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Die Person des König Artus

Erst einmal vorweg:

Ich gehöre zu den Leuten, die bezweifeln, dass König Artus als reale Person überhaupt existiert hat. Vielmehr glaube ich wie die meisten Artus-Forscher, dass es unmöglich ist, einen klaren historischen Kontext herzustellen. Nach all der vergangenen Zeit und ohne adäquate Quellen wird es nie möglich sein, eine vollständig befriedigende Lösung auf die Frage, wer Artus wirklich war, zu finden.
Dies liegt nicht zuletzt an der Tatsache, dass uns kaum Quellen aus der unmittelbaren Zeit, in der Artus gelebt haben soll, vorliegen. Anstelle der geschriebenen Chronik wie im Römischen Reich gab es eine althergebrachte Erzähltradition und in dieser oralen Wiedergabe der Ereignisse hat sich die Historie mit der Mythologie verwebt und vermischt. Wichtig war den damaligen Erzählern nicht die präzise Schilderung der Ereignisse, die wir heute von Geschichtsschreibung erwarten, sondern die soziokulturelle und religiös-mythologische Bedeutung, die den Ereignissen zugeschrieben werden konnte und mit denen sie erklärt werden konnten. Außerdem war es auch bei den Kelten nicht unüblich, Sagenelemente, reale Helden und überregional wichtige Ereignisse in ein und derselben Sage zusammenzufassen, wie wir es im deutschsprachigen Raum ja auch zum Beispiel aus dem Nibelungenlied kennen. Mit anderen Worten: in keltischen Sagen können in bestimmten Details Wahrheiten, aber auch viele falsche Zuschreibungen, Mythologie oder Märchen stecken.
Später wurden die Sage um König Artus dann zusätzlich mit anderen Sagen (Gral, Excalibur, Merlin, Avalon) verwoben und erweitert, sodass die ursprüngliche Sage bald nicht mehr ein Lebensbericht eines Helden, sondern eine Beschreibung des idealen Königs war. Dies wird in den hochmittelalterlichen Artusromanen sehr deutlich, in denen Artus meist schon nicht mehr Handelnder ist, sondern Rahmen und unerreichbare Meßlatte für Tugend, höfische Qualitäten und Ritterlichkeit vorgibt.

Person

Über einen Punkt herrscht jedoch bei allen Gelehrten Einigkeit: Wenn es Artus (oder ein historisches Vorbild) gegeben hat, wird er im 5. Jahrhundert gelebt haben. Nennius, eine unserer frühsten Quellen, spricht von 12 Schlachten gegen die Sachsen, in denen Artus erfolgreich war. Die Angeln, Jüten und Sachsen begannen im 5. Jahrhundert Britannien zu erobern; die beiden Sachsenfürsten Hengist und Horsa sind für die Mitte des 5. Jahrhunderts belegt. Tatsächlich gibt es einige schriftliche Hinweise auf einen britischen Feldherrn im 5. Jahrhundert. Ob jedoch einer oder mehr und wenn ja, welche von ihnen tatsächlich Artus als Vorlage gedient hat, bleibt weiterhin unklar.
So berichtet Jordanes 551 in Die Geschichte der Goten von einem britischen Hochkönig namens Riothamus, der mit 12000 Mannen dem römischen Kaiser Anthemius zu Hilfe kommt. Er wird an anderer Stelle als „König der Brettonen“ bezeichnet. Unglücklicherweise ist Riothamus eine kaum greifbare Person. Gelehrte sind nicht sicher, ob die Brettonen, die er anführte, Briten oder Bretonen waren.
Ein Mann namens Enniaun Girt, der "der Bär" genannt wurde, stammte aus Nordbritannien. Von ihm ist bekannt, dass es ihm gelang, genügend britische Krieger zusammenzurufen, um den Sachsenfürst Hengest und seine Krieger zurückzuschlagen.
Der Comes Britanniarum, eine Art Gouverneur von Britanniens, in dieser Zeit war Ambrosius Aurelianus. Gildas De Excidio Brittaniae zufolge gewann er eine wichtige Schlacht gegen die Angelsachsen. Nach dem schrecklichen Sturmangriff der Sachsen sammeln sich die Überlebenden unter Führung von Ambrosius, der als "ein vornehmer Mann, dessen Eltern den Purpur getragen hatten" beschrieben wird. Bei Gildas bleibt jedoch unklar, wann Ambrosius gelebt hat. Man kann den Text auch so auslegen, dass Ambrosius eine Generation vor der Schlacht von Mont Badon gelebt hat. Ambrosius Aurelianus erscheint in der späteren Artussage als Ambrosius, Sohn des Hochkönigs Konstantin, Nachfolger von Vortigern, dem älterem Bruder und Vorgänger von Uther Pendragon und der erste Hochkönig, der Merlin als königlichen Ratgeber nutzt.
Ein weiterer Ambrosius in der walisischen Überlieferung ist der Junge, den Votigern als Opfer für seine Festung vorgesehen hat, der dann jedoch den König und seine Berater mit seiner Wahrsagergabe beeindruckt und den wahren Grund für das Scheitern des Bauvorhabens nennen kann und so sein Leben rettet.
Es gibt auch einige, wenige Parallelen mit dem römisch-britannischen Kaiser Marcus Aurelius Valerius Carausius, der ein Usurpator war und ein kurzlebiges Reich in Britannien und im nördlichen Gallien gründete. Er gehörte zum gallischen Stamm der Menapier in der Provinz Belgica. Er diente in der römischen Armee, stieg auf, zeichnete sich aus und wurde von Kaiser Maximian mit einem Kommando in die Provinz Britannien gesandt, um gegen Einfälle der Sachsen anzugehen. Dabei bereicherte er sich jedoch und wurde deshalb zum Tode verurteilt. Er floh 287 nach Britannien, wo er sich zum Kaiser ausrufen ließ. Dabei wurde von allen drei Legionen in Britannien und einer Legion im nördlichen Gallien unterstützt. Durch die Legion auf dem Südufer des Kanals war er in Britannien sicher, so dass sich Diokletian und Maximian 291 schließlich gezwungen sahen, ihn als Kaiser von Britannien anzuerkennen.
Andere Theorien siedeln das reale Vorbild für Artus in Wales an. Dafür spricht, dass frühe, schriftliche Quellen, die sich auf Artus beziehen, aus Wales stammen. Und so beansprucht die walisische Tourismusindustrie Artus als Besonderheit des Landes Wales.
Eine andere These geht davon aus, dass Artus auch eine halb vergessene keltische Gottheit gewesen sein könnte, die mit einem menschlichen Helden oder vielleicht sogar einer anderen fiktiven Gestalt vermischt wurde.

Name

Der Eigenname Artus ist außer in der Artussage nirgendwo in so früher Zeit überliefert. Vermutlich wird der Name also anders gelautet haben. Wäre er lateinischen Ursprungs gewesen, hätte er Artorius, oder wäre er keltischen Ursprungs gewesen, hätte er Arcturos lauten können.
Vielleicht ist der Name aber auch ein Ehrennamen gewesen oder aus einem entstanden. Bei keltischen Stammesführern oder Kriegern war es üblich, sich einen oder mehrere Beinamen zuzulegen. Diese Tradition lebte noch in ganz Europa bis in das späte Barockzeitalter weiter. Bei 'Artus' könnte es sein, dass er eine Kombination aus lateinischen und keltischen Worten bildet: Das keltischen 'Art' und das lateinischen 'Ursus' bedeutet jedes Mal Bär. Und der Bär galt den Inselkelten als ein königliches Tier, vergleichbar etwa dem Löwen oder Adler. Zu einem Doppelnamen zusammensetzt könnte die ursprüngliche Bezeichnung also Artursus gelautet haben, und wurde im Laufe der Zeit zu Artus verschliffen. Diese Doppelbenennung könnte notwendig gewesen sein, um sowohl die Kelten als auch die latinisierten Briten zufrieden zu stellen.
Im normannischen Sprachraum wurde Artus im Laufe der Zeit zu Arthur verschliffen. 

Titel

Bei Nennius wird Artus als Dux Bellorum, also als Führer der Schlachten oder Kriege, bezeichnet, dem es gelingt zwölf Schlachten gegen die Sachsen zu schlagen. Diese Bezeichnung lässt vermuten, dass er eher Soldat als Regierender war, auch wenn die beiden "Berufe" in der damaligen Zeit sicher eng miteinander verwandt waren.
Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Artus den Titel König geführt hat. Einen Titel wie König im Sinne eines Staatsoberhauptes kannten die Kelten nämlich noch nicht. Und jeder Stammesfürst war eine Art König und nur sich selbst Rechenschaft schuldig. Fragen, die Britannien als ganzes betrafen, wurden gemeinsam vom Rat der Stämme und dem Comes Britanniarum, einer Art Gouverneur, geregelt.
Nur in Kriegszeiten, wenn es galt, mehrere Stammesverbände unter ein gemeinsames Kommando zu stellen, wurde ein besonderer Mann zum Führer ausgerufen, der dann oft einen mythologischen Titel zugesprochen bekam. Enniaun Girt wird zum Beispiel in hochmittelalterlichen walisischen Texten als Amerauder, Imperator, bezeichnet.
Im späteren Mittelalter, als Könige auch über große territoriale Einheiten geboten, wurde vermutlich aus dem großen Helden Artus ein König, da in der mittelalterlichen Logik ein so mächtiger und großer Mann natürlich auch an der Spitze des Feudalwesens gestanden haben musste.
Den Titel Hochkönig bekam Artus erst in der Neuzeit, als eine Art keltische Renaissance das Interesse für die Lebensweise und -art der Kelten wieder populär machten und Artus wieder mit ihnen in Verbindung gesetzt wurde.

Wappen

Die Person von König Artus ist im Mittelalter so populär und real geworden, dass man sogar sein Wappen kannte. Im College of Herolds in London gibt es alte Aufzeichnungen, die als Wappen des sagenhaften Königs "Drei goldene Kronen, Pfahlweise, auf Blau" beschreiben.