus kein Unmensch, musste Forster anerkennen, er versuchte es zunächst mit Vernunft. Nicht dass ihn das irgendwie von seinem Entschluss abbringen konnte. Auch wenn er es nicht ausgesprochen hatte, hatte er dass Gefühl, dem Captain ein Versprechen gegeben zu haben, und er würde dafür sorgen, dass er dieses Versprechen auch hielt. Aber dann griff der Arzt zu dem effektivsten ihm zur Verfügung stehenden Mittel und befahl ihm einfach, zur Seite zu treten.
„Aber er will es nicht“, beharrte Forster verzweifelt. „Sie haben es doch selbst gehört." Der Chirurg zeigte sich unbeeindruckt, und Forster versuchte verzweifelt, eine letzte Trumpfkarte zu spielen: "Er ist der Bruder des Herzogs von Richmond.“ Unterdessen fragte Forster sich ernsthaft, ob er wohl innerhalb der nächsten Stunde an die Wand gestellt werden würde. Er wollte gar nicht darüber nachdenken, dass er sich hier gerade einem Offizier widersetzte.
Was er nicht sah, war, dass ein junger Major, der in der Nähe stand, den Kopf hob und zu ihnen hinüberblickte. Während Forster also mit sinkendem Herzen, aber nicht bereit, aufzugeben, weiter mit dem Arzt diskutierte, verließ der Offizier kurz das Zelt und kehrte dann im Schlepptau eines Generals, der schnurstracks auf die kleine Gruppe um Captain Granville zustürmte, wieder zurück. 
„Ist er das, Lawford?“, fragte der General über seine Schulter zurück. Der junge Offizier, der offensichtlich sein Adjutant war, nickte.
„Sie wollen sein Bein amputieren?“, wandte sich der General dann an den Chirurgen.
„Das scheint die einzig sinnvolle Vorgehensweise, Sir“, bestätigte der unterdessen völlig entnervte Arzt.
„Gebrauchen Sie Ihren Verstand, Mann!“, polterte der General los. „Dieser Mann ist einer der besten Jagdreiter Englands, und Sie wollen ihm ein Bein amputieren? Portman!“, brüllte er dann so laut, dass alle bis auf Lawford, der wohl die Lautstärke seines Generals gewohnt war, zusammenzuckten, nach seinem eigenen Arzt. 
„Hier, Sir“, sagte ein vernünftig aussehender Mann mittleren Alters, der nur wenige Schritte hinter ihm gestanden hatte und nun vortrat.
„Ah. Portman. Denken Sie, dass eine Amputation unbedingt notwendig ist?“
Portman trat an den Operationstisch heran und untersuchte das Bein des Captains. "Die Wunden sind ist groß und verschmutzt. Sie werden sich ohne Zweifel entzünden. Der Oberschenkel ist gebrochen, aber es scheint ein glatter, unkomplizierter Bruch zu sein. Das Knie… das Knie sieht nicht gut aus. Aber insgesamt denke ich, dass man das Bein retten könnte. Er wird allerdings gute und ständige Pflege brauchen.“
„Da wird sich sein Mann wohl drum kümmern können.“
„Sein Diener ist vor zwei Tagen getötet worden“, wagte es Forster einzuwerfen.
„Hmm…“ Der Blick des Generals schweifte kurz durch den Raum. „Nun gut, dann werden eben Sie…“, er stach einen entschlossenen Finger in Richtung Forsters, „dazu abgestellt. Lawford? Kümmern Sie sich darum.“
Der Adjutant nickte. „Natürlich, Sir.“
„Verdammt guter Reiter, Captain Granville“, bemerkte der General noch einmal mit einem letzten Blick auf den Captain und machte sich dann mit langen Schritten auf den Weg aus dem Lazarett.
„Ich werde seinem Bruder eine Nachricht schicken“, meinte Lawford, während sich Portman an die Versorgung von Captain Granvilles Wunden machte. Der Arzt nickte nur abwesend, und der Major verließ ohne weiteres Wort das Zelt. 
Portman wandte sich an Forster. „Ich werde hier erstmal alles für ihn tun, was möglich ist. Bereiten Sie schon seine Unterkunft vor. Sorgen Sie dafür, dass das Bett saubere Laken hat und dass das Zimmer warm und trocken ist. Ich bringe ihn dann hinüber. Wissen Sie, wo er wohnt?“
Forster nickte und nannte die Adresse. Bevor er ging, sagte er noch: „Er hat vorhin etwas von einem gebrochenen Schlüsselbein gesagt, Sir.“
Der Arzt warf einen schnellen Blick auf Lord Sheridans Oberkörper, schien dann aber zu entscheiden, dass das warten konnte. „Das werde ich mir später ansehen. Ich denke, wenn wir wirklich eine Chance haben wollen, das Bein zu retten, muss ich mich jetzt als erstes darum kümmern.“

Wie der Arzt Forster später in Captain Granvilles Quartier mitteilte, war das Schlüsselbein nicht gebrochen, aber der Captain hatte sich, vermutlich in dem instinktiven Versuch, den Sturz abzufangen, die Schulter ausgerenkt und den Arm schwer gestaucht. Kleinigkeiten, betonte er, wenn man die anderen Verletzungen bedachte. 
„Was denken Sie?“, fragte Forster den Arzt, nachdem sie Captain Granville vorsichtig auf sein eigenes Bett umgebettet hatten.
„Ich denke, dass, egal, was der General wünscht, er ganz bestimmt nie wieder einer der besten Jagdreiter Englands sein wird. Aber wenn alles gut geht, sollte er irgendwann wieder ohne Krücken laufen können.“
Forster nickte.
„Versuchen Sie, dass er Wasser und vielleicht auch etwas Brühe zu sich nimmt", fuhr der Arzt fort. "Und vor allem sorgen Sie dafür, dass das Fieber nicht zu hoch wird. Das ist jetzt die größte Gefahr. Ich werde morgen wieder nach ihm sehen.“ 
Und dann war Forster mit dem Captain allein.

In den nächsten Tagen kämpfte Forster verzweifelt um das Leben des Captains. Er kühlte seinen im Fieber glühenden Körper mit feuchten Tüchern oder bedeckte ihn, wenn der Schüttelfrost kam, mit Decken und Mänteln. Er gab ihm zu trinken und versorgte ihn mit Morphium, wenn die Schmerzen zu stark wurden. 
Captain Granville war selten genug bei Bewusstsein, um zu verstehen, was geschah, geschweige denn kohärent sprechen zu können. Der einzige, nach dem er in seinen halbwegs klaren Momenten ab und zu fragte, war sein Bruder. Forster versuchte stets, ihm gut zuzureden, hatte aber andererseits Angst, ihm zu viel Hoffnung zu machen. Er hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde, bis der Herzog von Richmond von sich hören lassen würde. 
In der ersten Woche kam Doktor Portman einmal am Tag vorbei, und als er nach zehn Tagen Balaklawa an der Seite seines Generals verließ, erklärte er noch einmal, dass die Wunden so gut, wie man es erwarten konnte, heilten. Was Forster allerdings ernsthaft Sorgen machte, war das anhaltende Fieber des Captains. Er brannte nicht mehr so heiß wie in den ersten Tagen, doch richtig verschwinden wollte es auch nicht. 
Eine weitere Woche verging, und schließlich passierte das, was Forster die ganze Zeit befürchtet hatte: Auch sein Regiment erhielt den Abmarschbefehl. In zwei Tagen würde er das Lager verlassen müssen. Und wer würde sich dann um den Captain kümmern? 

Am Tag des Abmarsches saß Forster rauchend auf den Stufen vor der Haustür zu Captain Granvilles Quartier und rang mit seinem Gewissen. Was sollte er nur tun? Er vertraute der Frau, die sich jetzt um Lord Sheridan kümmern sollte, nur sehr bedingt. Andererseits konnte er nicht zurückbleiben. Das wäre Desertion. Unmöglich! Es gab einfach keine andere Möglichkeit. Er musste abmarschieren.
Seufzend nahm er einen Zug von seiner Zigarette. Aber nach allem, was er getan hatte, konnte er Captain Granville doch jetzt nicht einfach seinem Schicksal überlassen. Er hatte nichts vom Bruder des Captains gehört. Das war zwar kaum überraschend – Forster befand sich nicht gerade weit oben in der militärischen Nahrungskette –, machte ihm die Entscheidung aber nicht gerade leichter. 
Er wollte nicht weg, bevor er nicht wusste, was der Herzog in Bezug auf seinen Bruder und seinen Rücktransport nach England unternommen hatte. Wer wusste, wie lange es noch dauern würde, bis der Captain zurück in die Heimat konnte und ob man sich in der Zwischenzeit auch wirklich gut um ihn kümmern würde. Es war wirklich zum Verrücktwerden!
Er hob den Kopf und sah wie ein Soldat zwei Männer die Straße hinunterführte. Sie kamen auf das Haus zu und blieben kurz vor den Stufen stehen. 
„Hier ist es, Euer Gnaden“, sagte der Soldat. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“
„Nein, danke, Soldat“, antwortete der jüngere der beiden Männer mit kultivierter Stimme.
Euer Gnaden? Forster verschluckte sich beinahe an dem Rauch seiner Zigarette. Konnte das tatsächlich Captain Granvilles Bruder, der Herzog von Richmond, sein? War er wirklich selbst gekommen, um seinen Bruder abzuholen? Andererseits – wer sollte es sonst sein? Es war nicht so, dass hier viele Herzöge, noch dazu in Zivil, herumliefen.
Forster musterte den Herzog mit interessiertem Blick und stellte überrascht fest, wie jung er noch war. Keinesfalls älter als Anfang zwanzig. Irgendwie hatte sich Forster unter einem Herzog immer einen Mann mindestens im besten Mannesalter vorgestellt.
Doch trotz seiner Jugend umgab ihn eine Aura von Autorität. Das mochte zum einen an seiner Kleidung liegen, die zwar extrem zurückhaltend, aber ohne Frage von exquisiter Qualität war. Aber, dachte Forster, es war mehr als das. Der Mann vermittelte den Eindruck, dass sein Wille stärker sei, als alles und jeder, der sich ihm in den Weg stellen würde. Er wirkte wie ein Mann, der wusste, was er wollte, und dieses dann auch bekam. 
Der Herzog entließ den Soldat mit einem kurzen Nicken und betrat, zusammen mit dem älteren, sehr dunkel und korrekt gekleideten Mann, der ihn begleitet hatte, an Forster vorbei das Haus. Forster wartete noch einen Augenblick, drückte dann seine Zigarette aus und schlich hinter ihnen die Treppe hinauf. Neugierig spähte er durch die nicht ganz geschlossene Tür zu Captain Granvilles Zimmer.
Der Herzog hatte seinen Hut und Mantel auf dem Tisch abgelegt und sich dann, ohne weiter auf seine teure Kleidung zu achten, neben dem Bett seines Bruders an die Erde gekniet.
„Sheridan“, sagte er leise und griff nach der unbandagierten, rechten Hand seines Bruders.
Captain Granville öffnete mühsam die Augen. Es schien einen Augenblick zu dauern, bis er seinen Bruder erkannte, aber dann zeigte sich der Hauch eines Lächelns auf seinem ausgezehrten Gesicht. Seine Antwort war kaum mehr als ein Ausatmen. „A…li…stair.“ Er schluckte mühsam. „Es… tut mir… so l…“
„Still“, unterbrach ihn der Herzog. „Du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen, Sheridan. Die Yacht liegt vor der Küste und wartet nur darauf, uns nach Hause zu bringen.“ Er nickte zu dem streng gekleideten Mann hinüber. „Das ist Dr. Simmons. Er wird sich jetzt um dich kümmern.“ 
Captain Granvilles Blick blieb bei seinem Bruder. „Es ist gut… dass du… da bist…“
Der Herzog griff die schmal gewordene Hand seines Bruders fester. „Es wird alles gut, Sheridan. Das verspreche ich d-dir.“ Das leichte Schwanken der Stimme auf dem letzten Wort war das erste Anzeichen, dass der Herzog nicht so gefasst war, wie es den Anschein hatte. Er stand abrupt auf und winkte den Arzt zu seinem Bruder, dessen Lider sich langsam wieder über seine Augen senkten. 
Der Herzog trat einige Schritte zurück, um dem Arzt Platz zu machen. Seine Hände schlossen sich so fest um die Lehne des einzigen Stuhls im Zimmer, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Er senkte den Kopf, und Forster konnte sehen, wie er hart die Zähne aufeinander biss. Dann schien sich er mit einer bewussten Willensanstrengung zu entspannen. Er atmete einige Mal sehr langsam durch den Mund ein und aus. 
Als die Untersuchungen Captain Granville einen leisen Schmerzenslaut entlockten, hob er sofort den Kopf. Als er sprach, klang seine Stimme wieder vollkommen ruhig.
„Wann, denken Sie, können wir aufbrechen, Dr. Simmons?“
„Je schneller, desto besser, Euer Gnaden. Ich werde alles vorbereiten.“
„Gut.“ 
Forster atmete erleichtert durch. Seinem Bruder, zudem mit eigenem Arzt im Gepäck, konnte er Captain Granville wohl ohne weitere Skrupel anvertrauen. Keiner der Männer bemerkte, wie er leise seinen Tornister, der neben der Tür an der Wand lehnte, griff und durch das Treppenhaus davonschlich.


England, vier Jahre später

Als Forster vor mehr als sechs Monaten nach zwanzig Jahren bei der Armee wieder ins Zivilleben zurückgekehrt war, hatte er nicht gedacht, dass ihm der Wechsel so schwer fallen würde. Aber unterdessen fragte er sich ernsthaft, ob es nicht ein Fehler gewesen war, seine Dienstzeit nicht einfach zu verlängern. Eigentlich hatte er sich nichts Besseres vorstellen können, als endlich nicht mehr von einem Schlachtfeld zum anderen zu marschieren. Aber das Leben außerhalb der Armee gestaltete sich schwieriger, als er gedacht hatte.
Zuerst war er nach Liverpool zurückgekehrt, doch es wurde schnell klar, dass dort das einzige Leben, was er wieder hätte aufnehmen können, genau das gewesen wäre, weswegen er letztendlich bei der Armee gelandet war. Und wenn es eins gab, wo er sich sehr sicher war, dann das: Er wollte nicht wieder zurück in die Kleinkriminalität.
Also war er nach London gekommen. Doch hier war die Situation noch schlimmer. Er hatte nichts, konnte nichts – zumindest nichts, was sich im Zivilleben als nützlich erwiesen hätte – und hatte außerdem keine Referenzen. Eine Woche würde er sich noch geben, aber dann musste er eine Entscheidung treffen. Und die würde wohl wieder für die Armee sein – egal, wie unlieb ihm das war.
Denn alles war besser, als das, was er jetzt machte: betteln. Es war ihm durchaus peinlich, dass es dazu gekommen war. Aber wenn er nicht wieder die Taschen von reichen Gentlemen leeren wollte, blieb ihm im Moment wenig anderes, wenn er essen wollte. Er hatte es einmal mit einer der öffentlichen Suppenküchen versucht, aber schnell gemerkt, dass das nichts für ihn war. Er hatte sein Essen lieber ohne Vorträge über Abstinenz oder Gott, vielen Dank! Und so saß er jetzt also in der Victoria Station, bettelte die Reisenden an und hoffte, nicht zu schnell von seinem Platz vertrieben zu werden. 
Ein weiterer Zug war gerade angekommen, und er hatte einige Münzen ergattern können, als sein Blick auf einen letzten Reisenden fiel, der etwas hinter der Masse der anderen den Bahnsteig hinunter kam. Warum er so langsam war, wurde bald klar. Nicht nur folgte ihm ein Dienstmann mit einem hoch beladenen Karren mit Gepäck – auf den hätte ein so feiner Herr wohl kaum Rücksicht genommen –, sondern der Mann selbst hinkte stark. Vielleicht selbst ein Veteran? Die waren häufig bereit, ein besonders großzügiges Almosen zu geben.
Forster rutschte vorsichtig nach vorne. „Eine milde Gabe für einen ehemaligen Soldaten, Sir?“, fragte er.
Der Mann griff, ohne ihn anzusehen, in seine Tasche und warf einige Münzen zu ihm hinüber. Nur flüchtig trafen sich ihre Blicke – und der Mann blieb wie angewurzelt stehen. 
„Sie!“ 
Forster, schon halb auf dem Sprung, warf selbst noch einen schnellen Blick auf den Mann und atmete überrascht ein. Es war der junge Offizier, den er vor einigen Jahren nach der Schlacht von Balaklawa unter seinem toten Pferd hervorgezogen und einige Tage gepflegt hatte. Wie war sein Name noch gewesen? Captain Granville? Sicher wusste Forster nur noch, dass er der Bruder des Herzogs von Richmond war.
Der Mann war kreidebleich geworden. Seine Hand klammerte sich in Forsters Jackenaufschlag. „Sie!“, wiederholte er fassungslos.
„Ist alles in Ordnung, Mylord?“, fragte der Gepäckträger beunruhigt. „Belästigt der Mann Sie etwa?“ Er machte einige drohende Schritte auf Forster zu. 
Forster bemerkte, dass sie nun auch die Aufmerksamkeit anderer erregten. Ein Bobby begann mit strenger Miene langsam, aber sicher in ihre Richtung zu driften. Wenn Forster irgendetwas nicht wollte, dann war es Aufsehen zu erregen. Und schon gar nicht mit dem Bruder des Herzogs von Richmond. 
Ein Blick in das Gesicht des Lords sagte ihm, dass er von dieser Seite keine Hilfe erwarten konnte. Der Mann war noch immer vollkommen fassungslos und sah so aus, als würde er jede Sekunde das Bewusstsein verlieren – eine Vorstellung, die Forster den Angstschweiß auf die Stirn trieb. 
„Es ist alles in Ordnung“, sagte er mit möglichst ruhiger Stimme, in der Hoffnung, dass die umstehenden Leute das Interesse verlieren würden, wenn er selbst ruhig blieb und das Schauspiel möglichst gering hielt. Vorsichtig löste er die Hand des Lords aus seiner Jacke und griff ihn am Arm. „Kommen Sie, Sir.“
Der betäubte Mann ließ sich von ihm aus dem Bahnhof und zu den Mietdroschken führen. Er achtete gar nicht darauf, wohin Forster ihn brachte, sondern starrte ihn nur an. „Wo haben Sie die ganze Zeit gesteckt?“, stammelte er. 
Forster winkte ein Gefährt heran, wies den Gepäckträger an, das Gepäck aufzuladen, und verfrachtete den Lord ins Innere der Kutsche. „Wohin, Sir?“, fragte er.
„Zum Albany“, kam die Antwort von blassen Lippen. Forster gab das an den Fahrer weiter und wollte schon die Tür schließen und zurücktreten, als der Lord nach seinem Arm griff. „Wo, glauben Sie, dass Sie hinwollen?“, fragte er. „Haben Sie eine Ahnung, wie und wo wir Sie überall gesucht haben? Jetzt, wo ich Sie endlich gefunden habe, werde ich Sie nicht mehr so schnell aus den Augen lassen. Sie kommen mit.“
Forster zögerte kurz. Aber dann dachte er ‚Warum zum Teufel nicht’, zuckte die Schultern und stieg zu dem Lord in die Kutsche.
Sie brachten die Fahrt schweigend hinter sich. Der Captain, nein, der ehemalige Captain, korrigierte Forster sich, starrte ihn noch immer ungläubig an. Auch Forster betrachtete den jungen Lord genauer. Er wirkte sehr müde, mit dunklen Schatten unter den Augen und einer Erschöpfung, die bis tief in die Knochen zu reichen schien. Aber das konnte auch daran liegen, dass er, nach dem zerknitterten und staubigen Zustand seiner Kleidung zu urteilen, offensichtlich eine längere Reise hinter sich hatte.
Als sie am Albany ankamen, hatte sich der junge Lord wieder einigermaßen gefangen. Sie betraten den Komplex durch das Hauptgebäude, wo er Anweisungen gab, dass sich um das Gepäck gekümmert werden sollte. 
Dann winkte er Forster, der mit der Kappe in der Hand hinter ihm gewartet hatte, ihm zu folgen, und humpelte durch den überdachten Weg zu einem der Eingänge im Gartenbereich. Er hatte große Mühe beim Gehen und musste sich schwer auf seinen Gehstock stützen, aber auch das mochte an der langen Reise liegen. Außerdem war das Wetter kalt und nass, und Forster wusste aus eigener Erfahrung mit einem angeschlagenen Ellenbogen, dass das kaum das geeignete Klima für alte Verletzungen war. Aber immerhin hatte der Arzt des Generals recht gehabt: Der junge Lord ging ohne Krücken.
Captain Granville, wie Forster ihn in Gedanken immer noch nannte, humpelte einige Stufen zu einer der Türen hinauf. Er schloss die Tür auf, und Forster betrat hinter ihm das Haus. Der Captain winkte ihn in den im Erdgeschoss liegenden Salon und entzündete einige der Gaslampen. Er legte Hut und Handschuhe auf den Tisch, zog seinen Mantel aus und warf ihn über einen der herumstehenden Stühle. Jetzt, wo ihn nicht mehr die schützende Hülle seines teuren Wollmantels umgab, konnte Forster sehen, dass er für seine Größe geradezu schmerzhaft dünn war. Himmel, hatte er denn niemanden, der sich um ihn kümmerte?
Der junge Lord verzog leicht das Gesicht, als er sich in einen der Sessel sinken ließ, und betrachtete ihn dann aus müden, aber seltsamerweise trotzdem nicht weniger aufmerksamen Augen. Forster stand mitten im Zimmer und drehte verlegen seine Kappe in den Händen. Ihm war nicht klar, was der Lord von ihm wollte oder was jetzt von ihm erwartet wurde.
„Captain, Sir…“, begann er. 
„Ich bin nicht mehr bei der Armee“, unterbrach ihn sein Gegenüber sofort. „Sie sollten mich Lord Sheridan, oder Mylord, nennen.“
„Mylord…“
„Was wollen Sie?“
„Ich? Äh, Captain… Mylord… Sie haben mich hierher gebracht… Ich will absolut nichts von Ihnen. Aber Sie wollen offensichtlich etwas von mir.“
Lord Sheridan errötete. „Sie missverstehen, Forster.“ Er zögerte kurz. Offensichtlich fiel es ihm nicht leicht, das Nächste zu sagen. „Sie haben mir das Leben gerettet. Gibt es irgendetwas, was ich Ihnen dafür im Gegenzug anbieten kann? Irgendetwas, was Sie sich wünschen? Meine Familie ist durchaus wohlhabend. Wollen Sie Geld, um sich auf dem Land niederlassen? Ein Haus? All das kann arrangiert werden.“ 
Forster war wie vor den Kopf gestoßen. Das war ganz sicher nicht das, was er erwartet hatte, und er hatte absolut keine Ahnung, was er antworten sollte. „Ich will kein Geld oder ein Haus auf dem Land. Ich will eine Chance“, hörte er sich plötzlich sagen.
Lord Sheridan betrachtete ihn einen Augenblick lang schweigend. Dann sagte er: „Ich musste meinen letzten Kammerdiener in Frankreich zurücklassen. Er wollte mich absolut nicht nach England begleiten. Könnten Sie sich vorstellen, seine Position einzunehmen?“
Forster blinzelte. Kammerdiener? Er? „Aber…“, stotterte er, „ich habe absolut keine Ahnung, was ich da tun muss.“
„Sie haben was, zwanzig Jahre in der Armee überstanden? Wie schwer kann es sein, sich um eine einzelne Person zu kümmern. Meine Ansprüche sind nicht besonders hoch. Sie kümmern sich um meine Kleidung und machen Frühstück. Die anderen Mahlzeiten nehme ich in der Regel in meinem Club ein.“
Forster starrte Lord Sheridan noch immer sprachlos an. Kleidung, Frühstück, waren die Worte, die zu ihm durchdrangen. Und irgendwas von nicht besonders hohen Ansprüchen. Das wiederum fiel ihm schwer zu glauben. Er hatte die Wohnung und die Kleidung des Lords gesehen. Er war ganz sicher kein Mann mit „nicht besonders hohen Ansprüchen“. 
Trotzdem hatte er schon recht. Wie schwer konnte es sein? Und er musste sich, im Gegensatz zur Armee, ja auch nicht auf Jahre verpflichten. „Kann ich es mir eine Nacht überlegen?“, fragte er trotzdem erst einmal.
Lord Sheridan nickte. „Natürlich. Sie können heute Nacht hier schlafen. Im obersten Stockwerk gibt es eine Dienstbotenwohnung. Essen Sie etwas. Ich hatte meine Ankunft angekündigt, die Speisekammer sollte eigentlich mit dem Nötigsten gefüllt sein. Sehen Sie sich das Haus an. Schlafen Sie eine Nacht darüber. Und morgen sagen Sie mir dann, wie Sie sich entschieden haben.“ Er erhob sich mühsam aus dem Sessel und humpelte Richtung Tür. „Mich werden Sie jetzt entschuldigen. Ich habe eine lange Reise hinter mir und werde mich zurückziehen.“ 
„Natürlich, Sir … Mylord.“ Forster starrte Lord Sheridan hinterher. Hatte er wirklich eben einen mehr oder weniger Wildfremden, von dem er wissen oder zumindest ahnen musste, dass er eine kriminelle Vergangenheit hatte, in sein Haus eingeladen, ihm auch noch gesagt, dass er sich in Ruhe umsehen sollte? Was er wirklich so naiv? Oder passierte hier gerade etwas, was er, Forster, einfach nicht durchschaute?
Egal, erstmal hatte er Hunger, und Lord Sheridan hatte gesagt, dass er sich etwas zu essen nehmen könnte. Er machte sich also auf die Suche nach der Küche und fand sie, nicht unerwartet, im Souterrain. In der Speisekammer befanden sich Eier, Speck, Brot und einige kleine Pies. Forster beschloss, Eier und Speck fürs Frühstück aufzubewahren und machte sich über die Pasteten her. 
Danach erkundete er das Haus. Neben dem Salon befand sich im Erdgeschoss noch ein Speisezimmer mit einem Tisch für acht Personen. Der erste Stock gehörte vermutlich dem Hausherrn, und Forster beschloss, dort erstmal nicht einzudringen. Im zweiten Stock gab es eine Bibliothek mit einem großen Schreibtisch und ein weiteres Schlafzimmer mit Bad, für Gäste, vermutete Forster. Ganz oben fand er schließlich das Dienstbotenquartier. Er hatte eine einfache Schlafkammer erwartet, aber er fand neben einem gemütlichen Schlafzimmer sogar ein eigenes kleines Wohnzimmer und, unfassbar, ein eigenes Bad. Für einen Mann, der die letzten Jahre zumeist in Zelten, Scheunen und lausigen Absteigen übernachtet hatte, der wahre Luxus. Der Position wurde minütlich attraktiver. 
Er fasste einen schnellen Entschluss und machte sich auf den Weg in den ersten Stock, um Lord Sheridan mitzuteilen, dass er sein Angebot annehmen würde. Er klopfte an die Tür, bekam aber keine Antwort. Forster überlegte kurz. Vermutlich sollte er in das Dienstbotenquartier zurückkehren und bis morgen warten, aber nach kurzem innerem Kampf siegte doch die Neugier. Und schließlich hatte Lord Sheridan gesagt, er solle sich das Haus ansehen. 
Er öffnete also die Tür einen Spalt breit und spähte hinein. Vor ihm lag ein Ankleidezimmer. Es war leer, und so wagte sich weiter vor zu der Tür, die, wie er zumindest vermutete, in das Schlafzimmer des Lords hinüberführte. Die Tür stand offen, und Forster warf einen kurzen Blick in den Raum, bereit sich im Zweifelsfall sofort zurückzuziehen. 
Lord Sheridan lag auf dem Bett. Offensichtlich hatte er noch nicht vorgehabt, sich wirklich zur Ruhe zu begeben. Er hatte nur seinen Gehrock abgelegt und die Schuhe ausgezogen und sich mit in den Rücken gestopften Kissen halb sitzend auf dem Bett ausgestreckt. Er schien an etwas gearbeitet zu haben, denn um ihn herum lagen beschriebene Papiere und Zettel, auf denen Forster, als er näher trat, lange Zahlenreihen und seltsame Symbole, die ihm überhaupt nichts sagten, sehen konnte. Jetzt schlief er jedoch, und der Füller drohte ihm aus der Hand zu fallen. 
Forster, der das Laken vor einem Tintenfleck bewahren wollte, beugte sich über ihn. Doch als er versuchte, ihm vorsichtig und ohne ihn zu wecken, den Füller aus der Hand zu nehmen, wachte Lord Sheridan auf und blickte ihn verwirrt an. Forster trat sofort ein paar Schritte zurück. 
„Verzeihung, Mylord. Ich wollte Sie nicht wecken. Aber der Füller …“ Er brach ab. Was er getan hatte, war unverzeihlich. Er war in das Schlafzimmer eines Lords eingedrungen. Wahrscheinlich würde Lord Sheridan ihn gleich in hohem Bogen hinauswerfen. Was wirklich zu schade war, denn unterdessen hatten Forster sich schon ganz gut an die Vorstellung gewöhnt, in diesem angenehmen, warmen, trockenen Haus zu wohnen.
Aber der Lord überraschte ihn. „Wollten Sie mir etwas mitteilen, Forster?“, fragte er.
„Ich … ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich Ihr Angebot annehmen will“, stotterte Forster also heraus. 
Lord Sheridan betrachtete ihn aus jetzt ganz wachen Augen. Er schraubte den Füller sorgfältig zu und legte ihn zur Seite. Er sah ihn einige Augenblicke länger an und sagte dann: „Danke, Forster. Das freut mich." Er schien einen Moment zu überlegen und fuhr dann fort: "Ich denke, Sie sollten Ihren Dienst erst morgen antreten. Gehen Sie jetzt also schlafen. Ich werde dasselbe tun.“
Forster nickte und wandte sich zur Tür. Als er den Raum schon beinahe verlassen hatte, sprach Lord Sheridan ihn noch einmal an. 
„Falls Sie es sich in der Nacht doch noch anders überlegen, Forster: Meine Brieftasche liegt auf der Kommode im Ankleidezimmer. In ihr finden Sie etwa hundert Pfund in Scheinen. Ich möchte Sie bitten, nicht die Taschenuhr zu nehmen. Sie gehörte meinem Großvater. Aber das Silber ist unten im Safe in der kleinen Kammer neben der Küche. Der Schlüssel ist an meinem Schlüsselbund. Bedienen Sie sich ruhig. Ich gebe Ihnen mein Wort als Ehrenmann, dass ich Sie nicht verfolgen lassen werde.“
Forster war so überrascht, dass er nur sprachlos nicken konnte. Dann verließ er das Zimmer und machte sich zurück auf den Weg in das Dienstbotenquartier unter dem Dach. 

Zwei Stunden später musste Forster einsehen, dass er nicht würde einschlafen können. Zuviel ging ihm im Kopf herum. Er brauchte dringend eine Ablenkung. Vielleicht könnte er doch gleich seine Aufgaben aufnehmen? Er würde ins Ankleidezimmer gehen, und die Sachen von Lord Sheridan auspacken. Er kannte sich nicht wirklich mit teuren Stoffen aus, aber Kleidung aufhängen und weglegen – doch, das traute er sich zu.
Er zog sich also wieder an und ging hinunter in den ersten Stock. Die Tür zum Schlafzimmer war jetzt geschlossen, und Forster werkelte zufrieden einige Zeit vor sich hin. In den Schränken des Lords befand sich auch ohne die Sachen, die er mit auf Reisen gehabt hatte, genug, so dass er sich orientieren konnte, was wohin kam und wie man bestimmte Kleidungsstücke aufhängte oder zusammenlegte.
Als er fertig war, fiel sein Blick wie zufällig auf die auf der Kommode liegende Brieftasche. Er klappte sie auf und sah tatsächlich die hundert Pfund, von denen Lord Sheridan gesprochen hatte. Er ging tief in sich, verspürte aber seltsamerweise absolut kein Jucken in den Fingern. 
Aus reinem Interesse nahm er dann den Schlüsselbund, der neben der Brieftasche lag, und ging damit hinunter in die Küche. Er fand den Silbersafe ohne Mühe in der von Lord Sheridan bezeichneten Kammer. Und tatsächlich passte der Schlüssel. Forster betrachtete einige Zeit die vor ihm liegende blitzende Ansammlung von Edelmetall. Dann schloss er vorsichtig den Safe und verriegelte ihn wieder gewissenhaft. 
Er ging hinauf in den ersten Stock und legte die Schlüssel zurück auf die Kommode. Er wollte sich schon zurückziehen, als er einen Laut aus dem Schlafzimmer hörte. 
Er öffnete leise die Tür. „Mylord?“, fragte er. Doch Lord Sheridan schien zu schlafen, wenn auch sehr unruhig. Forster wollte die Tür schon wieder schließen, als er ein erneutes Keuchen vom Bett hörte.
„Nein!“ Lord Sheridan warf sich von einer Seite auf die andere. Forster trat vorsichtig näher. „Mylord?“
„Nein! Nein! Nicht …“
Entschlossen griff Forster nach Lord Sheridans Schulter. „Wachen Sie auf, Mylord. Sie haben einen Alptraum.“
Lord Sheridan schreckte hoch und starrte ihn einen Augenblick lang verständnislos an. Dann erkannte er ihn. Er umklammerte seinen Arm. „Oh Gott, lassen Sie sie nicht mein Bein abnehmen …“
Forster blickte in die erschreckten Augen des jungen Lord und fühlte, wie ihn eine Welle des Mitgefühls durchströmte. Er legte seine Hand über die verkrampften Finger auf seinem Arm und versuchte, sie vorsichtig zu lösen. „Es ist alles in Ordnung, Mylord“, sagte er sanft. „Sie sind Zuhause. Ihnen kann nichts mehr passieren.“
Lord Sheridan blinzelte einige Male und schien dann richtig wach zu werden. Er starrte Forster noch einen Augenblick verwirrt an und errötete dann bis an die Haarwurzeln. Er löste seine Hand und lehnte sich im Bett zurück. „Natürlich. Natürlich.“ Er schüttelte kurz den Kopf und lachte verlegen. „Verzeihen Sie mir. Ich …“ Er wusste offensichtlich nicht, was er sagen sollte.
„Sie hatten nur einen Alptraum, Mylord. Es ist nichts passiert.“ Es schien Forster am besten, die Sache so einfach wie möglich abzuhandeln und nicht zu viel daraus zu machen. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Mylord?“
Lord Sheridan schüttelte hastig den Kopf. „Nein, nein. Danke, Forster. Gehen Sie jetzt wieder schlafen.“
Forster nickte kurz und verließ das Zimmer. Er schloss leise die Tür und ging nachdenklich in das Dienstbotenapartment hinauf. Es war nur allzu deutlich, dass Lord Sheridan in mehr als nur einer Hinsicht Hilfe brauchte. 

Am nächsten Morgen saß Forster über einer Tasse Kaffee am Küchentisch und überlegte, wie er seinem neuen Herrn am besten helfen konnte. Es wäre doch gelacht, wenn er nicht irgendetwas unternehmen könnte. Nicht umsonst war seine Mutter eine der besten Kräuterhexen von Liverpool gewesen. So etwas hinterließ Spuren. Er musste sich dringend erkundigen, wo in der Nähe er hier wohl eine Apotheke finden würde. 
Vielleicht wäre das sogar eine ganz gute Gelegenheit, die Bekanntschaft anderer Gentleman’s Gentlemen hier zu machen. Forster wusste, dass er Hilfe betreffs seiner Aufgaben brauchen würde. Er musste unbedingt jemanden finden, der ihm seine Fragen beantworten und den einen oder anderen guten Ratschlag geben konnte. Er war sich sicher, dass etliche der anderen persönlichen Diener auf ihn herabsehen würden, aber es würde ja einer reichen, der bereit war, sich seiner anzunehmen.
Aber erstmal musste er Frühstück machen. Eier und Speck, das stellte kein Problem da. Die Schwierigkeiten begannen erst am Frühstückstisch. Lord Sheridan aß nicht. Nach zwei Bissen legte er seine Gabel wieder beiseite und vertiefte sich in seine Times. Kein Wunder, dass er so dünn war, dachte Forster. Da musste man doch etwas gegen tun …
„Schmeckt es Ihnen nicht, Mylord?“, fragte er also.
Lord Sheridan blickte hoch. „Was?“, fragte er überrascht.
„Es tut mir leid, wenn das Essen nicht Ihren Ansprüchen genügt, Mylord. Vielleicht bedauert Mylord es schon, mich in seine Dienst genommen zu haben …?“ 
„Äh … was? Nein, Forster, gar nicht, es ist sehr gut“, sagte ein völlig überrumpelte Lord Sheridan.
„Sie sind zu freundlich, aber es ist unnötig, dass Sie mir etwas vormachen, Mylord. Ich kann sehr wohl sehen, dass es Ihnen nicht schmeckt.“ Forster versuchte den Eindruck von stoisch ertragener Untröstlichkeit zu erwecken.
Lord Sheridan starrte auf den vollen Teller vor sich. „Ich versichere Ihnen, Forster …“
„Nein, Mylord“, unterbrach ihn Forster, „es ist schon gut.“ Er tat so, als wollte er nach dem Teller greifen, um ihn abzuräumen. Wie erhofft, hielt Lord Sheridan ihn zurück. 
„Warten Sie, Forster. Ich bin noch nicht fertig damit.“ 
„Natürlich, Mylord.“ Forster verließ mit einer steifen Verbeugung das Zimmer. In der Küche angekommen, gestattete er sich ein kleines Lächeln. 
Als er später abräumte, war der Teller leer gegessen. 

Nach dem Frühstück ging Forster einkaufen. Lord Sheridan hatte ihm Geld gegeben und die Anweisung, sich neu einzukleiden. Das tat Forster, aber er erledigte auch noch einige private Besorgungen. Da sich tatsächlich der Kammerdiener eines benachbarten Lords als zugänglich erwiesen hatte, hatte Forster keine Probleme, alle Geschäfte zu finden. Außerdem war er schon jetzt mit jeder Menge guter Tipps und Ratschläge versorgt worden sowie mit der freundlichen Einladung doch gerne wieder zu einem kleinen Erfahrungsaustausch vorbeizukommen. 
Forster brachte seine neue Kleidung in seine Zimmer hinauf, zog sich um und begab sich dann in die Küche, um die restlichen Einkäufe, unter ihnen auch ein reichhaltig gefülltes Päckchen aus einer Apotheke, auszupacken. Jetzt musste er nur noch eine günstige Gelegenheit finden, alles zur Anwendung zu bringen.

Die erhoffte günstige Gelegenheit ergab sich schon am selben Nachmittag. Forster schaffte etwas Ordnung im Salon und bemerkte dabei, wie Lord Sheridan vergeblich versuchte, eine bequeme Sitzposition zu finden. Es war offensichtlich, dass ihn sein Bein schmerzte. Aber er schien nicht bereit, sich auf die am Fenster stehende Chaiselongue zu begeben, sondern blieb eigensinnig auf seinem harten Polsterstuhl sitzen.
„Wollen Sie sich vielleicht ein wenig hinlegen und ausruhen, Mylord?“, fragte Forster, nachdem er sich das Ganze eine Weile angesehen hatte.
Lord Sheridan blickte mit harter Miene von seinem Buch hoch. Seine Stimme klang eisig: „Warum wollte ich das wohl tun, Forster?“
Aha, daher wehte also der Wind. Hier war ein gewisses Maß an Diplomatie gefragt. „Da Sie sich ja heute Abend sicher in das Londoner Nachtleben stürzen wollen, dachte ich, dass Sie sich nach der langen Reise gestern vielleicht noch ein wenig ausruhen wollen.“
„Ah … ach so. Ja, vielleicht haben Sie Recht.“ Lord Sheridan schlug das Buch zu. „Ich werde mich tatsächlich einen Augenblick hinlegen. Heute Abend werde ich in meinem Club gehen. Mal sehen, wer so in der Stadt ist. Wecken Sie mich bitte um acht.“
Forster sah seine Chance gekommen. Er kochte Wasser auf und suchte einige Kräuter, Baldrian, Melisse, Johanniskraut, für einen Tee zusammen. Während die Mixtur zog, bereitete er einige andere Kräuter vor und rührte sie mit Murmeltierfett zu einer zähen Paste. 
Als er damit fertig war, stellte er alle Sachen, die er brauchte, auf ein Tablett und klemmte sich noch die gerade gelieferte Spätausgabe der Times unter den Arm. Dann begab er sich ins Schlafzimmer seines Herrn, der, obwohl er sich offensichtlich wirklich zum Schlafen hatte hinlegen wollen – er trug nur einen Morgenmantel –, schon wieder über irgendwelchen kryptischen Zahlenkolonnen brütete. 
„Tee, Mylord?“, fragte er harmlos, während er das Tablett auf einem kleinen Seitentisch abstellte.
„Gerne, Forster. Danke.“ Lord Sheridan griff abwesend nach der ihm hingehaltenen Tasse und nahm einen Schluck. Er verzog das Gesicht. „Himmel! Was ist das denn?“
„Ein Rezept meiner Mutter. Ich bereite ihn jeden Nachmittag. Ich dachte, er würde vielleicht auch Mylord gut tun.“ Ha! Kaum gelogen, dachte Forster befriedigt. 
„Hmm.“ Lord Sheridan sah wenig überzeugt aus, nippte aber weiter an der Tasse. Wahrscheinlich wollte er eine weitere Unterhaltung wie am Frühstückstisch vermeiden.
Forster brachte den Tisch mit dem Tablett ans Bett. Lord Sheridan betrachtete das Geschehen misstrauisch. „Was genau haben Sie vor, Forster?“
„Nur ein Kräuterumschlag, Mylord. Beachten Sie mich gar nicht.“ Lord Sheridan sah so aus, als wollte er etwas sagen, blieb dann aber erstmal still. Aber als Forster den Morgenmantel von seinem Bein zurückschlug, wurde es ihm offensichtlich doch zuviel. 
„Forster!“
Forster, der mit Widerstand gerechnet hatte, war vorbereitet. „Hier ist die Spätausgabe der Times für Sie, Mylord.“ Er drückte Lord Sheridan die Zeitung in die Hand. Aber diesmal ließ sich der Lord nicht so leicht abspeisen. „Forster!“, wiederholte er scharf und warf die Zeitung neben sich auf das Bett. „Was auch immer Sie vorhaben, ich wünsche, dass Sie es unterlassen.“
Forster hielt in der Bewegung inne und sah Lord Sheridan gerade heraus an. Er sah Angst in seinem Blick, Schmerzen, Müdigkeit, Unsicherheit … Forster beschloss, dass es an der Zeit war, einfach die Wahrheit zu sagen.
„Mylord. Es ist nicht zu übersehen, dass Sie Schmerzen haben. Ich glaube, ich kann Ihnen helfen. Bitte lassen Sie es mich versuchen.“ 
Lord Sheridan starrte ihn für einen langen Moment an. Dann nickte er abrupt. Forster atmete auf.
Als er diesmal den Morgenmantel zurückschlug, hielt ihn Lord Sheridan nicht zurück. Aber Forster merkte, dass er vor Anspannung beinahe vibrierte. Er achtete darauf, die Sache so unpersönlich wie möglich zu gestalten und seinen Gesichtsausdruck neutral zu halten. 
Es war leichter dadurch, dass er in etwa wusste, was ihn erwartete. Er hatte die Wunden gesehen, die Narben, großflächig und flammendrot, die Lord Sheridans linken Oberschenkel und das Knie überzogen, konnten ihn nicht überraschen.
Er strich die intensiv, aber nicht unangenehm riechende Paste auf Lord Sheridans Bein und umwickelte es dann zur besseren Wirkung mit heißen Tüchern. Bis auf ein tiefes Einatmen gab Lord Sheridan keinen Laut von sich. 
„Ich komme in zwanzig Minuten wieder und erneuere die heißen Tücher“, sagte Forster, als er fertig war. Lord Sheridan blieb weiterhin stumm. Sein Blick war starr auf die neben ihm liegende Times gerichtet. Forster betrachtete es schon als Sieg, dass er keinen weiteren Widerspruch einlegte.
Als er zwanzig Minuten später wieder das Schlafzimmer betrat, schien der Tee schon eine gewisse Wirkung gezeigt zu haben. Lord Sheridan war schläfrig und viel entspannter. Diesmal sah er Forster sogar bei seinen Verrichtungen zu. 
„Versuchen Sie jetzt etwas zu schlafen, Mylord“, sagte Forster, nachdem er das letzte Tuch um Lord Sheridans Oberschenkel gewickelt und ein Kissen unter sein Knie geschoben hatte. „Ich wecke Sie dann um acht.“ 
Lord Sheridan nickte. Er zögerte einen Augenblick. „Danke, Forster“, sagte er dann.
Forster unterdrückte ein Lächeln, dass der junge Lord vielleicht falsch interpretiert hätte, „Gerne, Mylord“, sagte er einfach, sammelte seine Sachen zusammen und verließ das Zimmer.

Als Forster um Punkt acht das Zimmer betrat, hatte Lord Sheridan sich auf die Seite gedreht und schlief so tief, dass Forster es nicht über sich brachte, ihn zu wecken. Er rief sich Lord Sheridans Worte vom Nachmittag in Erinnerung: ‚Heute Abend werde ich in meinem Club gehen. Mal sehen, wer so in der Stadt ist.’ Das hörte sich nicht nach einer festen Verabredung an. Dann würden seine Freunde wohl noch einen Tag auf ihn verzichten können. 
Er hatte zwar die direkte Anweisung gegeben, um acht Uhr geweckt zu werden, aber das war nichts, was ein kleines, natürlich sehr bedauerliches Missverständnis nicht lösen konnte. Mit einem leisen Lächeln zog er die Decke über den jungen Lord und verließ das Zimmer.

Als er Lord Sheridan am nächsten Morgen um Punkt acht weckte, sagte der Lord zunächst nichts weiter und nahm auch Forster gemurmelte Entschuldigung ob des offensichtlichen Missverständnisses ohne weitere Regung hin. Forster sah, dass Lord Sheridan viel erholter als noch am Vortag aussah und sich auch deutlich weniger auf seinen Stock stützen musste. Seine Reue ob seines eigenmächtigen Handelns hielt sich entsprechend in Grenzen.
Später, nach dem Frühstück, rief Lord Sheridan Forster dann doch noch einmal zu sich.
„Sie haben vielleicht gehört, Forster“, begann er, „dass es Männer gibt, die ihr Leben von ihren Kammerdienern regeln lassen.“
Forsters Gesicht bliebt völlig ausdruckslos. „Tatsächlich, Mylord?“
„Ich, Forster“, fuhr Lord Sheridan fort, „gehöre nicht zu diesen Männern. Es gibt in diesem Haushalt genau eine Person, die bestimmt, was zu geschehen hat.“
Zumindest der letzten Aussage konnte Forster sich problemlos anschließen, und er stimmte ohne Umschweife zu. „Natürlich, Mylord.“
„Sehr gut“, sagte Lord Sheridan und nickte befriedigt. „Dann sind wir uns da also einig.“
Forster senkte den Kopf und gestattete sich ein kleines privates Lächeln. „Vollkommen, Mylord. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“ 
"Nein, Forster. Danke. Ich habe alles, was ich brauche."
Jetzt schon, dachte Forster. Und mit diesem Gedanken begab sich die eine Person, die in Zukunft in diesem Haushalt bestimmen würde, was zu geschehen hatte, wieder zurück in die Küche.