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Nach den Geschehnissen auf Searwater Hall

eine Woche nach den Ereignissen auf Searwater Hall, auf der Straße nach Goodwood House, dem Landsitz der Herzöge von Richmond

„Verdammt!“ Lord Sheridan verzog das Gesicht, als ein besonders tiefes Schlagloch in der Straße einen plötzlichen Schmerz durch sein linkes Knie jagte. Normalerweise plagte ihn seine alte Kriegsverletzung nicht mehr über Gebühr, zumindest nicht mit starken Schmerzen, aber der Vorfall gestern Nachmittag war ihr definitiv nicht zuträglich gewesen. Sein Kammerdiener Forster, der ihn wie immer begleitete, warf ihm einen zerknirschten Blick zu. 
„Es tut mir so leid, Mylord.“
„Ja, ich weiß, Forster.“
„Kann ich noch irgendetwas tun?“ Er griff nach einem weiteren Kissen, um es seinem Herrn unter das ohnehin schon hoch gelegte und gut abgepolsterte Bein zu schieben.
„Nein, Forster, danke“, wehrte Lord Sheridan ihn gerade noch ab.
„Ich gebe ganz und gar mir die Schuld, Mylord“, beteuerte Forster mit geradezu untröstlicher Miene.
„Das ist vollkommen unnötig.“ 
Anfangs war die Zerknirschtheit Forsters, der sich in einer für einen langjährigen Bediensteten nicht unüblichen Art sonst gerne auch einmal die eine oder andere Freiheit herausnahm, durchaus amüsant gewesen. Fast war Lord Sheridan schon zu dem Schluss gekommen, dass das allein den Ärger wert war. Doch langsam wurden die ständigen Beteuerungen seines treuen Dieners ermüdend.
„Aber wenn ich besser aufgepasst hätte …“
„Dasselbe könnte man über mich sagen, Forster“, erwiderte Lord Sheridan kurz und hoffte, das Thema damit endlich beendet zu haben.
„Oh, nein, Mylord. Es war ganz und gar meine Schuld.“
Lord Sheridan seufzte innerlich auf. Das würde noch eine lange Fahrt werden. 

Nach, wie es Lord Sheridan schien, Stunden endlich in Goodwood House angekommen, dirigierte sie der Butler in die Bibliothek. Sein Bruder Alistair, der derzeitige Herzog von Richmond, sah überrascht von seinen Papieren auf, als er angekündigt wurde, kam ihm dann aber mit einem Lächeln entgegen. Das Lächeln gefror etwas, als er das ausgesprochen starke Hinken seines Bruders bemerkte. Zu Lord Sheridans großer Erleichterung sagte er jedoch nichts. 
Nachdem er Richmond begrüßt hatte, ließ sich Lord Sheridan von Forster in einen Sessel am Kamin helfen. 
„Danke, Forster. Das ist alles“, versuchte er, seinen Diener möglichst schnell loszuwerden. Aber so einfach sollte es natürlich nicht sein.
„Soll ich einen Kräuterumschlag für Ihr Bein vorbereiten, Mylord?“
„Nicht jetzt, Forster. Danke.“ Es fiel Lord Sheridan zunehmend schwer, höflich zu bleiben.
Doch Forster ließ es sich nicht nehmen, zumindest noch einen Hocker heranzuholen und Lord Sheridans Bein hochzulegen. Als dieser dabei unwillkürlich hörbar die Luft einzog, rang er beinahe die Hände.
„Oh, es tut mir so leid, My…“
„Danke, Forster“, fiel ihm Lord Sheridan, unterdessen wirklich entnervt, ins Wort. Forster zuckte ob des scharfen Tonfalls zusammen und schien den Tränen nah. Lord Sheridan hob den Blick zum Himmel und betete um Geduld. 
„Sie können sich jetzt um das Gepäck kümmern“, sagte er, so ruhig es ihm nur irgend möglich war.
„Natürlich, Mylord.“ Forster entfernte sich quasi rückwärts und sich verbeugend aus dem Zimmer, ein Bild des schlechten Gewissens. 
Richmond, der Forster sonst ganz anders kannte, warf ihm einen irritierten Blick hinterher und wandte sich dann mit einer offensichtlichen Frage auf den Lippen seinem Bruder zu. Lord Sheridan, der im Moment weder seinen Gesundheitszustand noch das seltsame Verhalten seines Dieners diskutieren wollte, kam ihm zuvor.
„Wie geht es Geometry?“, erkundigte er sich.
Geometry war einer der wenigen Nachkommen aus der Linie seines bei Balaklawa gefallenen Hengstes Pegasus und der einzige, der sich im Moment noch in seinem Besitz befand.
Richmond wirkte einen Augenblick unentschlossen, ob er nicht erst eine Erklärung fordern sollte, schien sich dann aber doch dagegen zu entscheiden. Er kam zum Kamin herüber und setzte sich in einen Sessel seinem Bruder gegenüber. 
„Er hat sich gut entwickelt. Intelligent, temperamentvoll, vielleicht ein wenig zu nervös, aber das dürfte an seinen Erfahrungen und nicht an seinem Erbe liegen. Bist du endlich soweit, mit der Zucht zu beginnen?“
„Nicht ganz,“ erwiderte Lord Sheridan. 
Sein Bruder betrachtete ihn mit interessiertem Blick, offensichtlich nicht sicher, was er nun erwarten sollte. Doch dann blitzte plötzliche Erkenntnis in seinen Augen auf. 
„Guter Gott! Du hast doch nicht etwa vor, ihn zu reiten?“, fragte er entsetzt.
Lord Sheridan bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen. „Nach einigem Nachdenken bin ich zu der Ansicht gekommen, dass ich mich in den letzten Jahren zu sehr geschont habe.“ Richmond wollte etwas sagen, aber er kam ihm zuvor. „Ich weiß, was du denkst, Alistair. Ich weiß, dass ich Grenzen habe. Aber ich muss endlich und endgültig herausfinden, wo diese Grenzen tatsächlich sind. Dazu ist es nötig, mir körperlich mehr zuzumuten. Deutlich mehr. Ich habe zu viel Zeit hinter meinem Schreibtisch verbracht.“
„Bist du dir sicher?“
„Vollkommen sicher.“
Richmond musterte ihn mit besorgtem Blick. „Es liegt mir selbstverständlich fern, mich in deine Angelegenheiten, geschweige denn dein Leben einzumischen, Granville, aber hältst du das für eine gute Idee? Ich hoffe, du verzeihst mir die Feststellung: Du scheinst im Moment nicht gerade in der besten körperlichen Verfassung zu sein.“
Lord Sheridan winkte ab. „Oh, das ist nichts. Forster hat mich getreten.“ 
„Wie bitte?“
„Es war ein Unfall. Das behauptet er zumindest.“
Er sah die entrüstete Miene seines Bruders und verbiss sich mit Mühe ein Lachen. „Du weißt, dass Forster nie mit Absicht etwas täte, was mir schaden würde. Natürlich war es ein Unfall. Wir haben uns geschlagen.“
„Ihr habt was?“
„Ich hatte, wie gesagt, das Gefühl, dass mir etwas regelmäßige Körperertüchtigung gut tun würde.“
„Körperertüchtigung“, wiederholte Richmond ungläubig. 
Lord Sheridan nickte. „Boxen.“
„Mit Forster? Warum gehst du nicht in einen Boxclub?“
„Weil ich da nur Gentlemen treffe. Was sollte mir das nützen?“
Richmond sah ihn an, als würde er sich fragen, ob sein Bruder nun endgültig den Verstand verloren hätte. 
„Vermutlich trifft ‚prügeln’ es auch eher als ‚boxen’“, fuhr Lord Sheridan ungerührt fort.
„Du prügelst dich mit deinem Kammerdiener?“, fragte Richmond noch einmal nach, wohl in der Hoffnung, das alles irgendwie falsch verstanden zu haben.
Lord Sheridan nickte noch einmal. „Er ist dabei, mir die hinterhältigsten Gossentricks aus Liverpool nahe zu bringen“, sagte er, nicht ohne eine gewisse Befriedigung.
„Aber … warum?“, fragte Richmond entgeistert.
„Nun, sagen wir einfach, ein Mann wie ich muss alle Vorteile ausnutzen, die er kriegen kann. Was mich darauf bringt: Ist Duke's Delight zurzeit eigentlich bewohnbar? Ich würde es ab nächster Woche gerne nutzen, wenn du nicht anderweitige Pläne für es hast.“ 
Duke's Delight war eine kleine Villa, keine zehn Minuten entfernt, aber außerhalb der Sichtweite des Haupthauses. Sie war schon vor einigen Generationen gebaut worden, und frühere Herzöge hatten gerne ihre Geliebten darin einquartiert. 
Genau diese Tatsache war es auch, die Richmond sich indigniert aufsetzen ließ. „Nur weil Vater es für angebracht hielt, seine Gespielinnen in unmittelbarer Umgebung zum Haus unterzubringen, heißt das nicht, dass ich es zulassen werde, dass du …“
„Alistair, ich bitte dich. Traust du mir wirklich zu, dass ich eines meiner Paradiesvögelchen in eine Umgebung bringen würde, in der auch deine Frau und Töchter leben?“
„Wenn du zwischen offiziellen Mätressen bist, ist dir, ehrlich gesagt, alles zuzutrauen“, erwiderte sein Bruder trocken.
Jetzt war es an Lord Sheridan eine indignierte Miene aufzusetzen. „Was soll das denn bitte heißen?“
„Dass du, wenn du nicht in geordneten Verhältnissen lebst, zu allen möglichen Dummheiten in der Lage bist. Vor allem mit Rothaarigen.“
„Das ist doch vollkommener Unsinn …“
„Tatsächlich? Und wie war das mit der polnischen Kunstreiterin …?“
„Eine Verkettung von unglücklichen Umständen“, erklärte Lord Sheridan mit fester Stimme. „Das hätte jedem passieren können.“
„Und die Sache mit der schottischen Tänzerin?“, fuhr sein Bruder fort, jetzt mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. „Ganz zu schweigen von den zwei Schwestern aus Dublin … Gib einfach zu, es ist dir unmöglich, roten Haaren zu widerstehen.“
Lord Sheridan bemühte sich um einen empörten Gesichtsausdruck, konnte sich aber letztlich ein Grinsen nicht verkneifen. „Schon gut, schon gut. Ich gebe mich geschlagen. Um dich zu beruhigen: Ich werde alles tun, um meine Umstände möglichst bald wieder zu ‚ordnen’. Aber ich brauche Duke's Delight nicht für eine Frau. Ich habe vor, Ramsey Munro einzuladen.“
„Ramsey Munro?“, fragte sein Bruder überrascht. „Den Fechtmeister?“
„Eben den.“
„Er ist kein Gentleman“, stellte der Herzog fest.
„Genau das ist der Grund, warum ich ihn in der Villa und nicht in Goodwood selbst unterbringen will“, erklärte Lord Sheridan. „Aber was auch immer man sonst über ihn sagen kann – er kennt jeden Fechttrick, der je in Spanien, Frankreich oder Italien erdacht wurde.“
„Tricks? Du willst Fechttricks lernen?“
Lord Sheridan zuckte nachlässig mit den Schultern. „Wie gesagt: Irgendwie muss ich meine Benachteiligung ja ausgleichen.“
„Muss ich mir Sorgen machen?“, fragte Richmond.
„Oh, reg dich ab. Ich habe nicht vor, sie in einem Duell gegen einen Gentleman einzusetzen – nicht dass mich ein Gentleman je zu einem Degenduell fordern würde. Aber glaub mir, Alistair, es gibt Gelegenheiten, wo die Regeln der guten Gesellschaft nicht zur Anwendung kommen.“ 
Richmond sah so aus, als würde er das eher bezweifeln. Aber dann sagte er plötzlich: „Hat dieser Entschluss zufällig irgendetwas mit deinem Wochenende auf Searwater Hall zu tun?“ 
„Wie kommst du darauf?“
„Ich weiß nicht. Es scheint mir nur ein zu großer Zufall, dass mein Salonlöwe von einem Bruder von einem Tag auf den anderen zu athletischen Großtaten aufgelegt ist.“
Lord Sheridan lachte auf, aber seine Augen blieben hart. „Searwater Hall …“ Seine Stimme verlor sich, und er starrte ins flackernde Feuer des Kamins.
„Willst du darüber reden?“, fragte Richmond ruhig. Er war eine der wenigen Personen, die wussten, dass die Arbeit seines Bruders in der Admiralität nicht unbedingt etwas mit der Verwaltung von Schiffen zu tun hatte.
Lord Sheridan schwieg eine ganze Weile. Aber schließlich begann er doch zu sprechen: „Es begann eigentlich alles ganz harmlos …“

Im Kamin glühte nur noch einige Asche, als Lord Sheridan schließlich am Ende seiner Erzählung angekommen war. Richmond hatte das hereinschauenden Dienstmädchen, das sich um das Feuer kümmern wollte, wortlos hinausgewinkt. Der Pegel der Whiskey-Flasche war ebenfalls merklich gesunken. 
Die Brüder saßen einige Zeit schweigend beieinander. Dann sagte Richmond: „Wir könnten vielleicht den Ballsaal zum Fechtraum umfunktionieren.“
„Den Ballsaal.“ Lord Sheridan starrte seinen Bruder an. Duke's Delight war eine schmucke kleine Villa, hatte aber definitiv keinen Ballsaal. Dann verstand er. „Hier in Goodwood?“, fragte er ungläubig.
„Wir benutzen ihn ohnehin nur zweimal im Jahr“, erwiderte Richmond, „und ich weiß nicht, ob wir in Duke's Delight genug Platz haben.“
Lord Sheridan blickte überrascht zu seinem Bruder hinüber. „Wir?“ 
„Ich denke, dein Vorhaben wird etwas Zeit in Anspruch nehmen. Mindestens mehrere Wochen, vielleicht sogar Monate. Wir können kaum erwarten, dass Ramsey Munro so lange hier bleibt.“ Richmonds Gesicht war auffallend ausdruckslos, als er hinzufügte: „Du wirst einen Trainingspartner brauchen.“ 
„Soll ich das so verstehen, dass du dich dafür anbietest?“, fragte Lord Sheridan. 
„Wie in alten Zeiten, Granville“, sagte Richmond. Sein Tonfall war leicht, doch es schwang etwas mit, das Lord Sheridan aufhorchen ließ. 
Obwohl sich die Brüder durchaus nahe standen, hatten sie doch schon lange nicht mehr das enge Verhältnis, das sie in ihrer Kindheit und Jugend gehabt hatten. Lord Sheridan hatte immer geglaubt, dass es an Richmond gelegen hatte, dass die Verpflichtungen, die seine Stellung mit sich brachten, dazu geführt hatten. 
Aber als er jetzt sah, mit welcher Intensität der Blick seines Bruders in Erwartung seiner Antwort auf ihm ruhte, kam ihm der plötzliche Verdacht, dass es eine ganz andere Erklärung geben könnte. Nach seiner Verletzung hatte er jegliche Form von Anteilnahme brüsk abgelehnt, dann war er für Jahre auf den Kontinent verschwunden. Konnte es sein, dass die Verantwortung für die Veränderung vielleicht gar nicht bei Richmond lag, sondern dass vielmehr er selbst es gewesen war, der sich zurückgezogen hatte? Seine Gedanken überschlugen sich.
Als das Schweigen länger und länger wurde, schien etwas in Richmonds Augen zu erlöschen. Er senkte den Blick. „Aber vielleicht war das auch eine unsinnige Idee“, sagte er, und die Resignation, die sich vermutlich unbewusst, aber dennoch unübersehbar in seiner Körperhaltung ausdrückte, schnürte Lord Sheridan die Brust zusammen. Er hatte das Gefühl, dass es für seinen Bruder wie für ihn selbst jetzt wichtig war, die richtige Antwort zu geben. 
„Im Gegenteil, ich bin hocherfreut“, sagte er langsam und stellte fest, dass es stimmte. 
Richmond blickte auf. Offensichtlich sah er etwas im Gesicht seines Bruders, auf das er schon fast nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Seine Augen leuchteten, aber als er antwortete, war sein Tonfall ganz leicht: „Das gibt mir dann vielleicht endlich die lang ersehnte Gelegenheit, dir etwas Verstand einzubläuen. Wann gedenkst du, Geometry zu satteln?“
„In zwei Tagen“, antwortete Lord Sheridan, dem der Themenwechsel nicht unrecht war.
Richmond lachte. „Wohl kaum. Sagen wir, in einer Woche.“
„Zwei Tage, Alistair“, beharrte Lord Sheridan.
„Nun, wir werden sehen“, erwiderte der Herzog mit einem Lächeln. 
Lord Sheridan lächelte zurück. Er hatte das Gefühl, als sei eine Last von seinen Schultern genommen worden, von der er gar nicht gewusst hatte, dass sie da gewesen war. 
Plötzlich fühlte er sich sehr erschöpft. Aber er vermutete, dass er heute Nacht zum ersten Mal seit einer längeren Zeit, als er sich eingestehen wollte, wieder gut würde schlafen können. 
„Ich denke, ich werde mich jetzt zu Bett begeben. Ich hoffe nur, dass Forster nicht in einen weiteren Anfall von tiefster Reumütigkeit verfällt. Ich hatte nicht geahnt, wie anstrengend das sein kann.“
Er nahm seinem Stock und wollte aufstehen. Doch nach dem langen Stillsitzen protestierte sein Bein auf das Energischste gegen jegliche Belastung. Er fiel mit einem bildhaften Fluch in den Sessel zurück und griff nach seinem Knie. 
„Zurück zum Invalidendasein“, sagte er mit einem leicht schiefen Lächeln. „Ein Zustand, an den zu gewöhnen ich in den nächsten Wochen vermutlich nur allzu viel Gelegenheit haben werde.“ Er zögerte einen Moment und fragte dann: „Würdest du mir helfen?“
Richmond blickte überrascht auf und nicht ohne Grund. Lord Sheridan hatte ihn noch nie zuvor um Hilfe gebeten, selbst in der schlimmsten Zeit direkt nach seiner Verwundung nicht, aber jetzt schien es ihm richtig. Richmonds Stimme klang etwas rau, als er antwortete: „Natürlich.“ 
Der Herzog stand auf und griff nach der ausgestreckten Hand seines Bruders. Vorsichtig half er ihm auf die Füße. Seine Hand blieb noch einen Augenblick an seinem Arm, die Blicke der Brüder trafen und hielten sich. 
„Danke“, sagte Lord Sheridan, und das Wort bezog sich nicht nur auf die gerade geleistete Hilfe beim Aufstehen.
„Jederzeit, kleiner Bruder“, erwiderte der Herzog und fügte hinzu: „Es ist schön, dass du zurück bist, Sheridan.“

Tatsächlich dauerte es noch vier Tage, bis Lord Sheridan die Anweisung gab, Geometry satteln zu lassen. Vielleicht hätte er auch noch ein oder zwei Tage länger gewartet, aber eine kleine Auseinandersetzung mit Forster am Abend zuvor hatte den Entschluss beschleunigt. 
„Ich denke, wir können morgen mit dem Unterricht fortfahren, Forster“, hatte Lord Sheridan beim Auskleiden zu seinem Diener bemerkt.
„Mit dem Unterricht, Mylord?“
Lord Sheridan nickte.
„Sie wollen damit weitermachen?“ Kaum unterdrücktes Entsetzen schwang in Forsters Stimme.
Lord Sheridan runzelte die Stirn. „Selbstverständlich. Ich nehme doch kaum an, dass Sie mir schon alles gezeigt haben.“
„Nein, natürlich nicht, aber ...“ 
„Ja, Forster?“, fragte Lord Sheridan, als der Diener nicht weitersprach.
„Ich dachte, dass die Sache nach dem Zwischenfall vor ein paar Tagen beendet gewesen wäre“, erklärte Forster unglücklich.
„Ganz und gar nicht.“
„Ich ...“
„Was, Forster?“, sagte Lord Sheridan in leicht entnervtem Tonfall, als der Diener schon wieder verstummte.
„Ich glaube nicht, dass ich Ihnen in dieser Beziehung weiter zu Diensten sein kann, Mylord“, erklärte Forster würdevoll.
„Wie bitte?“
„Es tut mir leid, Mylord. Aber es geht nicht“, beharrte der Diener.
„Warum nicht?“, fragte Lord Sheridan, jetzt ehrlich interessiert.
Forster druckste herum.
„Weil Sie mich getreten haben?“
Rote Farbe überflutete Forsters Gesicht. 
„Forster“, sagte Lord Sheridan amüsiert, „es war ein Unfall. So etwas kann passieren.“
„Es gehört sich nicht, Mylord.“
Lord Sheridan verkniff sich ein Grinsen. Er hatte vergessen, was für ein Snob Forster sein konnte. „Ich denke, darüber, was sich für mich gehört oder nicht, habe ich noch immer selbst zu entscheiden“, sagte er schließlich.
„Natürlich, Mylord“, erwiderte Forster ausdruckslos.
„Gut, dann können wir ja morgen weitermachen.“
„Nein, Mylord.“
Lord Sheridan starrte seinen Diener konsterniert an. 
„Forster, ich will es so.“
„So leid es mir tut, aber ich muss ablehnen.“
„Aber ich bestehe darauf.“
So war es noch einige Zeit weitergegangen, ohne dass sie zu einem Ergebnis gekommen wären. Forster konnte wirklich erstaunlich starrköpfig sein, wenn er es wollte. Am Ende hatte er sogar seine Trumpfkarte gespielt: 
„Lord Faversham hat mir zu verstehen gegeben, dass er mich jederzeit gerne in seine Dienste nehmen würde, Mylord.“
Daraufhin hatte Lord Sheridan das Gespräch mit einem „Wir werden morgen weiter darüber sprechen, Forster“ abgebrochen.
„Sehr wohl, Mylord“, war die Antwort gewesen, und Lord Sheridan war klar, dass Forster sich als Sieger der Auseinandersetzung betrachtete. Doch in dieser Sache war er nicht bereit nachzugeben – auch wenn das, wie er aus vorherigen Erfahrungen wusste, vermutlich bedeutete, dass in den nächsten Tagen seine Lieblingsweste stets unerklärlicherweise in der Wäsche sein würde, wenn er sie anziehen wollte, oder er keinen Einfluss mehr auf die Wahl seiner Manschettenknöpfe hätte. 

Als Forster sich am nächsten Morgen weiterhin verstockt zeigte, beschloss Lord Sheridan also, dass es Zeit sei, sich seinem anderen Projekt zuzuwenden. Er war noch immer entschlossen, Geometry zu reiten. 
Er hatte den Hengst am Morgen nach seiner Ankunft in Goodwood besucht. Geometry musste ihn kommen gehört haben, denn er hatte seinen Kopf aus der Box gestreckt und ihm eine leise Begrüßung zugewiehert. Lord Sheridan hatte seinen eleganten Kopf, die intelligenten Augen, die ihm freudig entgegensahen, gesehen, und ein tiefes Glücksgefühl hatte ihn erfüllt. Oh ja, er war sich ganz sicher, dass er ihn reiten konnte. Etwas anderes war einfach unvorstellbar.
Mit einem Lächeln erinnerte er sich an ihr erstes Treffen. Es war hier in genau dieser Box gewesen, als er den gerade frisch geborenen Geometry zum ersten Mal gesehen hatte. Er wünschte, er könnte sagen, dass es Liebe auf den ersten Blick gewesen wäre, aber so war es nicht. Ganz im Gegenteil …

8 Jahre zuvor
Seit sein Bruder ihm erzählt hatte, dass Sunshine wieder tragend war – und auch noch von Gallant Captain, dem Bruder von Pegasus’ Vater Prince Pizzazz –, hatte ihn der Gedanke nicht mehr losgelassen. Ein Bruder von Pegasus …! 
Er war zur Geburt des Fohlens nach Goodwood gekommen, und als die Nachricht aus den Ställen kam, ging er sofort mit Richmond hinüber. 
Er spürte die Anspannung, als er an die Box trat. Sunshine hatte sich schützend vor ihr Fohlen gestellt, aber als sie Lord Sheridan erkannte, wieherte sie leise und streckte ihm den Kopf entgegen. Lord Sheridan trat in die Box. Er streichelte ihre Nüstern und tätschelte ihren Hals. 
„Hallo, altes Mädchen“, flüsterte er sanft.
Sunshine schnaubte und trat beiseite. Hinter ihr im Stroh lag ein winziges Fohlen. Rotbraun und filigran, fast wie ein Reh, mit zartem Gesicht und lockiger Mähne, schaute es ihn aus großen Augen scheu an. Erst nach einer liebevollen Aufforderung von Sunshine kam der Kleine wackelig auf die Beine und drückte sich schüchtern an das Hinterbein der Mutter. Zärtlich leckte sie ihm das kurze Fell und stupste ihn dann sanft in Richtung Lord Sheridans. Offensichtlich wollte sie, dass er sich bei ihrem alten Freund vorstellte.
Lord Sheridan spürte die Enttäuschung bis ins Mark. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie sehr er auf einen zweiten Pegasus gehofft hatte. Aber Pegasus musste doppelt so groß gewesen sein. Er dachte daran, wie das damals noch dunkle Schimmelfohlen sofort mit stolzer Miene und herausforderndem Blick auf ihn zugekommen war. Von Schüchternheit keine Spur …
Geometry warf seiner Mutter einen unsicheren Blick zu und stakste dann auf langen Beinen zu Lord Sheridan herüber. Vorsichtig schnuffelte er mit seinen weichen Nüstern an seiner Hand. Dann ließ er ein helles Wiehern hören. Lord Sheridans Finger glitten über die Nase des Fohlens, dann rieb er ihm sanft die Stirn. 
„Was für ein hübscher Junge, Sunshine“, sagte er leise zu der Stute, die ihn aufmerksam beobachtete. „Du musst sehr stolz sein.“
Die Stute blies ihm zutraulich ins Haar. Nach einem letzten Blick und einer liebevollen Berührung an Sunshines Hals trat Lord Sheridan aus der Box und schloss die Tür hinter sich. Er blieb lange vor der Box stehen und ließ Mutter und Sohn nicht aus den Augen. Dann wandte er sich abrupt ab. 
„Verkauf sie.“ Seine Stimme klang rau.
„Willst du es dir nicht noch einmal überlegen, Granville?“, sagte Richmond sanft.
Lord Sheridan brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen. Richmond sah, dass seine Hand zitterte. 
„Verkauf sie“, wiederholte sein Bruder. Er verließ den Stall, ohne sich noch einmal umzudrehen, und reiste am selben Tag ab.

Eine Woche später schrieb Richmond ihm, dass er Sunshine und Geometry an Lord Holland, den Besitzer von Gallant Captain, verkauft hatte. Sein Bruder reagierte mit keiner Zeile. Er hörte erst wieder zwei Wochen später von ihm, dass er England verlassen und für einige Zeit auf den Kontinent reisen würde. Es dauerte sechs Monate, bis er das nächste Mal nach Goodwood House kam. 
Von Sunshine oder Geometry sprach er nie wieder – bis zu der schicksalhaften Zeitungsnotiz, fünf Jahre später …

Angefangen hatte alles mit einer kurzen Nachricht in der Zeitung. Die ganze Familie saß beim Frühstück, als Lord Sheridan, der unaufmerksam in der Times blätterte, plötzlich in der Bewegung erstarrte. Seine Kaffeetasse hing in der Luft, während er fasziniert auf eine kleine Meldung starrte.
„Granville? Ist alles in Ordnung?“, fragte Richmond.
„Was?“ Lord Sheridan sah hoch und bemerkte, dass ihn alle ansahen. „Ja, natürlich.“ Er stellte die Tasse zurück auf den Tisch. „Ich habe nur gerade gelesen, dass der neue Lord Holland große Teile seines Stalls verkaufen will.“
„Jeder weiß, dass die Familie in Schulden erstickt“, sagte sein Bruder. „Sein Vater hätte sich niemals von den Pferden getrennt, aber der Sohn hat seine Leidenschaft noch nie geteilt.“
„In der Stadt wurde schon vor ein paar Tagen davon geredet“, mischte sich March in das Gespräch. „Ich habe gehört, dass Lord Wrexham großes Interesse gezeigt hat. Vor allem an einem bestimmten Pferd. Maitland hat mir davon erzählt, weil er meinte, dass es aus Goodwood käme. Geography?“
„Geometry“, korrigierte sein Vater, mit einem schnellen Blick zu Lord Sheridan.
„Lord Wrexham wird Geometry nicht kaufen“, sagte Lord Sheridan. 
„So wie ich es gehört habe, ist die Sache quasi schon perfekt“, erwiderte March, auch wenn Lord Sheridans Stimme eigentlich keinen Widerspruch zu dulden schien.
„Lord Wrexham ist ein brutaler Pferdeschänder mit harten Händen und einer Neigung, schnell zur Peitsche zu greifen“, kam Lord Sheridans Stimme, eiskalt und gerade noch beherrscht. „Ich werde niemals erlauben, dass Geometry in seine Hände gerät!“ Seine Augen funkelten gefährlich.
„Granville“, sagte sein Bruder mit einem mahnenden Blick auf die Damen.
„Nein!“ Lord Sheridan schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Auf seinen Wangen brannten hektische Flecken. Falls er überhaupt bemerkte, dass ihn bis auf seinen Bruder alle vollkommen entgeistert anstarrten, schien es ihm egal zu sein. „Ich werde es niemals zulassen, Alistair. Niemals!“ 
Bevor Richmond noch irgendwie auf diesen Ausbruch reagieren konnte, sprang Lord Sheridan auf und stürmte aus dem Zimmer. Schon auf der Treppe rief er nach Forster, und sie verließen Goodwood keine Stunde später.

Lord Sheridan konnte es nicht fassen, aber er kam zu spät. Der Kauf war in der Tat schon abgewickelt worden. Aber so schnell würde er sich nicht geschlagen geben. Die ganze Fahrt über hatte er das kleine rotbraune Bündel vor Augen, das ihn mit großen Augen angesehen hatte. Er erinnerte sich noch an den vertrauensvollen Blick, als er über das weiche Fell seines anmutigen Gesichts gestrichen hatte. Er hatte schon einmal ein Pferd, das ihm vertraut hatte, verloren. Ein zweites Mal würde er das nicht zulassen. 
Er traf Lord Wrexham schließlich in einem seiner Clubs. Doch die Unterredung verlief leider absolut nicht so, wie er es sich vorgestellt oder gewünscht hätte. Wrexham war nicht bereit Geometry herzugeben – und je mehr Lord Sheridan beharrte, desto mehr Freude schien es Wrexham zu bereiten, ihn abzuweisen.
„Ich verstehe nicht, warum Sie nicht einwilligen wollen. Sie haben doch überhaupt kein wirkliches Interesse an dem Pferd!“, sagte Lord Sheridan schließlich heftig, beinahe am Ende seiner Geduld.
„Bisher in der Tat nicht, aber jetzt schon“, erwiderte Wrexham süffisant.
„Aber warum?“ 
„Weil Sie ihn so dringend haben wollen“, sagte Wrexham mit einem bösartigen Lächeln.
Lord Sheridan presste die Lippen aufeinander. "Also gut. Ich biete Ihnen …“
Wrexham fiel ihm ins Wort. „Sie haben wirklich überhaupt nichts, was ich haben möchte, Lord Sheridan. Wobei …“, er zögerte kurz, und Lord Sheridan fühlte Hoffnung in sich aufflackern. Was auch immer es war, er würde es Wrexham geben, wenn er nur Geometry retten konnte.
„Ich tausche ihn gegen die irische Rose.“
Im ersten Moment verstand Lord Sheridan nicht, was Wrexham da sagte. Dann begriff er. „Sie wollen Geometry gegen meine Mätresse tauschen?“, fragte er entgeistert.
„Gekauftes Fleisch gegen gekauftes Fleisch, Lord Sheridan“, erwiderte Wrexham. Seine Augen glänzten. „Wo ist das Problem?“
„Rose McGowan ist kaum ‚gekauftes Fleisch’“, stellte Lord Sheridan mit mühsam kontrollierter Wut klar.
„Darüber kann man geteilter Meinung sein.“
„Das werden Sie zurücknehmen, Wrexham, oder sich vor mir verantworten.“
„Oh, bitte, Lord Sheridan. Wir wissen beide, dass ich mich nicht mit Ihnen duellieren werde. Nicht wegen einer irischen Hure“, fügte er noch hinzu, aber die Art, wie sein Blick in der kurzen Pause über Lord Sheridans linkes Bein und seinen Gehstock geglitten war, ließen keine Zweifel daran, was er tatsächlich meinte.
Lord Sheridan rang um Fassung. 
„Nein?“, fragte Wrexham. „Schade. Falls Sie es sich noch anders überlegen, wissen Sie, wo Sie mich finden können.“
„Lord Wrexham“, sagte Lord Sheridan extrem ruhig und extrem kontrolliert, „ich biete Ihnen das Doppelte, das Dreifache von dem, was sie für Geometry bezahlt haben.“
„Und wenn Sie mir das Zehnfache bieten, Sie werden ihn nicht bekommen. Ich finde es so viel amüsanter.“
„Täuschen Sie sich nicht, Wrexham, ich werde Geometry bekommen.“
„Und wie wollen Sie das anstellen?“
Lord Sheridan zögerte einen Moment. „Ein Spiel, Wrexham?“, sagte er dann. Sein Tonfall war samtweich, aber die unterliegende Note aus Stahl war kaum zu überhören.
„Sehr gerne. Aber glauben Sie wirklich, ich würde den Gaul einfach so setzen?“, erwiderte Wrexham spöttisch.
Aber Lord Sheridan hatte das fiebrige Glitzern in Lord Wrexhams Augen gesehen. „Irgendwann werden Sie es tun“, sagte er.
„Und wenn er das Letzte ist, was mir bleibt …“
Lord Sheridans Stimme hatte jeden Anstrich von Höflichkeit verloren und klang hart und kalt. „Wenn Sie es unbedingt so haben wollen, dann soll es so sein.“

Nach einer Woche sprach die ganze gute Gesellschaft über die Sache. Wo immer Wrexham auftauchte, war Lord Sheridan nicht weit. Und früher oder später landeten die beiden am Spieltisch. Bei Lord Wrexham war das keine Überraschung. Er hatte die Spielleidenschaft im Blut, und alle hatten damit gerechnet, dass er sich früher oder später ruinieren würde. 
Aber niemand wusste so recht, was in Lord Sheridan gefahren war. Er war als Mann bekannt, der hauptsächlich aus Geselligkeit spielte. Er beschränkte sich in der Regel auf Whist, und die Einsätze waren für einen Mann seines Vermögens meist nicht der Rede wert. Aber nun schien es, als habe er jegliches Maß verloren. Nacht nach Nacht saß er am Spieltisch, und die Einsätze wurden immer exorbitanter. Ganz London war klar, dass es hier um etwas ganz anderes als bloßes Spiel ging. Und ganz London – oder zumindest der männliche Teil – schaute mit angehaltenem Atem zu.

Lord Kennington saß an seinem Schreibtisch und machte sich Sorgen. Das war an sich noch nichts Ungewöhnliches. Er machte sich immer Sorgen: um die Steam Lords, um die Kriegspläne Bismarcks, um die Sicherheit ihrer Majestät … Das Sorgenmachen war Teil seines Jobs. Aber diesmal war die Sache persönlicher. Es ging um Lord Sheridan Stuart Granville. 
Die ersten Berichte über die Begegnungen von Lord Wrexham und Lord Sheridan am Spieltisch, die ihm zu Ohren kamen, hatte er nicht ernst genommen, ja nicht einmal wirklich beachtet. Aber nachdem ihm nach einer Woche noch immer dieselben Nachrichten zugetragen wurden, konnte er sie nicht mehr ignorieren. 
Also hatte er sich in die Clubs begeben, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Und was er gesehen hatte, war beunruhigend gewesen. Nicht beunruhigend genug, dass er das Gefühl hatte, sofort selbst eingreifen zu müssen, aber er hatte doch den Eindruck, das vielleicht etwas geschehen sollte. 
Nachdem er also an diesem Morgen die ganze Angelegenheit einige Zeit in Gedanken hin und her gewälzt hatte, wandte er sich an seinen diskret im Hintergrund wartenden Sekretär Saunders. 
„Ist der Herzog von Richmond schon in London?“
„Ich glaube, es wird erst nächste Woche erwartet, Mylord.“
„Hm …“ Lord Kennington lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Dann nickte er einmal, griff nach Papier und Füllfederhalter und begann zu schreiben.

Zwei Tage später klopfte der Herzog von Richmond gegen ein Uhr mittags an die Tür der Junggesellenwohnung seines Bruders in Albany. Forster öffnete.
„Euer Gnaden. Was für eine angenehme Überraschung.“ 
Einem argloseren Besucher wäre Forsters Tonfall vermutlich neutral erschienen, aber wenn der Herzog auch nicht mit Bestimmtheit sagen konnte, ob Forster seinen Besuch wirklich angenehm fand, so war er sich doch ziemlich sicher, dass er zumindest nicht wirklich überrascht war, ihn zu sehen. 
„Seine Lordschaft schläft noch.“ 
Richmond bemerkte durchaus, dass Forster nicht vorschlug, ihn zu wecken. Aber das war ihm nur recht. Er wollte zuerst ein paar Worte mit dem treuen Diener wechseln. Nicht, dass er erwartete, viel vom ihm zu erfahren. Forster hütete die Privatsphäre seines Herrn mit eifersüchtiger Beharrlichkeit. Aber er hoffte, vielleicht einen gemeinsamen Nenner in der Sorge um das Wohlergehen von Lord Sheridan finden zu können. 
„Forster“, sagte er also offen, nachdem er dem Diener seinen Hut und Gehstock gereicht hatte, „ich bin etwas besorgt wegen meines Bruders.“
Forster verzog wie immer keine Miene. „Ich denke, dass das vollkommen unnötig ist, Euer Gnaden.“
„Ich habe gehört, er spielt sehr viel.“
„Nicht mehr als manch andere Gentlemen auch, würde ich denken.“
„Aber deutlich mehr, als es bisher für ihn üblich war.“ 
Forster schwieg.
„Ich mache mir Sorgen, dass er zuviel verlieren könnte.“
„Darüber brauchen sich Euer Gnaden keinerlei Gedanken machen. Seine Lordschaft gewinnt.“
„Ich habe nicht von Geld gesprochen.“
Es folgte eine beinahe unmerkliche Pause von Forster, dann: „Ah.“
Richmond spürte, dass er hier vielleicht eine Möglichkeit hatte, weiterzumachen. 
„Forster“, sagte er, „ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen. Als mein Bruder dreizehn Jahre alt war – und keine Sorge, ich habe tatsächlich einen Punkt hier –, nahm unser Vater ihn in den Schulferien mit auf das Gestüt unseres Nachbarn Lord Effington. Eine unserer Stuten sollte von einem der Hengste Lord Effingtons gedeckt werden. Ich weiß nicht genau, wie er es geschafft hat, aber mein Bruder überzeugte die beiden, sie nicht wie geplant mit Midas Touch anzupaaren, sondern mit Prince Pizzazz, einem Junghengst ohne Zuchterfahrung. Das daraus resultierende Fohlen übertraf alle Erwartungen. Lord Effington kaufte ihn meinem Vater ab und schenkte ihn seinem Sohn Arthur. 
Arthur kann viele Dinge genannt werden, unter anderem ein guter Freund, aber er war, und ist, kein Pferdekenner. Was Arthur allerdings ist, ist ein echter Sportsmann. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass er meinen Bruder gewinnen ließ, als sie um den Hengst spielten. Denn zu dem Zeitpunkt, es war vier Jahre später, als wir alle schon auf der Universität waren, gab es keine Frage mehr, dass das Pferd eigentlich nur an eine Person gehen konnte – meinen Bruder.
Dieses Pferd, Forster, war Pegasus. Er hat ihn in der Schlacht bei Balaklawa verloren, obwohl sie darüber vermutlich mehr wissen als ich. Aber ich bin mir nicht sicher, ob Sie auch wissen, was dieses Pferd meinem Bruder bedeutet hat.“
Forsters Gesicht blieb weiter vollkommen ausdruckslos. Trotzdem hatte Richmond den Eindruck, dass er aufmerksam zuhörte.
„Geometry ist der Bruder, genauer gesagt, der Halbbruder von Pegasus. Und obwohl mein Bruder anfangs absolut kein Interesse an ihm aufbringen konnte, scheint er jetzt eine Art … Besessenheit in Bezug auf dieses Pferd entwickelt zu haben. Forster, ich mache mir ernsthafte Sorgen, dass mein Bruder sich in dieser Sache verliert.“
Forster schien mit sich zu kämpfen, ob er etwas sagen sollte, und Richmond dachte schon, er hätte sich vergeblich bemüht. Aber dann sprach Forster doch.
„Haben Euer Gnaden einmal darüber nachgedacht, dass seine Lordschaft vielleicht – nur vielleicht – nicht dabei ist, etwas zu verlieren, sondern vielmehr etwas zu finden?“
„Etwas zu finden, Forster?“
„Wann war das letzte Mal, dass seine Lordschaft für etwas wirkliches Interesse gezeigt hat? Das heißt, für etwas, was kein mathematisches Problem war.“
Richmond starrte Forster an. Das war zugegebenermaßen eine Seite, von der er die Sache noch überhaupt nicht betrachtet hatte. Er wusste nicht, was er sagen sollte, aber das musste er auch gar nicht, denn es klingelte aus Lord Sheridans Schlafzimmer.
„Ah“, sagte Forster. „Seine Lordschaft ist aufgewacht. Wenn Euer Gnaden vielleicht im Salon warten wollen?“

Richmond war froh, dass er durch Lord Kenningtons Brief vorgewarnt war. Nicht dass der alte Lord indiskret genug gewesen wäre, wirklich etwas Greifbares zu schreiben, aber Richmond hatte genug mit Politikern zu tun, um sehr gut zwischen den Zeilen lesen zu können. 
So war er nicht überrascht, als er die blasse Gesichtsfarbe und die dunklen Schatten unter den Augen seines Bruders sah, als dieser eine gute halbe Stunde später, noch im Morgenrock, aber ansonsten korrekt gekleidet, den Salon betrat. Auch sonst war deutlich, dass die langen Nächte an den Spieltischen ihren Tribut verlangten. Lord Sheridan bewegte sich steif, und Richmond bemerkte, dass er kurz die Augen schloss und die Zähne aufeinander biss, als er vorsichtig sein linkes Bein unter dem zum Frühstück gedeckten Tisch ausstreckte. 
Doch nach einigen Minuten der Konversation – belanglos selbstverständlich – verstand Richmond, was Forster gemeint hatte. Trotz seiner offensichtlichen Erschöpfung hatte der Herzog seinen Bruder schon lange nicht mehr so lebendig erlebt, und er erkannte zum ersten Mal seit über zehn Jahren wieder einen Funken des Feuers, das früher so hell in ihm gebrannt hatte. 
Als er sich nach einer halben Stunde verabschiedete, waren beileibe nicht alle seine Sorgen beigelegt. Es gab zu viele Möglichkeiten, wie die Situation in der Katastrophe enden konnte. Aber für den Moment sah er noch keinen Grund einzugreifen, und er ging deutlich beruhigter, als er gekommen war.
„Forster“, sagte Richmond, als der Diener ihm seinen Hut und Gehstock reichte, „ich bin fast versucht zu sagen, dass Sie Recht haben. Ich würde mich allerdings freuen, wenn Sie es über sich bringen könnten, mich über eventuelle Veränderungen auf dem Laufenden zu halten.“ Er setzte seinen Hut auf und ging zur Tür. Forster öffnete ihm mit unbewegter Miene. 
Der Herzog ging die drei Stufen vor der Haustür hinunter, hielt dann noch einmal inne und sah zu dem treuen Diener zurück. „Ich frage mich allerdings, was zum Teufel wir tun sollen, falls Sie sich doch irren.“
„Dann werden wir hier sein, um die Scherben wieder aufzusammeln,“ sagte Forster ruhig und fügte in einem uncharakteristischen Anfall von offen gezeigtem persönlichem Gefühl hinzu: „Aber ich hoffe, dazu wird es nicht kommen.“ 
„Nicht nur Sie, Forster“, murmelte der Herzog leise. „Nicht nur Sie.“

Lord Sheridan hinkte zur Chaiselongue hinüber und legte vorsichtig sein Bein hoch. Der Besuch seines Bruders hatte ihn wenig überrascht. Er hatte durchaus bemerkt, dass Lord Kenningtons aufmerksamer Blick auf ihm geruht hatte. Er konnte sich also leicht denken, was, oder vielmehr wer, seinen Bruder dazu bewegt hatte, vorzeitig in die Hauptstadt zu reisen. 
Aber Richmond war erstaunlich unaufdringlich geblieben. Er hatte nicht einmal vorgeschlagen, dass er einige Tage in Goodwood verbringen könnte. Da Lord Sheridan wusste, dass er zurzeit nicht in der besten körperlichen Verfassung war, war das eigentlich das Überraschendste an der Sache. Normalerweise genügte schon eine leichte Verschlimmerung seines Hinkens – und wie Lord Sheridan Richmond kannte, bezweifelte er, dass ihm entgangen war, dass das stundenlange Sitzen am Spieltisch in dieser Beziehung Gift für ihn war –, und alle Beschützerinstinkte des Herzogs gegenüber seinem kleinen Bruder liefen auf Hochtouren.
Und wenn er auch einem Blick in den Spiegel in den letzten Tagen so gut wie möglich aus dem Weg gegangen war, konnte er sich denken, dass er auch sonst kaum das Bild blühenden Lebens präsentierte. Er verbrachte die Nächte am Spieltisch, er aß zu wenig und rauchte zu viel. Aber das alles war noch nicht einmal das Problem. 
Was wirklich an ihm zehrte, waren die Alpträume. Beinahe jede Nacht, oder vielmehr jeden Morgen, wenn er sich endlich zu Bett begeben hatte, war er zurück in Balaklawa und durchlebte wieder den Moment der Explosion, das Einschlagen der Splitter, den Schock und die Schmerzen und das Fallen des Pferdes unter ihm. Manchmal war es Pegasus, manchmal Geometry. Aber immer endete es damit, dass er das viel zu langsam sterbende Pferd eigenhändig erschoss.
Seit einigen Tagen blieb ihm wenigstens das Letzte meist erspart. Forster schien unterdessen ein untrügliches Gespür dafür entwickelt zu haben, wann seine Anwesenheit benötigt wurde, und hatte ihn in den letzten Tagen zuverlässig geweckt, bevor es zum Äußersten kam.
Er wusste, dass sein derzeitiges Verhalten kaum anders als obsessiv genannt werden konnte, und er vermutete, dass Lord Kennington ihn für einen Mann hielt, der mit seinen Dämonen kämpfte. Erstaunlicherweise hatte er selbst eher das Gefühl, dass er weniger mit ihnen kämpfte, als sie … austrieb. Oder das zumindest tun würde, wenn er es schaffte, Geometry zu retten. 
Er weigerte sich, darüber nachzudenken, was passieren würde, wenn ihm das nicht gelänge …

Rose McGowan saß am Pianoforte und sang Tonleitern. Eigentlich war es viel zu früh, sich einzusingen. Die Vorstellung würde erst in einigen Stunden beginnen. Aber sie war unruhig, und nichts lenkte sie so zuverlässig ab wie Musik.
Normalerweise schenkte sie dem Klatsch im Theater wenig Beachtung. Aber normalerweise betraf er auch nicht sie persönlich. Sicher, in den ersten Wochen nachdem sie offiziell Lord Sheridan Stuart Granvilles Mätresse geworden war, hatte es natürlich ein wenig Gerede gegeben. Das war nur zu erwarten gewesen, und es hätte sie tief enttäuscht, wenn es nicht so gewesen wäre. Aber der einzige Klatsch, den sie jetzt noch produzierte, war, wie außergewöhnlich lange sie schon unter seinem Schutz stand.
Aber warum hätte sie sich verändern sollen? Lord Sheridan war alles, worauf sie hatte hoffen können. Wenn sie bedachte, mit welchen Männern manche ihrer Kolleginnen das Lager teilten, hatte sie das deutliche Gefühl, es sehr gut getroffen zu haben, insbesondere wenn man bedachte, dass sie zwar hübsch, aber kaum eine wirkliche Schönheit war. 
Lord Sheridan war noch nicht alt und durchaus attraktiv. Er behandelte sie ausgesprochen zuvorkommend, erfreute sich an ihrer Lebhaftigkeit und ihrem Gesang – und er war ein aufmerksamer Liebhaber. Wenn es auch kaum die große Liebe zwischen ihnen war, so war er ihr wirklich ans Herz gewachsen, und sie hatten viel Freude an- und miteinander. 
Sie hatte eine hübsche Wohnung, und wenn sie auch vermutlich nie eine Primadonna werden würde – dafür war ihre Stimme nicht groß genug –, lebte sie doch bequem und ohne Sorgen und war mit ihren Rollen als zweite Heldin sehr zufrieden. Sie hätte vermutlich irgendwann auch so eine größere Rolle bekommen, aber sein Geld und vor allem seine Beziehungen hatten ihr definitiv den Weg geebnet. 
Außerdem war Lord Sheridan, anders als mancher andere, den sie kannte, nicht extravagant in seinen Forderungen. Er verlangte exklusive Rechte, was nur angemessen war, aber hatte ansonsten bloß zwei Dinge erklärt: Sie würden sich niemals tagsüber lieben, und er würde niemals über Nacht bleiben. 
Beides war über die Wochen und Monate, die sie unterdessen zusammen waren, etwas aufgeweicht. Sie hatte schnell festgestellt, dass sein Haupteinwand gegen Liebe am Nachmittag war, dass er ihr seinem Körper nicht im Hellen zeigen wollte. Also hatte ihr Schlafzimmer jetzt dichte Vorhänge und wurde ausschließlich von Kerzen erhellt. 
Nach einiger Zeit hatte er auch die eine oder andere Nacht bei ihr verbracht, aber es blieb die Ausnahme. Sie wusste, dass er manchmal schlecht schlief, aber bei der einen Gelegenheit, bei der sie einen seiner Alpträume miterlebt hatte, hatte er ihr Mitgefühl freundlich, aber bestimmt zurückgewiesen. 
Also fragte sie nicht nach seinen Alpträumen und berührte, außer unwillkürlich in der Hitze des Liebesspiels, nicht die Narben an seinem Bein. Das waren die Grenzen, und sie akzeptierte sie.
In den letzten Wochen hatte sich allerdings etwas verändert. Er kam nie mehr nach der Vorstellung mit zu ihr nach Hause, selbst wenn er sie im Theater besucht hatte. Wenn sie sich liebten, jetzt stets am Nachmittag, wirkte er abgelenkt, als wäre er in Gedanken nicht bei ihr, sondern ganz woanders. Sie hatte sich gefragt, ob sein Interesse an ihr langsam erlosch.
Aber dann hatte sie gestern Abend im Theater ein beunruhigendes Gerücht gehört, das alles in einem neuen Licht erscheinen ließ. Sie hoffte, er würde heute kommen. Sie musste ihn unbedingt danach fragen.
Es klingelte, und wenige Augenblicke später führte ihr Mädchen tatsächlich Lord Sheridan in den Salon. Sie eilte ihm entgegen.
„Sheridan, was ist zwischen dir und Lord Wrexham vorgefallen?“, fragte sie, unfähig auch nur eine Sekunde länger zu warten.
Sie sah, dass er überrascht war, aber als er sprach, klang seine Stimme gewohnt ruhig. „Nichts was dich betreffen würde, Liebes.“ Er griff ihre ihm aufgeregt entgegengestreckten Hände und küsste ihr sanft die Stirn.
„Im Theater haben sie etwas anderes erzählt. Sie haben gesagt, dass du gedroht hast, dich wegen mir mit ihm zu duellieren.“
Er sprach erst weiter, nachdem er sie zu einem der Sofas geführt und sie sich gesetzt hatten. „Er hat mir klar zu verstehen gegeben, dass er eine Forderung von mir nicht annehmen würde.“
„Nicht wegen einer ‚irischen Hure’.“ Sie lachte beinahe, als sie Lord Sheridans Gesichtsausdruck bei diesen Worten sah. „Oh, Sheridan. Es macht mir nichts aus. Ich weiß, was die so genannten Gentlemen der feinen Gesellschaft von mir denken.“ Sie versuchte, ihre Stimme leicht klingen zu lassen, aber er musterte sie so scharf, dass sie den Blick abwenden musste.
Er nahm ihre Hand und küsste ihre Fingerspitzen. „Sie liegen dir zu Füßen, Geliebte“, sagte er, „was genau ist, wie es bei einer Göttin sein sollte.“ Gegen ihren Willen musste sie nun doch lachen, was unzweifelhaft das war, was er mit seiner Bemerkung hatte erreichen wollen. Aber dann wurde sie sofort wieder ernst. Ihre Hand legte sich gegen seine Brust über sein Herz.
„Versprich mir, dass du dich nicht mit ihm duellieren wirst.“
Er lächelte sie an. „Du musst dich nicht sorgen, Rose. Selbst wenn ich wollte, er wird keine Forderung annehmen. Zumindest keine von mir, keine von einem … Krüppel.“ Sie hörte die beinahe unmerkliche Pause vor dem letzten Wort und starrte ihn entsetzt an.
„Hat er das so zu dir gesagt?“
Er zuckte nachlässig die Schultern, aber sie sah den Schmerz in seinen Augen. „Nicht wörtlich. Aber es wurde sehr deutlich, was er gemeint hat.“ 
Sie versuchte, sich ihr Mitleid nicht anmerken zu lassen. Aber sie war wohl nicht ganz erfolgreich. Denn was er in ihrem Gesicht sah, ließ ihn schnell weiter sprechen. „Eigentlich geht es um ein Pferd, das er in seinem Besitz hat und das ich haben will. Es macht ihm Spaß, es mir nicht zu geben. Oder zumindest nicht zu einem Preis, den ich zu zahlen bereit bin.“
Plötzlich verstand Rose. „Er hat eine Nacht mit mir gefordert.“
„Etwas in der Art. Aber du brauchst dir keine Gedanken darüber zu machen.“
Sie zögerte einen Augenblick. „Glaubst du, er würde dir das Pferd wirklich geben, wenn ich einwilligen würde, eine Nacht mit ihm zu verbringen?“, fragte sie dann.
Lord Sheridans Blick wurde hart. „Das kommt überhaupt nicht in Frage.“
„Du warst sehr gut zu mir, Sheridan. Ich würde es gerne für dich tun.“
„Rose, ich bin nicht bereit, ihm ein Pferd zu überlassen. Was bringt dich auf den Gedanken, ich könnte ihm dich geben wollen? Nein“, fügte er mit einem Lächeln hinzu, „dich behalte ich für mich selbst.“ 
Auch wenn sie es selbst angeboten hatte, war Rose erleichtert. Sie hatte unschöne Dinge über Lord Wrexham gehört. Sie verstand außerdem, dass Lord Sheridan die Sache nicht weiter diskutieren wollte. Dann stand es ihr als seiner Geliebten trotz ihrer anhaltenden Sorge über die seltsame Rivalität der beiden kaum zu, das Thema weiter fortzuführen. Im Gegenteil, es war ihre Aufgabe, alles, was in ihrer Macht stand, zu tun, um ihn abzulenken und zu erfreuen. Und als sie in sein müdes Gesicht sah, hatte sie deutlich den Eindruck, dass er Ablenkung und Freude bitter nötig hatte.
Also grinste sie spitzbübisch, glitt auf seinen Schoß und wand ihre Arme um seinen Hals. Sie küsste ihn, doch wenn er den Kuss auch erwiderte, merkte sie, dass er nicht wirklich bei der Sache war. 
Aber damit würde sie sich heute nicht zufrieden geben. Sie brauchte dringend etwas, was seine Aufmerksamkeit erregen würde. Also ließ sie ihre Zunge über die Narbe an seiner Kinnlinie gleiten.
Seine Hände schlossen sich hastig um ihre Oberarme, und er schob sie ein Stück von sich weg. Er sah schockiert aus, aber darunter bemerkte sie noch etwas anderes, etwas, das nach … Interesse aussah. Auf jeden Fall hatte sie jetzt eindeutig seine volle Aufmerksamkeit. Sie schmiegte sich an ihn. 
„Diese Göttin steht ganz zu Ihrer Verfügung, Mylord“, flüsterte sie an seinen Ohr, während sie anfing, seine Halsbinde zu lösen.
„Gut“, erwiderte Lord Sheridan, seine Stimme tief und ein wenig heiser. Seine Hand glitt in ihr Haar, und er küsste sie erneut, diesmal ganz bei ihr, während ihre Finger weiter zu den Knöpfen seiner Weste wanderten. Und dann dauerte es auch gar nicht mehr lange, bis sie von seinem Schoß rutschte und er sich ohne weitere Gegenwehr von ihr ins Schlafzimmer ziehen ließ.

In der folgenden Woche begann Lord Wrexham, außerhalb der angesehenen Clubs zu spielen, um seine Verluste decken zu können. Seine Lage wurde langsam verzweifelt, und die Gentlemen der besten Gesellschaft gingen ihm am Spieltisch aus dem Weg. Sie hatten offensichtlich nicht die Absicht, sich weiter in diese Angelegenheit hineinziehen zu lassen. Lord Sheridan fing unterdessen an, alle von Wrexhams über die Stadt verteilten Schuldscheine aufzukaufen. 

Eine weitere Woche später war es dann soweit. Lord Wrexham hatte auch die letzten Reste seines nicht unbeträchtlichen Vermögens an den Spieltischen gelassen. Nachdem er in dieser Nacht noch sein Stadthaus und das ihm noch verbliebene Geld an Lord Sheridan verloren hatte, gehörte diesem nun sein gesamter Besitz. Sein gesamter Besitz – bis auf Geometry. 
Lord Sheridan holte die aufgekauften Schuldscheinen aus seiner Tasche und legte sie neben die Gewinne der heutigen Nacht vor sich auf den Tisch.
„Ich nehme an, Sie wollen, dass ich jetzt den verdammten Gaul gegen alles, was vor Ihnen auf dem Tisch liegt, setze“, sagte Wrexham. 
„Nein“, erwiderte Lord Sheridan. „Ich mache es Ihnen viel leichter. Ein einfacher Tausch.“
Wrexham starrte ihn entgeistert an. „Ein Tausch? Das Pferd gegen alles andere?“
„Geometry gegen alles andere“, bestätigte Lord Sheridan.
„Sie sind wahnsinnig.“
„Ja oder nein, Wrexham?“, fragte Lord Sheridan ruhig.
Wrexham zögerte einen winzigen Moment, der Lord Sheridan wie eine halbe Ewigkeit vorkam. Dann nickte er. „Geometry gehört Ihnen.“
Lord Sheridans Gesicht blieb völlig ausdruckslos. Er nickte einmal, stand dann auf und verließ den Raum ohne weiteres Wort. 
Lord Wrexham schaute ihm nach. Seine Lippen verzogen sich zu einem bösartigen Grinsen. „Oh, ja, er gehört Ihnen, Lord Sheridan“, wiederholte er und fügte leise hinzu: „Aber ich bezweifle, dass Sie noch große Freude an ihm haben werden …“

Die Sonne ging gerade auf, als Lord Sheridan in den Ställen von Richmond House eintraf. Er gab Anweisungen, Geometry sofort bei Lord Wrexham abzuholen und ihn unverzüglich nach Goodwood zu bringen. 
Als er nach Hause fuhr, spürte er die Erschöpfung tief in den Knochen. Er schloss die Augen und fühlte, wie die Anspannung der letzten Wochen langsam von ihm abfiel. Er hatte es geschafft: Geometry gehörte ihm.
Zehn Minuten später humpelte er durch den überdachten Gang im Garten von Albany. Er fühlte sich schwindelig vor Müdigkeit, und bei jedem Schritt hatte er das Gefühl, als würde sich eine glühende metallene Kralle in sein linkes Knie bohren. Die drei Stufen zu seiner Haustür schienen ihm schon beinahe unüberwindlich, und er fragte sich, wie er je sein Schlafzimmer im ersten Stock erreichen sollte. 
Forster öffnete ihm die Tür. Nach einem Blick in sein Gesicht, bemerkte er nur: „Ich sehe, Sie waren heute Nacht erfolgreich, Mylord. Meinen herzlichen Glückwunsch. Werden wir morgen nach Goodwood abreisen?“
Lord Sheridan nickte nur, zu müde, um irgendetwas zu sagen. 
Forster sorgte dafür, dass er sicher in sein Schlafzimmer kam, und half ihm beim Ausziehen. Dass Lord Sheridan sogar für die wenigen Schritte zum Bett nach seinem Stock griff, bestätigte seinen Eindruck vom Treppenaufstieg, dass es wirklich schlimm sei, und er verschwand kurz in die in den Kellerräumen gelegene Küche um Tücher, heißes Wasser, seine geheime Kräutermischung und die nach dem Rezept seiner Mutter selbst angerührte Salbe zu holen. 
Als er zurückkam, lag Lord Sheridan mit geschlossenen Augen auf dem Bett, aber er konnte an der Spannung in seinem Gesicht sehen, dass er noch nicht schlief. Nach zehn Minuten unter seinen kundigen Händen fingen die scharfen Falten, die die Erschöpfung und der Schmerz in Lord Sheridans Gesicht gezeichnet hatten, an, sich zu glätten. Nach einer halben Stunde vertiefte sich seine Atmung, wurde ruhig und gleichmäßig, und Forster wusste, dass er endlich eingeschlafen war. 
Er schlief fast zwanzig Stunden lang, tief und traumlos und ohne ein einziges Mal aufzuwachen.

Als Lord Sheridan am Nachmittag des darauf folgenden Tages in Goodwood ankam, erwartete Richmond ihn schon. Ein Blick in das Gesicht seines Bruders und Lord Sheridan wusste, dass etwas nicht stimmte. 
„Was ist passiert?“, fragte er mit sinkendem Herzen, während ihm tausend Gedanken durch den Kopf schossen, was alles schief gegangen sein konnte. „Geometry ist doch hier, oder?“
Richmond nickte. „Ja, Geometry ist gestern hier eingetroffen, aber …“
„Himmel, Richmond, was?“, fragte Lord Sheridan ungeduldig, als Richmond nicht weitersprach.
„Du siehst es dir am Besten selbst an.“
Sie gingen zu den Ställen hinunter. Lord Sheridan wollte in den Hauptstall gehen, aber Richmond dirigierte ihn zu einem kleinen Nebengebäude mit einigen wenigen Boxen für Pferde, die wegen Krankheit oder aus anderen Gründen besonderer Pflege und Aufmerksamkeit bedurften. Schon vor der Tür hörten sie, dass drinnen große Aufregung herrschte. 
„Wir können ihn nicht bei den anderen Pferden halten“, erklärte Richmond. „Er …“
Lord Sheridan hörte das unverkennbare Geräusch von ausschlagenden Hufen, die gegen eine Boxenwand knallten, gefolgt von lauten Rufen der Stallknechte. Er ließ seinen Bruder mitten im Satz stehen und war mit wenigen Schritten im Stall. 
Es dauerte einige Sekunden, bis sich seine Augen an das Dämmerlicht drinnen gewöhnt hatten, aber dann bot sich ihm ein Bild der Zerstörung. Geometry war gerade dabei, eine Wand seiner Box niederzukeilen. Einer der Stallknechte hatte bis eben offensichtlich noch sein Halfter gehalten, doch jetzt sprangen alle drei im Stall anwesenden Männer, unter ihnen Thatcher, der Stallmeister, in Deckung. 
Geometry keilte noch zweimal, machte dann ein paar aufgeregte Schritte, erschrak, als er auf einen der Holztrümmer trat, und sprang zur Seite. Er schnaubte und warf den Kopf. Der Hengst war in einem schrecklichen Zustand. Sein Fell war struppig und zeigte kahle Stellen, sein Körper war ausgemergelt. Striemen zogen sich über seinen Rücken und die Seiten. 
Richmond war hinter seinem Bruder in den Stall getreten.
„Es tut mir leid, Granville“, sagte er, aber Lord Sheridan beachtete ihn gar nicht. 
Er machte ein leises Schnalzgeräusch mit der Zunge. Geometry riss den Kopf herum, seine Ohren zuckten nervös. Er betrachtete Lord Sheridan mit wildem Blick, jeder Muskel gespannt. Doch als Lord Sheridan einfach stehen blieb und ruhig abwartete, schien sich der Hengst schließlich etwas zu beruhigen. 
Lord Sheridan ließ ihm noch einige Zeit und machte dann einen langsamen Schritt auf ihn zu. Bis jetzt hatte der Hengst heftig atmend, aber ruhig dagestanden. Doch als er Lord Sheridans Gehstock bemerkte, zuckte er merklich zusammen, schnaubte und machte einige erschrockene Schritte zurück. Lord Sheridan zog sich das Herz zusammen, als er den panischen Blick in den großen verletzten Augen sah. Ohne den Blick von dem zitternden Hengst abzuwenden, trat er vorsichtig zu Richmond zurück. 
„Man sollte ihn erschießen.“ Seine Stimme klang so eisig, dass Richmond ihm einen besorgten Blick zuwarf.
„Es stimmt, er sieht schlimm aus. Aber denkst du wirklich, dass das nötig ist?“, meinte er schließlich sanft. „Ich bin mir sicher, dass Thatcher weiß, was zu tun ist.“
Lord Sheridan starrte seinen Bruder an. „Thatcher?“, fragte er verständnislos. „Was, zum Teufel, hat der damit zu tun?“
„Nun, bevor wir Geometry erschieß…“
„Ich meinte Wrexham, Richmond“, schnitt ihm sein Bruder ungeduldig das Wort ab, „nicht Geometry.“ 
Er reichte Richmond seinen Stock und humpelte langsam auf Geometry zu. Einige Schritte vor dem Hengst blieb er stehen. Die Wut, die ihn eben noch beinahe greifbar umgeben hatte, schien vollkommen von ihm abgefallen zu sein. Alles, was er jetzt noch ausstrahlte, war eine große Gelassenheit. Er stand einfach ganz ruhig da und wartete ab. 
Irgendwann, und deutlich schneller als Richmond gedacht hätte, senkte Geometry den Kopf und schnaubte leise. Er machte einige vorsichtige Schritte auf Lord Sheridan zu, der weiter ruhig stehen blieb. Langsam kam der Hengst näher und schnuffte schließlich an Lord Sheridans hingehaltener Hand. Dann trat er noch näher und stupste behutsam mit seiner Nase an Lord Sheridans Brust. Lord Sheridan streichelte sanft über Geometrys Nüstern und bis hoch zu seiner Stirn.
„Guter Junge“, flüsterte er. 
Er griff nach dem Halfter und führte den lammfrommen Hengst in eine Box. 
„Ich denke, Sie können jetzt nach seinen Wunden sehe, Thatcher“, sagte er, ohne den Blick von Geometry abzuwenden. 
Er blieb bei Geometry, eine Hand immer auf seiner Nase oder an seinem Hals, bis er versorgt war. Da der Hengst, als er die Box verlassen wollte, wieder deutliche Anzeichen von Unruhe erkennen ließ, blieb er bis in die Nacht und schließlich bis zum nächsten Morgen. Er wäre vermutlich sogar noch länger geblieben, aber das hätte wiederum Forster zu sehr verstört. Die nächste Woche, bis Geometrys Wunden verheilt waren, verbrachte er dennoch die meiste Zeit im Stall.
Langsam gewann Geometry sein Vertrauen in die Menschheit wieder. Es war einer von Lord Sheridans stolzesten Tagen, als sich Geometry, noch leicht nervös, wieder einen Sattel auflegen ließ. Er selbst war es, der ihn als erster, wenn auch nur im Schritt, um die Koppel ritt.
Dennoch versetzte es ihm einen schmerzhaften Stich in der Brust, als er den Hengst zwei Tage später zum ersten Mal unter dem Stallmeister über die Weide galoppieren sah. Aber er wusste, dass er es geschafft hatte. Geometry war gerettet. Er war gesundet, stolz und strahlend. Schon bald würde er ein perfektes Reitpferd für irgendjemanden abgeben. Aber nicht für ihn natürlich. Niemals für ihn …
Er schlug die Augen nieder und wandte sich ab.


Heute
Sein Bruder saß schon beim Frühstück, als Lord Sheridan das Zimmer betrat. Die Damen des Hauses waren noch nicht aufgestanden. 
„Ich habe gehört, dass du Anweisungen gegeben hast, Geometry satteln zu lassen“, kam Richmond gleich zur Sache.
Lord Sheridan murmelte etwas Unverbindliches. Er hatte wirklich keine Lust, nach seiner Auseinandersetzung mit Forster jetzt auch noch mit seinem Bruder in eine Diskussion darüber zu geraten, was er zu tun und zu lassen hätte.
„Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich anders disponiert“, fuhr Richmond fort. „Kannst du eine halbe Stunde warten? Ich muss einige Termine absagen und mich umziehen.“
„Das ist vollkommen unnötig“, sagte Lord Sheridan und biss in seinen Toast.
„Das denke ich nicht.“
Lord Sheridan legte die angebissene Toast-Scheibe auf den Teller zurück. Er wusste, was jetzt kam, und versuchte, ruhig zu bleiben. „Du brauchst mich nicht zu begleiten“, sagte er schließlich.
„Willst du lieber Thatcher mitnehmen?“, fragte sein Bruder mild.
„Ich kann durchaus alleine ausreiten, Alistair“, erwiderte Lord Sheridan in leicht gereiztem Tonfall. „Ich bin kein Kind mehr.“
„Ich weiß“, sagte sein Bruder ungerührt. „Darum bin ich mir ja auch sicher, dass du dich jetzt nicht wie eins verhalten wirst.“
Lord Sheridan starrte ihn einen Augenblick sprachlos an und lachte dann auf. Er wusste, wann er geschlagen war. 
„Also gut, Alistair. In einer halben Stunde.“

Richmond traf kurz nach seinem Bruder an den Ställen ein. Geometry und sein eigener Hengst, Sir Galahad, warteten schon gesattelt und gezäumt im Hof. Sir Galahad, ein großer Schimmel, schien vollkommen erhaben über das Treiben um ihn herum und ignorierte den Stallburschen, der ihn am Zügel hielt.
Geometry beobachtete seine Umgebung wie immer mit gespannter Aufmerksamkeit. Er bewegte den Kopf, um den Hof besser überblicken zu können, und seine Ohren spielten. Als im Stall ein Eimer umgetreten wurde, machte er einige Schritte zur Seite und warf schnaubend den Kopf nach oben. 
„Bist du dir wirklich sicher, Granville“, fragte Richmond und musterte den Hengst besorgt. „Er scheint etwas nervös.“
„Unsinn!“, erwiderte Lord Sheridan. 
„Er gilt im Stall als schwieriges Pferd. Vielleicht wäre es besser, wenn du nicht ausgerechnet …“ Der Blick Lord Sheridans brachte Richmond zum Verstummen. 
„Geometry ist nicht schwierig“, sagte Lord Sheridan so langsam und deutlich, als würde er zu einem begriffsstutzigen Dreijährigen sprechen. „Er passt nur auf, was um ihn herum geschieht. Und kein Wunder, bei dem, was ihm passiert ist. Er merkt, dass der Stallbursche ihm nicht vertraut, und das macht ihn vorsichtig. Er braucht einfach einen Reiter, bei dem er sich sicher fühlen kann.“
Er ging auf Geometry zu, der ihn mit einem leisen Wiehern begrüßte. Sobald Lord Sheridan an seine Seite getreten war, stellte der Hengst sein Tänzeln ein und wurde ganz ruhig. Seine weiche Nase senkte sich, und er legte seinen Kopf auf Lord Sheridans Schulter.
Richmond winkte den Stallburschen zur Seite und blieb ebenfalls etwas entfernt stehen. Er wollte seinem Bruder alle Zeit und allen Raum, den er brauchte, geben. Er hoffte wirklich, dass alles gut gehen würde, aber er bereitete sich innerlich schon auf die Katastrophe vor. 
Aber er musste zugeben, dass Geometry ein prachtvolles Pferd geworden war. Sein rotes Fell glänzte in der Sonne wie poliertes Kupfer. Jetzt, da Lord Sheridan bei ihm war, stand er ruhig und gelassen. Nur seine Ohren bewegten sich, als Lord Sheridan ihm etwas zuflüsterte.
Dann glitt Lord Sheridans Hand ein letztes Mal über Geometrys Nase, und er trat um ihn herum, um aufzusteigen. Ein Stallknecht kam heran, um ihm in den Sattel zu helfen. Richmond stieg ebenfalls auf und dirigierte Sir Galahad neben Geometry.
Sie ritten im Schritt vom Hof hinunter. Geometry streckte sich, seine Bewegungen weich und ganz entspannt. Am Ende der Auffahrt versammelte Lord Sheridan den Hengst, der weiter aufmerksam die Ohren spielen ließ.
„Ein kleiner Galopp, Alistair?“, fragte er.
Das war ganz sicher nicht das, was Richmond sich vorgestellt hatte, aber bevor er noch widersprechen konnte, sprang Geometry unter Lord Sheridans leichten Hilfen an. Richmond gab Sir Galahad die Sporen und jagte seinem Bruder hinterher.
Bald wurde klar, dass seine Sorgen unnötig gewesen waren. Natürlich wusste Richmond, dass sein Bruder früher ein exzellenter Reiter gewesen war, aber trotzdem kam es als Schock, wie sicher Geometry unter ihm ging. Dabei waren seine Befehle kaum wahrnehmbar: eine winzige Verlagerung des Gewichts, das Schließen einer Faust. Einem unaufmerksameren Beobachter als Richmond konnte es erscheinen, als würde das Pferd allein auf seine Gedanken reagieren.
Am Rand des Waldes holte Richmond seinen Bruder ein. Lachend brachte Lord Sheridan den Hengst zum Stehen. Seine Augen strahlten. Geometry schnaubte glücklich und machte ein paar tänzelnde Schritte zur Seite. Trotzdem schien es, als ob er vorsichtig darauf bedacht war, seinen Reiter auf keinen Fall aus dem Sitz zu bringen.
Es war Jahre her, dass Richmond seinen Bruder so glücklich gesehen hatte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie sehr das Reiten Teil seiner selbst gewesen war. Er konnte nur darüber spekulieren, was es ihn gekostet haben musste, es für all die Jahre aufgeben haben zu müssen. So liebenswert die alte Molyneux auch war – dies war etwas ganz anderes.
Unwillkürlich dachte Richmond an Pegasus. Welch ein Bild die beiden vor fünfzehn Jahren abgegeben hatte, der prächtige Schimmel und sein furchtloser Reiter. Wagemutig und stolz hatte nichts die beiden Aufhalten können – nur der Krieg.
Er hätte nicht gedacht, dass er ein weiteres Mal diese Zusammengehörigkeit von Pferd und Reiter erleben würde. Aber es schien, als hätte er sich getäuscht. Schon jetzt, nach diesen wenigen Minuten fühlte er, dass Lord Sheridan und Geometry sich gefunden hatten. Sicher, Geometry war nicht Pegasus, aber auch Lord Sheridan war nicht mehr der Mann, der er vor fünfzehn Jahren gewesen war. An Stelle der reinen Kraft und ja, der Arroganz, die den früheren Reiter und sein Pferd ausgezeichnet hatten, herrschte hier eine stillere Verbundenheit, ein Verständnis, auch für die Schwächen, des anderen.
Sie waren auf dem Rückweg, als Lord Sheridan den schon ganz entspannt am langen Zügel gehenden Hengst ein weiteres Mal versammelte. Richmond rechnete mit einem letzten Galopp über die Wiese nach Hause, aber dann blieb ihm beinahe das Herz stehen, als er Lord Sheridan zielsicher nicht auf das Gatter, sondern auf die durchaus hohe Hecke daneben zureiten sah. Er stieß dem überraschten Sir Galahad die Fersen in die Seiten und sprengte hinterher. 
Anders als andere Reiter lehnte sich Lord Sheridan beim Absprung nicht zurück, sondern stellte sich in die Steigbügel und beugte sich über den Hals des Pferdes. Richmond hatte davon gelesen, dass ein italienischer Reitmeister diese neue Art des Springens propagierte. Gesehen hatte er es jedoch noch nie, und er war sich sicher, sein Bruder würde spätestens, wenn Geometry wieder den Boden berührte, über den Kopf des Pferdes gehen. Aber der Hengst flog über das Hindernis, als wäre es nicht mehr als ein umgefallener Baumstamm, und Lord Sheridan glitt ohne Probleme in den Sattel zurück.
Sir Galahad war aufgefallen, dass sein eigener Reiter gerade abgelenkt war, und er übersprang die Hecke auch ohne die gewohnt sicheren Hilfen souverän, wie es von ihm erwartet wurde.
Lord Sheridan wandte sich mit leuchtenden Augen zu Richmond um. „Das wollte ich schon die ganze Zeit ausprobieren“, rief er lachend. 
Richmond, dem das Herz noch immer bis zum Hals schlug, war unfähig, irgendetwas zu erwidern. Ihm fehlten die Worte – und der Atem. Glücklicherweise war Lord Sheridan viel zu sehr mit sich selbst und Geometry beschäftigt, um eine weitere Reaktion als ein einfaches Kopfnicken zu benötigen.
Wenige Minuten später ritten sie wieder auf den Hof. Als Lord Sheridan vom Pferd glitt, gab sein linkes Bein nach, und er musste nach dem Sattel greifen, um sich festzuhalten. Geometry wandte den Kopf, als wollte er sicherstellen, dass alles in Ordnung sei. Lord Sheridan kraulte ihm seine Lieblingsstelle über der Schulter und lehnte für einen Augenblick die Stirn gegen seinen Hals. Dann hob er den Kopf und machte einen unbeholfenen Schritt zur Seite, bis er ihm direkt in die Augen sehen konnte. 
„Danke“, flüsterte er.
Den Stallbursche, der nach Geometrys Zügel griff, um ihn wegzuführen, ignorierte der Hengst vollkommen und blieb wie angewurzelt stehen, bis Richmond neben seinen Bruder trat. Erst als Lord Sheridans Hand den Sattel verließ, um nach seinem Stock zu greifen, den ihm sein Bruder hinhielt, drehte Geometry den Kopf und ließ sich in den Stall führen.
Das Strahlen verließ die Augen von Lord Sheridan den ganzen Weg zum Haus nicht. Völlig begeistert erzählte er Richmond von den schönen schrägen Schultern Geometrys, der guten Winkelung der Hinterhand, die ihn schon immer seine Springeignung hatte vermuten lassen, seinem wunderbaren Schritt und seinen raumgreifenden und taktreinen Gänge. Von Richmond, der seinen Blick kaum einmal von seinem stark hinkenden Bruder abwandte, kam nicht mehr als einige zustimmende Laute. Mehr brauchte es für Lord Sheridan, der ganz in seiner eigenen Welt versunken war, aber auch gar nicht.
Er redete immer noch, als sie an seinem Apartment ankamen. Richmond hatte auf der Treppe einige Mal schnell nach seinem Arm greifen müssen, als das schwache Bein seines Bruders unerwartet nachgegeben hatte, aber Lord Sheridan selbst schien das gar nicht bemerkt zu haben. Richmond übergab ihn an Forster, der schon wartete. Als er die Tür hinter sich schloss, hörte er noch, dass Lord Sheridan jetzt dabei war, Forster in allen Einzelheiten von Geometry zu berichten.

Auch einige Stunden später war Lord Sheridans Enthusiasmus noch nicht abgeklungen. Auch wenn seine begeisterten Bemerkungen unterdessen immer häufiger von Pausen und gerade noch unterdrückten Flüchen unterbrochen wurden. Denn seine kleine Eskapade war nicht ohne Folgen geblieben. Die Muskeln in seinem Bein waren hart wie ein Brett, und sein Knie hatte selbst den Anschein von Kooperation aufgegeben. 
„Forster“, sagte er schließlich. „Ich denke, ich werde heute auf meinem Zimmer speisen. So bin ich kaum gemischter Gesellschaft zuzumuten.“ Und bewies es gleich mit einigen ausgewählten Schimpfworten, als ein Krampf durch die malträtierten Muskeln seines Oberschenkels schoss.
„Sehr wohl, Mylord“, erwiderte Forster und schaffte es in diesen drei Worten, wie in jeder seiner kurzen Äußerungen der letzten Stunden, deutlich zu machen, dass er die ganze Situation nicht gutheißen konnte. Er hatte durchaus nicht vergessen, dass er und sein Herr sich eigentlich mitten in einer Auseinandersetzung befanden. 
Doch diesmal hatte Lord Sheridan, der sich bisher mannhaft zurückgehalten hatte, endgültig genug. Eigentlich war er gerade auf dem Weg ins Schlafzimmer gewesen, aber diese letzte Bemerkung ließ ihn in der Bewegung innehalten. 
„Es reicht, Forster“, sagte er scharf. „Ich bin ein geduldiger Mensch, aber verschonen Sie mich bitte mit der weiteren Darstellung Ihrer stillen Missbilligung. Sie haben es mehr als deutlich gemacht, dass Sie nicht glücklich über meine Entscheidungen der letzten Tage sind. Aber ich werde in dieser Sache nicht nachgeben. Wenn Sie also glauben, dass Sie bei Lord Faversham glücklicher wären, dann gehen Sie bitte.“
Die beiden Männer starrten sich an, bis Lord Sheridan plötzlich heftig einatmete und mit der linken Hand an seinem Oberschenkel griff. Er verzog kurz das Gesicht und angelte mit der anderen Hand nach einer Stuhllehne, um sich abzustützen.
Forster machte zwei schnelle Schritte auf seinen Herrn zu, griff nach seinem Arm und half ihm in einen Sessel. Mit aus langer Übung erworbener Sicherheit fanden seine Finger genau die am schlimmsten verkrampften Muskeln und begannen, sie auszustreichen.
„Darf ich das so deuten, dass Sie sich gegen einen Wechsel zu Lord Faversham entschieden haben?“, fragte Lord Sheridan zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus. „Nur um es unmissverständlich klar zu machen, Forster, ich werde nicht wieder in meine alte körperliche Lethargie zurückfallen. Ja, ich habe mich heute übernommen. Ich werde es ohne Zweifel wieder tun. Sie werden vermutlich deutlich mehr heiße Umschläge anfertigen müssen als zuvor, und ich werde unleidlich sein, fluchen und Sie möglicherweise sogar beschimpfen.“ Er verbiss sich ein Stöhnen, als Forsters Finger über eine besonders druckempfindliche Stelle glitten, und schloss die Augen. Als er nach einer kleinen Weile weiter sprach, klang seine Stimme ruhiger, wenn auch nicht weniger entschlossen. „Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will nicht, dass Sie gehen, Forster. Aber wenn Sie mich bei jedem Schritt aufhalten wollen, dann wäre es vielleicht in der Tat besser, wenn unsere Wege sich trennten.“
Forster stand auf und machte einige Schritte in Richtung Tür. Lord Sheridan starrte ihm entgeistert hinterher. Würde Forster ihn wirklich verlassen? Auch wenn er es selbst herausgefordert hatte, konnte er sich ein Leben ohne den treuen Diener an seiner Seite nur schwer vorstellen. 
„Sie wollen tatsächlich gehen?“, fragte er also, einigermaßen entsetzt.
Forster warf einen ausdruckslosen Blick zurück. „Zur Klingel, Mylord, um ein Mädchen nach heißem Wasser zu schicken.“ 
Lord Sheridan atmete erleichtert auf und schickte ein stilles Dankgebet gen Himmel. Er fragte sich, ob er, nach allem, was Forster für ihn getan hatte und noch immer tat, zu streng gewesen war. Entschuldigen konnte er sich natürlich nicht, aber einige lobende Worte wären sicher nicht unangebracht. „Bitte denken Sie nicht, dass ich Ihre Fürsorge – und natürlich Ihre hervorragende Pflege – nicht zu schätzen weiß, Forster …“
„Vielen Dank, Mylord.“ Forster zog die Klingelschnur und kam dann wieder zu Lord Sheridan zurück, um ihm aus dem Sessel zu helfen.
„Aber ich bin kein Invalide.“ Lord Sheridan überdachte kurz seine Worte, während er schwer auf Forster gestützt zum Bett hinüberhinkte. „Na ja, vielleicht bin ich doch ein Invalide, aber … Herrgott, Forster, Sie wissen doch, was ich meine.“
„Natürlich, Mylord,“ erwiderte Forster mit unbewegter Miene.
„Forster, lachen Sie etwa über mich?“, fragte Lord Sheridan, der seinen Diener nur allzu gut kannte, misstrauisch.
„Das würde ich mir nie anmaßen, Mylord. Kann ich noch etwas für Sie tun? Ansonsten werde ich Sie jetzt für einen kurzen Augenblick allein lassen und mich um das heiße Wasser kümmern.“

Laut dem Bericht der ausgehend von dem Zimmermädchen, die das heiße Wasser in Lord Sheridans Apartment gebracht hatte, über mehrere Umwege Richmonds Ohren erreichte, stand es äußerst schlecht um Lord Sheridan. Man musste vermutlich schon froh sein, wenn er die Nacht überstehen würde. 
Richmond, der schon häufig miterlebt hatte, welche seltsamen Ausschmückungen Erzählungen bei ihrem Weg durch den Dienstbotentrakt erhielten, hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, nur einen Bruchteil von dem, was ihm so zu Ohren kam, zu glauben. Dennoch fühlte er sich, besonders da Granville nicht zum Dinner erschien, doch bemüßigt, einmal selbst nachzufragen, wie sein Bruder seine kleine Eskapade auf dem Pferderücken überstanden hatte. 
Forster teilte ihm mit, dass Lord Sheridan sich hingelegt hatte, dass aber kein Grund zur Sorge bestand. Richmond hoffte, dass der Diener Recht behalten würde. Er wusste nicht so recht, was er von der plötzlichen Aktivität seines Bruders halten sollte und war sich auch absolut nicht sicher, ob es wirklich der richtige Weg war. 

Lord Sheridan selbst war sich da leider auch nicht mehr so sicher. Nachdem er sich fluchend einige Stunden hin und her gewälzt hatte, fing er an, sich ernsthaft Sorgen zu machen.
Es hätte ihn sicher schockiert zu erfahren, dass genau sein Klagen und Fluchen es waren, die Forster beinahe mehr als alles andere davon überzeugten, dass nichts wirklich Schlimmes passiert war. Er hatte Lord Sheridan erlebt, wenn es ihm ernsthaft schlecht ging. Wenn er fit genug war, sich lautstark und ausdauernd zu beklagen, konnte die Lage nicht besonders ernst sein. 
„Glauben Sie, dass ich es übertrieben und tatsächlich Schaden angerichtet habe?“, fragte Lord Sheridan schließlich den um ihn herum räumenden Forster. Forster, der schon seit mindestens einer Stunde auf diese Frage gewartet hatte und aus genau diesem Grund noch immer um Lord Sheridan herumpuzzelte, atmete auf.
„Das glaube ich nicht, Mylord“, sagte er mit unbewegter Miene. „Ich denke, Sie haben sich etwas überanstrengt. Das ist alles.“
Lord Sheridan nickte. „Natürlich.“
Aber Forster war noch nicht fertig. „Nach meiner Erfahrung, Mylord, wird es allerdings erst noch schlimmer, bevor es besser wird." Er strich den Bettüberwurf mit einer geübten Bewegung glatt. „Nur damit Sie sich nicht unnötig Sorgen machen.“
Lord Sheridan musterte den unschuldig dreinblickenden Forster für einen Moment schweigend. „Vielen Dank, Forster“, sagte er dann. „Das beruhigt mich wirklich ungemein“
„Ich fürchte, dass auch Sarkasmus nicht helfen wird, Mylord“, erwiderte Forster ungerührt. 
Es machte Lord Sheridan nicht glücklicher, feststellen zu müssen, dass Forster – wie immer – Recht hatte. 

Der nächste Tag gestaltete sich in der Tat extrem unangenehm für Lord Sheridan. Er blieb weiter in seinem Apartment und bewegte sich nur mühsam zwischen dem Bett und dem Sofa im Salon hin und her. Abends zwang ihn jedoch die Langeweile, wenigstens zum Dinner zu erscheinen. 
Er war etwas spät und humpelte mit Mühe direkt ins Speisezimmer. Sein Neffe March war in der Hauptstadt, aber seine Nichten begrüßten ihn mit großer Freude. Vor allem die 15-jährige Victoria konnte es kaum abwarten, bis er sich endlich gesetzt hatte.
„Onkel Sheridan“, sprach sie ihn sofort an. „Wie schön, dass du kommst. Ich wollte dich heute schon besuchen, aber Papa meinte, ich sollte dich besser nicht stören.“
„Du wärst mir sehr willkommen gewesen, Victoria“, erwiderte Lord Sheridan. „Ich habe mich zu Tode gelangweilt. Aber ich glaube, ich wäre in der Tat keine gute Gesellschaft für eine junge Dame gewesen. Ich fürchte, ich habe schrecklich geflucht. Deine Mutter hätte mich aus dem Haus verbannt, wenn sie es gehört hätte. Insofern hatte dein Vater durchaus Recht.“
Richmond warf seinem Bruder einen überraschten Blick zu. Das war ganz sicher nicht der Grund, warum er seine Kinder angewiesen hatte, seinen Bruder in Ruhe zu lassen. Normalerweise wünschte Granville keine Zeugen, wenn sein Bein ihn plagte.
„Wirst du Morgen mit mir in den Stall gehen?“, fragte seine Nichte weiter. „Ich möchte so gerne Molly begrüßen.“
Lord Sheridan lächelte. „Noch immer solche Angst? Ich versichere dir, es ist ganz und gar unnötig. Molly würde dir nie etwas tun.“
„Oh, es ist nicht Molly“, beteuerte Victoria. „Vor ihr könnte ich niemals Angst haben. Sie ist so höflich und wohlerzogen.“
„Würdest du sie gerne reiten?“, fragte Lord Sheridan, einer plötzlichen Eingebung folgend.
Victoria errötete. „Aber sie ist doch dein Pferd.“
„Wenn es dir Freude machen würde, übergebe ich sie gerne in deine Hände.“
„Onkel Sheridan!“ Sie sprang auf und rannte um den Tisch herum. Ungestüm schlang sie ihm die Arme um den Hals und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
„Victoria!“, rief ihre Mutter sie zur Ordnung.
„Es ist schon gut, Louisa“, bemerkte Lord Sheridan lachend. „Ich erwarte dich Morgen in Reitkleidung zu sehen, Victoria.“
„Oh, ganz bestimmt, Onkel Sheridan!“, erwiderte seine Nichte strahlend, als sie auf ihren Platz zurückkehrte. 

„Du hast vor, das Reiten ganz aufzugeben?“, fragte Richmond, nachdem die Damen nach dem Dessert das Speisezimmer verlassen hatten.
Lord Sheridan, der gerade dabei war, sich eine seiner türkischen Zigaretten anzuzünden, blickte überrascht auf. „Natürlich nicht. Wie kommst du darauf?“
„Was sonst könnte dich dazu bewegt haben, Molly an Victoria zu geben.“ Richmond sah so aus, als würde er zwar hoffen, dass Lord Sheridan dies bestätigen würde, aber nicht wirklich damit rechnen. „Nicht dass ich dir nicht sehr dankbar wäre. Ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat, diese unsinnige Angst vor Pferden zu entwickeln.“ 
„Molly ist genau die Richtige für sie. Die beiden mögen sich. Und das gibt Molly eine neue Aufgabe“, ging Lord Sheridan kurz auf Richmonds Ablenkung ein, kam dann aber direkt zum Kern der Sache zurück. „Aber um deine Frage zu beantworten: Nein, natürlich werde ich das Reiten nicht aufgeben.“
„Du …“ 
„Ich werde Geometry reiten“, bestätigte Lord Sheridan, bevor sein Bruder es noch aussprechen konnte. „Ich dachte, das wäre offensichtlich.“
Richmond sah so aus, als wüsste er nicht so richtig, ob er das Folgende sagen sollte, tat es dann aber doch: „Ich will nicht, dass du Geometry weiter reitest, Granville.“
Lord Sheridan starrte seinen Bruder einen Augenblick entgeistert an. „Natürlich werde ich Geometry weiter reiten“, sagte er dann.
„Ich weiß, wie hart du daran gearbeitet hast, kein … Krüppel zu sein …“
„Aber ich bin ein Krüppel, Alistair.“ Lord Sheridan stellte fest, dass ihm das Wort im Gegensatz zu seinem Bruder ohne Probleme über die Lippen kam.
„Das bist du nicht!“, widersprach Richmond heftig.
„Ich bin ein Krüppel“, sagte Lord Sheridan, das Wort bewusst noch einmal wiederholend, „aber ich bin jetzt endlich soweit, es einzusehen und von da aus weiterzumachen.“
Richmond schob sein Whiskeyglas zur Seite, breitete sie Arme aus und stützte die Hände rechts und links von sich auf den Tisch. Seine Stimme klang hart. „Ich werde nicht zulassen, dass du alles, was du dir erarbeitest hast, für eine fixe Idee wegschmeißt.“
Lord Sheridan konnte es kaum glauben, aber Haltung und Stimme machten es deutlich: Es war jetzt der Herzog von Richmond, der zu ihm sprach. Lord Sheridan hatte sich allerdings, Herzog hin oder her, noch nie von seinem Bruder einschüchtern lassen und würde kaum jetzt damit anfangen. „Es ist keine fixe Idee“, sagte er, so ruhig er konnte. „Und es ist mir lange nicht mehr so gut gegangen.“ 
„Das ist doch absurd!“, erwiderte Richmond, jetzt ernsthaft aufgebracht. Sein vorheriges herzogliches Verhalten war vermutlich eine unbewusste Reaktion gewesen, ein Versuch, eine unbequeme Situation durch ein Zurückfallen in bekannte und bewährte Verhaltensmuster zu kontrollieren. Doch da der Herzog nie die Fassung verlor, war es jetzt offensichtlich wieder der ältere Bruder, mit dem Lord Sheridan sich auseinandersetzen musste. Er wusste nicht, ob ihm das wirklich lieber war. Eigentlich war er sich sogar sehr sicher, dass es ihm nicht lieber war. Mit dem Herzog konnte er umgehen, es war sein Bruder, der ihn aus der Ruhe bringen konnte.
„Du wirst mich nicht daran hindern, Alistair.“
„Sieh dich an, Sheridan“, sagte Richmond. „Du kannst heute kaum gehen. Das ist nicht das Leben, das du dir erträumt hast.“
Lord Sheridans Gesicht war blass geworden. „Vielleicht“, erwiderte er heftig. „Aber ich glaube, vor allem ist es nicht das, was du dir für mich erträumt hast. Aber es ist nicht dein Leben, Alistair, sondern meins.“ Er stand so abrupt auf, dass sein Stuhl über das Parkett schrammte. „Und wenn ich es ertragen kann, dann kannst du es auch.“ Er humpelte in Richtung Tür, warf dann jedoch noch einmal einen Blick zurück. „Sieh es endlich ein: Ich bin erwachsen. Du bist nicht mehr für mich verantwortlich.“
Falsch, dachte Richmond, das werde ich immer sein. Aber das konnte er natürlich niemals aussprechen. Trotzdem musste sein Bruder etwas in seinem Gesicht gesehen haben, denn nachdem er ihn einen Augenblick lang schweigend angesehen hatte, atmete er mit einem langen Seufzer aus und sagte mit plötzlich müder Stimme: „Es ist nicht deine Schuld, Alistair.“
Richmond schluckte hart. Sie wussten beiden, dass sie nicht mehr über Geometry sprachen. „Ich hätte es verhindern müssen“, sagte Richmond schließlich.
Lord Sheridan kam zurück zum Tisch und setzte sich wieder. „Wie genau hättest du das tun sollen?“, fragte er sanft.
„Ich hätte dich daran hindern müssen zu gehen.“
Lord Sheridan konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen und schüttelte den Kopf. „Das hättest du nicht gekonnt.“
„Vermutlich nicht“, gab sein Bruder nach einer Pause zu. 
„Genauso wenig, wie du mich daran hindern kannst, Geometry zu reiten.“
„Ich weiß.“ Richmond seufzte und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. „Es tut mir leid, Sheridan“, sagte er. „Es ist …“ 
„Schwierig“, beendete Lord Sheridan den Satz, als sein Bruder nicht weitersprach. „Ich weiß. Aber, wie du mir wieder und wieder gesagt hast, Alistair, wir sind Granvilles. Wir werden auch das durchstehen.“ Er zögerte kurz und fügte dann hinzu: „Zusammen.“
Richmond sah zu Lord Sheridan hinüber, der seinem Blick ruhig standhielt. Verständnis blitzte zwischen ihnen auf. Richmond hob sein Glas in einem stillen Toast zu seinem Bruder, der die Geste erwiderte. Sie lächelten sich an. 
„Zusammen“, bestätigte Richmond.

eine Woche später
„Und du bist dir sicher, dass du deinen Abstecher in die Hauptstadt nicht verschieben kannst?“ fragte Richmond hinter seinem Schreibtisch hervor seinen Bruder.
Lord Sheridan hob das Glas, das er in der Hand hielt, gegen das Licht und begutachtete interessiert die Farbe seines Clarets. „Ja, vollkommen sicher. Warum?“
„Ramsey Munro hat sich für morgen Nachmittag angekündigt. Solltest du nicht da sein, um ihn zu empfangen?“
Lord Sheridan betrachtete noch immer seinen Wein. „Ich denke, dass ich rechtzeitig zurück sein sollte.“ Endlich blickte er zu Richmond hinüber. „Ansonsten vertraue ich ganz auf deine Fähigkeiten als Gastgeber. Er denkt ohnehin, dass du sein Schüler sein wirst. Sein einziger Schüler.“
Richmond legte den Füllfederhalter zur Seite und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Wann gedenkst du, Munro über seine tatsächliche Aufgabe zu informieren?“
Lord Sheridan sprach weiter, als hätte er die Frage seines Bruders gar nicht gehört. „Ich hielt es für sicherer. Falls sich doch irgendetwas herumspricht. Was durchaus nicht unmöglich ist. Es ist wirklich extrem schwierig, Dinge in der guten Gesellschaft geheim zu halten.“
„Es gelingt dir doch sonst auch ganz gut”, bemerkte Richmond trocken.
Lord Sheridan antwortete nicht, aber ein kleines Lächeln huschte über seine Lippen. „Es war sehr geschickt von dir, wie du das Haus geräumt hast”, sagte er dann. „Louisa wird es mit den Mädchen gut in Brighton gefallen, und für March war es ohnehin an der Zeit, seinen Horizont zu erweitern. Ich hoffe, er erfährt nie den Grund für deine Entscheidung, ihn gerade jetzt auf die Grand Tour zu schicken. Andererseits kann er sich nicht beschweren. Ich denke, er wird viel Spaß auf dem Kontinent haben. Hast du La Colombine geschrieben und ihn ihr ans Herz gelegt?“
Richmond, der unterdessen wieder zu seinen Papieren zurückgekehrt war, glaubte, sich verhört zu haben. Er musterte seinen Bruder einigermaßen schockiert.
Lord Sheridan hingegen hatte eine gänzlich unschuldige Miene aufgesetzt. „Was? Du hast sie schließlich auch in mein Bett gelegt – etwas, für das ich dir im Übrigen bis heute dankbar bin. Ich bin mir sicher, March würde genauso empfinden. Ich weiß, dass sie sich aus dem Geschäft zurückgezogen hat, aber ich bin mir sicher, dass sie für einen Granville eine Ausnahme machen würde. Es ist eine so schöne Familientradition, in Paris in ihr Bett zu fallen.“
Wenn es jemand anderes als Granville gewesen wäre, hätte Richmond vermutet, dass er ihn bewusst provozieren wollte. Aber es war so ungewöhnlich für seinen Bruder, so zu reden, dass er seine Papiere zusammenschob und ihm einen aufmerksamen Blick zuwarf. 
Oberflächlich betrachtet wirkte Lord Sheridan gänzlich unbekümmert, aber Richmond hatte schon den ganzen Tag das Gefühl gehabt, dass sein Bruder in einer seltsamen Stimmung war. Auch jetzt bemerkte er eine nervöse Spannung an ihm, die so gar nicht zu ihm passen wollte. Richmond dachte, dass jeder andere Mann vermutlich durch den Raum getigert wäre. Aber Lord Sheridan verriet seine Anspannung nur durch das beständige Spielen mit seinem Einglas, das er auch jetzt wieder an dem Band, an dem es um seinen Hals hing, kreiseln ließ.
Richmond wusste wirklich nicht, was er von dieser plötzlichen Reise nach London halten sollte. Der Gedanke war Granville erst heute Morgen gekommen, aber nun schien er ihn nicht mehr loszulassen. Aber was ihn ausgerechnet zu diesem ungünstigen Zeitpunkt, an dem Ramsey Munros Ankunft unmittelbar bevor stand, unvermeidlich in die Hauptstadt führen sollte, war Richmond ein Rätsel.
Und dann verstand er plötzlich. Natürlich. Es war genau Ramsey Munros Ankunft, die Granville so unruhig machte. Vermutlich hatte die Aussicht auf die Fechtstunden, nun da sie tatsächlich unmittelbar bevorstanden, viel von ihrem Reiz verloren. Die Auslotung seiner Grenzen war bisher ein – nicht nur körperlich – schmerzhafter Prozess für Granville gewesen. Es stand zu befürchten, dass auch die Fechtstunden sich in dieser Beziehung als nicht einfach erweisen würden, und er fragte sich wahrscheinlich unterdessen ernsthaft, ob es wirklich eine brillante Idee gewesen war, den Fechtmeister nach Goodwood House kommen zu lassen. 
Also gut. Sollte er nach London reisen und dann selbst entscheiden, wann und wie sein Auftritt erfolgen sollte. Richmond wusste sehr gut, dass die letzte Zeit nicht einfach für Granville gewesen war, und es stand zu vermuten, dass es in den nächsten Wochen nicht besser werden würde. Wenn es ihm also half, würde er den schottischen Fechtmeister auch allein empfangen. 

Als Ramsey Munro die Auffahrt zu Goodwood House hoch ritt, hatte er sich schon ganz auf einen langweiligen Monat eingestellt. Eigentlich hatte er gehofft, die Zeit, in der er müßigen Aristokraten das Fechten beibrachte, hinter sich gelassen zu haben. Aber Lord Kennington hatte sich mit einer persönlichen Bitte an ihn gewandt, und einem Mann, der einen so hohen Posten im britischen Geheimdienst bekleidete, konnte man nur schwer etwas abschlagen. Zudem wenn er einen aus der Gosse gezogen und eine Chance auf ein neues Leben gegeben hatte …
Zunächst hatte er vermutet, dass der Schüler ein weiterer von Lord Kenningtons Agenten sein könnte, aber als er erfahren hatte, dass es sich um den Herzog von Richmond handelte, hatte er diesen Gedanken schnell wieder verworfen. Als Oberhaupt einer so prominenten Familie war er viel zu exponiert. Andererseits war es vermutlich sehr interessant für Lord Kennington, einem so einflussreichen Mitglied der englischen Aristokratie einen Gefallen getan zu haben. Und wenn er ihm dabei behilflich sein konnte, sollte es ihm Recht sein.
Jetzt hoffte er nur, dass der Herzog schnell die Lust verlieren würde. Was vermutlich gar nicht so unwahrscheinlich war, wie er die englische Aristokratie kannte. Wenn er Glück hatte, könnte er in einer Woche wieder verschwunden sein. 
Zehn Minuten später stand er in der Bibliothek von Goodwood House und musste sich eingestehen, dass er sich in seiner Einschätzung der Lage gründlich geirrt hatte. Der Herzog von Richmond machte ganz und gar nicht den Eindruck eines Mannes, der sich von plötzlichen Launen treiben ließ. Er schien im Gegenteil sehr genau zu wissen, was er wollte. 
Außerdem war er ganz bestimmt keiner der typischen sehr jungen Männer, die sich von Munro, hauptsächlich um ihre Freunde zu beeindrucken, Kabinettstückchen beibringen ließen. Er war an die vierzig, gut trainiert, und mit dem sicheren Auftreten eines Mannes, der seit vielen Jahren an der Spitze einer der ältesten und reichsten Familien des Landes stand. Kaum jemand, der sein Selbstbewusstsein mit dem Erlernen von Fechttricks aufbauen musste. Munro verstand immer weniger, was er hier eigentlich sollte. 
„Wollen wir gleich beginnen?“, fragte Richmond, nachdem sie den üblichen Austausch von Höflichkeiten hinter sich gebracht hatten.
„Ganz wie Sie wünschen.“
Der Herzog führte ihn überraschenderweise in den Ballsaal. Vielleicht war er einfach ein Exzentriker? Munro schlüpfte aus seinem Gehrock und nahm einen Säbel aus Richmonds Hand entgegen.
„Es sei denn, Sie bevorzugen Ihre eigene Waffe? Ich kann sie holen lassen.“
„Das wird nicht nötig sein”, erwiderte Munro. Er hatte schon mit deutlich schlechteren Waffen und unter deutlich schlechteren Bedingungen Kontrahenten auf ihren Platz verwiesen. Er sah hier keine Schwierigkeiten voraus.
Und er bekam auch keine. Der Herzog von Richmond war ein durchaus guter Fechter, der wusste, was er tat. Er versuchte nicht, ihn mit komplizierten Manövern zu beeindrucken, sondern blieb innerhalb seiner Grenzen, mit einem klaren, athletischen Stil, der ausbaufähig war. Aber natürlich war er in keiner Sekunde ein ernstzunehmender Gegner für ihn. 
Sie hatten gerade einen besonders gelungenen Schlagabtausch beendet, als eine leicht amüsierte Stimme zu ihnen hinüber klang.
„Nicht schlecht, Richmond. Wer hätte gedacht, dass du auf deine alten Tage noch so viel deines jugendlichen Könnens bewahrt haben würdest. Ich bin beeindruckt.“ 
Munro drehte sich überrascht um. In der Tür stand ein extrem elegant gekleideter Mann, in der Hand einen Gehstock mit Silberknauf. 
Der Herzog lachte. „Granville! Du kommst gerade Recht, um unseren Gast zu begrüßen. Mr. Munro, darf ich Ihnen meinen Bruder Lord Sheridan Stuart Granville vorstellen?“
Munro verbeugte sich leicht. „Lord Sheridan.“ Seine Verbeugung wurde erwidert, aber der Bruder des Herzogs machte keine Anstalten, weiter in den Raum zu kommen.
„Lord Sheridan wird Ihr zweiter Schüler sein”, erklärte der Herzog.
Munro wusste, was sich gehörte. Er verbeugte sich erneut leicht in Richtung Lord Sheridans. „Es wird mir eine Freude sein.“ 
Auf Lord Sheridans Gesicht zeigte sich ein kleines ironisches Lächeln, das Munro nicht zu deuten wusste. „Mit solchen Aussagen wäre ich vorsichtig, Mr. Munro”, sagte er. „Sie wissen noch nicht, auf was Sie sich eingelassen haben.“
Er schien noch einen Augenblick zu zögern, aber dann machte er sich doch auf den Weg zu ihnen herüber. Schon mit dem ersten Schritt wurde deutlich, dass der Gehstock für ihn nicht bloßes Modeaccessoire war: Er ging mit einem ausgeprägten Hinken. 
Munro versuchte, seine Überraschung zu verbergen, aber an Lord Sheridans Gesichtsausdruck konnte er leicht erkennen, dass es ihm nicht besonders gut gelungen war. 
„Nun, Mr. Munro”, sagte Lord Sheridan sanft, „fühlen Sie sich der Aufgabe gewachsen?“
Munro musterte den Bruder des Herzogs. Auf den ersten Blick schien Lord Sheridan nicht mehr als ein aristokratischer Dandy. Aber Munro wusste aus eigener Erfahrung nur allzu gut, dass der erste Eindruck trügen konnte, und er war sich fast sicher, dass das auch diesmal der Fall war. 
Denn bei genauerem Hinsehen entdeckte er einen Ausdruck in Lord Sheridans Augen, der so gar nicht zu einem gelangweilten und nur an Mode interessierten Nichtstuer passen wollte. Und noch mehr als beim Herzog selbst stellte sich die Frage, warum so ein Mann, nicht mehr blutjung, mit einer offensichtlichen Behinderung, Fechtunterricht nehmen wollte, zudem ausgerechnet bei ihm. Und dann war da auch noch die Frage nach Lord Kenningtons Part in all dem. Aber darüber konnte er später nachdenken.
„Um das beurteilen zu können”, sagte er also, „muss ich mir einen genaueren Eindruck von Ihren Möglichkeiten verschaffen. Wenn Sie kurz mit dem Herzog fechten würden?“ 
„Natürlich.“
Lord Sheridan legte ebenfalls seinen Gehrock ab, und die Brüder kreuzten die Klingen. Es dauerte keine Minute, bis Munro sie unterbrach. 
„Danke, das reicht schon”, sagte er. 
Sowohl Lord Sheridan als auch der Herzog hoben die Waffen und sahen ihn gespannt an. Munro ließ sich etwas Zeit mit seinem Urteil. „Sind Sie ein guter Schütze, Lord Sheridan?“ fragte er schließlich.
Lord Sheridan tauschte einen überraschten Blick mit seinem Bruder, und es war der Herzog, der antwortete: „Mein Bruder gilt durchaus als guter Schütze.“ 
„Dann bleiben Sie dabei”, sagte Munro mit brutaler Offenheit. „Mit einem Säbel werden Sie nie einen anderen Gentleman in einem Duell schlagen.“
Lord Sheridan sah nicht so aus, als würde ihn dieses Urteil überraschen, aber Munro sah doch ein schmerzliches Aufblitzen in seinen Augen, bevor er die Lider niederschlug. 
„Und wenn es nicht um einen Gentleman gehen würde?“, fragte er dann ruhig.
Munro war sich nicht sicher, dass er richtig verstanden hatte. Konnte das wirklich heißen, was er glaubte, dass es heißen sollte? 
„Ich fürchte, Sie werden mir genau sagen müssen, was Sie von mir wollen, Lord Sheridan”, sagte er langsam.
Lord Sheridans Blick war hart und klar. „Ich will, dass Sie mir beibringen, wie auch ich einen Säbel effektiv einsetzen kann.“
„Egal auf welche Art?“, fragte Munro.
„Egal auf welche Art”, bestätigte Lord Sheridan.
Munro musterte Lord Sheridan aufmerksam. Dann, zufrieden mit dem, was er im Gesicht des anderen Mannes gesehen hatte, nickte er langsam. Für einen Moment kam ihm wieder der Gedanke, dass Lord Kennington ihn doch zu einem seiner anderen Agenten geschickt haben könnte. Die ganze Sache war auf jeden Fall außerordentlich interessant. 
Vielleicht würde der Monat hier doch nicht so langweilig werden, wie er das erwartet hatte. 

drei Wochen später
Wie schon die letzten Wochen über hallte auch an diesem Nachmittag der harte Klang von Stahl auf Stahl durch den Ballsaal. Lord Sheridan, der auf einem der Sessel am Rande saß, musste, nicht ganz neidlos, anerkennen, dass Richmond eine gute Figur gegen den jungen Schotten machte. 
Auch Munro lachte anerkennend, als sie ihre Begegnung beendeten. „Sehr gut, Euer Gnaden.“ 
Richmond hatte sich in den letzten Wochen von einem durchaus kompetenten zu einem beinahe schon wirklich guten Fechter entwickelt. Es machte Munro Spaß, mit ihm zu kämpfen. Wenn er sich an alle Regeln des Duellcodes hielt, war der Herzog unterdessen fast ein ernstzunehmender Gegner für ihn. 
Er wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und wandte sich Lord Sheridan zu. „Wollen wir?“
Lord Sheridan nickte und hinkte zu Munro hinüber, während Richmond auf die Terrasse heraustrat. Schon nach wenigen Tagen Fechttraining hatte er der Einfachheit halber angeordnet, dass dort nachmittags immer Waschgeschirr und einige Eimer Wasser bereitgestellt werden sollten. 
Lord Sheridan begab sich in die Ausgangposition und griff an. Wie immer war es für Munro geradezu beleidigend einfach, ihn abzuwehren. 
„Nutzen Sie das Überraschungsmoment”, erklärte der Schotte nicht zum ersten Mal. „Ihre erste Attacke wird immer Ihre beste Chance sein.“ Er winkte Lord Sheridan in einen neuen Angriff, den er erneut mühelos abwehrte. Er schüttelte den Kopf. „Kommen Sie, Lord Sheridan. Wir haben es oft genug geübt. Sie müssen schnell sein. Sie haben fünfzehn, höchstens dreißig Sekunden, um ihren Gegner auszuschalten. Danach wird er Ihnen immer überlegen sein. Ich gebe Ihnen noch etwa eine Minute, danach wird Ihr Bein nachgeben. Ich wette, es zittert schon jetzt, und Sie bereuen den Ausritt heute Morgen.“
Es ärgerte Lord Sheridan, dass Munro nur allzu Recht hatte. Aber er hatte auch leicht reden. Nicht nur war er bestimmt zehn Jahre jünger, er bewegte sich auch mit einer katzenhaften Geschmeidigkeit, die gerade heute an Lord Sheridans Nerven zerrte. Und das beeindruckende Vorbild seines Bruders eben war auch nicht gerade dazu angetan, seine Laune zu verbessern. 
Aber der nächste Angriff endete trotzdem irritierenderweise mit seinem Säbel in Munros Hand. „Noch immer der Gentleman”, seufzte der Schotte, als er zu ihm hinüber ging, um ihm die Waffe wiederzugeben. „Als ich hier ankam, haben Sie mir gesagt, dass Sie fechten lernen wollen – und zwar so, dass Sie auch Schaden anrichten können. Solange es Ihnen nicht gelingt, sich von Ihren Vorstellungen, wie sich ein Gentleman zu verhalten hat, zu befreien, werden Sie nie Erfolg haben. Aber vielleicht sollten wir für heute Schluss machen, sonst können Sie morgen überhaupt nicht trainieren.“
Gut möglich, dass es so war, aber das war Lord Sheridan im Moment egal. „Nein, wir machen weiter.“
„Wie Sie wollen”, meinte Munro. „Es ist ihr Bein.“
Munro hatte von Anfang an keinerlei Probleme mit Lord Sheridans Behinderung gehabt. Nach der ersten Überraschung schien er sie einfach als gegeben hinzunehmen. Anders als viele andere bemühte er sich nicht, sie möglichst nicht zu erwähnen. Andererseits behandelte er ihn auch nicht übertrieben rücksichtsvoll. 
Eigentlich war das genau die Behandlung, die Lord Sheridan sich immer gewünscht hatte, aber er musste zugeben, dass ihn die Nonchalance des jungen Schotten zuweilen ärgerte. In seinen besseren Momenten konnte er über diese leicht zu durchschauende Inkonsequenz lachen. Dieses war nicht einer seiner besseren Momente. 
Vielleicht war es tatsächlich das so häufig beschworene Überraschungselement. Denn als der unterdessen von eiskalter Wut getriebene Lord Sheridan es bei seinem nächsten Angriff endlich über sich brachte, einen von Munros Halunkentricks anzuwenden, wich der Schotte entgegen allen Erwartungen nicht schnell genug aus, und der Korb von Lord Sheridans Säbel traf ihn mitten ins Gesicht. Die Kraft des Schlages wirbelte Munro herum, und er machte zwei taumelnde Schritte zur Seite, bevor er die Balance wieder fand.
Richmond war gerade rechtzeitig wieder in den Saal getreten, um den Schotten beinahe fallen zu sehen. „Himmel, Munro! Ist alles in Ordnung?“ 
Lord Sheridan starrte nur fassungslos auf den gebeugten Rücken des Schotten. Er konnte nicht glauben, was er da eben getan hatte und dass es ihm tatsächlich gelungen war, Munros Deckung zu durchbrechen. Dieser hatte sich unterdessen wieder gefangen und betastete vorsichtig seine Nase. Richmond konnte sehen, dass ihm das Blut über das Gesicht lief und auf sein Hemd tropfte.
„Ja, ja, alles in Ordnung. Zumindest scheint nichts gebrochen. Bravo, Mylord”, sagte Munro mit einem Lachen und drehte sich wieder zu Lord Sheridan. „Ein guter Treffer und eines Gentleman absolut unwürdig. Es scheint, Sie haben endlich etwas gelernt.“ Er streckte Lord Sheridan die Hand entgegen.
Lord Sheridan sah die blutverschmierte Hand und spürte, wie ihm schwindelig wurde. Ganz ruhig, versuchte er sich zu sagen, es ist alles in Ordnung. Aber als sein Blick auf all das Blut fiel, dass Munro immer noch aus der Nase über das Kinn lief und auf sein Hemd tropfte, schien sein Verstand einfach abzuschalten. Er hatte das plötzliche Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Sein Blickfeld schrumpfte zusammen. Er hörte das Dröhnen der Geschütze und hatte den Gestank von Pulverdampf und Tod in der Nase. Und dann kippte die Welt von ihrer Achse.
Richmond sah, wie sein Bruder totenblass wurde. Tatsächlich sah er so aus, als würde er jede Sekunde das Bewusstsein verlieren. Richmond trat gerade noch schnell genug heran, um seinen Arm zu greifen und ihn zu einem der Sofas zu ziehen, dann sackte er in sich zusammen. Seine Augen waren offen, aber es war deutlich, dass er nichts um sich herum wahrnahm. 
„All das Blut …”, stammelte er. „Sie sterben alle. Alle … “
Er fing an, am ganzen Körper zu zittern, und kalter Schweiß trat auf seine Stirn.
Mit einer schnellen Bewegung wandte Munro sich ab, zog sich das besudelte Hemd über den Kopf und wischte sich, so gut es ging, das Blut aus dem Gesicht.
„Er ist wieder auf dem Schlachtfeld”, sagte er ruhig. „Reden Sie mit ihm, Euer Gnaden, und holen Sie ihn zurück.“
Er sah, dass der Herzog seinem Bruder vorsichtig den Säbel aus der Hand nahm, und hörte ihn mit leiser, aber eindringlicher Stimme auf ihn einreden. Dann trat er in dem Wissen, dass er, solange er das Blut nicht loswerden würde, hier nicht weiter helfen konnte, auf die Terrasse hinaus. 
Nachdem er sein Nasenbluten zum Stillstand gebracht hatte, warf er sein Hemd in eine Ecke, überzeugt, dass sich die effektive Dienerschaft des Herzogs schon darum kümmern würde. Er füllte Wasser in eine der Schüsseln und begann, sich zu waschen. Erst als er sich sicher sein konnte, auch die letzte Spur von Blut entfernt zu haben, kehrte er in den Ballsaal zurück.
Die beiden Brüder saßen noch immer nebeneinander auf dem Sofa. Lord Sheridan hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt und sein Gesicht in den Händen verborgen. Die Hand der Herzogs lag in einer beruhigenden Geste auf seinem Rücken. 
Als er Munros Schritte hörte, richtete Lord Sheridan sich auf. Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht und dann in dem vergeblichen Versuch, es zu glätten, durch sein in alle Richtungen abstehendes Haar. Auch wenn er offensichtlich wieder bei sich war, erinnerte doch nichts an den kultivierten und gewandten Lebemann, als den Munro ihn in den letzten Wochen kennen gelernt hatte. Seine Augen waren gerötet, sein Blick wie tot, seine Bewegungen, als er aufstand, bleiern.
„Ich denke, ich werde mich zurückziehen. Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden …”, sagte er mit rauer Stimme. 
Er durchquerte den Saal, sein Hinken deutlicher als je zuvor. Zuerst sah es so aus, als wollte Richmond ihn tatsächlich einfach gehen lassen, aber dann folgte er ihm nach einen kurzen Zögern doch. Er hatte ihn mit wenigen langen Schritten eingeholt und blieb an seiner Seite. Munro sammelte die Säbel ein und folgte dann in einigem Abstand. 
Sie waren beinahe an der Tür angekommen, als aus der Halle eine helle Stimme zu ihnen herüber drang. 
„Im Ballsaal? Was um alles in der Welt machen die beiden im Ballsaal? Nein, danke, Stevens, Sie brauchen mich nicht anzumelden.“
Dann wurde auch schon eine der beiden Flügeltüren aufgerissen und eine auffällig modisch gekleidete junge Dame stürmte mit ausgebreiteten Armen ins Zimmer. Ein extravaganter Hut saß keck auf ihren kastanienbraunen Locken, und unter seinem Rand funkelte ein Paar fröhlicher grüner Augen.
„Hallo, Ihr Lieben!“, rief Lady Georgiana, mit Anfang zwanzig die jüngste der Granville-Geschwister. Sie umarmte Richmond, küsste ihn auf die Wange und wandte sich dann Lord Sheridan zu. „Du siehst ja schrecklich aus, Sheridan”, sagte sie unverblümt, bevor sie ihm ebenfalls einen Kuss aufdrückte. „Was treibt ihr beiden hier nur?“ 
Ihr Blick wanderte zwischen Richmond und Lord Sheridan hin und her. Dann bemerkte sie den etwas abseits stehenden Ramsey Munro – die Säbel unter dem Arm, zerzauste schwarze Locken, ein nackter Oberkörper, auf dem noch immer einige Wassertropfen glitzerten. Für einen Moment formten ihre Lippen ein perfektes O.
Lord Sheridan sah den Ausdruck in ihren Augen. „Oh, Gott!“ sagte er mit schwacher, aber schon wieder leicht amüsierter Stimme, „Und ich dachte, es könnte nicht mehr schlimmer kommen …“
„Georgiana”, sagte Richmond ruhig. „Was für eine schöne Überraschung. Noch schöner wäre es natürlich gewesen, wenn du dich angemeldet hättest, aber ich weiß, dass wir das Befolgen so einfacher Regeln der Etikette nicht von dir erwarten können.“
„Versuchst du etwa immer noch, mich zu erziehen, Alistair?“, erwiderte seine Schwester unbeeindruckt. „In dem Moment, in dem ich hörte, dass Louisa mit den Mädchen allein in Brighton ist, während du mit Sheridan in Goodwood geblieben bist, war mir klar, dass ihr etwas im Schilde führt. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen.“ Sie strahlte Richmond an und blickte dann wieder zu Munro hinüber. „Willst du mich nicht vorstellen?“
Richmonds Augen glitten über Munros halbbekleidete Gestalt. „Vielleicht später. Du solltest dich hinlegen, Granville”, fügte er nach einem Blick auf seinen Bruder hinzu. „Und du, Georgiana, wirst nach der Reise sicher erschöpft sein. Ich bin mir sicher, wir können dir eine kleine Erfrischung anbieten. Wenn du mit mir in den Salon kommen willst.“
„Oh, puh! Glaub nicht, dass ich dich nicht durchschaue. Ich weiß sehr wohl, dass du mich nur loswerden willst. Aber gut. Ich gehorche ausnahmsweise, aber das heißt nicht, dass ihr euch so einfach aus der Affäre ziehen könnt. Früher oder später werdet ihr mir alles erzählen müssen.“ Sie schenkte Munro noch ein strahlendes Lächeln und fegte dann vor Richmond aus dem Zimmer. 
Lord Sheridan spürte, wie sich trotz der Erschöpfung ein Lächeln auf seinen Lippen breit machte. Georgie war anstrengend und häufig enervierend, sie war zu ehrlich für eine Lady und hatte viel zu viel Energie. Aber sie hatte auch eine große Portion natürlichen Charmes und konnte, wenn sie es darauf anlegte, beinahe unwiderstehlich sein. Er bezweifelte keine Sekunde, dass sie ihr Leben in den nächsten Tagen gehörig durcheinander bringen würde.
Er durchquerte langsam die Halle und begann, mühsam die Treppe hinaufzusteigen. Ramsey Munro blieb an seiner Seite, möglicherweise um sicherzustellen, dass er sicher zu seinen Zimmern gelangen würde, aber Lord Sheridan vermutete, dass der Schotte noch einen anderen Grund hatte. Und tatsächlich brauchte er nicht lange zu warten. 
„Darf ich fragen, wer die junge Dame war?“ Munros Tonfall war auffallend neutral.
Lord Sheridan warf dem Schotten einen schnellen Blick zu. „Das war meine jüngste Schwester Georgiana. Ich kann Ihnen nur nahe legen, vorsichtig zu sein, oder kommt die Warnung zu spät?“
„Zu spät?“
„Sind Sie schon verliebt? Oder besteht noch Hoffnung?“
„Verliebt?“
„Es macht nichts. Sie können nichts dafür. Jeder Mann verliebt sich in Georgie. Oder zumindest Männer wie Sie”, fügte er mit einem Lächeln hinzu.
„Was soll das denn heißen?“, fragte Munro. 
Lord Sheridan lachte nur leise.
„Ich denke doch, dass ich sehr wohl selbst über meine Gefühle entscheiden kann”, erklärte Munro bestimmt.
„In diesem Fall ganz sicher nicht”, erwiderte Lord Sheridan trocken.
Natürlich, dachte Munro. Wie hatte er das vergessen können? Sie würden mit ihm fechten, ihm vielleicht sogar Freundschaft vorspiegeln. Aber falls er sich einer ihrer Frauen nähern würde, würde ihm unmissverständlich klar gemacht werden, dass er nicht wirklich zu ihnen gehörte und nie zu ihnen gehören würde. Unterdessen sollte er sich eigentlich daran gewöhnt haben, und doch war es jedes Mal wieder überraschend schmerzhaft.
„Oh, machen Sie sich keine Sorgen”, sagte er und hörte selbst, wie hart seine Stimme klang. „Selbst wenn ich die Unverschämtheit besitzen sollte, Interesse zu zeigen, nehme ich doch an, dass der Herzog gerade eben dabei ist, meine Position in diesem Haus klar zu stellen und Lady Georgiana entsprechende Verhaltensmaßregeln zu geben.“ 
Lord Sheridan hörte die Bitterkeit in Munros Stimme. Aber er fühlte sich zurzeit wirklich nicht dazu in der Lage, adäquat damit umzugehen. Also beschränkte er sich auf die einfache – aber ehrliche – Antwort: „Richmond? In seinen Träumen vielleicht. Georgiana hat sich, seit sie sechzehn ist, nichts mehr sagen lassen – schon gar nicht von Richmond. Nein, sie wird selbst entscheiden, ob und was sie von Ihnen will. Und aus Erfahrung kann ich Ihnen sagen: Widerstand ist vollkommen zwecklos. Wenn Georgie etwas will, bekommt sie es. Immer.“
Munro wusste nicht wirklich, was er mit dieser Aussage anfangen sollte. Das hatte er ganz gewiss nicht erwartet.
Glücklicherweise waren sie in diesem Moment an Lord Sheridans Suite angekommen, was ihn einer Antwort enthob. Er öffnete die Tür, und Lord Sheridan humpelte durch den Salon in Richtung seines Ankleidezimmers. Munro wollte sich unauffällig zurückziehen, als Lord Sheridan ihn plötzlich ansprach.
„Es tut mir sehr leid, Munro.“
„Dass Sie mich geschlagen haben?“ Der junge Schotte winkte mit einem schnellen Lächeln ab. „Berufsrisiko. Machen Sie sich keine Gedanken darüber.“
„Das meinte ich nicht. Es tut mir leid, dass Sie … mich so sehen mussten.“
Das Lachen verschwand aus Munros Gesicht. Er sagte lange nichts. Schließlich nickte er nur, als wüsste er genau, wie schwer Lord Sheridan dieser Satz gefallen war. Er wandte sich ab, um den Raum zu verlassen, und Lord Sheridan erhaschte einen Blick auf den nackten Rücken des Schotten. Seine Augen weiteten sich, als er das Gewirr von sich kreuzenden Linien sah, das die gebräunte Haut überzog. Es kam glücklicherweise nicht mehr häufig vor, aber Lord Sheridan wusste nur allzu genau, woher solche Narben stammten.
„Ich wusste gar nicht, dass Sie in der Armee waren.“ Lord Sheridan bereute die Worte in dem Moment, in dem sie seine Lippen verlassen hatten. Es konnte kaum etwas sein, über das Munro gerne sprechen würde. 
Aber Munro sah zwar etwas überrascht aus, lachte dann aber, als er Lord Sheridans Blickrichtung sah und seinen Gedankengang verstand. Er fuhr mit einer Hand über die Narben, die bis über seine Schulter reichten. 
„Oh, das? Das ist lange her. In einem anderen Leben.“
Lord Sheridan fragte sich, was bei einem so jungen Mann wohl ‚lange her’ bedeuten sollte. Aber er war froh, dass der Schotte sich offensichtlich nicht beleidigt fühlte. Sein Lapsus war allerdings ein deutliches Zeichen, dass er sich für den Moment definitiv zurückziehen sollte. Er fühlte sich in der Tat zu Tode erschöpft.
Auch Munro war wohl der Meinung, dass er Ruhe brauchen würde. „Ich werde Sie jetzt allein lassen. Sie sollten sich ausruhen. Wenn Sie mich also entschuldigen würden?“ Er war schon beinahe an der Tür, als er noch einmal innehielt und zurücksah. 
„Sie waren als Offizier im Fronteinsatz.“ Es war eine Feststellung, keine Frage.
Lord Sheridan nickte müde. „Bei …“ Wieder stürmten Bilder auf ihn ein, die er nur mit Mühe beiseite drängen konnte. Er schluckte schwer und setzte neu an. „Bei Balaklawa.“
Munro schwieg einen Augenblick, als wäre er nicht sicher, ob er wirklich weiter sprechen sollte. Aber dann sagte er es doch: „Es könnte helfen, wenn Sie darüber reden würden.“ Er sah Lord Sheridans entsetzten Blick und fügte schnell hinzu: „Oh, nicht mit mir. Sie kennen mich kaum – obwohl das manchmal auch helfen kann. Aber vielleicht mit ihrem Bruder … ?“ 
In diesem Moment eilte der vermutlich von Richmond alarmierte Forster ins Zimmer. Er warf nur einen Blick auf Lord Sheridan und versagte sich jeden Kommentar. Er führte seinen Herrn einfach zu einem Sessel, half ihm, sich zu setzen, und begann vorsichtig, ihm die Stiefel auszuziehen. 
Munro schloss leise die Tür hinter sich und begab sich auf die Suche nach einem sauberen Hemd. 

Das Dinner, das ohne Lord Sheridan stattfand, verlief hauptsächlich wegen Georgianas Anwesenheit dennoch durchaus kurzweilig. Bei aller Sorge um seinen Bruder ertappte sich Richmond dabei, einigermaßen amüsiert zuzusehen, wie Ramsey Munro verzweifelt und letztendlich völlig hoffnungslos versuchte, nicht dem Charme der jüngsten Granville-Schwester zu verfallen. Denn wie schon ihre erste Begegnung hatte vermuten lassen, war Georgiana nicht unempfänglich für die raue Männlichkeit des jungen Fechtmeisters und setzte alles daran, dem Schotten den Kopf zu verdrehen. 
Wenn Richmond auch unterdessen gelernt hatte, dass er seine Schwester ohnehin nicht kontrollieren konnte, hielt er es doch für besser, die beiden nicht allein zu lassen – und sei es nur, um den heillos überforderten Munro nicht vollkommen ungeschützt Georgianas schamlosen Flirtattacken auszusetzen. So war es schon nach Mitternacht, als er endlich noch einmal beim Apartment seines Bruders vorbeischauen konnte. 
Forster, der ihn wohl hatte eintreten hören, kam aus dem Schlafzimmer in den Salon und schloss behutsam die Tür. „Euer Gnaden?“
„Geht es meinem Bruder besser?“, fragte Richmond ohne weitere Vorrede.
Forster nickte „Er schläft jetzt.“
„Passiert so etwas öfter?“ Richmond glaubte nicht, dass er weiter erklären musste, was er meinte.
Forster zögerte einen Augenblick. 
„Ich weiß Ihre Loyalität meinem Bruder gegenüber durchaus zu schätzen, Forster“, sagte Richmond, der den Gesichtsausdruck eines nach einer höflichen, aber nichts sagenden Antwort suchenden Bediensteten nur allzu gut kannte, „aber Sie werden mir jetzt antworten. Passiert so etwas öfter?“
„Blut ist immer ein schwieriger Anblick für Seine Lordschaft, aber die Reaktion heute war in der Tat außergewöhnlich heftig.“
Richmond nickte schweigend.
„Es ist spät“, sagte er schließlich. „Haben Sie schon etwas zu Abend gegessen?“
„Noch nicht, Euer Gnaden.“
„Dann sollten Sie das jetzt nachholen, Forster.“
Ich werde bei Seiner Lordschaft bleiben. Vielleicht braucht er etwas, wenn er aufwacht.“
„Ich werde bei meinem Bruder bleiben, Forster.“
Forster musterte Richmond eindringlich. Dann schien er entschieden zu haben, dass er Lord Sheridan seinem Bruder anvertrauen konnte und nickte. „Vielen Dank, Euer Gnaden.“ Er verbeugte sich kurz und zog sich zurück. 
Richmond lächelte still. Die letzten Minuten hatten ihn wieder einmal in seiner Überzeugung bestärkt, dass Granville bei Forster in den besten Händen war. Es beruhigte ihn ungemein, den treuen und besonnenen Diener an der Seite seines Bruders zu wissen. Er durchquerte den Raum, öffnete leise die Tür und trat ins Schlafzimmer. Sein Blick glitt zu Lord Sheridan, der schlafend auf seinem Bett lag. 
Leise hob er den Sessel, der in der einen Ecke des Zimmers stand, näher ans Bett und setzte sich. Er erinnerte sich zurück an die Zeit, als er Granville von der Krim geholt hatte. Wie viele Nächte hatte er damals genau so an seinem Bett gesessen. Trotzdem war ihm sein Bruder entglitten. Sie hatten nie über seine Erlebnisse im Krieg gesprochen. Granville hatte beharrlich geschwiegen, und Richmond hatte ihn nicht gedrängt. War das ein Fehler gewesen? Richmond wusste es nicht, und es war auch müßig, darüber nachzudenken. Er konnte die Zeit nicht zurückdrehen. 
Aber in den letzten Wochen hatte sich einiges zwischen ihnen verändert. Vielleicht konnte er wenigstens jetzt für seinen Bruder da sein. Und vielleicht war Granville jetzt auch endlich bereit, über das zu sprechen, was ihn offensichtlich immer noch quälte …

Als Lord Sheridan aufwachte, war es dunkel draußen. Die einzige Lichtquelle im Zimmer war eine gegen das Bett abgeschirmte Kerze. Für einen Moment war er verwirrt, aber dann überkam ihn die Erinnerung an die Ereignisse des Nachmittags in einer eiskalten Welle. Guter Gott! Und er hatte gedacht, all den Schrecken endlich hinter sich gelassen zu haben.
Offensichtlich hatten seine Unternehmungen in den letzten Wochen stärker an ihm gezehrt, als er es sich hatte eingestehen wollen. Im letzten Monat hatte ihm zum ersten Mal seit Jahren wieder täglich vor Augen gestanden, was er verloren hatte. Er hatte gedacht, dass er es unterdessen akzeptiert hätte, aber vermutlich würde es noch etwas dauern, bis er sich wirklich damit anfreunden würde. 
Eigentlich hatte er vorhin nur vorgehabt, sich einen Augenblick auszuruhen und dann zum Dinner hinunterzugehen. Entsprechend hatte er sich von Forster auch nicht vollständig entkleiden lassen, sondern nur die Stiefel, sowie Weste und Halsbinde abgelegt. Einen Gehrock hatte er zum Fechten ohnehin nicht getragen.
Er hatte keine Ahnung, wie spät es war, aber das Haus war totenstill. Dinner war definitiv vorbei. Vermutlich war es mitten in der Nacht.
„Forster?“, fragte er.
„Ich fürchte, du wirst mit mir vorlieb nehmen müssen“, hörte er die ruhige Stimme seines Bruders. 
„Ah“, sagte Lord Sheridan, nicht sonderlich überrascht. Er setzte sich auf und stopfte die Kissen gegen das seidenbezogene Kopfteil des Bettes. Dann lehnte er sich wieder zurück und blickte Richmond an.
„Warum hast du nie etwas gesagt?“, fragte sein Bruder.
Lord Sheridan lächelte müde. „Was hätte das genützt? Außerdem ging es dir schon so schlecht genug.“ Richmond machte eine abwehrende Handbewegung, aber Lord Sheridan schüttelte nur den Kopf. „Denkst du wirklich, ich hätte es nicht bemerkt? Es ist kaum zu übersehen, Alistair.“
„Wir haben nie darüber gesprochen.“
„Nein.“
„Vielleicht ist es jetzt endlich an der Zeit.“ 
Lord Sheridan erinnerte sich an Ramsey Munros Worte und atmete einmal langsam ein und aus. „Ja, vielleicht.“ 
Er hatte noch mit überhaupt niemandem darüber gesprochen. Nein, das stimmte nicht ganz. Er erinnerte sich an eine Nacht mit Valentine in Paris, als sie sich an der Hand verletzt hatte und seine Reaktion ähnlich extrem wie heute ausgefallen war. Ihr hatte er davon erzählt. 
Und nun würde er Richmond davon erzählen. 
Noch vor Kurzem wäre dies unvorstellbar für ihn gewesen, aber in den letzten Wochen hatte sich etwas verändert – bei ihm selbst, aber auch zwischen ihm und seinem Bruder. Fast hatte er das Gefühl, dass sie sich wieder so nahe standen wie früher als Jugendliche und junge Männer. Und in dieser Nacht würde sich entscheiden, ob auch die letzten Risse ihrer Beziehung gekittet werden konnten. Sie brauchten dieses Gespräch. Er brauchte dieses Gespräch. Es war schon viel zu lange überfällig.
Er begann zu sprechen. Zunächst war es leichter, als er gedacht hatte. Es gelang ihm, Distanz zu wahren, als wäre es nicht er selbst, nicht seine eigenen Erlebnisse, um die es hier ging. Doch je länger er sprach, desto schwieriger wurde es. Die Bilder nahmen in zunehmendem Maße in seinem Kopf Gestalt an und wurden real, die Erfahrungen zu den seinen. 
Die Worte kamen jetzt langsamer, stockender. Aber er wusste auch, dass er nicht aufhören konnte, egal wie schmerzhaft es war und noch werden würde. Er spürte, wie sich ihm die Kehle zusammenschnürte. Seine Brust wurde enger und enger, jeder Atemzug ein Kampf um Kontrolle. Schließlich brach seine Stimme, und er konnte für einen Moment nicht weitersprechen. Er drehte den Kopf zur Seite und legte eine Hand über die Augen.
Er hörte ein leises Rascheln von Kleidung, als sein Bruder aufstand und zum Bett hinüber kam. Jemand setzte sich auf die Bettkante, und dann legte sich eine Hand warm und fest auf seine Schulter. Richmonds Stimme klang rau. „Es ist vorbei, Sheridan. Es ist vorbei.“ 
Lord Sheridan schluckte mehrmals hart und nickte schweigend. Dann atmete er tief ein, wischte ungeduldig eine einzelne entkommene Träne beiseite und erzählte weiter. Richmond blieb neben ihm, eine Hand an seinem Arm, eine große und beruhigende Präsenz, die ihn im Hier und Jetzt verankerte – wie schon einmal zuvor. 
Er erinnerte sich nur sehr vage an die ersten Wochen nach seiner Verwundung. Zuerst waren es der Blutverlust und das Fieber, später auch das Morphium, das seine Sinne vernebelt hatte. Aber die überwältigende Erleichterung, die ihn durchströmt hatte, als Richmond plötzlich an seinem Bett stand, hatte er nicht vergessen. Er war sich sicher, dass es nur ihm zu verdanken war, dass er die Reise nach England und die erste Zeit zuhause überlebt hatte. Es wäre damals so leicht gewesen, einfach loszulassen und zu gehen. Es war allein Richmonds Anwesenheit gewesen, die ihn zurückgehalten hatte.
Irgendwann kam er schließlich zum Ende seiner Erzählung und schwieg.
Richmond wartete eine lange Zeit. Erst als die Anspannung, die er als leichtes Zittern unter seiner Hand hatte spüren können, Lord Sheridans Körper wieder vollkommen verlassen hatte, sagte er: „Kann ich es sehen?“ Er brauchte nicht zu spezifizieren, wovon er sprach. 
Er hatte lange überlegt, ob jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, ob er seinem Bruder diese weitere Anstrengung zumuten konnte. Aber Lord Sheridans Augen, als er ihn ansah, waren zwar müde, aber hell und klar, und er antwortete sofort. „Natürlich.“ 
Er stand auf und ging ins Ankleidezimmer hinüber. Richmond folgte ihm langsam. Er blieb in der Tür stehen, während Lord Sheridan die Gaslichter entzündete und anfing, sich auszuziehen. Richmond fragte sich, ob es ein Zufall war, dass er dabei dem großen Spiegel den Rücken zudrehte.
Als Lord Sheridan sein Hemd ablegte, konnte Richmond auf seinem rechten Unterarm und rechts und links über den Rippen die jeweils vier langen parallelen Klauenspuren schimmern sehen, die der Kampf gegen die Mumien in Searwater Hall hinterlassen hatte. Lord Sheridan bemerkte seinen Blick. Er sah auf die Narben hinunter.
„Ich weiß, sie sehen jetzt nicht mehr besonders schlimm aus, aber das ist nur Mr. Petre zu verdanken. Ich schulde ihm mein Leben, Alistair.“
Richmond nickte. Er wusste, was sein Bruder ihm sagen wollte. Falls Mr. Petre jemals mit einem Anliegen an Granville herantreten würde, würde dieser alles tun, was in seiner Macht stand, um ihm behilflich zu sein. Und Richmond wiederum brauchte nicht auszusprechen, dass für ihn dasselbe galt.
Irgendwann warf Lord Sheridan auch das letzte Kleidungsstück zur Seite, richtete sich auf und wandte sich seinem Bruder zu. 
Es war nicht zu übersehen, dass die körperliche Aktivität der letzten Wochen nicht spurlos an ihm vorübergegangen war. Richmond hatte natürlich keinen Vergleich zu vorher, aber was Lord Sheridan enthüllt hatte, war nicht der Körper eines Mannes, der seine Tage ausschließlich hinter einem Schreibtisch oder im Sessel seines Clubs verbrachte. 
Forster hätte Richmond bestätigen können, dass das Fechten und der Boxunterricht, zu dem er sich letztendlich doch wieder hatte durchringen können, die Muskeln an Lord Sheridans Armen und Schultern geformt hatten. Seine Brust war insgesamt tiefer, sein Bauch flacher und fester geworden. Das Reiten hatte auch seine Beine gestählt (war jedoch zu Forster großem Kummer dabei, trotz der Handschuhe seine Hände zu ruinieren). 
So war es der Körper eines durchaus athletischen Mannes in seinen besten Jahren, den Richmond vor sich sah. Und dann blickte er ganz bewusst zu Lord Sheridans linkem Oberschenkel hinunter. Er musterte ihn einige Augenblicke mit unbewegter Miene.
„Es ist nicht so schlimm, wie ich gedacht hätte“, sagte er dann. 
Lord Sheridan blickte seinen Bruder überrascht und etwas ungläubig an. Doch als dieser seinem Blick offen und ehrlich standhielt, drehte er sich langsam um und blickte endlich doch in den großen Spiegel. Er versuchte, objektiv zu sein, sich zu betrachten, als würde er sich zum ersten Mal sehen – und stellte erstaunt fest, dass er Richmond zustimmen musste: Es war auch nicht so schlimm, wie er gedacht hätte. 
Sicher, weite Teile seines Oberschenkels waren von Narben bedeckt, die sich bis über sein Knie und vereinzelt auch über seinen unteren Bauch zogen. Aber sie waren lange nicht so schlimm und verwachsen, wie er sie in Erinnerung gehabt hatte, und wenn sie sich auch deutlich von der sie umgebenden Haut absetzen, hatten sie nach fünfzehn Jahren doch ihre wütende rote Farbe verloren. Man sah, dass sein Körper Schmerzen ausgestanden hatte und vermutlich auch heute noch ausstehen musste, aber es war bei weitem nicht so schrecklich oder abstoßend, wie er immer geglaubt hatte. Er fühlte, wie sich tief in ihm etwas entspannte.
Während sein Bruder noch immer mit überraschtem Gesichtsausdruck in den Spiegel starrte, trat Richmond aus dem Ankleidezimmer in den Salon. Er nickte Forster zu, der, schon lange zurückgekehrt, diskret nebenan gewartet hatte. 
Nachdem Forster im Ankleidezimmer verschwunden war, stützte Richmond beide Arme auf die schwere Kommode, die an der einen Wand des Zimmers stand. Er schloss die Augen und atmete langsam aus. Die letzte Stunde war auch für ihn emotional extrem anstrengend gewesen. Er hatte sich mit jeder Faser seines Herzens gewünscht, etwas für seinen Bruder tun zu können, irgendetwas, was es leichter machte. Aber es gab absolut nichts, was er hatte tun können – außer für ihn da zu sein. Er hasste es, sich so hilflos zu fühlen. 
Er hörte, wie jemand in den Raum trat und richtete sich schnell auf. Statt des erwarteten Forster war es Lord Sheridan selbst, der, jetzt wieder in einen Morgenrock gehüllt, in den Salon trat. Er sah sehr erschöpft aus, aber gleichzeitig wirkte er gelöster, leichter, als sei eine große Last von ihm abgefallen.
Er sah Richmond einen Moment an. Dann senkte er kurz den Kopf, und es schien, als versuche er, ein Lächeln zu verbergen.
„Es ist vermutlich immer noch sinnlos, dir zu sagen, dass es nicht deine Schuld ist“, sagte er.
Trotz allem musste auch Richmond lächeln. „Vollkommen.“
Sein Bruder blickte ihn mit fragend zur Seite geneigtem Kopf an. „Würde es helfen, wenn ich dir sage, dass ich dir vergebe?“
Richmond schüttelte den Kopf. „Nicht besonders“, sagte er, aber er fühlte, wie sich sein Lächeln zu einem Grinsen verbreiterte.
„Das habe ich befürchtet“, erwiderte Lord Sheridan mit einem übertriebenen Seufzer, und fügte, nun wieder ernster, hinzu: „Es wäre außerdem gelogen.“
Richmond sah ihn überrascht an.
„Es gibt nichts zu vergeben, Alistair“, sagte sein Bruder mit einem leichten Kopfschütteln. „Und wenn ich nicht gerade sehr müde und dir außerdem extrem wohl gesonnen wäre, würde ich überaus verärgert sein, dass du das auch nur eine Sekunde glauben konntest.“ Er blickte Richmond an. „Es war meine Entscheidung, Alistair, und es ist gut, dass du mein Bruder bist, denn ansonsten würde ich es als geradezu beleidigend empfinden, dass du die Verantwortung dafür übernehmen willst.“
„Aber das ist es, was es bedeutet, das Oberhaupt der Familie und der Herzog von Richmond zu sein“, sagte Richmond sanft.
„Ja, ich weiß, dass du das denkst“, erwiderte sein Bruder unbeeindruckt. „Vater hat da einiges zu verantworten, was deine Erziehung angeht.“ Er versuchte vergeblich, ein gewaltiges Gähnen zu unterdrücken. „Es ist zu spät und ich bin zu müde, um diese Diskussion jetzt weiterzuführen. Aber denke nicht, dass das bedeutet, dass die Sache für mich erledigt ist.“
„Du willst weiter mit mir darüber diskutieren, obwohl du weißt, dass es vermutlich sinnlos ist“, sagte Richmond langsam und stellte verwundert fest, wie gut es sich anfühlen konnte, wenn jemand bereit war, seine Meinung nicht sofort als letztes Wort zu akzeptieren.
Lord Sheridan nickte. „Absolut. Aber nicht jetzt. Jetzt gehen wir schlafen. Und morgen – morgen werden wir sehen, ob ich dir nicht doch ein wenig Verstand in deinen Dickkopf schlagen kann.“
Richmond bezweifelte, dass sich sein Gefühl der Verantwortung für seine Familie und für alle, die von ihm abhängig waren, je ändern würde. Es war zu tief in ihm verwurzelt, zu sehr Teil seiner selbst. Aber es war gut, wieder einen Bruder zu haben, der bereit war, mit einem darüber zu streiten. 
„Du kannst es versuchen, Sheridan“, sagte er also und fügte der Ehrlichkeit halber hinzu: „Aber ich würde mir keine allzu großen Hoffnungen machen.“ 
„Ach, ich weiß nicht“, erwiderte Lord Sheridan und zwinkerte seinem Bruder zu. „Wie du weißt, kämpfe ich nicht wie ein Gentleman.“
Richmond musste gegen seinen Willen lachen. „Geh schlafen, Sheridan. Wir sehen uns morgen.“
Lord Sheridan sah seinem Bruder nach, wie er mit leichtem Schritt das Zimmer verließ. Dann seufzte er müde, schüttelte lächelnd den Kopf und humpelte langsam zurück in sein Schlafzimmer.