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Im Springenden Delfin zu Kuslik

Aaminah hatte mit Maelcon und Thula ein wenig die Stadt erkundet. Aaminah gefiel, was sie gesehen hatte. Auch wenn das liebliche Feld natürlich in seiner Kultiviertheit lange nicht an das Tulamidenreich heranreichte, war es doch viel weiter entwickelt als alle anderen Landstriche, die sie bisher durchreist hatten.
Sie wäre gerne noch länger durch die Straßen – und vor allem über den Markt – gewandert, aber Sadiyyah war es endlich doch zu viel geworden, und ihr Quengeln hatte sie in den "Springenden Delfin" zurückkehren lassen.
Als sie die Tür zu ihrer Suite öffnete, stand Bronzehund am Fenster. Auch wenn er auf das bunte Treiben draußen hinausblickte, war er in Gedanken offensichtlich ganz woanders. Als er das Öffnen der Tür hörte, drehte er sich um.
"Oh, ich wollte dich nicht stören …", sagte Aaminah rasch.

Bronzehund schaute auf, schien Aaminah erst in diesem Augenblick wahrzunehmen. In der Hand hatte er eine seiner prächtigen Beinschienen, die noch aus seiner Zeit in Al'Anfa stammten. Das letzte Jahr mit all seinen Abenteuern und Schrecken hatte seine Spuren hinterlassen – ein paar tiefe Furchen zogen sich durch das Metall, und aus ein paar der kleinen Figuren, die kunstvoll in Silber in das Bronze eingelassen waren, fehlten Stücke – dort war einem Gladiator der Arm abgebrochen, woanders fehlte einem steigenden Pferd der Kopf.
Dennoch strahlte das Metall in warmen Glanz, so als wäre es stundenlang poliert worden – und wenn man von den übrigen Rüstungsteilen, die zusammen mit Lappen, einem Tiegel feinem Sand, einem Fläschchen Öl, einer Bürste mit Drahtborsten und anderem Zeug auf dem Tisch neben Bronzehund lagen, ausging, war es genau das, womit Bronzehund die letzten Stunden verbracht hatte.
Bronzehund ging ein, zwei Schritte auf Aaminah zu, beugte sich über Sadiyyah, riss die Augen weit auf und zog Grimassen, bis die Kleine vor Vergnügen gluckste. Dann blickte er wieder hoch zu Aaminah, und ihre Blicke trafen sich. Einen Augenblick glaubte Aaminah, ein graues Haar in Bronzehunds vollem, dunklen Zopf zu sehen – aber vielleicht war es auch das Licht.
"Ich hatte nicht erwartet, dass Ihr schon so früh wieder hier seid. Sind Maelcon und Thula auch schon zurück …?"
Mit einem Finger fing er an, Sadiyyah unterm Kinn zu necken, und die Kleine drehte den Kopf hin und her und quiekte wieder. Neben Bronzehunds riesiger Hand sah ihr Kopf so winzig aus. Einen Augenblick verweilte Aaminahs Blick auf Bronzehunds vernarbter Handfläche – dort, wo er sich schon so unzählige Male geschnitten hatte, um mit seinem Blut um Kors Segen zu bitten. Bronzehund bemerkte ihren Blick, drehte den Handrücken nach oben und stupste Sadiyyah nun sanft auf das kleine Näschen.
"… oder war unsere kleine Prinzessin nur zu müde, um die Stadt weiter zu erkunden?"

"Zumindest dachte ich das", meinte Aaminah zweifelnd, als sie zusah, wie Sadiyyah Bronzehund mit einem fröhlichen Krähen die Arme entgegenstreckte. "Aber jetzt glaube ich, dass sie sich einfach gelangweilt hat." Sie zuckte die Schultern. "Gelangweilt auf dem Markt von Kuslik … ich weiß nicht, von wem sie das hat!" Sie bemerkte Bronzehunds amüsiert vielsagenden Blick und kam ihm zuvor: "Ich weiß, ich weiß – von mir nicht!"
Sie reichte die unterdessen wild strampelnde Sadiyyah an Bronzehund, und die Kleine machte es sich sofort zufrieden schmatzend in der sicheren Geborgenheit seines massiven Arms bequem.
"Thula und Maelcon sind noch weiter…", fing sie an, verstummte aber, als sie sah, wie ihrer kleinen Tochter im Arm des großen Kriegers nun doch die Lider schwer wurden, und sie ganz plötzlich und unwillkürlich das Bild eines anderen großen Kriegers – vielleicht nicht ganz so breit und blond statt dunkel – vor Augen hatte, der seine Tochter noch nie im Arm gehalten hatte, ja vielleicht noch nicht einmal von ihr wusste. 
Bronzehund schaute fragend hoch, als sie nicht weitersprach. Energisch drängte Aaminah das Bild beiseite. "Sie sind noch weitergegangen", brachte sie ihren Satz zu Ende. Bronzehund sah sie forschend an, sagte aber nichts. 
Aber der Anblick des ehemaligen Gladiators, der nun mit fürsorglichem Blick über das beinahe schlafende Kind wachte, weckte noch einen ganz anderen Gedanken in Aaminah: Sollte er nicht irgendwann sein eigenes Kind im Arm halten? 
Als sie ihn kennengelernt hatte, hätte sie sich Bronzehund sicher niemals als Familienvater vorstellen können, aber nun, da sie ihn besser kannte, wusste sie um sein großes und liebevolles Herz. Es war vermutlich töricht, von einer ruhigen Zukunft in Musgraven für ihn zu träumen, aber musste es ausgerechnet Kor sein, dem er sich weihen wollte? Irgendwo dazwischen musste es doch einen Mittelweg geben.
Gerade jetzt, in den Tagen und Wochen nach ihren Erlebnissen in Thorwal, schien er sich so verändert zu haben. Sie hatte ihn noch nie so fröhlich und ausgelassen wie mit Maelcons Familie in Havena gesehen. Er hatte gelacht und gescherzt. Konnte ein solcher Mann wirklich für den göttlichen Panther bestimmt sein?
Natürlich war es seine Entscheidung, und sie sollte sich nicht einmischen, aber sie konnte die Worte nicht zurückhalten: "Bronzehund, bist du dir wirklich sicher, dass du das Richtige tust?"

Ein Schatten huschte über Bronzehunds Gesicht. Aaminah war sich nicht sicher, was sie in diesem Augenblick in seinen Augen sah – Wut, Zorn waren es nicht, und doch schien die Heiterkeit für einen Moment ganz wie von ihm abgefallen zu sein. Aber es war auch keine Trauer, die ihm ins Gesicht stand – tatsächlich konnte sich Aaminah nicht erinnern, Bronzehund schon einmal so gesehen zu haben.
Sadiyyah schien die plötzliche Spannung zu spüren, wurde wieder ein wenig wach und gab ein paar protestierende Laute von sich. Dies löste die Spannung des Augenblicks – Bronzehund senkte den Blick wieder auf Sadiyyah, wiegte sie in seinen Armen hin und her und sang ihr sanft ein paar Takte eines Schlaflieds, während Aaminah sich setzte und nervös mit den Fingern durch ihr Haar fuhr. Sadiyyah jedenfalls schien zufrieden, döste schnell wieder ein, und kaum war sie eingeschlafen, gab Bronzehund sie Aaminah wieder in den Arm, zog einen Stuhl heran und setzte sich neben sie.
Sein Blick wich ihr aus, und einen Moment lang schien er mit den Worten zu ringen. Dann aber sah sie, wie sich die Muskeln in seinem Nacken anspannten, und er hob den Kopf und sah ihr ins Gesicht.
"Hast Du eigentlich eine Vorstellung davon, was Kor für mich bedeutet?"
Einen Augenblick hing die Frage zwischen ihnen beiden im Raum. Aaminah wollte gerade ansetzen zu antworten, als Bronzehunds Blick sie zum Schweigen brachte. Alles Mögliche hatte sie in diesem Blick erwartet – Bitterkeit, Schmerz, die Schatten der Vergangenheit, die ihn hier in diesem Moment wieder einholten – aber sein Blick war, geradeheraus, ernst, klar und offen. Er benetzte die Lippen, hielt einen Augenblick
ein und begann dann wieder, zu sprechen.
"Ich weiß, dass du Kor missbilligst, weil er ein Gott des Blutvergießens ist. Aber er ist auch ein Gott der Obhut. Er lässt uns die Dinge tun, die nötig sind, um diejenigen zu verteidigen, die wir lieben – und er lässt unsere Herzen kalt werden, damit es uns nicht berühren kann, damit wir am Ende zu unseren Lieben zurückkehren können und dann nichts mehr von den Schrecken des Kampfes in unseren Herzen tragen.
Ich … Damals in der Arena habe ich Männer gesehen, die über all dem Blutvergießen, über all dem Kämpfen und Töten langsam wahnsinnig geworden sind. Manchen nahm die Arena den Mut, anderen das Mitgefühl oder sogar die Menschlichkeit. Manche taumelten nur noch wie benommen in die Arena, unfähig sich weiter zu wehren – das, was sie als unvermeidlich empfanden, noch weiter hinauszuzögern. Andere wurden zu einigen der grausamsten, verachtenswertesten Menschen, die je auf Dere wandelten, und ergötzten sich noch an den Gräueln, zu denen sie das Publikum anstachelte."
Aaminah legte ihre Hand auf die Hand Bronzehunds, der den Blick gesenkt hatte. Doch als er wieder zu ihr aufsah, war dort keine Spur von dem Schmerz oder dem Hass zu sehen, der früher stets da war, wenn er über seine Vergangenheit sprach. Er drückte ihre Hand und sprach weiter.
"Man sagt, Kor sei unter den Gladiatoren der beliebteste aller Götter, und das ist wahr – auf gewisse Weise. Sicher, manche bitten ihn um Grausamkeit und Kampfgeschick – aber nicht alle. Wahrscheinlich nicht mal die meisten. Sicherlich nicht ich.
Ich und meine Freunde – wir beteten zu Kor, dass er uns beschütze. Wir beteten zu Kor, dass er unsere Herzen zu kalten Karfunkelsteinen machen möge, auf dass wir nicht den Schrecken und Verlockungen der Arena anheim fielen, auf dass uns die Angst nicht verschlänge oder wir nicht das Werk Belhalhars täten. Wir beteten, dass Kor uns in der Arena erfüllen möge, auf dass das blutige Werk der Arena nicht unsere Seelen verderbe. Wir beteten, für ein paar Augenblicke frei von Mitleid und Zweifel, frei von Furcht und Zögern zu sein, auf dass wir als Menschen, und nicht als Bestien, wieder aus der Arena treten könnten." 
Der Stuhl knarzte unter seinem Gewicht, als er sich zurücklehnte. Sein Blick haftete weiter auf Aaminah, während er zu einer Geste ausholte, die den Raum, die Stadt, ja die ganze Welt umfassen wollte.
"Ich meine – hast Du eine Vorstellung davon, was uns noch bevorsteht, wenn all das, was wir im Augenblick von Thorwal bis ins Liebliche Feld verkünden, tatsächlich eintritt? Wenn ER tatsächlich die Hand nach der Macht über ganz Aventurien ausstreckt?"

Während sich ein unangenehmes Schweigen zwischen Aaminah und Bronzehund ausbreitete, polterte und raschelte es vor der Tür. Noch bevor einer der beiden reagieren konnte, schwang die Zimmertür auf und, begleitet von einem sehr unakademischem Fluch, der jedem Bettler in Havena die Röte ins Gesicht getrieben hätte, stolperte Thula in den Raum.
Der Stab der Magierin fiel klappernd zu Boden, gefolgt von zwei in leichtes Leinen eingeschlagenen Paketen, die ihr ebenfalls aus den Händen glitten. In der offenen Tür stand noch ein prallgefüllter, zugeschnürter Sack mit großem Riemen, der die Ausmaße eines stattlichen Zwerges annahm.
Thula schaute auf und löste dabei stirnrunzelnd einen ihrer vielen hüftlangen, schwarzen Zöpfe aus ihrer Gürtelschnalle, der sich dort offensichtlich schmerzhaft verfangen hatte.
Mit hellblauen Augen strahlte sie Bronzehund und Aaminah aus ihrem verschwitzten Gesicht an: "Kuslik ist einfach GROSSARTIG!"
Die große Frau schickte sich an, den Stab aufzuklauben, bückte sich dann aber umständlich nach den Paketen und feuerte diese auf das Bett. Dann schleuderte sie mit einer geübten Fußbewegung ihren Stab vom Boden, fing ihn geschickt auf und platzierte ihn ebenfalls, jedoch achtsamer, neben ihren neuen Schätzen.
Konzentriert begann sie, eines der Pakete auszuwickeln. Zu Tage kam ein nachtblaues Stück Stoff, das auf einem weiteren weißen Kleidungsstück zu liegen schien.
"Wenn wir Ihro Gnaden Lovenia in Grangor aufwarten, kann ich mich ja nicht in dieser Aufmachung präsentieren. Und selbst wenn Lovenia nicht zu Hause sein sollte, ist das Geld dennoch gut angelegt, denn auch in Punin sollte man immer zeigen, wer man ist und was man hat! Wenigstens der erste Eindruck muss stimmen, vielleicht wirkt das ja beruhigend auf den Unsinn, den man anschließend von sich gibt. Zu guter Letzt kann ich dieses Gewand ja auch im Theater ausführen. Wie überaus praktisch sind doch diese Tücher", dabei wedelt sie mit dem Einschlagsleinen rum, "kann man gleich als Handtücher benutzen oder sonst wie. Doch nein, vielleicht ist dies etwas zu viel des Guten. Wo sind denn bloß meine neuen Sandalen, habe ich die vielleicht beim Schneider stehen lassen?"
Verwirrt und leicht bestürzt sprang sie auf, zog den Sack in den Raum und schloss dann die Tür. 
"Das hier", sie deutete dabei auf ihre Kleidung, mit der die Truppe sie auf der gesamten Reise gesehen hatte: ein überknielanger, mausgrauer, gerade geschnittener Kaftan über einer ebenso grauen, aber gröberen Hose, Beine in pelzgefütterten Stiefeln, die sie sich jetzt von den Füssen zerrte, um barfuss den Sack aufzuziehen, "ist aber allemal gut genug für Taubental. Wer weiß, welcher Dreck außer der Pest dort sonst noch auf uns wartet!""
Sie hielt inne, drehte sich zu Bronzehund und Aaminah um, stutze kurz, fing sich aber sofort wieder und versuchte, eine ausdruckslose Mine aufzusetzen. Dies gelang ihr aber nicht vollständig und mit einem süffisanten Lächeln fragte sie: "Stör ich etwa?"

"Woooooooaaaaaaaaaaha ... AAU!" Draußen vor der Tür war ein Poltern zu vernehmen, gefolgt von einer Aneinanderreihung kurzer unterdrückter Flüche, wie sie die Helden schon öfters aus dem Mund eines kleinen Gauklers Maelcons hatten vernehmen müssen. Langsam knirschend öffnete sich die Tür, durch die eben noch die Adepta den Raum betreten hatte, und es erschien, einen kleinen Beutel tragend, Maelcons linke Hand, dicht gefolgt vom übrigen Maelcon. In seiner rechten balancierte er einen in ein Tuch eingeschlagenen kastenförmigen Gegenstand wie ein Tablett, auf dem sich drei weitere Beutel befanden, welche von einem langen in Stoff gewickelten Ding, auf dem zwei Päckchen lagen, heruntergedrückt wurden und dessen Gipfel von einem kleinen Korb gekrönt wurde.
"Phex zum Gruße!" Sein Blick wanderte mit einem breiten Grinsen durch die Runde, und er fuhr, ohne auf Antwort zu warten, fort: "Bei den Zwölfen, Kuslik ist eine tolle Stadt!"
Er machte einen Schritt in den Raum, wobei sich sein linker Fuß in einem von Thulas abgelegten Beuteln verfing. Zwei schnelle Schritte und einige atemberaubend geschickte Bewegungen, um den Turm im Gleichgewicht zu halten, später hatte Maelcon sich kurz vor Sadiyyah wieder gefangen und schaute auf den Beutel in seiner linken Hand: "Über den bin ich draußen vor der Tür gestolpert. Kannst Du den verloren haben, Thula?" 
Er schaute auf die vielen Dinge auf dem Boden und fing darauf ihren Blick ein: "Äh ... Magistra major?!" Nach einem kurzen Moment der Verlegenheit wandte er den Blick mit einem strahlenden Lächeln zu Sadiyyah: "Aber zu Dir wollte ich eh gerade ..."
Er ließ den Beutel in seiner Linken etwas achtlos auf etwas Weiches am Boden fallen, stupste ihr kurz freundlich mit einem Lachen an die Nase und kramte danach kurz in dem Turm. Zum Vorschein kam eine farbenfrohe hölzerne Tröte, deren vordere Öffnung als Kopf eines lustigen pustenden Äffchens gestaltet war. Er zeigte Sadiyyah kurz, an welcher Stelle man hineinpusten musste, und gab ihr das Spielzeug/Musikinstrument, bevor er sich Aaminah und Bronzehund zuwandte: "Ich weiß, was ihr sagen wollt, aber das sind alles nützliche – ach was – essentielle Dinge!"

Aaminah warf Bronzehund einen Blick irgendwo zwischen Verzweiflung und Amüsement zu. Sie hätte gerne noch ein bisschen länger mit ihm gesprochen, ihm gesagt, dass sie ihn verstehen konnte, ihm auch ihren, vielleicht egoistischen, Wunsch, ihn bei sich zu behalten, gebeichtet und ihre eigenen Sorgen und Ängste über das Auseinanderbrechen ihrer Familie – denn so kam es ihr vor – geteilt. Aber der Moment war vorbei. 
Stattdessen demonstrierte sie Sadiyyah den Gebrauch ihrer neuen Tröte, und wenn das Kind auch noch zu klein war, um es wirklich nachmachen zu können, griff sie doch begeistert nach dem bunten Spielzeug, das so außergewöhnliche Geräusche von sich gab, und kaute glücklich darauf herum. Aaminah war sich sicher, dass sie sehr bald herausfinden würde, wie sie ihr selbst solche Töne entlocken konnte – vermutlich genau in dem Moment, in dem sie sich gerade vor Räubern oder Dämonen – oder beidem – versteckten.
"Wie? Ist der Markt schon leer gekauft?", fragte sie dann die beiden Neuankömmlinge und hatte plötzlich das erstaunliche Gefühl, die Mutter Vernünftig der Gruppe zu sein. "Vielleicht sollten wir die Stadt doch lieber heute als morgen verlassen, wenn wir noch etwas von unseren Geldreserven behalten wollen. Aber apropos Stadt verlassen: Was genau sind denn jetzt unsere Pläne? Wir wollen auf jeden Fall noch hier bleiben, bis wir Nachricht von Thenna haben und Bronzehund in den Kor-Tempel gegangen ist. Und danach? Maelcon und ich ziehen dann nach Norden in Richtung Musgraven. Adepta major, was sind Eure Pläne? Werdet Ihr länger bei uns bleiben, oder müsst Ihr bald wieder an Eure Akademie zurück? Und wie ist das jetzt mit dem Zeichen? Wollen wir einmal ausprobieren, ob es seinen Weg magisch zu dem Empfänger der Botschaft findet oder suchen muss? Oder denkt ihr, es wäre respektlos, so etwas einfach auszutesten?"

Bronzehund hatte sich ob des lautstarken Eintritts der Adepta major und Maelcons wieder von seinem Stuhl erhoben und mit seinen Rüstungsteilen beschäftigt. Nun sah er davon auf, runzelte die Stirn und sah von Aaminah zu Thula, von Thula zu Maelcon und wieder zurück und grinste.
"Habe ich etwas nicht mitbekommen? Hattet ihr nicht solche oder ähnliche Tests schon durchgeführt, in Musgraven, Thorwal und sonst wo? Was sollte diesmal also respektlos daran sein?"
Seine Augen wanderten noch einmal zu Aaminah, dann fixierten sie Thula. "So wie ich es sehe, und so wie ich Ihre Spektabilität in der Akademie in Thorwal verstanden habe, ist Aaminahs Zeichen nicht in der Zahl der Anwendungen begrenzt. Aaminah ist die Botin des Wandelnden Bildes – ihre Aufgabe und ihr Schicksal ist es, die Welt auf ein Bündnis gegen IHN einzuschwören. Warum sollten wir also nicht ein wenig damit herumexperimentieren – wir lernen mehr über Aaminahs Fähigkeiten, und eventuell schenkt die Adepta major unseren Geschichten sogar ein wenig mehr Glauben. Wir können also nur gewinnen …"
Einen Augenblick war Thula nicht sicher, ob in Bronzehunds Worten Schärfe lag – doch dann zwinkerte er ihr schelmisch zu und nahm dem Augenblick die Spannung. Mit einigen Schritten war er zu Thulas Einkäufen hinübergegangen, nahm das nachtblaue Gewand, hielt es hoch und schenkte ihm sein bestes "Müsste-da-nicht-mehr-Stoff-dran-sein"-Gesicht.
"Ansonsten: die Adepta major sprach grade von Grangor – es liegt nicht unbedingt auf dem Weg von euch zwei anderen, ist aber vielleicht einen Abstecher wert. Und wenn ich mich recht erinnere, habt ihr auch Punin erwähnt – es scheint also, als würdet ihr zumindest für den Anfang noch in dieselbe Richtung reisen."

Thula schnappte Bronzehund den Seidenstoff weg und funkelte ihn wütend an: "Finger weg, das wird mein Konventionsgewand!"
Dann erinnerte sie sich an seine Geste, straffte den Oberkörper und fuhr mit versöhnlicherer Stimme fort: "Edler von Musgraven, ich muss Euch daran erinnern, dass für viele der erste Eindruck unwiederbringlich Ihre Urteilskraft beeinflusst. Die Geschichte, die ihr zu verkünden bereit seid, und die WIR zum Besten geben werden", dabei hielt sie inne und ihre Mine verdunkelte sich, während sie in die Runde blickte, "ist ungeheuerlich, und nur zu schnell werden wir abgeurteilt werden. Ich reise erst seit kurzer Zeit mit euch, und obwohl euch mein Wohlwollen gewiss sein kann, muss ich doch betonen, das die Dinge, die ihr beschreibt, unglaubwürdig wirken, weil sie einfach nicht wahr sein DÜRFEN. Hofft nicht, dass euch jemand glaubt, denn dann müsstet ihr sie bekehren. Wir werden BEWEISE für eure Geschichten vorbringen müssen! Eure Zeichen sind in der Tat beeindruckend, aber wo sind die Beweise für das, was ihr gesehen habt, für das, was ihr erzählt? Versteht mich nicht falsch, aber wenn Ihr nicht mitkommt, Bronzehund, und Thenna ebenfalls in Kuslik bleibt, wer bleibt dann?" Sie blickt auf Aaminah, ihr Kind und schließlich zu Maelcon. "Ein Gaukler? Eine Sharisad mit unehelichem Kind?"
Sie seufzte, fuhr sich über ihre Tunika und zwang sich zu einem Lächeln: "Wenn schon der Inhalt nicht stimmt, muss die Verpackung wenigstens beeindrucken. Ich habe etwas Schreckliches gespürt und bin bereit, Euch zu helfen, so gut ich kann. Doch dazu brauche ich mehr FAKTEN, darum reise ich weiter mit Euch. Doch erwartet nicht zuviel von mir … ich habe einen Ruf zu verlieren."
Die Arme hingen schlaff an ihrem Körper, schweigend schlurfte sie zum Bett, setzte sich und legte das Gewand neben sich. Sie bedeckte das Gesicht mit ihren Händen und rieb sich die Stirn. Dann straffte sie den Rücken, wischte sich mit den Händen über ihr Gesicht und strich anschließend durch ihr Haar. Aufmerksam blickte sie anschließend Aaminah an: "Wie ist der Plan, wenn es einen gibt?"

Aaminah kochte vor Wut. 'Sharizad mit unehelichem Kind'! Sharizad war ein extrem angesehener Beruf. Sie hatte bestimmt nicht weniger Respekt verdient als diese Zauberliese. Und es war schließlich nicht ihre Schuld, dass der Vater zufällig noch nichts von seiner Tochter wusste! Außerdem ging es die Frau doch überhaupt nichts an. 'Ich habe einen Ruf zu verlieren …' Ha! Hochnäsige Zicke. Aber sie, Aaminah, hatte – im Gegensatz zu manch anderer Person, die man nennen könnte – eine gute Erziehung genossen und würde sich dementsprechend zurückhalten.
"Natürlich gibt es einen Plan", sagte sie also würdevoll. "Solange wir hier noch in Kuslik sind, können wir die Zeit nutzen, ein kleines Experiment mit dem Zeichen zu machen. Vielleicht wollt Ihr uns dabei zur Hand gehen, Adepta major?", fügte sie eisig hinzu. "Danach scheint die Reiseroute auf der Hand zu liegen: über Belhanka und Bethana nach Punin und dann weiter nach Gareth, wobei wir bei den auf dem Weg liegenden Haupttempeln vorsprechen können. WIR reisen dann weiter nach Musgraven, um uns mit Landriel Sternenglanz zu treffen, was IHR dann vorhabt, müsst Ihr selbst entscheiden – wenn Ihr uns, einen Gaukler und eine Sharisad mit unehelichem Kind, überhaupt so weit begleiten wollt." 

Auch Maelcan war ob der Bemerkung von Thula über Gaukler nicht amüsiert. Deutlich weniger gut erzogen als die Sharizad, schnaubte er laut und verächtlich und murmelte etwas von „Herzoglich-Weidener Hofartist“ in seinen nicht vorhandenen Bart...

Thula zog eine Augenbraue hoch und setzte zu einer Antwort an, schien sich zu besinnen und begann neu: "Sehr gerne würde ich Euch bei der Untersuchung zur Hand gehen, und, wie ich bereits sagte, vielleicht habe ich mich undeutlich ausgedrückt – verzeiht – sichere ich Euch meine Unterstützung zu. Auch ich habe Familie unter den Elfen und würde gerne die Reise bin in die Salamandersteine mit Euch fortsetzen. Ich wusste nicht, dass Ihr Landriel Sternenglanz zu Euren Freunden zählt. Doch bitte ich um einen Zwischenhalt in Grangor, um Ihro Gnaden Lovenia als potentielle Augenzeugin und Mitwisserin zu befragen. Ich bitte außerdem, zu bedenken, WAS wir WIE WEM vorzutragen gedenken.
Außerdem sollten wir vielleicht darüber nachdenken, dass wir versuchen, beglaubigte und gesiegelte Augenzeugenberichten von bekannten und allgemein als vertrauenswürdig eingestuften Persönlichkeiten zu bekommen. Sowohl, was die vergangenen Ereignisse betrifft, als auch mögliche zukünftige Geschehnisse, in die die...“, die Adepta major zögerte unmerklich, „Gezeichneten vielleicht verstrickt werden könnten.“

In diesem Moment klopfte es an der Tür zur Suite. Thula brach plötzlich in hektische Betriebsamkeit aus, griff all ihre Pakete und Päckchen, eilte durch den Raum, schmiss alles in ihr Zimmer und schloss die Tür, so dass der unordentliche Haufen vor fremden Blicken verborgen war. Auch Maelcon schob seine Einkäufe mit einem Fuß hinter einen ausladenden Sessel außer Sichtweite.
"Ja, bitte", rief Bronzehund.
Ein Page des Hotels erschien in der Tür. "Da ist ein Herr, der Euch sprechen möchte …"
Bronzehund nickte. „Ich lasse bitten.“