Entstehung und Überlieferung
der Artussage
Entstehung der Artussage
Es ist durchaus wahrscheinlich, dass es tatsächlich im 5.
Jahrhundert einen Feldherren gab, der gegen die Sachsen stritt und sie -
zumindest für einige Zeit - zurückschlug. In der oralen Überlieferung
dieser
Ereignisse hat sich dann im Laufe der Zeit sicherlich die Historie mit der Mythologie verwebt.
Wichtig war für die Rezipienten der Geschichten nicht die präzise
Schilderung der Ereignisse, wie wir das heute aus der
Geschichtsschreibung kennen, sondern die soziokulturelle und religiös-mythologische
Bedeutung, die die damaligen Rezipienten der Geschichte und den Ereignissen
zuschrieben. Außerdem war es
auch bei den Kelten nicht unüblich, Sagenelemente, reale Helden und überregional
wichtige Ereignisse in ein und derselben Sage zusammenzufassen, wie wir
es ja auch zum Beispiel aus dem Nibelungenlied kennen.
Mit anderen Worten: in der Sage von Artus stecken sicherlich in bestimmten Details
Wahrheiten, aber es gibt auch viel falsche Zuschreibungen, Mythologie oder Märchen.
Im späten 5. Jahrhundert stießen zu den Festlandkelten, den Bretonen, die
Inselkelten, britische Flüchtlinge vor der sächsischen Invasion. Sie brachten ihre
Sagen um den Feldherren, der die Sachsen zurückgezwungen hatte,
natürlich mit und die Bretonen übernahmen die Sage. Zusammen mit den normannischen Eroberern
kamen sie nach 1066 mit ihrem Sagengut wieder nach England, wodurch die
britische Tradition wieder belebt und sicherlich auch verändert wurde.
Die überlieferten Texte weisen darauf hin, dass die Sage besonders in
Wales stark verwurzelt war. Die insel- und festlandkeltischen
Geschichten um Artus hatten sich dann im späten 11. Jahrhundert zu der Sagengestalt kondensiert, auf die Geoffrey von Monmouth zurückgreifen konnte und die er,
wie viele andere nach ihm, weiter ausschmückte.
Der anglonormannische Dichter Wace schrieb um 1170 in altfranzösischer Sprache eine Reimchronik,
den "Roman de Brut" über die Historie Britanniens, die auf dem Werk des Geoffrey of Monmouth
basiert. Er erweiterte die vorgefundene Geschichte um einige Motive, wie zum Beispiel um
die Tafelrunde, um Rangstreitigkeiten unter den Rittern zu vermeiden, und um die Entrückung
Artus nach Avalon am Ende der Sage. Zumindest letzteres ist nicht ganz frei
erfunden und aus dem blauen Dunst entstanden; Reisen in
die Anderwelt waren ein fester Bestandteil der keltischen Mythologie.
Später wurden die Sagen um König Artus immer mehr mit anderen Sagen (der
Gralssage, der Merlinsage, der Tristanerzählung, ...) in Verbindung gebracht, sodass sich die Sage um König Artus immer mehr erweiterte und bald nicht mehr ein Lebensbericht eines (möglicherweise) realen Mannes, sondern eine Sammlung von
Heldentaten vieler Helden, die sich um den Runden Tisch versammelten, und eine Beschreibung des idealen Königs war. |
| Früheste Überlieferungen von Artus
Artus wird das erste Mal in der walisischen Literatur erwähnt. Im frühesten
schriftlich fixierten, walisischen Gedicht, dem
"Gododdin" (Das etwa zwischen 575
und 600 datiert.), schreibt der Dichter Aneirin über eine seiner Figuren,
dass sie "schwarze Raben über Wälle führte, obwohl sie nicht Artus war". Aber dieses
Gedicht, besteht aus vielen Interpolationen und es ist nicht möglich zu entscheiden, ob diese
Passage nicht ein Einschub aus einer späteren Periode ist.
Eine andere frühe Referenz zu Artus ist die "Historia Brittonum" (Geschichte der Briten),
die dem walisischen Mönch Nennius zugeschrieben wird und vermutlich um das Jahr
820 verfasst wurde.
In diesem Werk wird Artus als "Dux Bellorum", also Anführer von
Schlachten bezeichnet, nicht als König.
Artus erscheint auch in einer sehr märchenhaften Form in dem wahrscheinlich schon früh oral tradiertem, walisischen Märchen von
Culhwch und Olwen, einer Erzählung, die zum "Mabinogion" gehört, der allerdings erst
recht spät (um 1250) niedergeschrieben wurde.
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| Die mittelalterliche Ausbreitung der Artussage
Vermutlich 1130/36 schrieb Geoffrey of Monmouth die Historia Regum Britanniae. Dieses Werk war
als Materialienquelle außerordentlich beliebt und lenkte die Aufmerksamkeit anderer Schriftsteller wie Wace
oder Thomas d'Angleterre auf Artus, die die Geschichte um den König
noch weiter ausschmückten.
Während viele Gelehrte glauben, dass Geoffrey die Quelle der mittelalterlichen Bedeutung
Artus ist, argumentiert mindestens einer, nämlich der Historiker Roger S.
Loomis, dass viele der Sagen um Artus eigentlich aus bretonischen mündlichen Überlieferungen stammen, die über die königlichen und adligen Höfe Nordfrankreichs und Britanniens durch professionelle Geschichtenerzähler (Jongleurs) verbreitet wurden.
So oder so ist es Geoffrey of Monmouth, der als erster die
Artusgeschichte kompilierte und niederschrieb. 
Das
"Geoffrey's Window"
in Monmouth
Das kleine Priorat neben der Kirche St. Mary, in dem sich das Fenster
befindet, wurde allerdings erst 300 Jahre nach dem Tod Geoffreys of
Monmouth erbaut.
Der französische Dichter Chrétien de Troyes arbeitete nach der Mitte des 12. Jahrhunderts Geschichten aus dem Mythos in eine
neue literarische
Form, den sogenannten Artusroman um, wie auch Marie de France es in ihren kürzeren Erzählgedichten,
den sogenannten Lais, tat. Die Geschichten dieser zwei scheinen teilweise unabhängig von dem zu sein, was Geoffrey von Monmouth
schrieb und stützen so die These des oral tradierten Materials.
Der Artusmythos breitete sich, vermutlich mit den Normannen, weit über den Kontinent aus. Ein
Relief von Artus und seinen Rittern, die eine Festung angreifen, wurde zwischen 1099 und 1120 über dem nördlichen Durchgang der Kathedrale in Modena, Italien,
gehauen. In einem Mosaik, datiert auf 1165 in der Kathedrale von Otranto,
ebenfalls Italien, mit der Bezeichnung Arturus Rex wird rätselhafterweise
ein Mann mit Zepter und auf einer Ziege reitend dargestellt.
Erst am Ende des 12. Jahrhunderts setzte eine spezifisch literarische Rezeption ein,
die die Höfe des deutschen Reichs erobert (Hartmann von Aue, Wolfram von
Eschenbach, Gottfried von Straßburg, Ulrich von Zazikhofen). Diese
Bewegung erreichte im 14. Jahrhundert auch Skandinavien (Riddarasögur),
Spanien (Juan Vives: Roman du Graal) oder die Niederlande (Anonymus:
Lantsloot vaneter Haghedochte).
Die spätmittelalterliche Hanse scheint auch eine Hochburg der Artus-Verehrung gewesen zu sein.
Im 15. Jahrhundert bauten Händler der Hanse zu Ehren des König Artus den Artushof in Danzig, Polen.
In seine "heutige", also populär bekannte Form wurde die Sage durch Thomas Malorys Le Morte
d' Arthur von 1459/60 gebracht. |
| Moderne Rezeption der Artussage
Auch vor dem mit T. S. Eliot beginnenden Einzug der keltischen Überlieferung
in die Moderne wurde die Artus-Sage als Inspiration und Stichwortgeber
benutzt. Diese Werke kann man allerdings nicht mehr so ganz zu der
mittelalterlichen Artustradition zählen.
In den 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts kam es zu einem wahren
Revival der Artussage. Man kann fast schon von einem Hype sprechen, der
bis heute anhält.
Die neueren Interpretationen
der Sage sind fast immer zur Fantasy zu rechnen. Häufig ist dabei der
ehemalige Fokus verschoben: Waren früher die Ritter und ihre edlen und
ehrenvollen Taten im Rahmen des als unübertrefflich geltenden Artushofs
das wichtigste, stehen heute die Perspektive einer "bösen"
Figur oder Nebenfigur, der phantastische oder märchenhafte Aspekt oder die
"wahre" Geschichte im Mittelpunkt. (Das bekannteste und
erfolgreichste Buch hier ist sicherlich immer noch Marion Zimmer
Bradleys "Mists of Avalon".)
Auch der Film hat den Artusmythos mit all seinen Aspekten für sich
entdeckt und es gibt eine Vielzahl (manchmal sogar ganz guter) Filme,
die sich damit beschäftigen.
Wie populär der Mythos ist und wie gerne man sich seiner bedient, zeigt
zum Beispiel der Film "Indiana Jones und
der letzte Kreuzzug", in dem der Archäologe sein - laut Werbung -
größtes Abenteuer erlebt, als er auf Artusritters Spuren wandelt und
den Gral sucht...
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