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Thenna

Das Seelentier von Thenna.

Ihro Gnaden Bringir

Ich bin hier in den Hallen der Weisheit gebeten worden, niederzuschreiben, wer ich eigentlich bin, oder vielmehr war, als die ganze Sache um den Bethanier ins Rollen gekommen ist. Natürlich will ich dieser Aufgabe so gut ich kann nachkommen, aber es ist gar nicht so einfach über sich selbst zu schreiben. Also fange ich am besten ganz am Anfang an. 

Mein Name ist Thenna Rahjalieb Bringir. Ich wurde am 7. Tag des Monats der Herrin RONdra, einem Feuertag, im Jahre 995 nach Bosperans Fall in Kuslik geboren. Meine Eltern Efferdan Bringir und Sielia Hesindia Bringir, geborene Tassman, hatten bereits zwei Kinder. Jelo, meinen drei Jahre älteren Bruder und Sondra, meine zwei Jahre ältere Schwester. Als ich zwei Jahre alt war, wurde mein Bruder Alrik Praiotin geboren und dann drei Jahre später meine jüngste Schwester Silpha.
Unsere Kindheit war schön. Das Leben in der großen Stadt war aufregend. Unsere Eltern nahmen uns oft auf ihre Besorgungen mit, so dass wir viel von dem Treiben und den Menschen zu sehen bekamen. Ansonsten spielten wir im Hof der Werkstatt meiner Eltern - sie sind Schuster - mit den Lederresten, die in unserer Phantasie zu Prinzessinnen, Drachen, Rittern und Zauberern wurden. An den Praiostagen spielten die Lehrlinge meiner Eltern mit uns mit den Bällen, die sie aus alten Flicken nähten. Und wenn dann auch noch die Nachbarskinder kamen, wurde der Hof regelmäßig zu einem Immanstadion. Außerdem gab es einen alten Kirschbaum, auf dem wir ein Häuschen bauen durften, und den wir im Sommer regelmäßig bis auf die letzte Frucht plünderten. Wir stritten uns allerdings auch regelmäßig. Mein blutigster Streit endete für mich mit einer Platzwunde am Kopf und einer gebrochenen Nase für Sondra...
Heute ist aus der Werkstatt schon fast eine Manufaktur geworden. Unter der Aufsicht meiner Eltern und der Jelos und seiner Frau Sittah arbeiten neun Lehrlinge und 14 einfache Arbeiter am Leder und Stoff, um Schuhe herzustellen. Bei meinem letzten Besuch konnte ich sogar ein besonders Modell aus Brokat zum Tanzen auf Bällen bewundern.
Sondra ist gut mit dem Händler Silas Stauffen verheiratet. Ich vermute, dass er derjenige ist, der durch seinen Vertrieb der Schuhe bis nach Chorhop den großen Erfolg in das Unternehmen gebracht hat. Und so wundert es nicht, dass Alrik bei ihm in die Lehre gegangen ist und nun Teile des Geschäfts leitet. Und die schöne Silpha ist immer noch ein verträumtes Mädchen, aber Sondra schrieb mir, dass sie bald verheiratet werden soll.
Bald nachdem ich angefangen hatte vom alten Griesham, dem alten Gelehrten, den die Handwerker des Viertels für ihre Kinder unterhielten, das Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen und bei dessen Namen sich in Spottliedern der Reim Griesgram für uns Kinder geradezu anbot, fielen ihm die Dinge auf, die meine Familie bisher ignoriert oder abgetan hatten. Zum Beispiel, dass ich immer die Kirschen von den obersten Ästen herabbekam, obwohl ich doch kleiner als Jelo und Alrik war. Oder dass ich aus brenzligen Situationen immer gut herauskam, weil plötzlich alle meine "Freunde" waren. Er erkannte, was offensichtlich war: Ich war magisch begabt. Und nach einem langen Gespräch mit meinen Eltern brachten sie mich in die "Halle der Metamorphosen und Transmutationen, wie sie Unsere Herrin Hesinde und den Meistern der Elemente wohlgefällig sind", eine der beiden berühmten Magierakademien von Kuslik. 
So kam es, dass ich die Ehre hatte, unter Ihrer Spektabilität Carolan Schlangenstab die Kunst der Magie zu studieren. Ich fand schnell Freunde dort. Zwar war ich erst einmal die jüngste, aber erstens ich hatte ich schon ein wenig Wissen erworben und zweitens - was vermutlich wichtiger war - hatte ich zuhause gelernt, wie man sich durchsetzt.
Ich war glücklich hier. Besonders tat ich mich beim Lernen von Sprachen hervor. Ich war begeistert, mehr über die Kultur zu erfahren, und über die Art und Weise, wie alle halbwegs intelligenten Rassen einen Code entwickelt haben, um mit einander zu kommunizieren. Auch heute ist dies immer noch mein liebstes Forschungsgebiet, auch wenn ich offensichtlich nicht dazu ausersehen zu sein scheine, viel Zeit mit diesen Studien zu verbringen. Den Unterricht in Alten und Neuen Sprachen gab Dorana von Ilmenstein, die Tochter Ihrer Erhabenheit der Magisterin der Magister. Oft besuchte sie ihre Mutter in den Hallen der Weisheit und manchmal durfte ich sie begleiten. So kam es, das ich neben der sehr taditionsbewußten religiösen Ausbildung in der Akademie auch noch einen großen Einblick in das Leben der Geweihten bekam.
Dann eines Tages als ich im Garten der Akademie saß und las, kroch eine Schlange unter den Steinen der Mauer hervor. Sie schlängelte sich auf meinen Schoß und blieb dort liegen. Obwohl ich nicht wusste, ob die Schlange vielleicht giftig sei, hatte ich keine Angst. Im Gegenteil wusste ich, dass sie mir bestimmt nichts tun würde. Als ich meine Lektion gelernt hatte, schlängelte sich die Schlange wieder davon. Am nächsten Tag wiederholte sich das Schauspiel. Und diesmal streichelte ich das Reptil ein wenig. So ging es weiter. Jeden Mittag ging ich in den Garten und die Schlange kam zu mir. Ich freute mich immer auf unsere Begegnungen und ohne, dass ich es mir wirklich bewusst überlegte, reifte in mir die Erkenntnis, dass ich keine Magierin, sondern eine Geweihte werden wollte. Die Schlange im Garten war ein für mich ein deutliches Zeichen der Herrin.
Durch die Verbindungen, die ich durch meine freundliche und gütigebLehrerin hatte, war es kein Problem bei den richtigen Leuten vorstellig zu werden und mich um ein Noviziat in den Hallen der Weisheit zu bewerben.
In der Tat dauerte es nicht einmal drei Monde bis ich geprüft war und die große Ehre bekam, in den Hallen der Weisheit meine neue Ausbildung zu beginnen.
Auch hier fand ich schnell Freunde. Diesmal war ich nicht die jüngste, im Gegenteil war ich um einiges älter als die meisten neuen Novizen. Das Durchsetzen viel mir also nicht besonders schwer, zumal ich durch den Unterricht in der Akademie schon viel wusste. Und durch meine Besuche im Tempel war ich mit vielem bereits vertraut. Mir bereitete das Lernen große Freude und ich lernte schnell. So war ich sicherlich ein Liebling von unseren Lehrern und den anderen durch mein "Magierinsein" so überlegen, dass niemand wagte mich zu hänseln.
Der Novizin Marike erging es ähnlich, wenn auch aus anderen Gründen. Sie war von der Herrin HESinde erwählt worden: Ihre Mutter war eine große Forschungsreisende für die allerdurchlauchtigste Hoheit in den Urwäldern südlich von Drol gewesen. Als das Lager von Mohas angegriffen wurde, war eine der giftigsten Schlangen der Gegend zu ihr in die Wiege in das Zelt ihrer Mutter geglitten und hatte ihr nichts getan, sondern sie nur eine ganze Zeit behütet. Sie war also ganz eindeutig eine Auserwählte der Herrin. Diese Geschichte war für uns Novizen natürlich großartig und wurde immer und immer wieder erzählt. Marike wurde ganz besonders respektvoll und ehrerbietig behandelt. Wir beide freundeten uns an und verbrachten die Zeit des Noviziats fast wie Schwestern.
Ich gewann in dieser Zeit unter den anderen Novizen so viele Freunde, die mir bald so teuer waren wie Geschwister.
Der gute, alte Mentor Wigbold war unser Stubenmeister. Ach der Arme, rückblickend sehe ich, was für eine schwere Zeit wir ihm bereitet haben. Doch er war immer freundlich und gütig und verständnisvoll. Die Lehrerin für Sprachen, Schriften und Verschlüsselungen derselben, Magistra Amene, und der Lehrer für andere Kulturen, Magister Sigurd, wurden schnell meine Lieblingslehrer, da sie schließlich auch meine Lieblingsfächer unterrichteten. Ich konnte so viel von ihnen lernen, sie wurden fast wie ein zweites Paar Eltern für mich.
Natürlich gab es auch immer wieder Streit und Hader, viele lustige Streiche und Scherze und Abenteuer. Wir waren - obwohl wir ja bereits in den Diensten der Herrin standen - Kinder. Ich erinnere mich besonders gerne an den Frosch im Bett von unserem Stubenmeister oder den nächtlichen und natürlich verbotenen Ausflug in die Stadt hinunter. Es war eine schöne Zeit! Eine sichere Zeit! Wir erfuhren viel von der Welt da draußen, denn die Halle der Weisheit quoll eigentlich immer fast über von Besuchern aus fernen, aufregenden Ländern. Und viele von den Reisenden ließen sich auch dazu herab, uns Novizen von ihren Abenteuern und den Geschichten, die sie gehört hatten, zu erzählen. Ich war mir trotz meiner jungen Jahre absolut sicher, den richtigen Platz für mich gefunden zu haben.
Besonders im Erlernen von Sprachen stellte ich mich geschickt an. Ich durfte sogar nach einiger Zeit wieder den Sprachunterricht in der Akademie bei Dorana von Ilmenstein wieder aufnehmen. Sie wurde mir eine wahre Mentorin und gute Lehrerin und Freundin! Und so kam ich auch zu der Arbeit, die die meiste Zeit meines späteren Noviziats ausfüllte: Übersetzten und Kompilieren. Ich übersetzte und kompilierte lange Texte aus allen möglichen Quellen in allen möglichen Sprachen ins Horathi. Die Arbeit lag mir und ich lernte viel über die Länder und ihre Bewohner. Und in mir erwachte der Wunsch auch einmal auf Reisen zu gehen und all die Orte zu sehen, von denen ich hier nur las und schrieb.
Hier, in den Hallen der Weisheit, habe ich mich auch das erste Mal verliebt. Es war eine sehr schwärmerische Backfischliebe. Er war bereits ein geweihter Priester und brachte Berichte eines sehr südlich gelegenen Tempels in die Hallen der Weisheit. Es war von vornherein klar, dass er nicht lange bleiben würde, aber in meiner Phantasie malte ich mir aus, wie er mich auswählen würde ihn auf seiner Rückreise zu begleiten, und ich als seine Assistentin all die großartigen Orte, Menschen und Dinge, von denen er so wunderbar zu erzählen verstand, selbst sehen und erleben würde.
Natürlich war nicht ich die Assistentin, die ihn später zurück in seinen Heimattempel begleitete. Man wählte eine ältere, erfahrene Geweihte aus, die den übrigen Anforderungen (Tempeldienst, Bekehrung und höfische Diplomatie mit den dortigen Potentaten) auch gewachsen war. Heute weiß ich, dass ich an der Aufgabe kläglich gescheitert wäre, aber damals dachte ich, die Welt müsste untergehen, als er ohne mich gen Süden reiste...
Und dann kam meine Weihe heran. Ich fieberte dem Tag entgegen und hatte gleichzeitig Angst vor ihm: Endlich würde ich eine wahre Geweihte der Herrin HESinde werden, aber was, wenn Sie mich dann doch nicht haben wollte?
Meine liebe Freundin Marike und ich sollten am selben Tag die Weihen empfangen.
Alle waren zu dem großen Ereignis gekommen. Meine Eltern kamen und meine Geschwister, die ich lange nicht mehr gesehen hatte und die mir auf seltsame Art unvertraut geworden waren. Natürlich liebte ich sie immer noch, aber meine eigentliche Familie, das war der Tempel geworden.
Die Weihe war ein - mystisches Erlebnis. Mir fällt es schwer darüber zu schreiben und die Dinge, die ich gesehen und gefühlt habe in Worte zu kleiden. Angesehen davon ist die Initiation ein Schritt in die Mysterien und sollte nicht in profanen Texten erläutert werden...
Doch für die Dinge, die noch geschehen sollten, ist es vielleicht nicht unwichtig, dass ich hier die Vision, die unsere Herrin HESinde mir schickte, zu erwähnen:
Ich sah zwei Gestalten, die miteinander rangen. Männer waren es, doch groß und schrecklich und schön. Götter eher, denn Männer - Alveranier. Ihre Gestalt schien sich zu verändern, mal elfisch, mal echsich, mal mit felinen Köpfen... Ein Bär bat mich um Hilfe; ich zog ihm einen Pfeil aus dem Leib und obwohl er gesundete, starb er am Pfeil... Ein Löwenmann umgeben von einer rotleuchtenen Korona blickte mich streng an und befahl, dass ich die Sieben retten müsse und nicht ihn... In einer großen Bibliothek sah ich einen Magier in Weiß, einen Magier in Grau, einen Magier in Schwarz, eine wunderschöne Frau, einen Rothaarigen mit Wolfsmütze, einen Wilden aus den südlichen Urwäldern, die sich alle die Hände reichten... Ich sah eine Schlacht, voller Grauen und Tod. In dieser Schlacht wurde meine Liebe getötet. Und die Schrecken waren nicht aus unserer Sphäre. Zuerst flog ich als Vogel darüber und dann war ich mitten drin... Und ich das Labyrinth. Schöner und prachtvoller als alles, was sich mein Geist vorstellen vermag. Leuchtend, grün und gelb, voller Bücher, voller Rätsel, voller Antworten. Überall leuchtende Steine. Und die Schlange, die alles umfängt.
Nach der Weihe diente ich nur für kurze Zeit in den Hallen Weisheit. Natürlich war auch die Arbeit im Tempel und der Bibliothek eine Art Göttinnendienst, aber ich träumte von fernen Ländern und neuen, aufregenden Dingen, die ich erforschen konnte. Ich wollte der Herrin zu Ehren eine große Forschungsreisende werden und mir einen großen Namen machen! Einen Namen, der mit dem großen Admiral Sanin in einem Atemzug genannt werden sollte.
Und dann bekam ich meinen ersten Auftrag, der mich in die Welt hinaus führte. Ich sollte zwei Kisten mit Büchern in die Bibliothek von Baliho bringen. Baliho - das klang wie eine ganz andere Welt. Es war zwar nicht der Süden, aber dort waren die Winter firungefällig, dort lebten Bären in jeder Höhle und es gab Orken und Goblins in unvorstellbar großen Mengen. Ich sollte mich Handelsreisenden bis Gareth anschließen und dort einen Leibwächter engagieren, denn nach dem Orkkrieg war die Gegend noch nicht wieder völlig befriedet. Hach! Das hörte sich nach genau dem Abenteuer an, das ich mir immer gewünscht hatte.
Wie wenig ich doch wusste...