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In Musgraven

Drei Feinde umkreisten Bronzehund. Er kannte sie gut, wusste, das sie jede Unachtsamkeit nutzen würden, um mit ihren scharfen Klingen seinen Körper aufzureißen, seine Knochen zu zermalmen, sein Blut auf den frischen Schnee zu vergießen. Die kalte Luft war wie Eis in seinen Lungen, der schwere, feuchte Schnee wie Ketten um seine Beine, der schwere Wintermantel wie Blei um seine Schultern. Mit einer beiläufigen Bewegung lies er den Mantel zu Boden gleiten, ohne seine drei Widersacher aus den Augen zu lassen. Er änderte die Körperhaltung, spannte die Beide, ein Fuß strich durch den Schnee, fand einen neuen Stand, eine neue Linie. Er fühlte, wie seine Rückenmuskeln sich spannten und wieder lockerten, kreiste seine Hüften und verlagerte sein Gleichgewicht, ging tiefer in die Knie und schnellte aus dem tiefen Stand wieder hervor, während sein rechter Arm Kreise in die Luft zog, sich stets wie ein Schild zwischen die Drei und ihn zu schieben schien, und so die Drei ebenso kontrollierte wie sie ihn kontrollierten. 
Es war ein seltsamer Tanz, ein todbringender Tanz. Die Bewegungen seines Körpers schienen seine Feinde zu hypnotisieren, ganz wie ein Schlangenbeschwörer die Schlange mit den Bewegungen seiner Flöte zum Tanzen bringt. Bronzehund spürte, wie sich Schweiß wie Tau an seinem Körper bildete, wie seine Wirbel vor Anstrengung knackten, die Muskeln in seinen Armen sich wie Taue spannten, seine Beine wie Brückenbögen die Last seines Körpers trugen, im Gefolge seiner Füße wie Keile durch den Schnee trieben und sich mit jedem Schritt ein neues Fundament suchten, von dem kein Feind sie zu verrücken vermochte. Sein Bauch spannte sich, die flachen Muskeln hart wie Stahltafeln in einem Eisenmantel, auf das kein Schlag und kein Streich die weichen inneren Organe verletzen könne. Die Muskeln an seinen Seiten waren wie Zügel, straff gespannt und doch nur eben so in der Lage, seinen wirbelnden und sich biegenden Oberkörper im Zaum zu halten. Doch der Tanz zeigte seine Wirkung. Die Drei, eben noch so begierig, sein eigenes Blut zu vergießen, fielen unter den Zauber seines Tanzes, und wie benommen vom Spiel seiner Arme und Beine, vom Tanz seiner Füße und Hände, vom Schlagen seiner Hüften und Winden seines Torsos wurden sie so zu seinen Verbündeten, und bald klang das metallische Singen ihrer rasselnder Ketten wie ein Triumphgesang in der Luft, kündete von Schmerzen, von Blut und Tod.
Die Ochsenherde war nie eine leicht zu führende Waffe, doch in den Händen eines Meisters tödlicher als jede Klinge, jeder Spieß und jeder Pfeil.
Jetzt, wo er seinen Rhythmus gefunden hatte, er die drei kreisenden Kugeln mit seinem Tanz von Feinden zu Gefolgsmännern gemacht hatte, fasste Bronzehund seinen Schild fester, hielt einen Augenblick inne und stürmte dann vor. Feinde erschienen vor seinem geistigen Auge, und er duckte sich unter Schlägen, lies Klingen an seinem Schild abgleiten, drückte Spieße beiseite, lies mit einer Drehung des Körpers Hiebe ins Leere gehen. Und die drei Kugeln nahmen seinen Tanz auf, kreisten in langen Bögen um ihn, zerschmetterten Klingen, zermalmten Knochen, rissen Kiefer fort, zerdrückten Helme, zerquetschten Rippen, zerfetzten Schenkel, zerrissen Knie und Ellenbogen, schlugen Schädel und Gesichter ein. 
Wessen, das konnte er nicht erkennen.
Ein Dutzend Mal wogte die Schlacht hin und her, folgte Ausfall auf Rückzug, Vorstoß aufs Stellung halten, wilder Schlag auf verzweifelte Parade. Ein Schlag zerschmetterte seinen Schild, und Bronzehund warf die Trümmer von sich, packte die Ochsenherde mit beiden Händen, änderte seinen Tanz und warf sich mit neuer Wut in den Kampf. Unter der Wucht seines Ansturms mussten seine Feinde zurückweichen, und er setzte ihnen nach, ein Schlachtenruf auf den Lippen wie wildes Geheul. Wie Rehe vor der Wolfmeute stoben sie davon, bis auf einen, der sich mit verzweifeltem Mut seinem Ansturm stellte. Ihre Waffen kreuzten sich, verhakten sich, und einen Augenblick lang war ihr Ringen wie ein Tauziehen, ein jeder darauf bedacht, seine Waffe zu befreien und gleichsam den andern seine zu entreißen. Doch Bronzehund stellte sich diesem Spiel nicht – in einem einzigen Wagnis lies er die Drei, die zu seinen Verbündeten geworden waren, aus der Hand fahren. Die andere zog seinen Dolch, und noch ehe sein verblüffter Gegner sein Gleichgewicht wieder finden konnte, hatte Bronzehund ihm den Dolch unter das Kinn und in den Schädel gerammt. Beide schlugen sie hin, und einen Augenblick meinte Bronzehund, das Leben aus den Augen seines Gegners entweichen sehen zu können. Wessen Augen, das konnte er immer noch nicht sagen.
Bronzehund blieb keuchend im Schnee liegen, bis er fühlte, wie die Kälte ihm in den Körper kroch. Er stemmte sich auf die Beine, richtete sich auf und nahm Dolch, Ochsenherde und Schild wieder an sich. Sein Mantel lag irgendwo im Schnee, und die kalte Luft umstrich seinen nackten Oberkörper, doch war er so erhitzt, das er die Kälte kaum wahrnahm. Sein Atem ging stoßweise, und Schweiß rann ihm an den Beinen hinab. 
Er war allein.
Bronzehund stampfte durch den aufgewühlten Schnee, bis er eine Stelle erreicht, wo er nur knöcheltief im Schnee stand. Langsam fing er an, sich zu strecken und zu dehnen, die Muskeln auskühlen und entspannen zu lassen, fühlte wie die Wirbel in seinem Nacken knackten. Seine Knie taten ihm weh. Er war ein großer, schwerer Mann – für Männer wie ihn waren die Knie immer eine Schwachstelle – doch eigentlich sollten sie sich erst in einem Jahrzehnt so bemerkbar machen, wie sie es in diesem Moment schon taten. Er bückte sich, massierte und drückte die schmerzenden Sehnen und konnte gleichwohl nicht übersehen, dass auch seine Hände älter aussahen, als sie eigentlich sein sollten.
Dragenfeld. Eigentlich sollte er jetzt die Blüte seiner Zeit als Kämpfer erleben – stattdessen begann sein Körper langsam, sich ihm zu verweigern, egal wie diszipliniert und verbissen er trainierte. Noch nicht allzu sehr – nicht so sehr, dass es den anderen aufgefallen wäre, so glaubte er zumindest. Und doch so sehr, dass er begann, es zu spüren. Er würde seine Beine, seine Knie in Zukunft besser schützen müssen. Seine Technik ändern, mehr aus den Hüften und dem Rücken schlagen, den Schild tiefer halten und den Oberkörper mehr drehen, um den geringeren Schutz an dieser Stelle auszugleichen. Vielleicht könnte man das ganze auch zum Positiven wenden – den Gegner dadurch verlocken, gradlinig und hoch zuzuschlagen, um dann um den Angriff herum zu treten und die Waffe auf den exponierten Arm des Gegners herabsausen zu lassen. Aber dafür müsste man schnell sein...
Ein paar Augenblicke wogte der Kampf in seinem Geiste weiter, während er sich dehnte und streckte. Sein Gegner bekam vor seinem inneren Auge Gestalt – ein Gerüsteter, dessen lange, gerade Klinge rasiermesserscharf in der Sonne funkelte, als sie auf Bronzehunds ungedeckten Hals zuschoss. Eine Drehung der Schultern lies die Klinge ins Leere fahren, ein halber Schritt beiseite gab Bronzehund Platz genug, die Ochsenherde von unten herauf zu schwingen, die Kugeln von unten in Oberarm und ungerüstete Achselhöhle zu rammen, so dass sie Muskeln aufrissen und das Schlüsselbein zermalmten. Im Augenblick des Aufpralls fanden Bronzehunds Augen die seines Gegners...
...und doch konnte er sie nicht erkennen.
Er riss sich aus seinen Gedanken. Ein paar Schritte neben ihm lag ein Baumstamm, der von den Stürmen des Weidener Herbstes entwurzelt worden war. Behände stieg Bronzehund auf den Stamm, wiegte sich ein paar Mal hin und her, um sein Gleichgewicht zu testen, und begann dann, auf dem rutschigen Stamm Schläge, Tritte und Sprünge zu üben. Gerade die Schläge und Tritte aus der Drehung verlangten viel Konzentration, denn der Baumstamm war schmal und uneben, und ein einziger falsch gesetzter Fuß, ein Tritt ins Leere, und er würde bäuchlings im Schnee landen. Ein paar Augenblicke lang war er wie losgelöst, bestand nur aus Bewegung und Balance, aus hervorpeitschenden Gliedmassen und rasch über das Holz fegenden Füssen, der Geist leer und nur auf den Augenblick fixiert. Dann meinte er einen Augenblick ein Gesicht hinter sich zu sehen, rote Augen und ein gieriges Lächeln, dass über spitze Zähne bleckte. Er stieß seinen Ellenbogen hinein, wirbelte herum, packte Hals und Schultern wie eine Schere, um sie im nächsten Moment scharf gegeneinander zu ziehen. Kein Genick krachte, aber das Phantom verschwand vor seinen Augen, im nächsten Augenblick ersetzt durch schwarze Leere, die sich unter einer Kapuze sammelte. Eine Peitsche zuckte von der Seite auf sein Gesicht zu, und er duckte sich, rollte auf dem schmalen Stamm unter der seltsam schwebenden Robe vorbei, stützte die Arme auf und trat mit dem linken Bein aus wie ein Esel – ein Tritt, der einen erwachsenen Mann von den Beinen geholt und vielleicht sogar den Rücken gebrochen hätte. Doch dort, wo eben noch Robe und Peitsche waren, durchstießen vier mächtige Hörner die Luft. Mit einem Entsetzensschrei sprang Bronzehund hoch, wirbelte in der Luft herum und lies sein Bein wie eine Sense auf die Kreatur herabsausen.
Doch natürlich war dort nichts. Der Tritt ging ins Leere, und als sein anderes Bein wieder auf dem Stamm landete, war er unkonzentriert. Der Fuß fand keinen Halt, der Knöchel verdrehte sich schmerzhaft, und mit einem weiteren Schrei stürzte Bronzehund zuerst auf den Stamm und dann in den Schnee.
Schweiß stand ihm auf der Stirn, das Gesicht war zu einer Grimasse verzogen, die Zähne gebleckt, als er sich wieder aufrappelte. Sein Puls tönte in seinen Ohren wie Kriegstrommeln, und seine Hände zitterten. Er ballte seine Fäuste, ging in einen tiefen Stand, schloss die Augen und konzentrierte sich auf seinen Atem, bis dieser wieder ruhig und flach war. Erst dann humpelte er zu, Stamm zurück, um sich darauf zu setzen und sich seinem schmerzenden Knöchel zu widmen.
Eine kurze Untersuchung zeigte, dass es nichts Ernstes war. Ein wenig verdreht, aber die Sehnen waren unverletzt, das Gelenk nicht gebrochen. Er zog seinen Stiefel aus und legte den nackten Fuß in den Schnee, wo die Kälte die Schwellung lindern sollte. Mit dem Training war es für heute jedenfalls vorbei.
Einen Augenblick wollten die Bilder wieder in ihm hochkommen, wollten die vier Hörner sich wieder in sein Blickfeld, sein Bewusstsein drängen, doch er schüttelte heftig den Kopf und vertrieb sie. In Augenblicken wie diesen bewunderte, beneidete er Maelcen – all das Grauen, all die Schrecken, die sie gemeinsam erlebt hatten, schienen von dem kleinen rothaarigen Mann regelrecht abzuprallen, abzugleiten, ganz als wären sie wie Wasser, das vom Gefieder einer Ente perlt. Er selbst dagegen, der früher keine Mühe hatte, eine ganze Parade an Feinden vor seinem inneren Auge auflaufen zu lassen – Wachen, Gladiatoren, die Herren von Al’Anfa – wagte es kaum noch, bei seinen Übungen allzu genau auf die Schemen zu achten, die vor ihm tanzten - aus Furcht, einigen der Schrecken, denen sie entgegengetreten waren, erneut gegenüberzustehen. Sicherlich gab Bronzehund sich unerschütterlich und furchtlos, vielleicht war er es zu einem gewissen Grade auch – doch ihm fehlte diese Gabe, noch im dem Augenblick, da der letzte Schrecken fällt, dann wenn einem Entsetzen noch die Kehle zuschnürt und der Verstand noch nicht fassen will, dass es vorbei ist, die Hand um die Waffe immer noch unruhig ist wie ein Bluthund, der sich gegen die Kette wehrt, an die man ihn legen will – in diesem Augenblick sich theatralisch das Blut von der Stirn zu wischen, mit den Schultern zu zucken, schief zu Grinsen und einen Witz darüber zu machen, dass man ja nun wirklich noch nie über und über voller grünem Blut gewesen sei. In solchen Augenblicken konnte Bronzehund Maelcen jede seiner unzähligen Dummheiten, Diebereien oder Schwindeleien verzeihen. 
Sein Knöchel fing an, dumpf zu pochen. Er hob ihn aus dem Schnee heraus, trocknete ihn vorsichtig mit seinem Mantel ab und schob ihn dann zähneknirschend fingerbreit um fingerbreit in den Stiefel zurück. Müde richtete Bronzehund sich von dem Baumstamm auf, lies die Schultern rollen, streckte sich und lies noch einmal die Wirbel knacken. Einen Augenblick starrte er gedankenverloren ins Leere, bis ihn das Knacken eines Astes herumfahren lies. Eine Krähe flatterte irgendwo links von ihm protestierend auf, fand einen Sitz auf einem hohen Ast und krächzte lauthals ihr Missfallen in die Welt. Bronzehund spähte an dunklen Stämmen vorbei in den Wald, konnte aber nicht erkennen, was es gewesen war, das die Krähe aufgescheucht hatte. Möglicherweise war es Morgen gewesen – der Druide strich in letzter Zeit oft alleine durch die Wälder. Zu oft. Morgen war schon immer eigenbrötlerisch gewesen, aber all die Geschehnisse des letzten Jahres schienen ihn noch weiter in sich selbst zurückgetrieben zu haben. Oftmals schlief er nicht in Musgraven, sondern irgendwo in der Wildnis, wo er sich eine Höhle oder so etwas eingerichtet hatte – Bronzehund hatte sie nie gesehen. Vielleicht waren es die Erinnerungen an Musgraven, als sie hier von Praiosgeweihten und Bannstrahlern verhört wurden, die Morgen in den Wald trieben. Bronzehund selbst hatten sie weitgehend ignoriert, aber die Zwölfe alleine wussten, was sie in dieser Zeit mit Morgen gemacht hatten – der Druide hatte kaum ein Wort darüber verloren. 
Die Zwölfe alleine wussten, was dieses Auge aus Morgen gemacht hatte. Bronzehund war nicht wohl dabei, wenn er an diesen blutroten Edelstein dachte, der jetzt in Morgens Augenhöhle ruhte. Er lies ihn Magie sehen, soweit Bronzehund das verstand – aber in Bronzehunds Augen war es eher die mondäne Welt, der Morgen größere Teile seiner Aufmerksam schenken sollte. Seine Entrücktheit hatte wenig Liebenswertes, und sein Streben nach magischer Macht hatte etwas Beängstigendes – denn oftmals lies es Morgen an der Weisheit fehlen, die mit Macht einhergehen sollte. Bronzehund sorgte sich, was aus Morgen noch werden sollte – und was für einen Eindruck er vor Kaisern, Königen und Fürsten, vor Weisen, Magistern und Geweihten machen würde, wenn sie im nächsten Jahr in den Süden ins Mittelreich ziehen würden, um der Welt die Kunde von SEINER Rückkehr zu bringen.
Die Krähe flog mit kräftigem Flügelschlag davon, und Stille kehrte wieder im Wald ein. Bronzehunds Atem schickte kleine eisige Wölkchen in den Himmel. Er spürte die Kälte jetzt stärker, fühlte, wie sich Gänsehaut an seinen Armen bildete. Er wickelte den Mantel um sich und spürte sofort, wie ein wenig Wärme in seinen Körper zurückkehrte. Aaminah hatte einmal gescherzt, er würde die Sonne des Südens unter der Haut tragen, als er das erste Mal splitterfasernackt durch den Schnee getobt war. Dann hatte sie ihn mit ihren dunklen Augen angesehen, den Kopf in den Nacken geworfen und dieses Lachen gelacht, das sich anhörte, als würden die dutzend kleinen Glöckchen ihrer Schleier sanft im Wind klingen. Bronzehund mochte dieses Lachen, und er bewunderte die Tänzerin um ihre Anmut, ihre Balance, ihre Kraft. Einen Augenblick lang hatte er Aaminahs bloße, wohlgeformte Beine vor Augen, lies seinen Blick von ihrem kleinen, perfekten Fuß die Wade und den Schenkel hoch wandern bis zu der Stelle, wo die wirbelnden Schleier den Blick auf weiteres verbargen, und ein Lächeln machte sich auf Bronzehunds Gesicht breit. Er würde Lügen, würde er behaupten, dass er Aaminah nicht begehrenswert fände – die Ereignisse des letzten Jahres hatten sie jedoch zu viel zu guten Freunden, ja fast zu großem Bruder und kleiner Schwester gemacht, als dass Bronzehund es wirklich ernsthaft erwägen würde, zu versuchen, die Sharisad in sein Bett zu locken. Außerdem wusste er, dass es ohnehin vergebliche Liebesmühe wäre – zu offensichtlich war doch die Zuneigung, die sie für den Rondra-Ritter Löwenbrand empfand. Bronzehund sah dies sehr zwiegespalten – zum einen freute er sich für Aaminah, zum anderen hatte er Sorge, dass diese Zuneigung ihr nur Kummer und Leid bringen würde. Nur allzu oft hatte er in Al’Anfa gesehen, was passierte, wenn Sklaven sich mit Herren einließen – und selbst wenn die Dinge hier anders lagen, waren sie auch wieder nicht so anders, dass gar kein Grund zur Sorge herrschte. Er hoffte nur, dass Aaminah offen zu Löwenbrand war – und dass Löwenbrand der Mann war, für den Bronzehund ihn hielt. 
Während er seine Siebensachen zusammen sammelte, trug Bronzehund noch lächelnd den Anblick von Aaminahs schlanken, bloßen Rücken, über den sich die Tätowierung des zweiten Zeichens zog, im Geiste mit sich. Doch während er langsam zurück in Richtung des Gutshofes schlenderte, wurden die Gedanken an Aaminah langsam von Gedanken an eine andere Frau verdrängt. Wahrscheinlich wussten in zwischen alle der anderen bis auf Thenna selbst, dass er eine Schwäche für die Hesindegeweihte hatte, aber das war ihm egal. Wahrscheinlich konnte auch keiner der anderen verstehen, was er für Thenna empfand. Wie sollte er ihnen auch verständlich machen, dass sie es war, die ein Feuer in seinem Geist entzündet hatte? Noch vor gerade einmal etwas mehr als einem Jahr hatte war er kaum des Lesens und Schreibens mächtig gewesen – und heute las er Heldensagen und Historien, und hatte seine Tage auf dem Rhodenstein ebenso mit dem Studieren von Abhandlungen über Taktik und Strategie verbracht wie mit dem Üben an den Waffen. Sein Geist, früher ausschließlich mit Gedanken an Kämpfen und Überleben fixiert, schwirrte voller Gedanken und Ideen, voller Bilder und Pläne. Wie einst Helvjorn hatte auch Thenna ihm den Weg in eine neue Welt gezeigt, hatte ihm auf gewisse Weise die Tore zu einem neuen Leben aufgestoßen – und alleine dafür liebte er sie mehr, als er es in Worte zu fassen vermochte. 
Aber dann war da noch Ihr Gelübde. Ihr Opfer, so wie Bronzehund es sah. Eine stete Erinnerung an das eine Mal, als er sie mit all seiner Stärke, all seinem Können – selbst mit seinem Leben nicht hatte beschützen können. Als es stattdessen sie war, die ihre Stimme, ihre wundervolle Stimme ausgerechnet dem Gott versprach, den Bronzehund unter allen Göttern am geringsten schätzte. Wie sehr er sich doch danach sehnte, Thennas Stimme wieder zu hören – so sehr, dass es ihn schier zerreißen wollte.
Und so war der Stand der Dinge: er konnte es kaum ertragen, in Thennas Nähe zu sein, und wünschte sich doch nichts mehr als bei ihr zu sein. Er wagte es nicht, sich ihr zu offenbaren, wusste aber auch, dass sie ihn nie von sich aus ansprechen würde. Jede Geste, jeder Blick von ihr heilte gleichsam seine alten Wunden und riss ihm schreckliche neue. Mit Sicherheit hatte Rahja selbst ihn verflucht, und doch gesegnet mit den Anblick von Thennas Gestalt, mit ihrem Lächeln, mit ihren Augen.
Ein paar Schritte noch brütete Bronzehund vor sich hin. Dann hielt er inne, zuckte mit den Schultern und schaute zum Himmel hinauf. Wenn die Götter ihn auf diese Art und Weise prüfen wollten, so sollten sie es tun. Er war am Leben, er war frei, er hatte Freunde und Liebe und einen Platz in der Welt gefunden. Nicht von dem, was noch kommen würde, könnte ihm das je wieder nehmen. Was immer an Mühen und Unbill noch vor ihm lägen, er würde sie überwinden.
Hinter einem Hügel sah er den Rauch aus den Schornsteinen Musgravens aufsteigen. Seinen pochenden Knöcheln vergessend fing er an, tobend durch den Schnee zurück zum Gut zu laufen, und schrie dem Himmel, den Göttern und Dämonen dabei seine Lebenslust entgegen.