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Tinte

Tinte (vom lat. tincta, tinctura = färben) ist die Bezeichnung für die flüssigen Farbstoffe, mit denen mittels des Schreibgeräts auf den Beschreibstoffen Schrift dauerhaft sichtbar gemacht wird und somit die lesbare Wiedergabe erfolgt.
Es gibt drei verschiedene Typen von Tinten, die jeweils ihre Vor- und Nachteile haben: Rußtinte, Eisengallustinte und Dornentinte. Ursprüngliche Rezepte für die Zubereitung der Tinte sind in mehreren alten Schreibmeisterbüchern zu finden. Zu den Farbpigmenten kommt in der Regel ein Lösemittel und ein Bindemittel. Manchmal wurde auch noch ein Mittel, dass Mäuse und andere Schädlinge abschrecken oder das Einfrieren der Tinte im Winter verhindern sollte, dazu wurde beispielsweise Wermut verwendet, hinzugegeben.

Rußtinte

Die Rußtinte wird - wie der Name schon sagt - aus Ruß hergestellt. Sie ist bereits seit dem 3. vorchristlichen Jahrtausend bezeugt. Der Vorteil der Rußtinte ist die tiefschwarze Farbe, die auch nicht ausbleicht. Ihr Nachteil ist ihre Wasserlöslichkeit; wenn die verschriebene Tinte mit Feuchtigkeit konfrontiert wird, verwischt sie.
Der Ruß wird beispielsweise aus Lampen herausgekratzt und gesammelt. Zusammen mit einem Lösemittel, das meist entweder Wasser, Wein oder Essig war, und einem Bindemittel, meist pulverisiertes Gummi arabicum, entsteht die Tinte.
Ein Rezept für Rußtinte beschreibt Plinius der Ältere bereits in der Naturalis historia XXXV 43 (Mitte des 1. Jahrhunderts):

Man glaube nicht die Tinte werde aus der Tinte des Tintenfischs gemacht! Sondern man nehme schwarzes Pigment, namentlich Ruß, der ehernen Kesseln anhaftet, oder verbranntes Kienspanholz oder abgeriebene Kohle im Mörser und tue Gummi und angerührten Leim dazu. Gelöst wird dieser Farbstoff in Essig  und ist dann kaum auszuwaschen.

Eisengallustinte

Die Eisengallustinte wird aus metallischen Salzen und der Gerbsäure der Galläpfel hergestellt. Galläpfel sind Gelege der Gallwespe (Cynips tinctoria) in dünnen Ästen und den Blättern von Eichen. Nach 3-6 Monaten haben sich hellbraune bis grünschwarze Wucherungen mit einem Durchmesser von 8-15 Millimetern, die sogenannten Galen, entwickelt.
Der Vorteil der Tinte ist die Wasserfestigkeit. Allerdings ist sie nicht lichtstabil und verursacht den gefürchteten Tintenfraß in Handschriften: Die Säurebestandteile greifen das Pergament oder Papier an und machen es brüchig.
Eisengallustinte ist die wohl am häufigsten verwendete Schreibflüssigkeit des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Aus dem arabischen Raum gelangte die Eisengallustinte Mitte des 1. Jahrhunderts nach Mitteleuropa, wo sie sich schnell durchsetzte. Erst mit der Entwicklung der modernen Farbstoffe im 19. Jahrhundert wurde sie langsam verdrängt.
Zur Herstellung der Tinte sind ab dem frühen Mittelalter eine Vielzahl von Rezepten überliefert.
Hauptbestandteile der meisten Rezepte sind neben Galläpfeln, Vitriol und Wasser auch Gummi arabicum, Alaun (Wir kennen es heute als Kaliumaluminiumsulfat), Zucker und Wein. Die Galläpfel, die die gerbsäurehaltige Substanz für die Tinte liefern, entstehen durch das Gelege der Gallwespe (Cynips tinctoria) in dünnen Ästen und Blättern junger Eichen. Nach 3-6 Monaten haben sich hellbraune bis grünschwarze Gallen mit einem Durchmesser von 8-15 Millimetern gebildet, in denen sich die jungen Gallwespen entwickeln. Die Zusammensetzung der gerbsäurehaltigen Substanzen (Tannin, Gallussäure usw.) im Gallapfel ist sehr unterschiedlich, so dass es für die Herstellung der Tinte recht schwierig ist, eine gleichbleibende Qualität zu erreichen.
Bei der zweiten Tintenkomponente, dem Vitriol, unterscheidet man zwischen Eisenvitriol (Wir kennen es heute als Eisensulfat.) und Kupfervitriol (Wir kennen es heute als Kupfersulfat.). Im Mittelalter kannte man zwar auch schon beide Vitriole, konnte sie jedoch bei der Gewinnung im Bergwerk nicht vollständig voneinander trennen, so dass Eisenvitriol immer mit Kupfervitriol und anderen Vitriolen verunreinigt war. In Verbindung mit der Gerbsäure und Luftsauerstoff wird das Eisenion im Vitriol aufoxidiert und fällt als schwarzer Eisengallatkomplex aus, der Eisengallustinte.

Dornentinte

Die Dornentinte wird in einem komplizierten Verfahren aus der Rinde von Dornensträuchern (beispielsweise von Weißdorn oder Schlehe) hergestellt. Sie ist lackartig und leicht transparent, aber licht- und wasserbeständig. Dornentinte kann allerdings aufgrund ihrer Inkredenzien nur im Frühling und nicht das ganze Jahr über hergestellt werden. Man kann das gewonnene Pigment allerdings lagern.
Ein Rezept für Dornentinte beschreibt Theophilus (Roger von Helmarshausen) in De diversis artibus (frühes 12. Jahrhundert):

Schlehenzweige werden im April oder Mai kurz vor dem Ausschlagen geschnitten und für einige Tage getrocknet. Anschließend wird die Rinde abgeklopft und etwa drei Tage in Wasser gelegt. Das rotbraun gefärbte Wasser wird abgegossen, aufgekocht und während des Kochens wird die Rinde wieder zugegeben. Dieser Vorgang wird immer wieder wiederholt, bis die Rinde vollständig ausgelaugt ist. Die Rindenstücke werden aus dem Sud entfernt. Der übriggebliebene Rest wird langsam eingekocht und währenddessen mit ein wenig Wein versetzt. Zum vollständigen Trocknen wird der Sud in Pergamentsäckchen gegossen und in die Sonne gehängt; wenn das Wasser vollständig verdampft ist, erhält man eine feste Masse. Zum Schreiben werden kleine Stücke davon abgebrochen und in ein wenig Wasser oder Wein aufgelöst.

Da die Rindentinte nur eine rot-braune, lasierende Schrift ergab, wurde manchmal Vitriol (Wir kennen es heute als Kupfer- oder Eisensulfat.) hinzugefügt, das mit der Gerbsäure aus der Rinde einen schwarzen Eisen-Gerbsäure-Komplex eingeht. So wird die Tinte dunkler und deckender. Andere Farbveränderungen wurden durch Zugabe von Ruß oder das Eintauchen von einem Stückchen glühenden Eisens in die Tinte erreicht.

Bunte Tinten

Üblicherweise wurden schwarze und bräunliche Tinten für die Texte benutzt, im Spätmittelalter dann auch graue und gelbliche Tinten.
Rote Tinte wurde durch Zusatz von Mennige oder ähnliche Substanzen erzeugt. Dieses minium (Ziegelrot) diente zur einfachen Markierung von Sinnabschnitten. Der Rubrikator schrieb in Rot in vom Kopisten freigelassene Räume die vorgesehenen Rubriken wie (Gesetzes-)Titel, liturgische Anweisungen, dazu Überschriften, Kapitelzählungen, Seitentitel, Lemmata, Paragraphzeichen, Strichelungen, Anfangsbuchstaben, einfache Lombarden und ähnliches.
Für besonders prachtvolle und kostbare Handschriften kamen auch Gold- und Silbertinten zur Anwendung, die tatsächlich aus Silber- oder Goldpigmenten angerührt wurden.

Gold- und Silbertinte purpurgefärbten Pergament - Codex argenteus von Wulfila (um 500).

Blaue Tinte, wie wir sie heute kennen und eigentlich täglich benutzen, kam erst im 19. Jahrhundert auf.

Tintenfraß

Tintenfraß in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriften wird hauptsächlich durch die Eisengallustinte verursacht und bedroht immer noch die Bestände in vielen Bibliotheken. Trotz intensiver Forschung ist noch immer kein wirklich befriedigendes Rezept gefunden worden, um diese Schäden in ihrer Ausbreitung zu stoppen oder gar zu beheben.

Tintenfrass im Cod. Pal. germ. 20 der Universitätsbibliothek Heidelberg

Verursacht werden die Fraßerscheinungen, die zu wirklichen Löchern in den Buchseiten anwachsen können, indem die Fasern des Papiers oder Pergaments angegriffen und zersetzt werden.
Zu den Bestandteilen der Eisengallustinte, aber manchmal auch anderer Tinten (wie der Dornenrindentinte), gehörte Eisenvitriol (Wir kennen es heute als Eisensulfat.), das im Mittelalter meist mit Kupfervitriol verunreinigt vorkam. "Überschlüssiges" Vitriol, das bei der Tintenherstellung nicht an der Bildung des schwarzen Eisengallatkomplexes beteiligt war, kann mit Sauerstoff und Wasser aus der Luft reagieren und damit freie Radikalen und Schwefelsäure bilden. Diese greifen die Struktur der Beschreibstoffe an. Die mechanischen Eigenschaften des Beschreibstoffs ändern sich; er wird durch Herabsetzen der Flexibilität brüchig.
Das erste sichtbare Anzeichen für einen beginnenden Tintenfraß ist eine Verbräunung um die Buchstaben und Zeilen herum. Aufgrund der immer stärker werdenden unterschiedlichen mechanischen Eigenschaften zwischen geschädigten und ungeschädigten Bereichen auf der Buchseite entstehen feine Risse, die sich zu kleineren und größeren Fehlstellen ausweiten. Es können einzelne Buchstaben herausbrechen, ja sogar ganze Worte, Zeilen oder gar Absätze.