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Codice Arten

Es gab - wie auch heute - viele verschiedene Arten von Büchern. Doch was waren das überhaupt für Bücher?  Unüberraschenderweise sind im Mittelalter vor allem christliche Werke besonders beliebt gewesen, was man an der Quantität der überlieferten Codices sehen kann.
Handschriften waren natürlich immer Unikate und daher sehr individuell gestaltet. Verschiedene Teile des Buchs, die jedoch immer wiederkehren oder sehr häufig auftauchen, haben natürlich auch besondere Bezeichnungen. Eine Zusammenstellung dieser Buchteile findet sich hier.

Diese Liste hier kann natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben; sollte ich etwas Wichtiges vergessen, etwas vertauscht oder gar falsch ein- und zugeordnet haben, würde ich mich - wie immer - über Hinweise freuen.

Antikenroman - Buch, in dem eine der antiken Epen berichtet wird. Der Eneasroman, in dem die Geschichte von Äneas, seiner Flucht aus dem zerstörten Troja, seine unglückliche Liebe zu Dido von Karthago und die Gründung Roms erzählt wird, war beispielsweise sehr beliebt.
Antiphonar - liturgisches Buch, das die Texte und Gesänge zum Stundengebet enthält, geordnet nach dem Lauf des Kirchenjahres. Hauptbestandteil sind die Antiphonen, also kurze Gesänge, die von allen Betenden gemeinsam vor und nach den Psalmen gesungen wurden, ferner Graduale, also die von Vorsängern vorgetragenen Gesänge auf den Stufen - lat. Gradus - vor der Kanzel, schließlich noch Wechselgesänge zwischen Vorsängern und allen.
Apokalypse - das während des Mittelalters am häufigsten in Einzelausgaben verbreitete Buch der Bibel. Sie enthält die Apokalypse oder Offenbarung des Johannes, das letzte Buch des Neuen Testaments. Sie schildert die Visionen des Johannes, von denen viele das Ende der Welt betreffen. Der Text bietet eine Fülle phantastischer Bilder, die die Phantasie der Illuminatoren einen starken Anreiz zur Gestaltung boten.
Artusroman - Buch, in dem eine der Geschichten rund um König Artus berichtet wird. Von Südfrankreich ausgehend verbreitete er sich ab dem 12. Jahrhundert über die gesamte christliche Welt. In Frankreich ist vor allem der Name Chrétien de Troyes mit den Artusromanen verbunden, in Deutschland sind es die von Gottfried von Straßburg, Wolfram von Eschenbach und Hartmann von Aue.
Bestiarium – geht vermutlich auf den Physiologus, ein antikes Tierbuch mit 35 Tiergeschichten, zurück. Die beschrieben, oft phantastischen Tiere konnten christologisch bzw. allegorisch gedeutet werden. Oft waren sie in Volkssprache verfasst und reich illustriert.
Bibel – die oft in zwei oder mehr Bände aufgeteilte Bibeln gehörten zu den größten Büchern, die während des Mittelalters geschaffen wurden. Die großen Bibeln waren in der ersten Linie für Klöster oder religiöse Institutionen bestimmt, wo man sie zum Studium nutzte und aus ihnen bei Mahlzeiten oder Messen vortrug. Im 13. Jahrhundert begann man, kleinere einbändige Bibeln zu produzieren, die in der Hauptsache für Studenten bestimmt waren oder den Franziskanern und Dominikanern als Handbuch zum Predigen dienten. Volkssprachliche Bibeln gab es in Englands schon im 10. Jahrhundert, auf dem Kontinent erst ab dem 13. Jahrhundert.
Brevier - liturgisches Buch mit den verschiedenen Teilen des kirchlichen Stundengebets, den sog. acht kanonischen Gebetsstunden, den Horen; diese bestimmten den Tagesablauf der Mönche und Weltpriester. Das Brevier folgt dem Aufbau des liturgischen Kirchenjahres und enthält sowohl die Texte für Sonntage und Herrenfeste (Proprium de tempore, auch Temporale genannt), schließlich die der allgemeinen Heiligenfeste (Commune sanctorum).
Epistolar - liturgisches Buch, das die Lesungen vor dem Evangelium - die sog. „erste Lesung„ enthält; an Sonn- und Feiertagen wurden die Texte aus den neutestamentarischen Briefen der Apostel entnommen, an den Wochentagen auch aus dem Alten Testament.
Evangeliar - liturgisches Buch, das die vollständigen Texte der vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes enthält; in den Gottesdiensten werden daraus jeweils Abschnitte vorgetragen, die im Verlauf des Kirchenjahres benötigt und durch ein eigenes Verzeichnis, das Capitulare, erschlossen werden. Oft sind die vorangestellten Initialseiten besonders aufwendig und schön.
Evangelistar – siehe Perikopenbuch
Gebetbuch – eine Zusammenstellung von Einzelgebeten, Andachten und Betrachtungen für den privaten Gebrauch; im Unterschied zum Stundenbuch sind die Gebete nicht nach einem liturgischen Schema geordnet.
Gesangbuch – auch Graduale: liturgisches Choralbuch, das die Gesänge der Messe enthält. Der Name leitet sich vom lat. Gradus – Stufe – ab, da diese Gesänge durch eine Schola vor den Stufen der Kanzel vorgetragen wurden. Damit mehrere Sänger zugleich aus dem Graduale singen konnten, wurden die Gradualhandschriften in besonders großem Format hergestellt.
Graduale – siehe Gesangbuch
Heiligenlegenden – siehe Vitensammlungen
Heilsspiegel – deutsche Bezeichnung des ursprünglich lateinisch verfassten Speculum Humanae Salvationis, der in Kreisen italienischer Franziskaner des 13. Jahrhunderts entstand. Die typologische Handschrift stellt einer textlichen oder bildlichen Schilderung eines Ereignisses aus dem Neuen Testament in der Regel drei Ereignisse aus dem Alten Testament gegenüber.
Herbarium – waren im wesentlichen wissenschaftliche und medizinische Bücher mit wenigen Illustrationen und gingen auf das Kräuterbuch des Pseudo-Apuleius (5. Jahrhundert) und das berühmte Über Arzneimittel des Pedanios Dioskurides (1. Jahrhundert) zurück, später stützten sie sich auf arabische Werke wie Begriffe und Eigenschaften der verschiedenen Produkte des aus Cordoba stammenden Albukasis (10. – 11. Jahrhundert). Sie beschrieben die kulinarischen und medizinischen Eigenschaften von Pflanzen.
Historienbibel – freie Prosafassung der Bibel, hauptsächlich das Alte Testament umfassend, mit Ergänzungen aus dem Neuen Testament.
Homiliar – Sammlung von ausgewählten Texten der Kirchenväter, die das jeweilige Tagesevangelium erläutern und nach dem liturgischen Jahr geordnet sind.
Hymnar – liturgisches Buch, das die Gesänge für die Messfeier und das an Festtagen gesungene Stundengebet, meistens mit Musiknotation, enthält.
Kartular – auch Kopiar, Kopialbuch, Bezeichnung für einen Urkundensammelband.
Kopialbuch – siehe Kartular
Kopiar – siehe Kartular
Lehrbuch – wurde ab dem 12. Jahrhundert in ständig wachsender Zahl produziert. Da „nur“ zum Studium gedacht waren sie in der Herstellung billig gehalten. Ihr Schmuck beschränkte sich auf einige Ornamente oder Initialen. Die Bücher behandelten die Fächer der Universitäten: Theologie, Recht, Heilkunde, Mathematik, Astronomie, Logik und Grammatik.
Lektionar – liturgisches Buch, das die Schriftlesungen für die Messe, Evangelien und Epistel, nach dem liturgischen Jahr geordnet, enthält; es ist eine Zusammenfassung aus dem Epistolar und dem Evangelistar.
Missale – liturgisches Buch, das alle feststehenden und wechselnden Texte der Messe für das liturgische Jahr enthält. Besonders hervorgehoben ist in den Missalen der „Ordo missae“ mit dem „Canon missae“. Er beginnt mit den Worten Te igitur, clementissime pater zumeist auf einer rechten Buchseite, der häufig links ein ganzseitiges Kreuzigungsbild gegenübergestellt ist.
Musterbuch – erst in späterer Zeit nachgewiesen. Es enthielt Vorlagen von Schriften, Bildern und Rankenwerk, die als Anregung und zum Kopieren gedacht waren.
Passionale – liturgisches Buch, das die Lebensgeschichten und Schilderungen der Martyrien von Heiligen zur Vorlesung im kirchlichen Stundengebet enthält.
Perikopenbuch – auch Evangelistar: liturgisches Buch, das die während der Messe vorgetragenen Lesungen mit Abschnitten aus den vier Evangeliaren (=Perikopen) in der durch das Kirchenjahr vorgegebenen Ordnung enthält.
Physiologus – antikes Tierbuch mit 35 Tiergeschichten, die wohl schon im 2. Jahrhundert christologisch bzw. allegorisch gedeutet wurden.
Psalter - das während des Mittelalters am häufigsten in Einzelausgaben verbreitete Buch der Bibel. Er enthielt die 150 Psalmen, als deren Dichter König David galt. Der Psalter nimmt eine Vermittlerstellung zwischen den biblischen Büchern einerseits und den liturgischen Büchern andererseits ein. Enthielt der Psalter ausschließlich den Text der Psalmen ohne Zusätze für den liturgischen Gebrauch, handelt es sich um ein Psalterium non feriatum, ist der Psalter für die liturgische Lektüre eingerichtet und zusätzlich mit Antiphonen, Kehrversen und Hymnen ausgestattet, ist es ein Psalterium feriatum.
Sakramentar – liturgisches Buch, das alle Gebete enthält, die der zelebrierende Geistliche während der Messe und der Sakramentenspendung spricht.
Speculum Humanae Salvationis – siehe Heilsspiegel
Stundenbuch – Gebetbuch für Laien mit den wiederkehrenden Gebeten für die persönliche Andacht. Die feststehenden Teile eines Stundenbuch sind der Kalender, der häufig mit Monatsbildern illustriert wird, sodann Abschnitte aus den vier Evangelien (Perikopen), das Marienoffizium, die sieben Bußpsalmen mit Litanei, das Totenoffizium und Fürbitten an Heilige. Innerhalb dieses Grundbestandes weisen die Stundenbücher eine große inhaltliche Variationsbreite auf.
Vitensammlungen – auch Heiligenlegenden: Die Legenden berichten Episoden aus dem Leben der Heiligen, sowohl verbürgte als auch eher zweifelhafte. Vor allem berichten sie über die Wunder und die erlittenen Martyrien der Heiligen. Zur Popularität dieser Textgattung trug der Erfolg der im 13. Jahrhundert von Jacobus de Voragine verfassten Legenda Aurea bei. Die Viten waren oft nicht nur für die Lektüre bestimmt, sondern wurden auch mit den Reliquien zusammen im Schrein aufbewahrt.

Weltchronik – historisch-chronologische Darstellung der Weltgeschichte von der Erschaffung der Welt bis zur Generation der Abfassung; in den verschiedenen Volkssprachen abgefasst; oft in Versform und reich bebildert. Im deutschsprachigen Raum ist vor allem die Schedel'sche Weltchronik durch ihre reiche Überlieferung bekannt.

Buchteile

Incipit – lateinisch für Textbeginn („Hier beginnt“). Manchmal eine besonders gestaltete und aufwendige Seite am Buchanfang, die sogenannte Incipit-Seite.
Kalendarium – ( von lat. Kalendae – der Monatserste) Monatsaufstellungen mit Verzeichnissen der Heiligenfeste nach dem liturgischen Gebrauch von Rom bzw. der jeweiligen Diözese; oft wurden im liturgischen Kalendarium auch Gedenktage anderer Art (Sterbedaten, Hochzeitsdaten, politische Ereignisse usw.) vermerkt.
Kanontafel – tabellarische Auflistung jener Textstellen, die sich in den vier Evangelien inhaltlich entsprechen.
Kolophon – (griech. Schlussschrift) Textpassage am Ende von Handschriften und Inkunabeln mit Angaben über Schreiber bzw. Drucker, Titel, Ort und Zeit der Herstellung. Diese Angaben werden später im Titelblatt aufgeführt. Gelegentlich ausgeweitet durch die Bitte der Schreiber um Fürbitte oder durch einen Fluch, mit dem die Schreiber Diebe abhalten oder die Zerstörung ihres Werks verhindern wollten.
Glossen – die am Rand vermerkten, später manchmal zu ausführlichen Kommentaren umgearbeiteten, erklärenden Notizen zum Haupttext; zwischen den Zeilen eingetragen heißen sie Interlinear-Glossen, am Rand eingetragen Marginalglossen.
Initiale – Anfangsbuchstabe eines Textes oder Textabschnitts, der durch Schrifttype, Schriftgröße, Farbigkeit oder Verzierungen zur besseren Gliederung eines Textes besonders hervorgehoben wird. Sofern die Initiale Bilder in den Buchstabenöffnungen aufweist, spricht man von historisierter Initiale; sind die Schäfte und Bogen der Initiale durch Tiere gebildet, von einer zoomorphen Initiale; gehen die verschiedensten Motive aus einander hervor, von einer kaleikopischen Initiale; sind die Schäfte und Bogen der Initiale durch Menschen gebildet, von einer Figurnitiale; spielen sich auf den Ranken umwuchertem Geflecht Szenen ab, von einer bewohnten Initiale.
Miniatur - (lat. Minimum - Menningrot), Alle selbstständigen, also nicht an Initialen gebunden figürlichen Malereien. Sie können gerahmt oder ungerahmt sein, in der Kolumne oder auch am Rand derselben stehen.
Rubrizierung – (lat. Rubricatus = mit roter Tinte geschrieben), Hervorhebung bestimmter Textstellen in Handschriften; zumeist in roter Farbe ausgeführt.