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Klöster: Horte der Bücher

Die Klöster waren die wichtigsten Bildungsstätten vom frühen bis zum hohen Mittelalter in Europa. Das Mönchtum - und damit auch das Kloster - war Hüter und Vermittler des erhaltenen antiken Wissens. Große Klöster unterhielten eine Lateinschule, eine Bibliothek und ein Skriptorium. Kloster- und Domschulen waren die Hauptpfeiler des frühmittelalterlichen Bildungssystems; Laienschulen gab es noch nicht. In den Bibliotheken überlebten die großen Werke der antiken Autoren, in den Skriptorien wurden sie vervielfältigt und in den Schulen wurden sie unterrichtet. Dass diese Bildung sich natürlich immer in den Dienst des Glaubens stellen musste, ist natürlich klar. Bücher stellten jedoch nicht nur Wissenshorte, sondern auch weltliche Schätze dar. Die Funktion des Skriptoriums, die Buchbestände des jeweiligen Ortes zu vermehren, war also nicht nur für einen Zugewinn von Wissen, sondern auch eine Vergrößerung des Klosterschatzes wichtig.
Der Höhepunkt der Tätigkeit der Skriptorien lag im 8.-12. Jahrhundert. Die neuen spätmittelalterlichen Zentren drängten die monastische Buchkultur in den Hintergrund, wenngleich eine solche bis zum Ausgang des Mittelalters fortlebte. Besonders produktive Skriptorien waren St. Gallen, Tours, Lorsch im 8. und 9. Jahrhundert, Reichenau in der Ottonenzeit oder der Bamberger Michelsberg in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Charakteristisch für viele Skriptorien ist auch der Buchschmuck ihrer illuminierten Handschriften. Die Voraussetzung für ein gut funktionierendes Skriptorium war eine reichhaltige Bibliothek mit vielen Vorlagen.

Wie eng die Verbindung zwischen Skriptorium und der eigentlichen Bibliothek war, kann man auf dem St. Galler Klosterplan sehen: die Bibliothek befindet im Obergeschoss eines quadratischen Gebäudes im Winkel von Chor und nördlichen Querhaus; darunter im Erdgeschoss lag das Skriptorium - auf dem Plan rot markiert.

Der Klosterplan von St. Gallen wurde als Idealplan einer benediktinischen Klosteranlage angesehen; mit seiner Struktur wurde für Jahrhunderte das Schema des europäischen Klosterbaues bestimmt. Der Klosterplan von 825/830 enthält nicht nur den sakralen Teil eines Klosters, sondern umfasst auch Hospital, Werkstätten, Ställe und Herbergen und bildet so eine richtige "Klosterstadt".

Skriptorium

Im Mittelalter waren Lese- und Schreibkundige selten; Mönche und deutlich seltener Nonnen - noch Hildegard von Bingen musste ihre Bücher diktieren - gehörten zu dieser gebildeten Klasse und so bestand die klösterliche Arbeit häufig aus Lesen und Schreiben; für das grobe Tagwerk gab es ab dem 11. Jahrhundert oft Laienbrüder. Das Abschreiben von Handschriften - besonders von christlichen Schriften - galt als tugendhaftes Werk, das Sünden abgelten und himmlischen Lohn verschaffen konnte. Schreiben war Heilswirken, weil es verdienstvoll und mühsam war.

Schreibender Laie und Mönch - Echternacher Evangelistar Heinrichs III. (1039-1043).

Lesen und Schreiben wurden zwar in der Lateinschule gelehrt, doch für die Kunst des Bücherschreibens wurden nur meist nur talentierte junge Mönche durch die erfahrenen Schreiber eines Skriptoriums ausgebildet. Dies führte zu einheitlichen Merkmalen in Schrift und Ausstattung der Handschrift, die im Früh- und Hochmittelalter meist eine Zuordnung zu einem bestimmten Skriptorium möglich machen, während im Spätmittelalter meist nur die Zuweisung zu einer bestimmten Region möglich ist, wenn ein Kolophon (Textpassage am Ende mit Angaben über Schreiber bzw. Drucker, Titel, Ort und Zeit der Herstellung) oder andere Angaben fehlen.
Umfangreichere Texte wurden oft lagenweise auf die einzelnen Schreiber verteilt, was sich im Handwechsel und an unbeschriebenen Spalten oder Seiten am Lagenende ablesen lässt.
Erst im Spätmittelalter können Beschreibstoffe, Tinte und Farben gekauft werden. Die klösterlichen Skriptorien versorgen sich bis dahin selbst mit allem Nötigen; sie stellten Pergament, Schreibgeräte, Tinten und Farben her.
Ebenfalls erst im Spätmittelalter entstanden neue Schreibzentren in städtischen Werkstätten, an Universitäten und in Kanzleien an Fürstenhöfen. Doch erst der Buchdruck verlagerte die Buchproduktion aus den monastischen Skriptorien heraus.

Skriptor

Der Schreiber verrichtete seine Arbeit sitzend an einem auf dem Boden stehenden Schreibpult mit leicht geneigter Platte (cathedra) oder auf einem Schoßpult (pluteus, asser), die Füße meist auf einen Schemel gestellt. Er hatte die Aufgabe, eine bestimmte Vorlage getreu wiederzugeben. Dennoch bemerkte er immer wieder Beeinträchtigungen und Fehler des Vorlagetextes und Praktiken der Orthographie, der Akzentuierung und Interpunktion, die nicht mehr die seinen waren; bewusst oder unbewusst 'verjüngt' dergestalt jeder Schreiber seine Vorlage. Beim Kopieren einer Handschrift entstanden zwangsläufig Fehler; auch Korrekturen des Schreibers konnten unter Umständen falsch sein.
Übergroße Freizügigkeit von Kopisten konnte sogar zu verschiedenen Rezensionen eines Werkes führen. Neben bewussten Veränderungen eines Textes gab es halb- und unbewusste. Gleiche Aussprache verschieden geschriebener Wörter bedingte etwa den Austausch der Schreibungen. Nicht selten sind legasthenieartige Vertauschungen von Buchstaben (z. B. suscipit für suspicit). Assoziationen und Reminiszenzen konnten neue Lesarten bedingen. Ein Instinkt zur Vereinfachung schwieriger Stellen konnte im Spiel sein. Häufig auftretende Fehler sind Haplographie (von zwei gleichen aufeinanderfolgenden Wörter wird nur eines abgeschrieben), Dittographie (ein Wort wird zweifach abgeschrieben) und einfache Auslassung. Gleiche Wörter an benachbarten Stellen konnten ein (Übers-)Springen bewirken (etwa Zeilensprung).

Klosterbibliothek

"Claustrum sine armario sicut castrum sine armamentario." - Ein Kloster ohne Bücherei ist wie eine Burg ohne Waffenkammer.

Bücher waren im Mittelalter eine Kostbarkeit, kein einfaches Arbeitsmittel, und die Bibliothek ein wertvoller Teil des Klosterschatzes. Kostbar im wörtlichen Sinne; denn Bücher waren im Mittelalter und noch lange nach Erfindung des Buchdrucks keine billige Massenware, sondern kostbare Einzelstücke. Geschrieben wurde auf Pergament – einem kostbaren Material aus der Haut von Tieren. Allein für eine Bibel brauchte man die Haut von 400 Schafen. Und Prachthandschriften, deren Miniaturen mit Gold und Purpur ausgestattet waren und kostbare Einbände in Gold und mit Edelsteinen verziert besaßen, waren natürlich noch einmal deutlich kostbarer.
Die Bibliotheken konnten sehr unterschiedlich groß sein. Sie wurden im Mittelalter mit dem lateinischen Begriff armarium bezeichnet. Der Klosterbibliothekar, der armarius, hatte seit dem 12. Jahrhundert recht genau festgelegte Aufgaben zu erfüllen: Bestandswahrung, Führung des Inventars, die Überwachung der Ausleihvorgänge und die Jahresausleihe an die Mitbrüder. Ihm oblag die Aufsicht über alle Bücher im Klosterbezirk. Aus den Bücherinventaren entwickelten sich die Bibliothekskataloge. Die Bibliotheken umfassten oft weit weniger als 400 Titel – oft mit Buchmalereien und ausgemalten Initialen der Kapitelanfänge ausgeschmückt. Dadurch wurden die Klöster zu Orten der Buchproduktion, die kleine Werkstätten erforderte, die erwähnten Skriptorien. Die Bibliotkskataloge verzeichneten die Schriften der Bibel und Bibelkommentare, dogmatische oder liturgische Schriften, Werke der griechischen und römischen Kirchenväter, der Kirchenlehrer der frühmittelalterlichen Jahrhunderte und schließlich der antiken Autoren. Zur Fastenlektüre, die in der Regula Benedicti ausdrücklich vorgesehen ist, wurde an jeden Mönch ein Buch ausgegeben, das im Laufe eines Jahres gründlich zu studieren war. Daraus darf aber nicht geschlossen werden, dass jeder Mönch nur ein Buch pro Jahr las. In der Regula Benedicti wird ausdrücklich weitere Lektüre empfohlen. Die Rückgabe und Neuausgabe der Fastenlektüre erfolgt am selben Tag als Bestandteil des liturgischen Jahres. Damit verbunden war und ist eine jährliche Teilrevision sowie eine Überprüfung der Studienbeflissenheit der Mönche. Auch Nonnen waren oft fein gebildet und beherrschten wohl meist das Lateinische.