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Anstelle eines Tagebuchs gibt es eine ganze Reihe von Briefen und Bildern, die Lord Sherdians Vorgeschichte beschreiben:

Brief von Lord Charles Featherington an Lord Frederick Poldark:

Lieber Poldi,

es ist wirklich zu schade, dass Du gerade jetzt auf dem Land weilen musst, denn Du hast den bisher schönsten Skandal der Saison verpasst. Aber warum musstest Du auch ausgerechnet gegen Lord Sheridan Granville wetten. Jeder Dreijährige weiß, dass es kaum jemanden gibt, der sich besser mit Pferden auskennt. Und dann so einen Betrag! Ich hoffe, es wird Dir eine Lehre sein, beim nächsten Mal vorsichtiger zu sein und nicht gleich die Summe für's ganze nächste Vierteljahr zu setzen. Nun ja, Deine Mutter wird sich über deinen Besuch auf dem Land sicher freuen.
Aber zurück zu dem Skandal. Und Lord Sheridan, denn er ist darin verwickelt. Was nicht so fürchterlich überraschend sein sollte, denn sein Lebenswandel in den letzten Monaten war wirklich angetan, das Schlimmste befürchten zu lassen. Sein Bruder hat wohl immer wieder versucht, mäßigend auf ihn einzuwirken, aber Lord Sheridan wird ihn kaum wirklich ernst nehmen. Wir alle wissen, dass der Duke selbst nicht jemand ist, der mit Steinen werfen sollte. Er ist erst ruhiger geworden, seit sein Vater starb und ihn zum Familienoberhaupt machte, und das ist nun wahrlich noch nicht allzu lange her. Früher war er mindestens so schlimm wie Lord Sheridan. Du erinnerst dich ohne Zweifel noch an die Zeit in Oxford. Ich habe gehört, dass die Dons noch immer nicht gerne über die Sache mit dem Duweißtschon sprechen. Kein Wunder, dass die Eltern Lord Sheridan nach Cambridge schickten. Beide Granvilles auf einmal wären vermutlich zu viel gewesen für eine Universität. (Sie hatten sie sogar schon früher getrennt, wenn ich mich richtig erinnere. Ich weiß, dass der Duke, damals noch Lord March, in Eton einige Jahrgänge über mir war, und warst Du nicht mit Lord Sheridan in Harrow?)
Wie auch immer – ich saß vor zwei Nächten nichts Böses ahnend im Club (ja, hier bei White's ist es passiert!) und war gerade am Überlegen, ob es an der Zeit wäre, nach Hause zu gehen (Carstairs hatte mir eine schöne Summe abgenommen und mit Deinem Beispiel vor Augen wollte ich es nicht darauf ankommen lassen), als ich mitbekam, dass Lord Kennington sich wieder einmal über die Nutzlosigkeit jüngerer Söhne ereiferte. Wir wissen alle, dass es sein Lieblingsthema ist, aber bei seinen Söhnen ist das auch kein Wunder.
Dieses Mal wurde er jedoch selbst für seine Verhältnisse laut und geradezu ausfallend, was für uns anderen, vor allem natürlich die jüngeren Söhne, nicht gerade angenehm war. Lord Sheridan kam ins Zimmer, hörte es sich einige Zeit an und wagte dann, seine eigene, abweichende Meinung kundzutun.
Poldi, ich sage Dir, mir – und ich denke auch allen anderen im Raum – blieb fast das Herz stehen. Wenn er uns auch allen die Worte aus dem Mund nahm, so war es doch sehr schlechter Stil, jemandem wie Lord Kennington zu wiedersprechen! Ein paar andere versuchten zu diesem Zeitpunkt die ganze Sache zu entschärfen. Aber Du kennst Lord Kennington. Und ich wage zu behaupten, dass Lord Sheridan mehr als nur ein bisschen angetrunken war. Man merkt es ihm ja immer kaum an, aber er hatte dieses gewisse Glitzern in den Augen, bei dem mir seit der Sache in Brighton immer ganz anders wird.
Ein Wort gab das andere und wir alle waren wie gelähmt und unfähig einzugreifen. Keiner weiß, wie das Nächste eigentlich wirklich passierte, aber irgendwie kam die Rede auf den Krieg und Lord Kennington sagte, dass Lord Sheridan dort seine Reitkünste wenigstens sinnvoll einsetzen könnte. Und Lord Sheridan sagte: "Sie glauben also, ich, als nutzloser jüngerer Sohn, sollte zur Armee gehen, Sir?" Und Lord Kennington schnaubte nur und sagte: "Das wagen Sie nicht." Wir alle erstarrten und ich glaube, man hätte wirklich eine Stecknadel fallen hören können. Aber Lord Sheridan war ganz ruhig. Er sah Lord Kennington nur an, Du weißt, auf diese Art, die er manchmal hat, dass einem plötzlich bewusst wird, dass die Granvilles eine der ältesten Familien des Landes sind.
Lord Kennington ging unterdessen auf, dass er eindeutig zu weit gegangen war und versuchte einzulenken. Aber Lord Sheridan, kalt wie ein Fisch, sagte nur: "General Gordon ist ein alter Freund meines Vaters. Ich bin mir sicher, dass er morgen Zeit für mich finden wird." Und dann verbeugte er sich leicht, verabschiedete sich mit einem "Ich wünsche eine gute Nacht, Gentlemen", und ging.
Und er hat es getan, Poldi! Nicht dass er wirklich eine Wahl gehabt hätte, wobei ich denke, dass wir alle und vor allem Lord Kennington bereit waren, ihm goldene Brücken zu bauen. Aber am nächsten Tag ging er zu General Gordon und noch am selben Nachmittag war er Captain bei der Kavallerie!
Sein Bruder war fassungslos. Ich weiß es aus sicherer Quelle, denn ich habe es selbst gehört. Du weißt, ich bin niemand, der Klatsch weiterträgt und ich würde auch niemals an Türen lauschen, aber ich konnte nicht anders als im Club ihr Gesrpäch mitanzuhören. Am nächsten Abend war Lord Sheridan nämlich wieder bei White's und sein Bruder stürmte herein. Lord Sheridan sah den Duke nur an und sagte: "Himmel, Richmond, Du siehst aus, als hättest Du einen Geist gesehen." Und der Duke erwiderte: "Granville, sag mir, dass es nicht wahr ist." Und dann sagte Lord Sheridan: "Ich denke, wir sollten das besser unter vier Augen besprechen", und sie zogen sich in eines der Nebenzimmer, in denen sonst Karten gespielt wird, zurück. Ganz zufällig stand ich direkt neben der Tür des Zimmers und hörte den Duke sagen: "Granville, bist Du jetzt endgültig von allen guten Geistern verlassen?" Lord Sheridan sprach zu leise, als dass ich ihn hätte verstehen können, aber plötzlich rief der Duke: "Das ist kein Spiel mehr, Granville. Es ist Krieg, verdammt noch mal!" Auch Lord Sheridan wurde wieder lauter und ich konnte hören, dass er etwas in der Richtung sagte, dass sich Richmond nicht aufregen solle, er hätte doch schon einen Erben und somit wäre er, also Lord Sheridan, als jüngerer Bruder doch ohnehin quasi überflüssig. Es folgte eine längere Pause. Dann sagte der Duke so leise, dass ich es kaum verstehen konnte: "Wann fährst du?" Und Granville sagte: "Morgen." Und der Duke nach einer weiteren langen Pause: "Sheridan, pass auf Dich auf."
Poldi, ich schwöre, Du hättest mich mit einer Feder zu Boden schlagen können. Ich habe den Duke Lord Sheridan noch nie mit seinem Vornamen anreden hören! Er nennt ihn sonst IMMER Granville, schon seit sie noch Kinder waren.
Der Duke verließ den Club, aber Lord Sheridan blieb bis in die frühen Morgenstunden und spielte Whist, als hätte er keine Sorge auf der Welt. Und heute morgen ist er tatsächlich auf die Krim abgereist. Er hat seinen Pegasus mitgenommen, Du weißt, den prächtigen Grauen, den er von Arthur gewonnen hat und auf den Du selbst immer so scharf warst.
Lord Kennington ist auf sein Landgut nach Yorkshire gefahren. Ich denke, er will abwarten, bis sich die Wogen etwas geglättet haben. Ich bin mir sicher, dass demnächst etwas passiert, was diese Geschichte in Vergessenheit geraten lässt, aber noch spricht ganz London davon.
Soviel zu den Neuigkeiten aus der Hauptstadt. Versuche in Devon nicht ganz der Trübsal zu verfallen, lieber Poldi. Ich erwarte Dich, froh und munter zu Beginn des nächsten Quartals zurück.

Viele Grüße an Deine Mutter und deine lieben Schwestern.

Ich verbleibe Dein
Featherington


Lord Sheridan Stuart Granville als junger Mann in Cambridge


Aus dem Tagebuch von Louisa Victoria Granville, Her Grace The Duchess of Richmond, Sheridan Stuart Granvilles Schwägerin:

Liebes Tagebuch,

es ist viel Zeit vergangen, seit ich dir das letzte Mal meine Gedanken anvertraut habe, aber ich hatte kaum einen Moment der Ruhe, seit Richmond Granville von der Krim geholt hat. Anfangs war es sehr schlimm, und wir haben wohl alle befürchtet, dass er ihn tatsächlich nur zum Sterben nach Hause gebracht hat. Aber dann wurde es doch langsam besser, und Dr. Simmons sagte mir heute, dass , wenn es auch noch lange dauern wird, bis Granville wieder wirklich bei Kräften ist, er doch keinen Anlass mehr zu diesen schlimmsten Befürchtungen sieht.
Auch wenn ich bis jetzt nicht bei Granvilles tatsächlicher Pflege helfen durfte (seine Verletzungen sind zu schlimm und nicht für die Augen einer Lady bestimmt), hatte ich alle Hände voll zu tun.
Die Kinder beanspruchen viel Aufmerksamkeit. Gerade March ist mit seinen drei Jahren schon alt genug, ständig nach seinem Onkel zu fragen, und Henrietta fängt nun auch damit an (es ist entzückend mitanzusehen, wie sie ihm alles nachmacht). Außerdem habe ich Anlass zu der Vermutung, dass ich selbst wieder in einem interessanten Zustand bin. Ich selbst hoffe sehr, dass es diesmal wieder ein Junge wird, doch Richmond wird es egal sein. Er liebt unsere kleine Henrietta abgöttisch und würde sich auch über weiteren weiblichen Zuwachs in unserer Familie freuen.
Doch noch habe ich kaum Ruhe mir hierüber Gedanken zu machen, denn ich verbringe die meiste Zeit mit der Dowager Duchess. Sie ist eine echte Lady und ich liebe sie wirklich, aber sie ist leider auch von großer emotionaler Labilität und ihren Sohn dem Tod so nah zu wissen, war eindeutig zu viel für ihre empfindlichen Nerven. Jetzt da klar ist, dass Granville überleben wird, hoffen Richmond und ich, sie davon überzeugen zu können, nach London zu gehen. Die Ablenkungen der Hauptstadt würden ihr ohne Zweifel gut tun und – ich gebe es gerne zu – auch uns endlich wieder etwas Luft zum Atmen geben.
Granville ist noch sehr schwach, aber wieder bei Bewusstsein und ansprechbar. Das größte Problem, sagte mir Dr. Simmons gestern im Vertrauen, wird es sein, ihn langsam wieder vom Laudanum zu entwöhnen. Bisher hat er nicht gezögert, es ihm zu geben, vor allem auch auf der Reise. Denn wenn auch die Yacht bestimmt schon die beste Alternative war, so war es dennoch eine große Anstrengung und Granville hatte (und ich bin mir sicher, hat noch immer) große Schmerzen.
Aber jetzt muss es sein, auch wenn es mir grausam erscheint, es ihm vorzuenthalten. Er hat so viel hinter sich und vermutlich noch mehr vor sich und es ist ganz und gar nicht sicher, dass er überhaupt je wieder laufen wird. Und dabei war er stets so sportlich und liebt alles, was mit der Jagd zu tun hat, und ist immer ein exzellenter Reiter im Gelände gewesen!
Was eigentlich genau passiert ist? Ich weiß nur wenig. Richmond hat mir nicht viel erzählt, wohl in der Annahme, dass eine Lady nicht mit solche Dingen belästigt werden darf. Aber mit seinen zusammenhanglosen Andeutungen, als er gerade wieder zurück war, und Granvilles Fieberträumen habe ich mir doch das eine oder andere zusammenreimen können. Es scheint, dass Granville bei der Schlacht von Balaklawa, von der wir hier so viel gehört haben, von den Splittern einer Granate getroffen und unter seinem sterbenden Pferd begraben wurde (Der arme Pegasus – tot! Ein so wunderbares Tier!).
Er verdankt sein Leben einem unbekannten Soldaten, der ihn halbtot fand, ihm Wasser gab und dafür sorgte, dass er ins Lazarett gebracht wurde. Ihm ist es wohl auch zu verdanken, dass Granville sein Bein behalten hat. Die Lazarettärzte sahen keine Alternative zur Amputation, aber er entsprach Granvilles entschieden geäußerten Wünschen und setzte sie gegen den Widerstand der Ärzte durch. Als sie daraufhin jede weitere Verantwortung ablehnten, behandelte er Granvilles Wunden mit seinen eigenen Hausmitteln! ( Das hat mir Dr. Simmons erzählt, der sich außerdem sehr lobend darüber geäußert hat.)
Leider verschwand der Soldat kurz vor Richmonds Ankunft und blieb verschwunden, auch wenn Richmond natürlich nach ihm gesucht hat. So wissen wir nicht einmal, wem wir für Granvilles Leben danken dürfen ...


Lady Arabella Darlington


Aus dem Tagebuch von Lady Arabella Darlington:

Liebes Tagebuch,

gestern war ich auf dem Ball in Richmond House. Es ist eine der letzten Gesellschaften, die ich besuchen werde, denn in knapp zwei Wochen ist es soweit: Ich fahre endlich (!!!) wirklich mit Tante Iphigenia nach Ägypten!!! Oh, ich kann es kaum abwarten, endlich die Pyramiden zu sehen. Wobei meine Begeisterung seit gestern Abend tatsächlich etwas getrübt ist. Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich wäre, aber wenn ich Dir erzähle, was gestern passiert ist, liebes Tagebuch, wirst du mich verstehen.
Um es kurz zu machen: Ich habe Lord Sheridan gesehen! Und mit ihm gesprochen! Obwohl wir schon so viel von ihm gehört hatten, hatte ich doch ganz und gar keine Hoffnung, ihn wirklich zu Gesicht bekommen. Er hat die ganze letzte Saison verpasst, und es hieß auch eigentlich, dass er noch immer in Goodwood ist. Aber seine Mutter hat ihn wohl überredet, doch nach London zu kommen und an einer ihrer Gesellschaften teilzunehmen. Ich weiß nicht, ob das wirklich als eine gute Idee von ihr gelten kann, andererseits hat sie vermutlich nicht ahnen können, dass er ausgerechnet Lady Phoebe Featherington in die Klauen geraten könnte. Sie ist wirklich ZU DUMM und ich betrachte sie als meine persönliche Nemesis! Wie kann jemand, der so hirnlos ist, gleichzeitig so hübsch sein??? Und hier sitze ich mit meinen roten krausen Haaren und Sommersprossen, die sich selbst den besten und teuersten Schönheitslotionen widersetzen! Es ist zum Haareausreißen!!!
Aber ich beginne am Besten am Anfang: Wir kamen ziemlich spät, weil Mutter wieder etliches an meinem Aussehen zu korrigieren hatte. (Es erfüllt mich mit einer gewissen Befriedigung, dass auch die Bemühungen ihrer französischen Zofe meine widerspenstigen Haare nicht besser bändigen konnten als die meiner lieben Libby!) Lady Phoebe war wie immer von Bewunderern umgeben. Was finden die Männer nur an ihr?
Sie kann keinen Satz, geschweige denn einen Gedanken, zu Ende bringen. Trotzdem tanzt sie jeden Tanz, während ich nur allzu oft das Mauerblümchen spielen muss! Es gibt einfach keine Gerechtigkeit auf dieser Welt!!!
Wie auch immer - plötzlich ging ein Raunen durch die Menge und da war er tatsächlich: Lord Sheridan! Ich gebe zu, auch ich war neugierig auf ihn. Er geht noch immer an Krücken, aber auch ohne sie wäre es unübersehbar, dass er eine lange Krankheit hinter sich hat. Er ist noch immer sehr blass und dünn.
Nachdem er seine Mutter begrüßt hatte, machte er eine langsame Runde durch den Raum und sprach hier und da mit Bekannten. Es war ihm anzusehen, dass er sich nicht wirklich wohl fühlte und wie auch auf einem Ball, wo hauptsächlich getanzt wird und es zudem voll ist und man ständig aufpassen muss, weder zerquetscht noch niedergetrampelt zu werden! Ich vermute, er ist seiner Mutter zuliebe gekommen und ich muss sagen, dass das meine Meinung von ihm nur noch steigerte (wenn auch nicht meine Meinung über seine Mutter!). Ich gebe zu, mein Blick wanderte häufiger zu ihm, als es höflich (oder schicklich) war. Schließlich war er bei Lady Phoebe angekommen und wurde von gemeinsamen Bekannten vorgestellt. Was wieder so typisch war! Sie kannte natürlich jemanden, der ihn auch kannte! Wenigstens würde er nicht mit ihr tanzen können. Aber sie setzte tatsächlich einen Tanz aus, um mit ihm reden zu können. Ich wusste genau, dass sie in den nächsten Tagen die Gelegenheit finden würde, mir haarklein zu berichten, wie sie mit LORD SHERIDAN geplaudert hatte und wie entzückt er von ihr gewesen war ...
Aber dann - ich kann es wirklich noch immer nicht glauben! - passierte das Unfassbare. Ich fing (gänzlich zufällig) einen Blick von ihm auf und es war deutlich, dass er ganz und gar nicht entzückt von ihr war!!! Er schien im Gegenteil verzweifelt nach einer Möglichkeit zu suchen, ihr entkommen zu können. Aber die Paare hatten sich gerade zum Tanz gefunden und keiner seiner Freunde schien greifbar zu sein. Ich konnte beobachten, wie er zunehmend blasser und unwohler aussah.
Lady Phoebe, die (entschuldige bitte den Ausdruck, liebes Tagebuch, aber hier muss es sein) dumme Gans, bemerkte natürlich nichts und fragte munter weiter.
Was ich jetzt tat, treibt mir immer noch die Schamröte ins Gesicht, aber ich bin stolz darauf und würde es jederzeit wieder tun. Ich schlenderte unauffällig zu ihnen hinüber und sprach Lord Sheridan an! Und dass, obwohl wir uns noch noch gar nicht vorgestellt worden waren!!! Ich sagte: "Mein lieber Lord Sheridan. Vielleicht hätten Sie jetzt Zeit, mir wie versprochen von dem ägyptischen Speisesaal in Goodwood zu erzählen." Lady Phoebe funkelte mich wütend an, aber Lord Sheridan sah nach einer ersten Sekunde der Überraschung wirklich dankbar aus und sagte: "Aber natürlich." Und zu Lady Phoebe: "Wenn Sie uns bitte entschuldigen würden?" Oh, den Gesichtsausdruck von Lady Phoebe werde ich bis an mein Lebensende nicht vergessen!!!
Lord Sheridan folgte mir in Richtung der großen Glastüren zur Terrasse und ein Blick in sein Gesicht überzeugte mich, dass wir am Besten nach draußen gehen sollten. Er sah ganz und gar nicht wohl aus. Die Türen waren offen und es war wirklich nichts Unschickliches dabei! (Mutter wäre sicher anderer Meinung, aber hätte ich Lord Sheridan im Ballsaal in Ohnmacht fallen lassen sollen?)
Er sah in der Tat aus, als würde er jede Minute das Bewusstsein verlieren und zum ersten Mal bedauerte ich es, keine der empfindlicheren Ladys zu sein, die immer ihr Riechsalz mit sich führen. Aber zu meiner Schande falle ich nun einmal nie in Ohnmacht (was vermutlich einen bedauerlichen Mangel an Sensibilität verrät, aber was soll ich machen?) und vergesse es deshalb leider ständig! Lord Sheridan wandte sich zu mir und murmelte irgendetwas in der Richtung, dass es ihm Leid täte, er sich jetzt aber am Besten zurückziehe, und ich fürchte, ich war ganz und gar nicht ladylike, sondern sagte etwas völlig undamenhaftes wie "Ach, Mumpitz!", griff seinen Arm und half ihm, sich auf eine der Steinbänke zu setzen. (Mutter hätte ohne Zweifel einen apoplektischen Anfall bekommen, wenn sie das hätte miterleben müssen, aber glücklicherweise war sie ja nicht dabei.)
Während ich noch in meinem Handtäschchen nach meinem Taschentuch und Lavendelwasser suchte, fing sich Lord Sheridan wieder. Die ganze Situation war ihm offensichtlich extrem unangenehm. Trotzdem gebot ihm die Höflichkeit, sich zu bedanken, und er wollte sich schon erheben, aber ich hielt ihn zurück und sagte: "Bitte seien Sie nicht albern und bleiben Sie sitzen, Lord Sheridan." (Ein weiterer Satz, der Mutter in einen Nervenkrampf getrieben hätte. Aber ich kann nichts dagegen tun. Ich öffne meinen Mund, und es kommt einfach so heraus.)
Er blickte mich einen Augenblick entgeistert an, aber dann lachte er plötzlich, und nun war es an mir, rot zu werden. Aber er sagte nur: "Ich fürchte, Sie sind im Vorteil. Sie kennen meinen Namen, aber ich habe keine Ahnung, wer Sie sind." Es kam mir albern vor, zu diesem Zeitpunkt noch auf einer formellen Vorstellung zu beharren, und sagte ihn ihm einfach. Er beugte sich über meinen Hand und gab mir einen formvollendeten Handkuss (oder zumindest so formvollendet, wie es im Sitzen möglich ist) und sagte: "Lady Arabella. Vielen vielen Dank, dass Sie mich gerettet haben." Glücklicherweise war es recht dunkel, denn ich fürchte, ich errötete – schon wieder! – und antwortete: "Es war mir eine Freude." Und dann sagte ich noch (und ich weiß, es ist sehr unchristlich von mir, aber ich konnte nicht anders!): "Selbst die Besten von uns finden Lady Phoebe manchmal ein wenig anstrengend." Und er sagte: "Wie recht Sie haben", und ich hätte ihn küssen können! Ich finde seine Narben im Gesicht im übrigen ganz und gar nicht abstoßend (eine läuft durch seine linke Augenbraue, eine über seinen Wangenknochen und eine entlang seiner Kinnlinie). Sie sind ganz dünn und eigentlich kaum noch zu sehen. Sie verleihen ihm im Gegenteil etwas Verwegenes. (Ich bin mir sicher, Mutter würde, wenn sie wüsste, wie ich darüber denke, den ganzen Romanen aus der Leihbücherei, die ich liebe und die sie so verabscheut, die Schuld geben.)
Er sah so aus, als hätte er gerne weitergesprochen, blieb aber still. Ich gebe zu, ich wollte das Gespräch verlängern und sagte: "Ich kann mir vorstellen, dass es auf Dauer sehr ermüdend sein kann, ein Held zu sein." Er blickte mich überrascht an und ich konnte den Ausdruck in seinen Augen in der Dunkelheit nicht richtig einordnen, aber er fragte: "Wie kommen Sie darauf?"
Ich sagte: "Mein Bruder James war auch in Balaklawa. Nach allem, was er mir erzählt hat, scheint die Sache weniger eine Frage von Heldentum als von Wahnsinn gepaart mit militärischer Inkompetenz gewesen zu sein." Er starrte mich entsetzt an: "Er hat Ihnen davon erzählt?" Weil er so aussah, als wenn er im nächsten Moment vorhätte, James deshalb zum Duell zu fordern, sagte ich schnell: "Eigentlich habe ich ihn mehr dazu gezwungen. Als ältere Schwester hat man so seine Mittel und Wege." Er blickte mich lange an. Dann sagte er: "Sie sind eine sehr ungewöhnliche junge Dame. Darf ich fragen, ob Sie sich wirklich für das ägyptische Speisezimmer in Goodwood interessieren, oder ob das nur ein Vorwand war?" Ich versicherte ihm natürlich sofort, dass meine Begeisterung für alles Ägyptische ganz und gar nicht gespielt sei. Und dann sagte er: "In diesem Falle würde ich mich freuen, Sie in den nächsten Wochen vielleicht einmal mit ihrer Mutter und ihrem Bruder auf einer der Gesellschaften auf Goodwood begrüßen zu dürfen. Es wäre mir ein Vergnügen, Ihnen den Raum persönlich zeigen zu dürfen."
Oh, liebes Tagesbuch, du kannst dir vorstellen, was mir diese Einladung bedeutete! Und zudem von einem Mann, der so gar keine Begeisterung für Lady Phoebe aufbringen konnte! Aber ich erklärte ihm, dass ich quasi schon auf dem Weg nach Ägypten selbst wäre, aber oh, es ist mir schwer gefallen! Er blickte mich so lange schweigend an, dass ich schließlich irgendetwas sagte, nur um die Stille zu unterbrechen. Was herauskam war: "Vielleicht sollten Sie selbst auch über eine Reise nachdenken." Als mir bewusst wurde, was ich da gesagt hatte, schlug ich die Hände vor den Mund. Oh, nein, wie hatte sich das denn angehört! Im besten Fall musste er mich für schrecklich naiv, im schlimmsten für vollkommen schamlos halten! (Wobei mir, wenn ich ehrlich sein soll – und, liebes Tagebuch, mit dir bin ich bisher immer ehrlich gewesen – nicht klar ist, welche von beiden Möglichkeiten ich schlimmer gefunden hätte!) Oh, warum, warum, bis dahin war alles so gut gelaufen! Warum musste ich mich gerade vor ihm zur Närrin machen!!! Während ich noch inkohärent vor mich hin stotterte, griff er eine meiner Hände und sagte: "Oh, bitte, Lady Arabella, gestehen Sie mir etwas Verstand zu. Ich habe Sie schon richtig verstanden. Aber vielleicht haben Sie recht. Ich werde darüber nachdenken, für einige Zeit auf den Kontinent zu reisen." Dann fragte er, ob er mich zu meiner Mutter zurückbegleiten dürfte. So gerne ich auch Mutters (und Lady Phoebes!) Gesicht gesehen hätte, wenn Lord Sheridan mich durch den Ballsaal begleitet hätte, wusste ich, wo das hinführen würde.
Mutter hat in dieser Beziehung eine so überaktive Phantasie, was wirklich erstaunlich ist, weil sie ansonsten ein völlig unromantisches Gemüt hat. Ich hielt es auf jeden Fall für sicherer, ihr gar keine Ansatzpunkte in dieser Richtung zu geben und lehnte ab. Aber dir, liebes Tagebuch, vertraue ich an, dass es wenig in meinem Leben gibt, was mir schwerer gefallen ist. Aber wenigstens beugte er sich noch einmal über meine Hand und ich schwöre, dass seine Lippen diesmal den Stoff meines Handschuhs berührten! Und so ließ ich ihn zurück.
Ich habe Mutter im übrigen gesagt, dass der Handschuh beschädigt wurde und dass ich ihn Libby gegeben habe. Nun ruht er ganz unten in meiner Schublade in ewiger Erinnerung daran, dass ich wenigstens einmal in meinem Leben über Lady Phoebe triumphiert habe. Und – darf ich es zugeben? – in Erinnerung an ihn...


Valentine Gautier - "La Colombine"


Aus den (unveröffentlicht) Memoiren von Valentine Gautier, auch bekannt als "La Colombine":

Und dann war da noch Lord S.. Ich erinnere mich noch sehr gut an ihn und nicht nur, weil er der letzte meiner offiziellen "bien-aimé" war. Die Anbahnung unserer Beziehung erfolgte auf ungewöhnliche Weise: Sein Bruder kam zu mir in dem sicheren Wissen, dass jeder reiche englische Adlige in Paris irgendwann den Weg in mein Haus finden würde ... so wie auch er selbst es wenige Jahre zuvor getan hatte. Und er hoffte, dass ich seinen Bruder wie damals ihn selbst nicht nur in meinem Haus, sondern auch in meinem Bett willkommen heißen würde.
Er erzählte mir, dass sein Bruder schwer verletzt aus dem Krieg wiedergekommen sei. Zwar ginge es ihm besser, doch würde er der Meinung sein, seinen Körper, so wie er jetzt sei, keiner Frau zumuten zu können. Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte zu versuchen, ihn mit der mir eigenen liebevollen Art und Diskretion vorsichtig umzustimmen? Eigentlich hatte ich mich nach der vorteilhaften Beendigung der Beziehung zu Comte de B. zur Ruhe gesetzt, aber wie hätte ich diese Bitte abschlagen können?
Tatsächlich wurde Lord S., wie von seinem Bruder vorausgesehen, kurze Zeit später von Freunden mit zu meinem Donnerstagssalon gebracht. Danach kam er häufig zu mir und es dauerte nicht lange, bis er auch über Nacht blieb, wenn es ihm am Anfang auch tatsächlich sehr schwer fiel, mir seinen Körper auch nur zu zeigen. Seine Narben waren in der Tat schrecklich, aber es gelang mir mit der Zeit doch, ihm die Scheu und ich denke auch einen Teil der Scham zu nehmen.
Später erzählte er mir einmal, dass er vermutete, dass sein Bruder eine Beziehung zu mir für ihn geplant hatte. Aber dass das, vor allem nachdem er mich gesehen hatte, kein Grund für ihn gewesen wäre, es einfach nur aus Prinzip abzulehnen.
Insgesamt blieb er fast 8 Monate in Paris und wir verbrachten eine sehr schöne Zeit zusammen. Aber wenn wir uns auch nahe kamen und er mehr und mehr Zutrauen zu seinem Körper gewann, über seine Verletzung oder überhaupt seine Zeit im Krieg sprach er nie. Bis zu der Nacht, in der ich mich an der Hand verletzte ...
Es war ein Unfall. Ein Champagnerglass zerbrach und zerschnitt mir die Finger. Es war nicht wirklich schlimm, aber das Blut lief über meine Hand und drohte auf den Teppich zu tropfen. Ohne Nachzudenken hielt ich ihm die Hand hin und bat ihn, schnell sein Taschentuch herumzuwickeln. Er wurde leichenblass, stolperte einige Schritte zurück und tastete nach einer Stuhllehne, um sich festzuhalten. Er murmelte: "Das Blut. All das Blut ..." Zuerst erschrak ich, aber dann verstand ich, dass ihn der Anblick des Bluts auf meiner Hand im Kopf zurück auf das Schlachtfeld versetzt haben musste. Ich griff eine der noch von unserem privaten Souper herumliegenden Servietten, wischte das Blut fort und wickelte sie fest um meine Finger, bevor ich mich ihm wieder näherte.
Er war unterdessen auf den Stuhl gesunken und als er endlich zu mir aufblickte, sah ich eine tiefe und dunkle Verzweiflung in seinen Augen, die nur umso erschreckender war, da sein Gesicht noch so jung war. Es gelang mir, ihn dazu zu bewegen, sich hinzulegen. Er zog mich neben sich auf das Bett und klammerte sich an mich wie ein Ertrinkender. Er hatte die Augen geschlossen und ich dachte schon, er wäre eingeschlafen, als er plötzlich zu sprechen begann. Er erzählte von der katastrophalen Schlacht bei Balaklawa, von der Attacke der leichten Brigade, von dem Moment, in dem er getroffen wurde, von seinem sterbenden Pferd, das ihn unter sich begrub, von den Schmerzen, dem Blut und all dem Tod um ihn herum. Ich glaube, er hatte noch nie zuvor darüber gesprochen und ich weiß nicht, ob er es je wieder tat. Wir jedenfalls erwähnten diesen Abend nie wieder.

...

Es muss an die 10 Jahre später gewesen sein, als ich ihn eines Abends in der Oper wiedersah. Fast hätte ich ihn nicht erkannt, aber als mir klar wurde, wen ich da erspäht hatte, beobachtete ich ihn einige Zeit unauffällig. Er war erwachsen geworden, sein Körper war breiter und kräftiger. Sein Hinken war noch immer unübersehbar, aber er benutzte jetzt nur noch einen eleganten Spazierstock und bewegte sich viel sicherer. Es schien, als kämpfte er nicht mehr mit seinem störrischen Körper, sondern hatte, wenn schon nicht Frieden, so doch eine Art Waffenstillstand mit ihm geschlossen.
Als sein Blick in der Pause über die Logen glitt, sah er mich auch. Ich hatte es mir schon lange zur Regel gemacht, niemals einen meiner ehemaligen "Freunde" zu erkennen, es sei denn er hatte mir vorher explizit mitgeteilt, dass er es wünschte.
Doch ich konnte nicht anders und verwendete unser geheimes Zeichen, dass ihm früher zu verstehen gegeben hatte, dass mich sein Besuch an diesem Abend erfreuen würde. Wenig später fuhr ich nach Hause, ohne recht zu wissen, was ich erwarten sollte. Ich wusste nichts über sein Leben jetzt. War er verheiratet? Was hatte ihn nach Paris gebracht? Und die interessanteste Frage von allen: Würde er kommen?
Tatsächlich klopfte es nur eine kurze Stunde später an der Tür und da war er ...
Am nächsten Morgen schickte er mir einen riesigen Korb gelber Rosen und ein sehr schönes Paar Diamantohrringe. Obwohl ich natürlich entzückt war, schickte ich die Juwelen sofort zurück. Er sollte wissen, dass ich die Nacht nicht aus monetären Gründen mit ihm verbracht hatte und dass ich es in keinster Weise als Last empfunden hatte. Im Gegenteil – Als wollte er sich bei seiner Partnerin entschuldigen, ihr seinen so unperfekten Körper zumuten zu müssen, war er ein besonders aufmerksamer Liebhaber. Und wenn sein Geschenk auch seiner großzügigen Natur entsprach und sich auch aus unserer gemeinsamen Vergangenheit erklären ließ, so glaube ich doch, dass mehr dahinter steckte und es ein Zeichen einer noch immer vorhandenen und tiefsitzenden Unsicherheit war: In seinem Herzen glaubte er noch immer, dafür bezahlen zu müssen, dass jemand lustvolle Stunden mit ihm verbrachte. Seine Narben waren ohne Zweifel erschreckend, wenn auch lange nicht mehr so schlimm anzusehen wie noch 10 Jahre zuvor.
Aber ich hoffte damals aufrichtig, dass er eines nicht allzu fernen Tages die richtige Frau finden würde, die hinter seine Narben – all seine Narben – sehen könnte und den wunderbaren Mann dahinter entdecken würde. Denn ich war mir sicher, dass er erst dann verstehen würde, dass sie für eine Frau, die ihn wirklich liebte, völlig bedeutungslos sein würden ...


Alistair William Granville, The Duke of Richmond


Brief von Lord Sheridan Stuart Granville an seinen Bruder, den Duke of Richmond:

Sehr geehrter Richmond,

ja, Du hast in der Tat richtig gehört, ich bin zurück und habe einen neuen Diener, wobei ich mich wirklich frage, wie Du selbst auf dem Land so schnell über Geschehnisse in meinem Leben hier in der Hauptstadt auf dem Laufenden sein kannst. Insofern ist Deine Frage, warum Du es von Fremden (welche Fremden? ist die Frage, die sich MIR dabei unwillkürlich aufdrängt) erfahren musst, ein wenig seltsam, denn ich hätte es Dir bestimmt erzählt, wenn ich, wie geplant, nächste Woche nach Goodwood komme. Jetzt, wo ich weiß, dass Dich auch Kleinigkeiten in der Änderung der Organisation meines privaten Haushalts so brennend interessieren, werde ich natürlich nicht mehr zögern, sie Dir umgehend mitzuteilen, sollte dies wieder einmal der Fall sein.

Ich verbleibe Dein Dich wie stets liebender Bruder
Sheridan Stuart Granville


Brief von Lord Sheridan Stuart Granville an seinen Bruder, den Duke of Richmond:

Alistair –

verzeih meine Zeilen von gestern, aber ich war verärgert, dass ich, kaum in London angekommen, schon wieder im Mittelpunkt von Klatsch und Tratsch stehen muss. Natürlich weiß ich, dass Deine Nachfrage nicht müßiger Neugier entsprang, sondern aus ernsthaftem Interesse erfolgte.
Mein neuer Diener, Nat Forster, ist in der Tat kein geborener Gentleman's Gentleman. Aber ich weiß, Du wirst nichts gegen ihn einzuwenden haben, wenn ich Dir die ganze Geschichte erzähle. Du bist aber auch der Einzige, bei dem ich dazu bereit bin, denn ich habe mich noch nie in irgendeiner Form für meine Handlungen vor der Gesellschaft gerechtfertigt, und ich habe nicht vor, jetzt damit anzufangen. Wir sind schließlich Granvilles.
Um es kurz zu machen: Forster ist der Mann, der mich auf dem Schlachtfeld bei Balaklawa fand und dem ich mein Leben verdanke. Ich kann mir Deine Überraschung vorstellen. Du fragst Dich sicher, wie ich ihn gefunden habe, nachdem all Deine Bemühungen umsonst waren. Es war der reine Zufall.
Ich kam vor fünf Tagen mit dem Zug vom Kontinent und war auf dem Weg aus dem Bahnhof, als ich von einem heruntergekommenen Subjekt angebettelt wurde. Da es sich offensichtlich um einen ehemaligen Soldaten handelte, griff ich in meine Westentasche, um ihm ein großzügiges Almosen zukommen zu lassen. Du kannst Dir kaum meinen Schock vorstellen, als ich in sein Gesicht sah und den Mann erkannte, der mir damals so selbstlos geholfen hatte. Ich muss ihn wie vom Donner gerührt angestarrt haben.
Dir gegenüber kann ich zugeben, dass ich einer Ohnmacht nahe war. Nach den drei Jahren auf dem Kontinent hatte ich eigentlich gedacht, die Sache hinter mir gelassen zu haben, aber ein Blick in das Gesicht des Mannes und alles stand mir wieder in schmerzhafter Klarheit vor Augen.
Auch Forster erkannte mich und es war sein schnelles und überlegtes Eingreifen, das mich sicher nach Hause brachte. Nachdem deutlich war, dass ich kaum mehr bei Sinnen war, nahm er die Situation einfach in die Hand, besorgte eine Droschke, verfrachtete mich samt meinem Gepäck hinein und sorgte dafür, dass wir in kurzer Zeit in meinen Zimmern im Albany ankamen.
Nachdem ich mich wieder einigermaßen gefasst hatte, bot ich ihm Geld, genug, um sich auf dem Land niederlassen zu können. Doch er lehnte es rundweg ab und sagte, alles, was er wolle, wäre eine Chance, ehrlich sein Geld zu verdienen. Was konnte ich anderes tun: Ich nahm ihn sofort in meine Dienste. Ich weiß, in Anbetracht dessen, was ich ihm schulde, ist es erbärmlich wenig, aber zu glauben, ich könnte ihm die Schuld jemals zurückzahlen, ist ohnehin absurd.
Sollte er sich nicht zum persönlichen Diener eignen, bin ich mir sicher, dass Du eine Stellung in Goodwood für ihn finden wirst. Doch nach den paar Tagen, die er bei mir ist, bin ich eigentlich guter Hoffnung, dass wir uns, trotz all seiner unabstreitbaren Idiosynkrasien, aneinander gewöhnen werden. Er ist offensichtlich aus den niederen Klassen, nach eigener Aussage gebürtig aus Liverpool. Wie sein Weg in die Armee der Königin verlief, ist nur allzu leicht erratbar. Falls Du also das Bedürfnis hast, kannst Du gerne die Haushälterin in Goodwood anweisen, ein besonderes Auge auf das Silber zu haben, wenn wir nächste Woche zu Besuch kommen, aber ich für meinen Teil glaube nicht, dass von dieser Seite Gefahr droht.
Bisher erweist sich Forster auf jeden Fall als sehr lernwillig und dass er eine gehörige Portion gesunden Menschenverstand hat, hat er schon mehrmals bewiesen. Seine Menschlichkeit, da sind wir uns sicher einig, steht ohnehin außer Frage. Das einzige, was mir bisher noch etwas Sorgen bereitet, ist seine Begeisterung für alle möglichen Hausmittelchen, die er angeblich von seiner alten Mutter übernommen hat. Andererseits kann man nicht abstreiten, dass sie schon einmal nur allzu eindrücklich ihre Wirkung gezeigt haben und auch gestern, als das Wetter meinem Bein zu schaffen machte, konnte er mir mit einem Kräuterumschlag Linderung verschaffen.
Ich denke, ich konnte Deine schlimmste Neugier stillen, mein lieber Alistair. Alles weiteres – auch was meine Zeit auf dem Kontinent angeht – erzähle ich Dir in wenigen Tagen persönlich. Ich freue mich auf Goodwood, auf Dich und Deine Familie. Ich bin schon sehr gespannt, wie sich March und Henrietta weiterentwickelt haben und natürlich auch auf die kleine Victoria. Ich warne Dich schon jetzt, dass ich vorhabe, ein liebevoller und stolzer Onkel zu sein.

Liebe Grüße an Dich und die Deinen und besonders an die schöne Louisa.
Granville


Goodwood House - der Landsitz der Dukes of Richmond


Brief von Lord Sheridan Stuart Granville an seinen Bruder, den Duke of Richmond:

Alistair –

La bella Girandola ist nach Florenz zurückgekehrt. Die bezaubernde Violetta teilte mir letzte Woche mit, dass sie es nicht mehr in London aushalte. Das Leben hier sei ihr zu langweilig, das Wetter zu kalt – genau wie die englischen Männer. Soll ich mich beleidigt fühlen? Aber vermutlich hat sie recht. Ich gebe zu, dass emotionale Exaltiertheit kaum zu meinen herausragenden Eigenschaften gezählt werden kann. Nach einer Szene, wie man sie von einem so kapriziösen Wesen wohl erwarten muss, verlief die Trennung aber durchaus freundschaftlich. Nun ist das italienische Täubchen also wieder unter seine warme heimatliche Sonne zurückgekehrt, und mich erreichst Du wieder zuverlässig in meinen Zimmern in Albany.

Granville


Brief von Lord Sheridan Stuart Granville an seinen Bruder, den Duke of Richmond:

Mein lieber Alistair,

nein, ich werde in zwei Wochen nicht nach Goodwood kommen. Meine Absage an Louisa war ernst gemeint und ich habe nicht vor, meine Meinung zu ändern. Aber trotzdem vielen Dank, dass Du mich daran erinnerst, dass Du es warst, der mich vor Jahren unter Einsatz seines eigenen Leib und Lebens von der Krim nach Hause geholt hat. Ich bin mir sicher, dass es mir sonst bestimmt entfallen wäre.
Ich möchte Dich aber darauf hinweisen, dass Forster fest davon überzeugt ist, dass er es ist, der mir damals nicht nur mein Leben, sondern vor allem auch mein Bein gerettet hat. Warum er (und auch Du) allerdings glaubt, dass ihm das auf irgendeine verquere Weise das Recht gibt, nun über mich und mein Leben bestimmen zu können, weiß der Himmel, aber so ist es nun einmal. Da ich nicht bereit bin, mich für dieselbe Sache von zwei Seiten emotional erpressen zu lassen, muss ich Dich bitten, Dich mit ihm darüber zu einigen, wer von euch beiden das größere Recht für sich beanspruchen kann. Für eine kurze Mitteilung, wie die Sache ausgegangen ist, wäre ich dankbar. Ich kann Dir allerdings aus eigener Erfahrung sagen, dass Forster ein hartnäckiger Kontrahent ist. Sage also bitte später nicht, ich hätte Dich nicht gewarnt.
Wie dem auch sei – Ich habe eure liebenswürdige Einladung durchaus mit gutem Grund abgelehnt. Ich habe schon für just dieses Wochenende Lord Searwater zugesagt. Ich zögere allerdings nicht, Dir zu sagen, dass ich sonst vermutlich eine andere Entschuldigung gefunden hätte.
Du weißt, ich liebe Louisa wie eine Schwester, aber ich gestehe, ich finde ihre Bemühungen, mich mit einer passenden Ehefrau zu beglücken, in zunehmendem Maße anstrengend. Ihr letzter Versuch muss dabei in der Tat als besondere Katastrophe gelten. Nichts gegen Amelia Downston, sie ist ein entzückendes Wesen von sonnigem Gemüt und wenn auch keine große Schönheit, so doch durchaus gefällig anzusehen. Aber, Alistair, es ist ihre erste Saison. Sie ist kaum älter als 17, und ich könnte praktisch ihr Vater sein! Wenn ich manchmal in Gesellschaft eine der weniger glücklichen Debütantinnen in ein kurzes Gespräch verwickle oder sie zu einem Tanz auffordere, sollte Louisa nicht den Fehler begehen, das dahin gehend zu interpretieren, dass ich vorhabe, halbe Kinder für einen Bund fürs Leben in Erwägung zu ziehen. Sorge doch bitte dafür, dass sie mich nicht länger als eines ihrer "Projekte" ansieht und ihre Bemühungen lieber ganz auf eure eigene zahlreiche Kinderschar richtet. March ist im richtigen Alter, ganz zu schweigen von Henrietta, die sich, nach ihren Briefe über ihr Debüt in dieser Saison zu urteilen, auf's allerbeste entwickelt und die Louisa ohne Zweifel Anlass zu größten Hoffnungen in dieser Richtung gibt.
Bei March sollte sie sich vielleicht noch etwas zurückhalten. Er ist nach allem was ich höre, gerade dabei, sich die Hörner abzustoßen. Du brauchst dir aber keine Sorgen machen, ich begegne ihm zwar ab und zu in den weniger respektablen Vierteln der Hauptstadt, aber es macht nicht den Eindruck, dass er es schlimmer treiben würde, als sein Vater es getan hat. Bei genauerem Nachdenken, frage ich mich allerdings, ob das wirklich ein beruhigender Gedanke für Dich ist.
Ich vertraue darauf, dass Du Deinen Einfluss bei Louisa geltend machen wirst und ihr meine Abwesenheit verschmerzen könnt.

Herzlichste Grüße an die ganze Familie und küsse deiner entzückenden Frau ihre schönen Hände.
Granville


Lord Sheridan Stuart Granville