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In Nachtschattensturm

Der Kampf war so plötzlich vorbei, wie er angefangen hatte. Der Grakvaloth war besiegt oder zumindest verschwunden, und auch das Pandaemonium wütete nicht mehr vor der gesprengten Wand des Turms.
Aaminah rappelte sich hoch und stolperte zu Thenna hinüber, die wenige Schritte von ihr entfernt am Boden lag. Die Hesinde-Geweihte war besonders tief in das Pandaemonium hineingezogen worden, bevor der Rondra-Ritter Löwenbrand, der eigentlich an Bronzehunds Seite gegen den Dämon gekämpft hatte, sie alle - also Thenna, Maelcan und Aaminah selbst - mit einem gewaltigen Kraftakt hatte retten können.
Aaminah hielt erschreckt den Atem an, als sie bei Thenna angekommen war und einen Blick auf ihre Beine werfen konnte, die von einem Gewirr von Bissen, Klauenspuren, Tentakelabdrücken und tiefen Rissen wie von riesigen Dornen überzogen waren. Ihre Augen waren geschlossen, und sie war still - zu still. Aaminah warf sich neben ihr auf die Knie und presste ihr Ohr auf ihren Brustkorb. Sie atmete erleichtert auf, als sie einen Herzschlag hörte, wenn er auch erschreckend schwach und unregelmäßig war. Sie hätte ihr so gerne geholfen, aber für ihre Heilmagie musste der Empfänger doch wenigstens bei Bewusstsein sein. Dass Thenna aber sofort Hilfe brauchte, war offensichtlich. 
"Morgan!" Sie hoffte, dass wenigstens der Druide etwas für Thenna tun konnte. Als sie seinen Namen rief, blickte er hoch, sah Thenna regungslos am Boden liegen und kam sofort herüber. Er selbst schien nicht so schwer verletzt zu sein, dass er sofort versorgt werden musste.
Aaminah selbst hatte auch einige Spuren aus dem Pandaemonium mitgebracht, aber ihre Wunden waren zum großen Teil nur oberflächlich, und es waren auch lange nicht so viele wie bei Thenna. Während sie die beiden tiefsten auf ihrem Arm mir einem abgerissenen Stück Stoff umwickelte, blickte sie sich nach den anderen Mitgliedern ihrer kleinen Gruppe um.
Ihr Blick blieb an Bronzehund hängen. Der Kampf gegen den Grakvaloth hatte deutliche Spuren auf seinem Körper hinterlassen, und er sah so aus, als würde er jeden Moment zusammenbrechen. Sie ging zu ihm hinüber. Sie waren jetzt schon lange genug zusammen unterwegs, dass keine großen Erklärungen nötig waren.
"Lass uns nach unten gehen."
Bronzehund nickte nur wortlos und stolperte hinter ihr her die Treppe herunter.
Aaminahs erster Blick, als sie wieder zurückkamen, galt Thenna. Sie lag noch immer bewusstlos am Boden. Morgans Hand ruhte auf ihrer Brust, und ein warmes Leuchten umhüllte die beiden. Da konnte sie immer noch nicht helfen, aber sie hatte volles Vertrauen, dass Morgan alles tun würde, was in seiner Macht lag, um Thenna zu retten. Ihre eigene Kraft war durch Bronzehunds Heilung aber noch nicht ganz erschöpft worden, also blickte sie sich nach den letzten beiden Kämpfern ihrer Gruppe um.
Maelcan sah etwas zerrauft aus, schien aber wie sie selbst keine wirklich schweren Verletzungen davongetragen zu haben. Er bemerkte jedoch ihren Blick und lenkte ihn weiter zu dem Rondra-Ritter neben sich. Auch an Ritter Löwenbrand war der Kampf gegen den Rachedämon nicht spurlos vorübergegangen. Maelcan hatte ihn in der Zwischenzeit abgerüstet und war im Moment gerade dabei, eine tiefe Wunde an seiner Schulter zu versorgen, die ihm die Klauen des Grakvaloth zugefügt hatten.
Außerdem erinnerte sich Aaminah daran, dass der Ritter nur deshalb in ihrer Nähe gewesen war, um sie alle vor dem scheinbar allesverschlingenden Pandaemonium zu retten, weil ihn ein mächtiger Flügelschlag des Dämons durch den halben Raum geschleudert hatte, bevor ihn eine Wand unsanft aufgehalten hatte. Er war zwar groß und kräftig - genau so wie sie sich einen Ritter immer vorgestellt hatte - , aber er war schließlich auch nur ein Mensch, und es sollte sie doch sehr wundern, wenn er das vollkommen unbeschadet überstanden hätte.
Als sie zu den beiden hinüberging, konnte sie sehen, dass er es in der Tat nicht unbeschadet überstanden hatte. Schon die Art, wie er vorsichtig gegen die Wand gelehnt am Boden saß, sagte ihr, dass er große Schmerzen haben musste. Seine Augen, als er zu ihr aufschaute, waren dunkel vor Erschöpfung und matt wie angelaufenes Silber. Sie streckte ihm die Hand entgegen. 
"Kommt."
Er blickte sie verständnislos an. Sie überlegte kurz, was sie ihm sagen sollte, doch entschied sich schließlich, gar keine großen Erklärungen abzugeben. Er sah nicht so aus, als sei er zur Zeit besonders aufnahmefähig, und in wenigen Minuten würde er es ohnehin einfach erleben. 
"Kommt," sagte sie noch einmal und griff nach seiner Hand. "Vertraut mir einfach."
Als sie sah, wie mühsam der Ritter mit ihrer und Maelcans Hilfe auf die Beine kam, tat es ihr leid, nicht einfach hier oben für ihn tanzen zu können. Aber das hätte bedeutet, dass alle anderen den Raum hätten verlassen müssen, und das machte trotz allem noch viel weniger Sinn. So zog sie ihn vorsichtig hinter sich her zur Treppe hin.
Die Stufen ins untere Stockwerk kosteten ihn sichtlich Mühe. Am Fuß der Treppe war sein Hinken so stark geworden, dass sie sich besorgt zu ihm umdrehte. Er sah so aus, als wollte er etwas sagen, doch sie legte ihm die Finger auf die Lippen.
"Still. Ihr werdet gleich alles verstehen."
Plötzlich schwankte er bedenklich, und unwillkürlich wollte sie auch nach seinem anderen Arm greifen, um ihn zu stützen, doch dann sah sie gerade noch, dass er ihn unnatürlich dicht am Körper hielt. Sie konnte nicht erkennen, ob er den Arm schützen oder seine Rippen festhalten wollte, hielt es aber generell für besser, nicht fest zuzugreifen. Statt dessen schob sie sich unter seine unverletzte Schulter.
"Nur noch ein paar Schritte."
Ihr Arm schlang sich um seinen Rücken, und zusammen legten sie die letzten Meter zurück. Jetzt, wo sie ihm so nahe war, konnte sie spüren, wie sein zerschlagener Körpers protestierte und die überbeanspruchten Muskeln zitterten. Plötzlich streckte er die Hand zur Wand aus, um sich abzustützen, und sie wusste, dass er endgültig nicht mehr weiter konnte. Seine Beine gaben nach, und er begann die Wand herunterzurutschen.
Er war zu schwer, als dass sie ihn hätte halten können, aber wenigstens konnte sie seinen Fall abfangen. Sie umschloss ihn mit ihren Armen und versuchte, ihn möglichst sanft zu Boden gleiten zu lassen. Sie wäre auch fast erfolgreich gewesen, doch im letzten Moment drehte er sich leicht zur Seite und zog sie in einer instinktiven Bewegung vor sich an seine Brust, als wollte er auf jeden Fall verhindern, auf sie zu fallen. Und so war es letztendlich nicht sie, die ihn auffing, sondern sein Körper, der den ihren schützte.
Sie konnte sehen, wie sich sein Kiefer spannte, als er die Zähne aufeinanderbiss. Doch diesmal versagte seine bisher so mühsam gehütete Selbstkontrolle, und er konnte nicht verhindern, dass sich tief in seiner Kehle ein Stöhnen löste.
Er hatte die Augen geschlossen, aber Aaminah konnte an der scharfen Falte zwischen seinen Brauen und der Härte in seinem Gesicht erkennen, dass er nicht das Bewusstsein verloren hatte. Der Arm, mit dem er sie noch immer fest umschlossen hielt, presste sie hart gegen seinen Körper, und sie spürte seinen Atem, der viel zu schnell und stoßweise kam.
"Ich weiß," sagte sie sanft. In einer unbewussten Bewegung strich sie ihm eine Strähne seines schweißnassen Haars aus der Stirn. "Ich weiß." Ihre Finger glitten über sein Gesicht und blieben an seiner Wange liegen.
Schließlich beruhigte sich sein Atem wieder. Er öffnete die Augen und blickte sie an. Sie stellte fest, dass seine Augen gar nicht grau waren, wie sie bisher geglaubt hatte. Jetzt, wo sie sie aus der Nähe betrachten konnte, wirkten sie eher blau. Blau wie das nachtdunkle Meer bei Khunchom... 
Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie noch nie einem Mann so nahe gewesen war. Oder jedenfalls hatte es sich noch nie so angefühlt. So... intim. Sie lag noch immer fest in seinem Arm, halb an seine Brust gedrückt. Ihre Hand ruhte an seinem Gesicht, ihre Lippen waren nur wenige Zentimeter von den seinen entfernt. Sie spürte, wie sie rot wurde und schlug die Augen nieder.
Als sei das ein Zeichen für ihn gewesen, lockerte er seinen Griff und ließ sie frei. Sie rappelte sich hoch, wagte aber immer noch nicht, ihm wieder in die Augen zu sehen.
"Und was jetzt?" fragte er schließlich.
Als sie seine vor Erschöpfung heisere Stimme hörte, blickte sie endlich wieder zu ihm hinüber. Sie sah die Müdigkeit und Schmerzen in seinen Augen, in seinem ganzen Körper, und plötzlich fiel ihr wieder ein, warum sie eigentlich hier war.
"Seht mich einfach an," antwortete sie.
Sie schloss kurz ihre Augen, um sich zu sammeln. Sie erspürte die magische Energie in sich und knüpfte den ersten Faden, der ihn in den entstehenden Spruch einbinden würde. Dann begann sie mit ihrem Tanz, und hatte nach wenigen Augenblicken alles andere vergessen.
Egal, wie häufig sie den Tanz der Freude nun schon getanzt hatte, sie entdeckte das Muster, das sie leitete, doch immer wieder neu. Sie spann die Energie zu Fäden und verwob sie mit den geschmeidigen Bewegungen ihres Körpers zu einem komplizierten Muster, das Kraft und Heilung bringen würde. Sie vergaß die Zeit. Es gab nur noch die Energie in ihrem Körper, ihren Tanz, der ein schimmerndes Muster in den Raum stellte, und den Ritter, für den sie dies tat.
Der Tanz bestand aus vielen Elementen und erforderte große Sorgfalt, um letztendlich seine Wirkung voll entfalten zu können. Es gab natürlich große, deutlich erkennbare Bewegungen, aber auch viele kleine Gesten, die einem Uneingeweihten vermutlich gar nicht auffallen würden, von denen das Gelingen aber entscheidend abhing. Und wie bei jeder Magie musste man immer aufmerksam sein, was man tat, um auch tatsächlich die Wirkung zu erzielen, die man sich wünschte, und nicht im Gegenteil irgendetwas Schreckliches heraufzubeschwören.
Plötzlich war es - wie immer völlig überraschend für sie - vollendet. Sie konnte das gerade entstandene Muster schimmernd den Raum erfüllen sehen. Es war perfekt. Und mit einer letzten Bewegung befreite sie es und sandte es zu dem Ritter hinüber.
Sie hörte sein scharfes Einatmen, als der Zauber in seinen Körper eindrang und zu wirken begann. Leise trat sie zu ihm hinüber, kniete sich neben ihn an die Erde und griff nach seiner Hand. Sie hatte noch nie am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlte, am empfangende Ende des Zaubers zu sein, und konnte nur darüber spekulieren, was er empfinden würde.
Leider war ihre Magie nur von begrenzter Wirkung. Blaue Flecken, leichte Prellungen oder einzelne Verstauchungen konnte sie vielleicht ganz heilen. Aber so schwere Verletzungen, wie sie Ritter Löwenbrand davongetragen hatte, vollkommen verschwinden zu lassen, lag nicht in ihrer Macht. Aber es war immerhin ein Anfang. Offene Wunden würden aufhören zu bluten und sich je nach Schwere zumindest teilweise schließen. Gerissene Muskeln und Sehnen würden anfangen, sich wieder zusammenzuknüpfen, verstauchte Gelenke und gebrochene Knochen gegebenenfalls ihren Platz wiederfinden und sich stabilisieren.
Es dauerte keine Minute, bis der Zauber seine Wirkung voll entfaltet hatte. Die Augen des Ritters klärten sich, und wenn auch die Falten zwischen seinen Brauen und um seinen Mund nicht vollkommen verschwunden waren, so waren sie doch gemildert. Sie sah, wie er sich vorsichtig bewegte, ausprobierte, was möglich war. Er stieß zwar immer noch sehr schnell an seine Grenzen, aber es war doch deutlich, dass es ihm besser ging.
"Was war das?" Sie hörte die Überraschung in seiner Stimme und lachte auf.
"Was glaubt ihr denn, was es war?" erwiderte sie, das Lachen noch immer als Funkeln in ihren Augen.
Sie stand auf und half ihm auf die Beine. Er war noch nicht soweit wieder hergestellt, dass er ihre Hilfe hätte ablehnen können, aber er stützte sich doch viel weniger auf ihre Hände, als er es vorher getan hatte.
Dann stand er direkt vor ihr und blickte zu ihr hinab. Sie sah, dass seine Augen einen Teil ihres Glanzes zurückgewonnen hatten und jetzt grünlich schimmerten. Sie stellte fest, dass sie wohl eine ganze Ewigkeit in seine Augen blicken könnte und wahrscheinlich immer wieder etwas neues in ihnen entdecken würde.
Sie war sich seiner Hände, die noch immer in den ihren lagen, nur allzu bewusst. Sie erinnerte sich, wie er im Kampf ihre Hüften umschlungen hatte und sie mit Maelcan und Thenna zurückriss. Und wie sie dann an seiner Brust lag, und wie sicher sie sich dort gefühlt hatte. Sie glaubte noch immer, seine Berührung spüren zu können. Seine Hände auf ihrem Körper. Seine Hände die eine glühende Spur auf ihrer Haut hinterließen... Oh, Rahja!
Ihr war plötzlich schwindelig. Sie musste doch angeschlagener sein, als sie gedacht hatte. Aber schließlich war sie auch verletzt. Und hatte jetzt zweimal getanzt. Vielleicht hatte sie das unterschätzt. Andererseits wusste sie, wie sich Erschöpfung anfühlte. Und dieses war anders... vollkommen anders.
Irgendetwas war geschehen. Etwas was noch nie zuvor mit ihr geschehen war. Sie starrte den Ritter an. Die Stille wurde länger und länger. Schließlich ließ er ihre Hände los und trat einen Schritt zurück. Sein Blick ruhte weiter auf ihr, doch sie konnte den Ausdruck in seinen Augen nicht wirklich deuten.
Dann sprachen sie beide gleichzeitig.
"Habt Dank."
"Ihr solltet nicht so lange stehen."
Sie lächelten sich an, erst ein wenig verlegen, dann in zunehmendem Maße fast verschwörerisch, als würden sie ein köstliches Geheimnis miteinander teilen. Und obwohl sie sich gerade erst begegnet waren, fühlte sie sich ihm in diesem Moment so nahe, als würde sie ihn schon ewig kennen. Zum ersten Mal seit langer Zeit war sie wirklich glücklich. Sie wusste, es war nur ein Traum, ein kurzer Augenblick in dieser dunklen Zeit, aber für diesen Moment war sie ihm dankbar.
"Lasst uns zu den anderen zurückgehen," sagte sie sanft, griff vorsichtig nach seinem Arm und ging langsam mit ihm die Treppe hinauf.