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Gwendolyn O'Donnell,
Lady of Belleybofey

Liebes Tagebuch,
ich bin Lady Gwendolyn O´Donell, die einzige Tochter von Seamus O´Donell, Lord of Bellybofey und Sarah O´Donell, Lady of Bellybofey, geborene St. Ives. Geboren wurde ich in der Nacht der Hexen und Geister, an Halloween im Jahre 1847. Meine Mama starb in jener Nacht im Kindbett. Dass ich sie nie kennengelernt habe, ist etwas, das ich schon immer schrecklich bedauert habe. Ich habe mir oft ausgemalt, wie sie wohl gewesen ist und habe mir lange Gespräche mit ihr ausgedacht. Besonders als ich klein war, habe ich sie oft ganz schrecklich vermisst, und ganze Tage auf dem kleinen Friedhof von Bofey verbracht... Noch heute besuche ich ihr Grab häufig und berichte ihr, was in meinem Leben passiert (Und das ist meistens wenig genug...) oder ich lese ihr aus den Büchern vor, die mich gerade beschäftigen, oder sitze nur da, lausche den Vögeln oder male.

auf dem Friedhof von Bofey

Meine Kindheit war – vor allem im Vergleich mit anderen meines Standes – ungezwungen und ziemlich wild. Mein Papa, schon immer eher ein Naturmensch als ein Dandy, hat sich nach dem Tod von Mama noch weiter von der Gesellschaft zurückgezogen und fand es gut, dass ich mich lieber mit der Natur und Büchern befasste, als mit schönen Stoffen und hübschen Schleifen.
Da er selbst kaum Besuch empfängt, – Er gilt überall als ein ziemlich schrulliger, aber nichts destotrotz liebenswürdiger Gentleman. – ist das Leben auf Bofey Manor ein sehr zurückgezogenes. Zur Jagd kommen jedes Jahr ein großer Haufen Verwandte und Bekannte – Unser Revier ist nämlich eines der schönsten im Norden Irlands! – und Papa gibt nach alter Tradition unseres Hauses einmal im Jahr einen Ball. Liebes Tagebuch, Dir kann ich ja anvertrauen, dass ich immer ganz erleichtert bin, wenn sie endlich wieder alle weg sind. Mich machen so viele Menschen einfach immer ganz nervös!
Natürlich bekommen wir von den Honoratioren Bofeys regelmäßig Besuch und erwidern diese auch, aber gemessen an dem gesellschaftlichen Leben, das hier wohl zur Zeit Mamas herrschte, ist das geradezu armselig. Das sagt zumindest Mrs. Stockton - aber die blüht zum Ball und zur Jagdzeit auch richtiggehend auf.

meine ehemalige Gouvernante und jetzige Gesellschafterin Eileen Stockton

 

die Köchin Kathleen O´Manion

Unser Haushalt ist recht klein: die Köchin, unsere gute Kathleen O'Manion, zwei Küchenmädchen namens Daisy und Janet, meine Zofe, die liebe Maire O´Shea, Papas Leibdiener Branton, der Butler Mr. Giles, den Hausknecht Paddy und das Hausmädchen Bridgid. Draußen gibt es natürlich noch den Gärtner, jede Menge Untergärtner und Forstaufseher, aber die wohnen alle in kleinen Cottages an der Straße nach Bofey.
Natürlich gibt es noch meine Gouvernante Eileen Stockton. Sie war früher Mamas Gesellschafterin und ist auch über fünf Ecken mit uns verwandt, aber obwohl ich Papa nach dem genauen Verwandtschaftsverhältnis gelöchert habe und er es mir sehr geduldig erklärt hat, habe ich es immer noch nicht so richtig verstanden. Sie hat damals wohl den Falschen geheiratet; er hat all ihr Geld durchgebracht und ist dann mit einer Schauspielerin durchgebrannt - zumindest sagt Pater White das und es würde auch ihre ständige schlechte Laune erklären...
Sie hat mich in all dem unterrichtet, was eine höhere Tochter wissen und können muss: einen Haushalt führen, Handarbeiten, – Wie ich das Sticken und säumen immer gehasst habe! - malen (Ich male recht gerne Aquarelle und sie sind sogar recht gut zu gebrauchen...), singen und Klavier spielen (Ich mag Musik wirklich gerne! Und abends auf Bofey Manor spiele ich auch gerne für Papa, Mrs. Stockton und mich, aber vor Fremden! Oh, schrecklich!), schreiben (Und das kann ich erstaunlich gut; viele sagen, dass ich eine künstlerische Ader habe. Und darauf bin ich auch sehr stolz! Auch wenn ich jetzt bestimmt wieder bei Pater White Buße wegen meiner Eitelkeit tun muss.), reiten, sich auf dem gesellschaftlichen Parkett bewegen (Oh, wie ist das schrecklich! Alle starren einen an! Vermutlich nehme ich mich zu wichtig und sie tun es alle gar nicht, aber es fühlt sich einfach so an!) und Französisch, Italienisch und Deutsch.
Die Köchin Kathleen O´Manion erzählte mir immer, wenn ich mich in die Küche schleiche, die alten Geschichten über die Feen und Tuatha De Danaan und Kobolde und irischen Helden der Vorzeit. Da diese Geschichten natürlich in gälisch erzählt werden, lernte ich auch diese Sprache und entwickelte nebenbei den typisch irischen Feenaberglauben (Schüsselchen Milch, Eisen in der Wiege, etc.). Zumindest sagen die Leute - allen voran Pater White – das es Aberglauben ist. Aber ich weiß es besser! Ich glaube so hat sich meine tiefe und innige Liebe zu meiner wild-romantischen Heimat und dem "irischen Erbe" entwickelt.
Die blaue Dame, Lady Fómhar (gesprochen: vo-or – gälisch für Herbst), lebt in einem versteckten Waldstück, gar nicht weit von Bofey Manor entfernt. Dort gibt es einen kleinen See, in dem ich, als ich klein war, beinahe ertrunken wäre, wenn da nicht jene fast unheimliche blaue Frau erschienen wäre, um mich aus dem Wasser zu heben und so zu retten. Viel zu erschrocken ob meines unfreiwilligen Wasserkontakts habe ich mich nur schnell bei ihr bedankt und bin nach Hause gelaufen.
Das war meine erste, aber nicht die letzte Begegnung mit dem Schönen Volk. Denn natürlich bin ich wieder zum See gelaufen, nachdem ich wieder trocken war und mein Schrecken sich gelegt hatte. Und da die blaue Frau und ihre Freundinnen, die sie hin und wieder besuchten, so nett und freundlich waren, habe ich oft mit ihnen gespielt.
Auch heute noch pflege ich einen regn und mir sehr, sehr teuren Kontakt mit Lady Fómhar; wenn ich daheim bin besuche ich sie regelmäßig. Als Kind und Jugendliche habe ich dies als etwas ganz selbstverständliches hingenommen und fange erst jetzt an, nachdem ich in Dublin erfahren habe, dass nicht jeder als Kind mit Feen gespielt hat, sich dieser Besonderheit klar zuwerden.

Der See, in dem die blaue Dame wohnt

Sommer 1864 – Ich bin mit Mrs. Stockton und meiner lieben Zofe Maire O´Shea (Die ein wahrer Engel ist und ohne die ich völlig aufgeschmissen wäre!) aufs Festland gereist. Frankreich, Bayern, Österreich-Ungarn und die italienischen Königreiche sind wundervoll, aber trotzdem hatte ich sehr viel Heimweh! Aber ich habe auch eine neue Freundin gewonnen. Dorothy Keeble ist die Tochter eines berühmten Erfinders und auch auf ihrer Tour durch Europa. Und sie ist so reizend und lustig, dass ich mein Heimweh in ihrer Gegenwart glatt vergesse. Wir haben viele der "Stationen" zusammenbereist und werden auch in Zukunft in Kontakt bleiben!
Saison 1865 – Ich bin in Dublin debütiert. Oh, es war so schrecklich! Ich hasse diese weißen Kleider! Alle starren einen an! Debütantin zu sein ist doof! So doof!!!
Ich bin – ohne allzu eitel zu sein – ein eher zerbrechlich wirkender Typ mit hellem Teint, pechschwarzem Haar und großen blauen Augen und damit eigentlich ganz hübsch. Eine atemberaubende Schönheit bin ich allerdings ganz und gar nicht. Mrs. Stockton behauptet aber immer, dass das nur daran läge, dass ich in Gesellschaft immer so blass, steif und schüchtern werden würde und dass ich an allen zehn Fingern einen Verehrer haben könnte, wenn ich mich nur mal zusammenrisse und ein wenig charmant sei. Als ob ich etwas dafür könnte! Fremde schüchtern mich nun mal ein! Ich kleide mich durchaus modisch (Jedenfalls soweit das mein Geldbeutel zulässt.), liebe es jedoch viel zu sehr im Freien zu sein, um nicht praktische Kleidung im Alltag zu bevorzugen.
Mrs. Stockton und Maire haben allerdings darüber geredet, dass meine "unschuldige und etwas weltfremde, manchmal fast naive Ausstrahlung" (Wahrscheinlich war ich steif und starr vor Angst etwas Falsches zu tun oder habe von Belleybofey geträumt!) einige der Herren hier in Dublin beträchtlich verwirrt hat. Ein festes Arrangement eine Heirat betreffend gäbe es jedoch noch nicht (Ich kenne ja auch noch gar keinen der Herren etwas besser! – wie sollte ich mich da entscheiden?), obwohl es einige Gerüchte gibt, wer denn bereits den "alten, schrulligen O`Donell" aufgesucht hat... Ich wüsste ja zu gerne wer das war, aber leider haben sie mich da bemerkt... Ich weiß, ich sollte nicht lauschen, aber sonst erfahre ich so etwas doch nie!
Eines Tages werde ich sicherlich den richtigen Mann finden, der dann nach Papas Tod, der hoffentlich noch in weiter, weiter Ferne liegt, der neue Lord of Bellybofey werden wird. Er sollte ein guter Vater und Verwalter und vermutlich auch ein treuer Gefährte sein. Ich werde jedenfalls nicht auf einen schneidigen Schnurrbart hereinfallen wie Mrs. Stockton!

Februar 1867 – Es ist so furchtbar! Mein geliebter Papa ist gestern bei einem Reitunfall hier auf Ballybofey tödlich gestürzt. Es ist schrecklich!
Wir haben ihn gestern in der großen Halle aufgebahrt; heute kommen nun alle Pächter und die Leute aus Bofey, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.
Ich muss stark sein und ihnen ein gutes Vorbild sein! Aber ich fühle mich ganz schrecklich verloren – von nun an bin ich auf mich alleine gestellt. Ich kann nicht länger "die kleine O'Donnell" sein. Ich trage Verantwortung für all die Menschen hier. Und ich werde meine Aufgabe gut erfüllen, dass schulde ich Papa und Belleybofey!

Seamus O´Donell, Lord of Bellybofey

Was soll ich bloß tun? Ich bin nun hin und hergerissen. Ich liebe die heimischen Güter von Bofey Manor so sehr! Ich liebe Ballybofey! Ach, ich liebe das ganze County Tyrone so innig, dass es mir manchmal fast das Herz zerreißt! Auf der anderen Seite besitze ich in Dublin ein so reizendes Haus, direkt am Merrion Square und habe Zugang zu all den Gesellschaften, die mich brennend interessieren!

Bofey Manor
(In Wirklichkeit ist dies Kilmore Abbey...)

Mein Zuhause in Dublin: der Merrion Square 17.
 

Ich liebe Bofey Manor! Und Ballybofey! Und das ganze County Tyrone! Manchmal ist diese Hingabe an Eire so tief, dass sie mich diese ganzen politischen Ideen der Unabhängigkeit, die in Dublin kursieren, durchaus verstehen lässt. Ich meine, ich bin Britin! Und ich bin auch stolz darauf. Aber vor allem fühle ich mich als Irin! Ich schätze – wie mein lieber Papa - O'Connell und Parnell sehr, aber noch ist mir niemand begegnet, der mich zu einer "echten Rebellin" gemacht hätte. (Obwohl die Anlagen – Leidenschaft und Hingabe an Eire – bei mir sicherlich in reichem Maße vorhanden sind!)
Jeder Tag, den ich nicht auf Bofey Manor verbringe schmerzt mich. Aber dort werde ich nie einen Mann finden, der der neue Lord of Bellybofey werden wird. Es muss ein guter Mann sein: Er muss mit den Leuten umgehen können – so wie Papa – und er muss das Land lieben – so wie ich. Außerdem sollte er keine Laster haben, so wie der Mann von Mrs. Stockton sie hatte. Und jetzt nach Papas Tod ist es meine Pflicht einen solchen zu finden!
Und in Belleybofey sind meine ganzen Freunde! Nicht nur die bessere Gesellschaft von Bofey und Umgebung, sondern auch die blaue Dame und ihre Freundinnen. Und sie vermisse ich auch. Und außerdem kannte ich dort alle Leute, ich wusste, wer wo lebt und welche Lebensgeschichte hinter ihm steckte.
Aber auch Dublin besitzt seinen Reiz. Außer dem schönen Haus am Merrion Square gibt es hier jeden Abend Konzerte, Theater und Oper – wirklich gute Musik! Ich habe Zugang zu all den netten literarischen Zirkeln! – Besonders liebe ich diejenigen, die sich mit unserem keltischen Erbe beschäftigen. – Jemand nannte sie vor kurzem die Celtic Renaissance. Hört sich das nicht wundervoll an? – Und außerdem gibt es hier so viele interessante Gesellschaften - immerhin ist dies die zweitgrößte Metropole des Empires! Und auch wenn ich es fürchterlich, einfach fürchterlich finde, wenn mich die Leute anstarren, bin ich ja keine Debütantin mehr und kann mich inzwischen auf Gesellschaften im Hintergrund halten und zuhören. Doch die Menschen hier sind so anders als daheim. Sie scheinen mir oberflächlicher! Und es sind so viele! Wie soll man sie alle kennen lernen?
Auf der anderen Seite schätze ich dieses eher "weltmännische" Flair der Stadt. Es ist einfach ganz anders als zuhause auf Bofey Manor, wo höchstens der Pfarrer am Sonntag zu Besuch kommt! Und zu gerne würde ich eine der führenden Damen in der Dubliner Gesellschaft werden! Und einen berühmten und bewunderten Salon führen! Hach, wie hinreißend würde es sein, wenn sich alle möglichen Ladys und Gentlemen ein Bein ausrissen, um eine Einladung zu meinem Salon zu bekommen!
Eine Idee kam mir auf einer Gesellschaft, auf der über das "keltische Erbe" geredet wurde: Die Elfen gelten doch als zutiefst irische Wesen. Warum sollte ich also nicht anfangen, ihre Geschichten, ihre Merkmale und ihre Vielfalt zu sammeln. Zusammen mit den alten Feenmärchen von Kathleen O´Manion, meiner lieben Köchin könnte das vielleicht ein interessantes Buch ergeben.
Als ich meine Idee anzudeuten begann, schlug mir ein Sturm der Begeisterung entgegen. Seitdem bin ich mit meinen Siebensachen, Mrs. Stockton und Maire unterwegs und versuche, Neues und Altes über die Elfen zu erfahren und zu sammeln. Ich würde so gerne ein wirklich gutes und profundes Buch über die Feen veröffentlichen, vielleicht sogar ein Standardwerk. Oh, wäre das schön!

Sommer 1868  – Als ich vor zwei Wochen eine Einladung zum Mittsommerball auf Schloss Falkenstein bekam, habe ich also nicht lange gezögert und mich in das Abenteuer gestürzt. Die deutschen Feen sind bestimmt noch einmal ganz anders als die irischen!
Bereits auf der Reise habe ich eine weitere britische Dame, Lady Isabell Fairchild, eine großartige Kameradin und begeisterte Leserin von Abenteuer- und Liebesromanen, und einen preußischen Gentleman, Maximillian von Beck, Oberst a.D., kennengelernt. Wie der Zufall es so wollte, teilten wir nicht nur ein Abteil in der Eisenbahn, sondern waren ebenfalls für die Zeit des Balls bei Baron Neifenstein auf Burg Neifenstein untergebracht.
Unglücklicherweise entpuppte sich die Reise tatsächlich als Abenteuer: Schon auf der Fahrt starb unser vierte Reisebegleiter unter mysteriösen Umständen. Doch in Bayern wurde alles noch viel rätselhafter: Schließlich fanden wir heraus, dass wir drei auf Burg Neifenstein Opfer eines sinisteren Rituals werden sollten. Wir durchkreuzten jedoch die finsteren Pläne und konnten sogar einem unheimlichem und grausigen Geschöpf, – Ich hoffe, es war wirklich eine Fee! – das mit mir telepatisch kommuniziert hat, die Freiheit zurückgeben. Und noch dazu haben Lady Isabell und ich erfahren, dass von Beck ein britischer Agent ist! Wir hielten ihn zuerst für einen preußischen Spion, aber er berichtete uns, dass das nur seine Tarnung sei und er auf der Seite der Briten stehe – Er ist also ein Doppelagent!
Nachdem alles ein gutes Ende genommen hatte, durften wir tatsächlich an dem Mittsommerball – Unsere ursprünglichen Einladungen waren doch tatsächlich gefälscht gewesen! – auf Schloss Falkenstein teilnehmen und tanzten die ganze Nacht – mit sehr feschen Offizieren. Der Abend hat wirklich großen Spaß gemacht! Vielleicht, weil mir nach den durchstandenen Schrecken auf Neifenstein, dass Anstarren gar nicht mehr so viel ausmachte, vielleicht aber auch, weil ich ganz tapfer versuchte, mich zu amüsieren und nach einiger Zeit vergaß ich meine Angst. Vielleicht war es aber auch die Anwesenheit von dem guten von Beck, der immer eingriff, wenn ich mich unwohl fühlte und mich aus so mancher Situation rettete. Und nun denke ich auch über einen hübschen Husaren nach, der mir stürmisch den Hof macht und mich einmal so küsst, wie in den Romanen von Lady Isabell!
Spätsommer 1868 – Zurück in London wurden wir drei dann wiederum in einen mysteriösen Tod hineingezogen, den wir jedoch mit vereinten Kräften aufklären und den Übeltäter dem Gesetz überantworten konnten. Schon nach den Erfahrungen in Bayern begann ich etwas gegen meine Schüchternheit, die sich als durchaus störend erwies, zu unternehmen. Inzwischen fällt es mir schon etwas leichter mit Fremden Umgang zu pflegen.