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Auf Musgraven

Aaminah wusste nicht, was mit ihr los war. Sie war nicht wirklich unglücklich – aber wirklich glücklich war sie auch nicht. Wahrscheinlich war es die Kälte, die Dunkelheit, der ganze Schnee. Wenn die Sonne schien, war es etwas anderes. Dann verwandelte sich die Schneelandschaft um das Gut in ein funkelndes Wunderland. Aber an trüben Tagen wie heute…
Sie seufzte und starrte weiter aus dem Fenster.
Thenna berührte sie an der Schulter. „Ist alles in Ordnung?“, bedeutete sie ihr.
„Ja, ja. Es ist nur …“ Und sie stockte, denn so genau wusste sie es ja selbst nicht, was eigentlich das Problem war. Thenna strich ihr liebevoll über das Haar.
Aaminah wandte sich vom Fenster ab. Bis auf Morgen, der selbst bei diesem Wetter lieber in seiner Höhle in Wald wohnte, saßen sie alle in dem Zimmer mit Kamin im ersten Stock, das neben der Küche der wärmste Raum im Haus war. Bronzehund polierte ein Rüstungsteil, Maelcan jonglierte in einer Ecke mit vier kleinen Winteräpfeln. Thenna hatte das Buch, in dem sie gerade las, an ihrem Platz liegen gelassen und sich neben Aaminah gesetzt. Sie hatte ihre Hand genommen und sah sie besorgt an.
Nein, so ging das nicht. Aaminah rief sich entschlossen zur Ordnung und lächelte Thenna verschwörerisch an. 
„Wusstest du“, sagte sie, als würde sie ihr ein großes Geheimnis verraten, „dass der größte Schatz Aventuriens mitten im maraskanischen Dschungel verborgen ist?“
Die Äpfel hörten auf zu kreisen. „Der größte Schatz Aventuriens?“, fragte Maelcan, plötzlich aufmerksam. „Aber ich dachte, die zweite Bärenkrone soll hier in Weiden versteckt sein.“
„Die zweite Bärenkrone?“ Aaminah winkte verächtlich ab. „Die zweite Bärenkrone ist nichts gegen diesen Schatz.“
Maelcans Augen begannen zu glänzen. Thenna hingegen grinste entzückt. Bronzehund polierte weiter an seiner Rüstung und schüttelte nur ob Maelcans Berechenbarkeit lächelnd den Kopf. 
Aaminah nickte ernst und bedeutungsvoll. „Oh, ja. Hört zu, und ich werde euch davon erzählen…“ 
Und so verging auch die endlose Zeit bis zum Abendessen.

Sie saßen gerade in der großen Halle beim Abendbrot, als die Haushälterin Elsa mit der Nachricht in den Raum trat, dass ein Reiter in den Hof gekommen sei.
Bronzehund erhob sich und ging zur Tür, um den Ankömmling als Hausherr zu begrüßen. Die anderen spekulierten wild: Ein Reisender? Das schien eigentlich fast undenkbar, hier, beinahe am Ende des Weges (jetzt bei all dem Schnee konnte man auch denken: am Ende der Welt …). Und mitten im Winter? Zu dieser späten Stunde? Vielleicht ein Bote? Aber von wem geschickt? War irgendetwas Schreckliches passiert?
Bronzehund ging hinaus, und Maelcan und Thenna eilten ans Fenster. Nur Aaminah blieb zurück in der Nähe des Feuers. Sie würde sich ganz bestimmt nicht in den frostigen Luftzug begeben, der gleich wieder durch die sich öffnende Tür kommen würde. Die Halle war auch so kalt genug.
„Sag mal“, sagte Maelcan zu Thenna und versuchte, durch draufatmen und reiben sein Guckloch in den Eisblumen auf der Scheibe zu vergrößern, „ist das …?“
Thenna nickte aufgeregt, warf einen schnellen Blick zu Aaminah und klatschte vor Begeisterung in die Hände.
„Wer?“, fragte Aaminah, vor Ungeduld und Aufregung beinahe von einem Bein auf das andere hopsend, aber immer noch nicht bereit, sich ans vereiste Fenster zu wagen. „Wer denn?“
Und dann kam er lachend mit Bronzehund durch die Tür, und ihr wurde plötzlich schwindelig. Denn wer dort in die Halle trat, war zwar dick vermummt und mit Schnee überstäubt, aber dennoch unverkennbar Rondra-Ritter Löwenbrand. 
Aaminah war der kalte Wind auf einmal völlig egal. Eigentlich war ihr im Moment alles egal: der ewige Winter, der Schnee, die Kälte, die Dunkelheit … Die Freude ließ keinen Platz für andere Gefühle. Ohne weiter darüber nachzudenken, lief sie los und warf sich dem Ritter an die Brust. 
Ritter Löwenbrands Blick war schon bei seinem Eintreten sofort durch den Raum geschweift, und so öffnete er rechtzeitig die Arme, um sie unter seinem Umhang ans Herz zu drücken. Aaminah fühlte nicht das eisige Kettenhemd unter seinem Waffenrock oder die Kälte, die nach Stunden auf der zugeschneiten Straße ihren Weg bis tief unter seinen Umhang gefunden hatte. Sie bemerkte auch nur am Rande die Eiskristalle in seinem Bart und seinen Wimpern. Eigentlich sah sie nur seine Augen, tatsächlich so graublau strahlend und mit den grünen Sprenkeln, wie sie sie in Erinnerung gehabt hatte.
„Küss mich“, flüsterte sie das erste, was ihr durch den Kopf schoss. Offensichtlich entsprach das auch seinen Wünschen, denn er verlor keine Sekunde, der Aufforderung ausführlich Folge zu leisten.
„Du musst halb erfroren sein“, sagte sie, als der Kuss irgendwann, leider, endete. „Komm schnell ans Feuer.“ Sie wollte ihn weiter in den Raum ziehen.
„Gleich“, sagte er und strich ihr noch einmal über die Wange, bevor er sie widerstrebend freigab, „aber sag mir erst, wo ich mein Pferd unterstellen kann“
„Das hat bestimmt schon ein Knecht getan,“ erwiderte Aaminah, unwillig ihn, und sei es auch nur für einen Moment, wieder gehen zu lassen.
Ein kurzes, äußerst trockenes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Das sollte mich sehr wundern. Dieses Pferd hat ein paar harte Tage hinter sich, und ich fürchte, seine Laune ist zurzeit nicht die beste.“ Und tatsächlich hörte man von draußen wütendes Schnauben und einen erschreckten Aufschrei. 
„Ich werde mich darum kümmern“, meinte Maelcan und griff nach seinem Mantel. „Geht Ihr ans Feuer und wärmt Euch auf.“
„Das ist sehr freundlich von Euch, Maelcan, aber ich bin mir nicht sicher …“, fing der Ritter zweifelnd an, aber Maelcan fiel ihm fröhlich ins Wort: „Oh, keine Sorge. Glaubt mir, ich weiß, was ich tue.“
Aber Löwenbrand blieb skeptisch und warf einen besorgten Blick aus dem Fenster. Erst als er sah, dass Maelcan sich von den Bösartigkeiten des riesigen Schlachtrosses tatsächlich unbeeindruckt zeigte und der Hengst daraufhin fast anstandslos hinter ihm her in den Stall trottete, trat er an den Kamin, legte Umhang und Handschuhe ab und rieb sich die kalten Hände.
„Euer Gnaden Bringir“, sagte er entschuldigend zu Thenna, die ebenfalls wieder ans Feuer gekommen war. „Verzeiht, dass ich Euch erst jetzt begrüße. Es ist schön, Euch so wohlauf zu sehen. Habt Ihr Euch gut erholt?“
Thenna nickte und ließ dem eine schnelle Reihe von Handzeichen folgen. Löwenbrand blickte Hilfe suchend zu Aaminah, die übersetzte. „Sie sagt, dass sie sich auch freut, dich zu sehen, und fragt, was uns die Ehre deines Besuches verschafft.“
Der Blick in seinen Augen sagte ihr sehr deutlich, was ihnen die Ehre seines Besuches verschaffte, aber er antwortete an Thenna gewandt: „Ich komme gerade vom Hof Waldemars von Weiden und bin jetzt auf dem Weg nach Perricum, wo ich aber erst in einem Monat erwartet werde. Ich hatte also noch etwas Zeit … und die Hoffnung, hier freundliche Aufnahme zu finden.“
„Eine, wie mir scheint, nicht ganz unberechtigte Hoffnung“, meinte Bronzehund grinsend mit einem schnellen Blick auf Aaminah. „Nicht dass wir uns nicht alle freuen, dich zu sehen. Aber du musst eine beschwerliche Reise hinter dir haben. Das Wetter war nicht gerade günstig die letzten Tage.“
„Auf der Reichsstraße ging es, aber die zwei Tage hier raus waren in der Tat … mühsam.“
Bronzehund machte eine einladende Handbewegung Richtung Tisch: „Du kommst gerade recht. Iss mit uns und trink einen Becher heißen Wein.“
„Gerne auch etwas Stärkeres“, sagte Löwenbrand. „So kalt war mir nicht mehr, seit …“, ein vergnügtes Funkeln trat in seine Augen, als er sich offensichtlich an ein altes Abenteuer erinnerte, „… oh, seit einer langen Zeit. Aber erstmal würde ich mich gerne waschen.“
„Du hast Glück“, sagte Bronzehund. „Wir können dir etwas Besseres bieten. Wir hatten heute selbst Badetag, und die Kammer ist bestimmt noch warm. Elsa“, rief er die Haushälterin. „Sorg dafür, dass das Feuer in der Badekammer wieder entfacht wird, und lass Wasser für ein weiteres Bad heiß machen.“ 
Die Haushälterin nickte und fragte: „Soll ich auch ein Gästezimmer vorbereiten?“
Unwillkürlich wanderte der Blick des Ritters, und mit ihm der aller anderen, zu Aaminah. Sie errötete, sagte dann aber bestimmt: „Das wird nicht nötig sein, Elsa.“ Das Kichern und Ellenbogenstupsen der Dienstmädchen, die das Ganze von der Küchentür aus beobachteten, übersah sie dabei geflissentlich.
So wusch sich Löwenbrand nur schnell in der Küche Gesicht und Hände, bevor er sich mit ihnen an den Tisch setzte. Es wurde eine lustige halbe Stunde, bevor das Bad fertig war, was nicht zuletzt an der Flasche Bärentod lag, die ihren Weg aus einer hinteren Ecke des Wandschrankes zu ihnen gefunden hatte. 
Einzig Aaminah war uncharakteristisch still, saß nur strahlend neben dem Ritter und blickte ihn immer wieder an. Einmal legte sie ihre Hand auf seinen Arm, als müsste sie sich vergewissern, dass er auch wirklich da sei. Er blickte zu ihr hinunter, sein Gesicht wurde weich und ein warmes Leuchten trat in seine Augen. Er strich ihr sanft über den Kopf und ließ ihren langen geflochtenen Zopf, der ihr den Rücken herunterhing, durch die Hand gleiten. Als er schließlich aufstand, um zur Badekammer hinüber zu gehen, kam es ihr so vor, als würde plötzlich etwas fehlen. 
Bronzehund sah sich ihren niedergeschlagenen Gesichtsausdruck eine kurze Zeit lang an, blickte zu Thenna, die ihm verborgen unter dem Tisch ein paar rasche Zeichen machte, und sagte: „Vielleicht sollte besser jemand mitgehen. Ich bin mir sicher, dass er Hilfe mit seiner Rüstung braucht.“
Maelcan, der unterdessen auch wieder mit am Tisch saß, sah nicht so aus, als glaubte er, dass Ritter Löwenbrand Hilfe mit seiner Rüstung brauchte. „Meinst du wirklich?“, fragte er ungläubig. Dann zuckte er zusammen, als wenn ihn jemand unter dem Tisch getreten hätte. Bronzehund warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. „Äh, ja, natürlich“, fing sich Maelcan schnell und fuhr inspiriert fort: „Und ich bin mir sicher, dass sich da genug Mägde finden, die ihm nur allzu gerne helfen werden.“
Aaminah, die weiterhin in ihrer eigenen Welt versunken war, hatte den Blickaustausch um den Tisch herum nicht bemerkt. Die letzte Bemerkung aber drang zu ihr durch. Sie stand so abrupt auf, dass die Bank beinahe umfiel. „Ich …“, fing sie an und wurde puterrot, „äh, ich werde mich darum kümmern …“
„Tu das“, meinte Bronzehund ernst. „Es würde auch keinen guten Eindruck machen, einem so hohen Gast nicht alle Ehre zuteil werden zu lassen. Ein Magd, um ihm zu helfen – nein, das kommt gar nicht in Frage.“
„Nein, das kommt wirklich gar nicht in Frage“, stimmte Aaminah voller Inbrunst zu. Als sie aus dem Zimmer eilte, hörte sie hinter sich leises, aber durchaus freundliches, Lachen um den Tisch laufen.

Löwenbrand blickte sich überrascht um, als Aaminah in die im Nebengebäude gelegene Badekammer schlüpfte. 
„Ich dachte, du brauchst vielleicht Hilfe…“, sagte sie, noch halb auf der Schwelle, und zog sich die dicke Wollmütze vom Kopf. Sie schloss die Tür, drehte sich in den Raum und verstummte. Ganz offensichtlich brauchte er keine Hilfe, denn er stand nackt vor ihr. Rahja, dachte sie. Nein, dass hier eine Magd half, kam überhaupt nicht und auf gar keinen Fall in Frage.
Er machte zwei schnelle Schritte auf sie zu, blieb dann aber stehen. „Ich würde dich gerne sofort in die Arme schließen, aber ich habe etliche Tage der Reise hinter mir – du willst, dass ich mich erst wasche. Lass mich also schnell baden und dann…“
„Schnell baden?“, unterbrach Aaminah ihn entsetzt.
„Ich wusste nicht, dass du es so eilig hast“, lachte er, und seine Augen funkelten, als er zusah, wie sie sich hastig aus ihrem Mantel, den Handschuhen, einem Schal und warmen Fellstiefeln wühlte. „Aber ich kann mich auch nur waschen…“ Er griff den großen Eimer mit heißem Wasser, der neben dem Feuer gestanden hatte.
„Nein, nein“, widersprach sie. „Das meinte ich gar nicht. Baden ist eine Kunst. Das macht man nicht schnell.“ 
„So, so“, meinte er und schaute amüsiert zu, wie sie Seife und einen großen Schwamm aus einem Regal nahm.
„Dafür nimmt man sich Zeit“, belehrte sie ihn ernsthaft, trat vor ihn und tauchte den Schwamm ins Wasser.
„Tatsächlich?“, kam seine Antwort, leicht atemlos, denn sie hatte angefangen, ihn zu waschen. 
Sie nickte nachdrücklich. „Oh, ja.“
Der Schwamm glitt über seine Schultern, seine Arme hinunter, über seine Brust … Als sie weiter vordrang, löste sich tief in seiner Kehle ein wohliger Laut, dem Schnurren einer sehr großen Raubkatze nicht unähnlich. Seine Hände bewegten sich unwillkürlich in ihre Richtung. 
Sie stupste ihn in die Rippen und warf ihm einen strafenden Blick zu, dass er es wirklich wagte, das Baderitual zu stören.
Er zog seine Hände schnell wieder zurück, musste sich aber erst räuspern, bevor er sprechen konnte. „Oh, mach nur weiter“, sagte er dann. „Ich beschwere mich nicht und bin auch ganz ruhig. Mein kleiner Folterknecht“, fügte er noch leise hinzu, aber da sie gerade sein rechtes Bein hinunterwusch, konnte es sein, dass sie ihn tatsächlich nicht gehört hatte.
„Und jetzt ab in den Zuber“, befahl sie, als sie fertig war, und zeigte ihm mit ausgestrecktem Arm die Richtung.
„Aber jetzt bin ich doch sauber“, protestierte er. 
„Oh, der Zuber ist ja auch nicht, um sich zu säubern – oder zumindest nicht nur.“
Er sah sie mit fragend hochgezogenen Augenbrauen an.
„Ist dir nicht mehr kalt?“
Er zuckte die Achseln. „Nicht besonders. Ich habe mich ja schon in der Halle am Feuer aufgewärmt. Der Bärentod hat auch geholfen.“
„Hmpf.“
Er grinste. „Nicht alle sind so kälteempfindlich wie du, Bibberlippe“, sagte er und fuhr sanft mit seinem Zeigefinger über ihren Nasenrücken.
„Es wird dir trotzdem gefallen.“
„Wenn du mit in den Zuber kommst, bestimmt“, stimmte er gut gelaunt zu und zog sie hinter sich her zur Wanne hinüber.
„Aber ich habe heute schon gebadet“, protestierte sie unüberzeugend.
Er stieg ins Wasser. „Der Zuber ist ja auch nicht, um sich zu säubern“, neckte er sie mit einem Augenzwinkern und hielt ihr einladend die Hand hin. 
Also zog sie sich aus, nahm seine Hand und stieg neben ihn in die Wanne.
Er lehnte sich mit einem Seufzer im warmen Wasser zurück, legte den Kopf auf den Rand des Zubers und schloss die Augen. Sie hatte, als sie ihn gewaschen hatte, die Anstrengungen der letzten Tage in seinen Muskeln gefühlt. Jetzt sah sie auch die Müdigkeit um seine Augen und um seinen Mund.
"Du hättest dich nicht so hetzen sollen", sagte sie leise.
Er öffnete die Augen und sah sie an. „Vielleicht“, gab er zu. Als er sich zu ihr drehte und eine Hand um ihr Gesicht legte, raubte ihr die Intensität seines Blicks beinahe den Atem. „Aber ich wusste, dass jeder Tag, den ich früher hier bin, einen Tag mehr mit dir bedeuten würde.“ Sein Daumen glitt über ihre Unterlippe, und sie drehte ihre Wange in seine Hand. 
„Löwenbrand…“
Eine große Zärtlichkeit kam auf sein Gesicht. „Denkst du nicht, es ist an der Zeit, dass du meinen Vornamen benutzt?“, fragte er sanft.
Sie starrte ihn an. Seinen Vornamen? Aber er war so groß und stark, so aufrecht und ehrbar. Seine Augen strahlten so hell, und er war einfach so… überwältigend. Nein, sie konnte nicht seinen Vornamen benutzen!
„Ich weiß nicht, ob wir uns schon so gut kennen“, meinte sie also, nur halb im Scherz.
Die Fältchen um seine Augen vertieften sich. „Wie viel besser, denkst du, musst du mich denn noch kennen lernen, bis er dir über die Lippen kommt?“
„Oh, ich weiß nicht …“ Jetzt, wo er sie so liebevoll anlächelte, schämte sie sich und wollte auf die andere Seite der Wanne flüchten, doch er ließ es nicht zu. 
„So viel besser…?“ Er zog sie mit einem Arm fest an sich, so dass sie halb auf seiner Brust lag.
„Oh…“
„Oder so viel besser…?“ Seine Finger glitten federleicht über ihre Haut.
„Hmm…“
„Oder vielleicht so viel besser…?“ Seine freie Hand umschloss ihren Hinterkopf, und er küsste sie.
„Rondrasil“, flüsterte sie, als sie wieder atmen konnte. Und weil es so einfach war, sagte sie es gleich noch einmal: „Rondrasil.“
Er lachte leise, und seine Augen strahlten. „Hier, Geliebte.“ 
Sein nächster Kuss war fordernder, und seine Hand wanderte ihren Oberschenkel hinauf. 
„Warte!“ Sie stemmte ihre Hände gegen seine Brust und machte sich von ihm los.
Er sah sie für einen Augenblick verwirrt an, aber dann blitzte Erkenntnis – und Amüsement – in seinen Augen. „Nein, sag mir nichts“, meinte er mit einem nur mühsam unterdrückten Grinsen und deklamierte dann: „Verführung ist eine Kunst. Dafür nimmt man sich Zeit.“
Sie sah ihn mit großen Augen an. „Genau das wollte ich sagen! Woher wusstest du das?“
Er zuckte die Schultern. „Ach, weißt du…“
„Wir haben schließlich die ganze Nacht.“
Er lachte auf. „Dein Vertrauen in mich ist schmeichelhaft, mein Schatz. Aber ich bin seit zehn Tagen unterwegs, in, wie ich hinzufügen möchte, extrem schnellem Tempo und bei nicht gerade idealen Bedingungen. Jetzt habe ich gegessen, getrunken und sitze in einer warmen Wanne. Wenn ich demnächst in dein ohne Zweifel weiches Bett falle, sollte es mich wundern, wenn ich nicht sehr schnell so tief schlafen sollte wie ein Bär.“ Er zog sie wieder an sich. „Morgen und die ganzen kommenden Tage kannst du mich gerne mit soviel ausgefallenen und langsamen Verführungskünsten umgarnen, wie du nur willst. Ich bin mir sicher, ich werde jeden einzelnen Augenblick davon genießen.“ Sein Blick glitt über ihr Gesicht, und seine Stimme wurde leiser, dringlicher. „Aber hier und jetzt, Aaminah, Liebste… ich habe mich so viele Tage danach gesehnt… lass mich nicht länger warten… “
Wie hätte sie dieser Bitte widerstehen sollen…

Eine Stunde später eilten sie, mehr oder weniger dick vermummt, über den Hof zurück zum Wohnhaus. Als sie die Treppe hinaufgingen, hörten sie die anderen, die sich nach dem Essen in der kalten großen Halle im Erdgeschoss wieder um den Kamin im Raum am Ende des Ganges versammelt hatten, aber in stummer Übereinkunft schlossen sie sich ihnen heute Abend nicht mehr an, sondern huschten in Aaminahs Zimmer. 
Er blickte sich interessiert um, sah den Ofen, der sein Bestes tat, wenigstens etwas Wärme zu verbreiten, die Truhe, das Bett mit den wollenen Bettvorhängen und blinzelte dann überrascht. „Du hast eine Rose in deinem Zimmer… eine blühende Rose…“
„Ja, Morgen hat sie mir geschenkt, damit es hier nicht ganz so trist ist.“ Sie warf der roten Kletterrose, die beinahe eine ganze Wand bedeckte, einen betrübten Blick zu. „Aber sie hat nur noch eine Handvoll Blüten. Ihr ist es auch zu kalt.“ 
Sie schob noch ein paar weitere Scheite Holz in den Ofen, und dann schaute Löwenbrand erstaunt zu, wie sie mit voller Kleidung – den dicken Mantel hatte sie zusammen mit dem Schal, der Mütze, den Handschuhen und den Stiefeln in der Halle gelassen – in ihr Bett stieg und komplett unter der Bettdecke verschwand.
Vorsichtig hob er einen Zipfel der Decke. „Äh… willst du das alles anbehalten?“ 
Sie war gerade dabei sich aus ihrer Fellweste zu schälen. „Nein, natürlich nicht. Aber es ist viel zu kalt, um sich da draußen auszuziehen.“ Sie zog die Decke wieder komplett über sich. Eine Hand erschien unter dem Deckenrand und ließ die Weste neben dem Bett auf den Boden fallen. Er beobachtete fasziniert, wie in kurzen Abständen auch ihre anderen Kleidungsstücke folgten. Schließlich erschien ihr Kopf, mit leicht zerzaustem Haar, wieder über der Decke. 
„Aber sind die morgens dann nicht sehr kalt?“, fragte er mit ernstem Gesichtsausdruck, während er sich ebenfalls auszog, wobei er seine Kleidung auf ihre Truhe legte.
„Eines der Mädchen wärmt sie morgens am Ofen und reicht sie mir dann unter die Decke“, erklärte sie. „Was?“, fragte sie, als sie seinen Gesichtsausdruck sah. „Was?“
„Nichts“, meinte er und schlüpfte neben ihr unter die Decke.
„Wirklich erstaunlich“, sagte er einen Augenblick später.
„Hmm?“
„Der Weg über den Hof ist kaum mehr als ein Katzensprung. Du kamst aus der warmen Wanne und warst eingepackt wie ein Thorwaler im Firun. Und trotzdem sind deine Füße schon wieder eiskalt.“
Verlegen drehte sie sich von ihm weg und zog die Beine an die Brust. „Das sind eben kleine südländische Füße…“, murmelte sie.
„Entzückende kleine südländische Füße“, bestätigte er und drehte sie wieder zu sich.
„Die werden nun mal leicht kalt“, sagte sie, ihr Tonfall irgendwo zwischen Trotz und Entschuldigung.
„Tja, dann…“, meinte er, „… dann wollen wir mal sehen, ob wir da nicht etwas gegen tun können…“
Er zog sie, zusammengerollt, wie sie noch immer war, unter der Decke auf seinen Schoß und wärmte ihre Zehen mit einer großen und, wie Aaminah fand, wirklich erstaunlich warmen Hand. Und weil so eine Sache zur nächsten führte, schlief er doch nicht sofort ein wie ein Bär.

Aber wie er schon vorhergesagt hatte, hatten sie natürlich nicht die ganze Nacht. Die harte Reise forderte ihren Tribut, und das Essen, das Bad, das weiche Bett taten, genau wie die unterdessen wieder warme Frau an seiner Seite, ein Übriges.
Eben redeten sie noch leise, küssten sich, neckten sich, dann kamen seine Antworten immer langsamer, und schließlich war er eingeschlafen. Irgendwann schreckte er auf, wollte sich entschuldigen, aber sie legte ihm schnell eine Hand auf den Mund.
„Nein, Liebster, schlaf. Wir haben Zeit.“
„Zwei kurze Wochen“, murmelte er. „Dann muss ich weiter.“ 
Plötzlich verfluchte Aaminah nicht mehr das schlechte Wetter, sondern wünschte sich mehr Kälte, mehr Schnee, genug, um ihn länger hier bei ihr festzuhalten. Der Ritter zog sie, schon wieder halb im Schlaf, fester an sich und murmelte etwas Unverständliches in ihr Haar. 
Wie sie so warm und geborgen in seinen Armen lag, ergriff sie eine plötzliche Welle des Glücks. Wenn ihr jemand vorher davon erzählt hätte, hätte sie es vermutlich nicht glauben wollen oder es als bloßes Geschwätz abgetan. Aber es stimmte. Die Nacht, war tatsächlich weniger dunkel – weil er da war. Der nächste Tag würde strahlender sein – weil er da war. Das Leben war schön – weil er da war… 
Ich liebe ihn, dachte sie, selbst überrascht von der Intensität des Gefühls, das sie durchströmte. Oh, Rahja, ich liebe ihn…
Sie streckte sich und drückte einen sanften Kuss auf seine Lippen, den er schlaftrunken erwiderte. Dann schmiegte sie sich noch dichter an seinen warmen Körper und hatte zum ersten Mal in diesem langen Winter auf Musgraven das Gefühl, nicht zu frieren.